„Keyne Saison“

Die Saison ist etwas, dessen Ende man nicht, wie es mir mein Kolumnisten-Vorgänger Kid P. in den Mund legte, bejammern kann. Beginn und Ende der Saison in Hamburg sind seit Menschengedenken genauestens festgelegt. Die Feststellung, daß die Saison seit dem 31.1. zu Ende ist und nicht vor dem 15.4. wieder beginnt, ist daher nur das: Feststellung, nichts, was einer psychologisierenden Erklärung bedarf. Sie dauert dann bis zu den Sommerferien und leistet sich noch einmal einen Höhepunkt zwischen dem 15.9. und dem 1.11. Die Wintersaison schließlich dauert vom 14.12. bis zum 31.1., und dann wird es wieder langweilig in Hamburgs Nachtleben. Wie alt diese Regelung ist, die der Weltenlenker selber in Kraft gesetzt zu haben scheint, belegen Briefe von Klopstock, Artikel im Wandsbeker Boten von Matthias Claudius und nicht zuletzt einige Epigramme von Barthold Heinrich Brockes.

Und auch das wußte Brockes schon: „Immer wann keyne Saison im nächtlichen Leben herrschdt, wirdt im Übermaße der arte musici gepflegt.“ Selten gab es so viele Konzerte wie in den letzten Wochen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht alles ansehen, was da geblasen, gedröhnt und gebumfidelt wurde. Ich entsinne mich eines Joe-Jackson-Konzertes, perfekt inszenierte Showmanship und begeisterte, schnauzbärtige Rockists im Publikum, die kreischten, johlten und ‚‚Hey!“ riefen, daß ich vorzeitig gehen mußte.

Die Stranglers waren da und stellten einmal mehr die Frage „Whatever happened to Leo Trotsky?“ Die Stranglers waren damals die erste Punk-Gruppe, die in Hamburg spielte, und immer noch kommen Punks zu ihren Konzerten. Die meisten von denen, die damals wie Punks aussahen, haben sich heute äußerlich gewandelt. Nicht so die Stranglers, die nie eine Punk-Gruppe waren, sondern immer und heute noch leicht säuerliche, kulturbeflissene Finstermänner, die das enorme Talent haben, im Daneben genial zu sein. Mit ihrem antiken Orgeldudler Dave Greenfield, der irgendwo zwischen Keith Emerson und Ray Manzarek das Konzert dominierte und die neue, aber extrem schräge Softness der Stranglers unterstrich.

John Cale, mein Hero, der ernste, würdige alte Herr, kam zwar alleine, spielte am Klavier aber die kompletten Arrangements seiner oft großorchestral aufgenommenen Platten. Um so bescheidener klang seine akustische Gitarre, mit der er bei der anderen Hälfte des Sets eine Begleitung nur andeutete. Cale trat einmal mehr in seiner klassischen Rolle auf: als Tragödie, als Atlas, der zweitausend Jahre Abendland, längst untergegangen und in einer Campbell-Suppendose eingeschweißt, auf den Schultern trägt; als das klassische Wunderkind, das von einer Haßliebe an die Gegenwart, an Pop gefesselt wird, als Mixtur von Wales und New York City, als das Kind von Andy Warhol und Marcel Proust. Ein großer Abend.

Zwei Tage später huldigte die Jugend dem blendend aussehenden Ian McCulloch, seines Zeichens Sänger der Gruppe Echo & The Bunnymen. Die Musik war der gut gemachte neo-psychedelische Gitarrenpop, den man erwarten konnte. Nicht schlecht, aber kann man eine Gruppe ernst nehmen, die singt: „Who am I?“ oder „Is this the Blues I am singing?“ Er ist es nicht, aber Jugend hat eben Identitätsprobleme. Nur mich langweilen sie. Seit 15 Jahren, seit meinem zehnten Lebensjahr bin ich von Jugendlichen umgeben, das immergleiche Identitätskrisenlied, grauenhaft. Was neo-psychedelischen Gitarrenpop betrifft, sind Echo & The Bunnymen nicht schlecht, aber ich ziehe die Psychedelic Furs vor.

Das Wochenende darauf gestaltete sich einmal mehr für Nicht-Saison außergewöhnlich gut. Hamburg sitzt bereits einen Monat vor Beginn der nächsten Saison trainiert in den Startlöchern.