Kippenberger, Martin

Neulich stand ich mit einem Freund vor fett pastosen, süß pastellfarbenen Schmierschichten von de Kooning im Centre Pompidou: „Sieht das nicht lecker aus?“ – „Da hatte der doch schon Alzheimer.“ – „Ja, vielleicht, aber er hat halt in jungen Jahren seinen Schlier so entworfen, dass er ihn später bei zu erwartender voller Geistesabwesenheit noch so würde ausführen können, dass die gar nicht mehr physisch im Hirn lebendige Intelligenz in der eingeübten Motorik noch sichtbar werden würde. Als eine Art Patientenverfügung.“ Das Subjekt ist Futur II, sagt Lacan. Dabei war das Bild von 1976, als de Kooning noch voll bei Groschen war.

Dennoch kann man zurzeit gerade etwas Ähnliches, aber viel weiter Reichendes bei Martin Kippenberger beobachten. Zehn Jahre nach seinem Tod gilt er nicht nur als der Gottvater eines immer mehr rockenden Modells vom krassen Kunstleben. Er scheint kraft zu Lebzeiten getroffener Entscheidungen auch nach seinem Tode gegenwärtig. So, wie sich de Koonings Bilder auch ohne volle Konzentration von selbst weitermalten, erneuert sich der Kippi-Spirit auch ohne ihn. Könnte man zumindest denken. Er dominiert ein Spiel, bei dem die Anwesenheit des lebenden Künstlers neuerdings mehr denn je Voraussetzung ist, und zwar so, als wäre er der lebendigste unter allen. Diese sich während des ganzen letzten Jahrhunderts langsam durchsetzende Verlagerung des allgemeinen Interesses von Werken zu Künstlern, von Ideen zu Personen war ja nicht nur sein Thema, sondern eine Entwicklung, zu der er manches beigetragen hat; gleichzeitig hat er sie über die Maßen verhöhnt. Künstler, da waren sich Hitchcock und Kippenberger einig, sind cattle.

Gut, auch daran kann man sich gewöhnen: Warum sollte eine Welt, die sich dadurch definiert, nichts auf Positionen zu geben, dafür alles auf Charisma, Kröten und Stimmung zu setzen, zur Kenntnis nehmen, dass ihre Lieblingsfigur, der Avatar ihrer in ästhetischen und körperlichen Wohlfühlprogrammen verkapselten Weltanschauungen, diesen in Wirklichkeit widersprochen hätte? Wo wäre denn auch diese Wirklichkeit? Da, wo der Eisbär sagt: „Haltet ein!“? Welcher Eisbär? Der von Immendorff?

Außerdem ist er ja am Leben. Im Nebel des falschen Bewusstseins gibt es Formen lebendiger Anwesenheit, die sich nicht von der Biologie des Biografischen irritieren lassen. Er lebt so wie das, was im Glas perlt, in den Nasenhaaren klebt. Fast könnte man sich versteigen und sagen, er lebt doch viel mehr als die Zombies, die ihn heute alle anbeten. Aber das geht halt auch nicht. Die Zombiemetapher haut für die aktuelle Kunstblödheit nun so gar nicht hin. Es ist eher ein Zustand, der am anderen Ende der Daseinsformen west, genau an dem dem Zombie extrem entgegengesetzten Punkt auf der Kugel des Seins. Ist aber genauso schrecklich: vollständig bewusstlose, komplett übertrieben lebendige Belebtheit.

Nur ist Kippenberger aber auch in den anderen Feldern präsent, nicht nur wo der atemlose Trubel amüsant irrer Geldtrottel träumt, sondern auch in der sachlichen Atmosphäre dufter Aufgeklärtheit, wo relaxte Leute coole Ausstellungsideen haben. Kippenberger ist mittlerweile Dauergast in Themenausstellungen, in einem ganz und gar nüchternen Diesseits, am Gegenpol beschwingt-bekokster Bad-Boy-Art. Da gab es etwa in Berlin eine Arbeit über Kippenbergers Metro-Net und die Tatsache zu sehen, dass es in Dawson City in Kanada begonnen hatte, in einer Ausstellung, die der Idee des Nordens („Idea of the North“) gewidmet war. Und natürlich der Spiderman in einer Ausstellung zum Thema des Ateliers („The Studio“) in Dublin. U.v.m.

Das Thematische in Kippenbergers Arbeit zu suchen, wäre eigentlich die logische Gegenmaßnahme gegen die Bad-Boy-Blase. Aber neben vielen guten Gründen, die es immer gibt, etwas zu kuratieren, ist nicht Kippenberger als ein ein gegebenes Thema bearbeitender journalistisch-diskursiver Recherche-Arbeiter genauso ein Witz wie der mythische Ahnherr des professionellen Partywesens und der sagenhaften „Spaßvogelei“ (Monopol)? All diese journalistischen Fetische – Themen, Stars, Konjunkturen, Gossip – haben Kippenberger und diverse Mitstreiter doch damals effektiv verschrottet. Und zwar nicht von einem anarchistisch geträumten Außen aus, sondern indem sie den Umgang mit diesen und Stillstellungen anderer Art immer als ein extrem kontaminiertes Treiben dargestellt haben. Nein, nicht nur dargestellt, effektiv vergiftet. Mit drei Künstlern und einem Galeristen, die die Folklore der Bergleute nachsingen, will man keine Selbstverwirklicher-Partys feiern. Gerade deswegen aber könnte dieser unklare, aber heftige Gebrauch des Künstlers Kippenberger in der Gegenwart genau dem entsprechen, was er sich als Handschrift für die Zeit ausgedacht hat, in der er diese nicht mehr eigenhändig würde ausführen können. Als grell exponiert und konstitutiv misslungen. Um immer präsent und nie erreichbar zu bleiben. Alles Weitere regeln der Fetisch der Autorintention, das Copyright und natürlich meine Überzeugung, dass Kippenberger ganz allein mir gehöre, weil ich ihn verstehe. Wenn Sie wissen, was ich meine.