Kleines ’runtergehacktes Räsonnement über die heiße WM 1994 im Sommer des gleichnamigen Jahres

Für da Inner Marcel Reif y’all!

Während einer WM ist alles anders. Dies war die achte, die ich mitgemacht habe. Wahrlich, ich weiß, wovon ich rede. Und heute möchte ich über zwei Probleme reden, die ich hatte, als diese, die 94er WM in den USA, mal wieder alle sozialen Konfigurationen, Alltagsverhältnisse, Umgangsformen und Gesprächsstoffe bestimmte. Das erste lautet: Ich bin für Deutschland, meine Kumpels und erst recht Kumpelinnen (sofern sie in der Nähe waren) akzeptierten das nicht. Zum zweiten: apropos Kumpelinnen: Einige Leute, die sonst immer da sind, waren irgendwie ausgeschlossen (nicht absichtlich natürlich oder doch), so daß ich mich häufiger fragte, ob sich unser Verhalten über das übliche Maß an Fußballverrücktheit hinaus signifikant geändert hatte. Und welchen Status vor allem die ironische, gebrochene Fixierung auf das Geschehen und seine Kommentierung im und durch das Fernsehen bei Leuten meiner Sozialblase hat. Inwieweit das eine einzige Distanzierung, Besserwisserei ist oder ob nicht auch in der ironischen Distanzierung genossen wird, was normalerweise abgelehnt wird.

1. Warum bin ich für Deutschland? Ich könnte es mir leicht machen und sagen, daß ich mich irgendwann daran gewöhnt habe und nun keine Lust mehr habe, mir neue Präferenzen zu suchen. Doch schauen wir genauer hin, erweist sich diese Behauptung wie bei den meisten, stetig abnehmenden Deutschland-Unterstützer im links-bohemistischen Milieu als unhaltbar. Seine erste WM macht man in der Regel im Grundschulalter mit, also zwischen sechs und zehn, bei mir war es acht-/neunjährig die 66er England-WM – daran hat sich bis heute nichts geändert, wie Recherchen in einschlägigen Familien ergaben. Erste Zweifel an Deutschland ergeben aber bereits frühe Auslandsreisen (hier ist es wärmer, schöner und die Menschen sehen hübscher aus). Nationalismus lernt man spätestens in der ersten Politisierungsphase ab 14 abzulehnen. Heutige Mitdreißiger hatten also wesentlich mehr Zeit, sich zu entwöhnen, als zu gewöhnen. Ich bringe daher gerne einen anderen Grund, obwohl ich dem Leser raten möchte, mir in dieser Hinsicht zu mißtrauen und schon mal versuchsweise zu überlegen, ob ich nicht vielleicht – so sehr ich mich auch dagegen wehren werde – tatsächlich auf irgendeiner Hirnrinde nationalistisch gepolt bin und daß diese Rinde oder Synapse oder Zellverklumpung eben auch genau die ist, die für Fußballbegeisterung, besonders die organisierte, zuständig ist. Doch erst mein Argument: Fußball ist ein Spiel nicht nur auf dem Rasen, sondern auch für den Betrachter, das sich nur genießen läßt, wenn ein Einsatz vorliegt. Könnte man diesen Einsatz von Spiel zu Spiel frei entscheiden, wäre alles sehr leicht, es gäbe keinerlei Verbindlichkeit und eine wesentlich geringere Möglichkeit zu verlieren. Nur aber, wenn die Möglichkeit zu verlieren groß ist und das, was man verliert, durch eine möglichst langfristige Loyalität besonders intensiv erlebt wird, besteht auch die Möglichkeit, viel zu gewinnen. Fußball betrachten funktioniert also nur mit einer langfristigen, möglichst lebenslangen Loyalität.

Darauf wird normalerweise erwidert: Wieso muß denn diese Loyalität wie das reaktionäre deutsche lus sanguinis konstruiert sein, also Loyalität aus archaischen Bestimmungen herleiten wie Kindheit, die Eltern etc.. Warum kann man sich nicht einfach eine Mannschaft aussuchen und diese dann meinetwegen lebenslang unterstützen? Nun, weil die Kontingenz, die so einer Auswahl zugrundeliegt, nicht geeignet ist, Bindungen zu stützen. Die Betreffenden werden sich je nach Bedarf neue Mannschaften suchen, je nachdem, wer gerade gut ist oder wo ihnen gerade der Urlaub gefallen hat. Dadurch gibt es keinen Einsatz und daher auch keine Gewinn- und Verlustmöglichkeiten.

Darauf wird normalerweise erwidert: Wieso ist denn nur das Kriterium einer „ersten Identifikation“ verläßlich für den hohen Einsatz und die Leidenschaftlichkeit, warum nicht die üblichen ethischen, ästhetischen und anderweitig hergeleiteten Gründe, aus denen erwachsene Menschen normalerweise ihre Loyalität zu irgendjemand oder irgendwas beschließen? Ja, aber wie sähe das aus, nur mal durchgespielt an den in der Tat sehr verbreiteten 1) ästhetischen und 2) ethischen Motiven, die man in links-bohemistischen Kreisen heutzutage vorfindet. Schöner Fußball ist äußerst problematisch zu definieren: Meist ist damit eine Spielweise gemeint, bei der es zu spektakulären Torszenen kommt. Das indiziert allerdings meistens nichts als einen schlechten Gegner. Oder Kombinationen über viele Stationen, in dem Fall gilt dasselbe. Oder eine deutlich unterscheidbare Taktik, die sonst keiner spielt. All diese Definitionen sind ziemlich willkürlich und würdigen zum Beispiel nicht die besonderen Probleme, die ein jeweiliger Gegner und die eigenen unabänderlichen Schwächen schaffen und deren Überwindung oder intelligente Kompensierung die Leistung eines Trainers und einer Mannschaft ausmachen. Die Möglichkeit, Spiele mit einem wie auch immer zu beschreibenden Fußballverstand anzusehen, wäre natürlich ein zu naiver Glaube an reine, unbeeinflußte Vernunft: Fußballverstand enthält a) immer auch einen spezifischen Fanatismus und b) ästhetische oder ethische Vorurteile, denen wir ja hier auf der Spur sind.

So fällt z. B. auf, daß das Zelebrieren des vermeintlich ästhetischen Genusses am Spiel mit einer vergleichsweise ruhigen, unfanatischen und distanzierten Haltung zusammenfällt, wie man sie von den Freunden des Dressurreitens oder des Rasenhockeys kennt. Mit anderen Worten: Bourdieus gute alte „ästhetische Disposition der Bourgeoisie“ kommt hier zurück an einen von Haus aus nichtbourgeoisen Ort. Eine solche Einstellung kommt nicht nur ohne „fanatische“ Identifikation und Loyalität aus, sie würde an ihr irre werden. Für Fußball wäre das ein trostloses Ende in einer endlos-90-minütigen Posthistoire, die verbleibenden Reste von Arbeiterkultur und deren Träger müßten wieder darauf zurückgreifen, auf „den Bürger mit Messer einzustechen“ (Engels an Marx). Fußball-Ästheten hätten es verdient. Sagte er.

Zu den bekannten ethischen Motiven gehört die Parteinahme für den Außenseiter, das ist der reine Relativismus, die allerrisikoloseste Position. Oder die Parteinahme nach einem in der Linken relativ unumstrittenen Sympathie-Index für die teilnehmenden Länder. Da stehen die afrikanischen Mannschaften als Kolonialismus- und Imperialismus-Opfer ganz oben, gefolgt von den „spielerischen“, „verspielten“ und zwar nicht ganz so, aber doch immer noch ziemlich stark ausgebeuteten lateinamerikanischen Ländern. Asiatische Mannschaften haben da schlechtere Karten, gerade die islamischen werden auch von aufgeklärten Leuten eher für alle Arten fundamentalistischer Bosheit verantwortlich gemacht, und fernöstliche sind ja fast schon wieder Erste Welt. Eine gewisse altkommunistische Sympathie fiel immer für die alte SU und ihre Nachfolgemannschaften ab, die sich zwar nicht mit Lateinamerika oder Afrika messen konnten, aber immerhin. Andere osteuropäische Mannschaften wurden indifferent behandelt, und erst zu dieser WM entstand ein Rumänien-Kult (hauptsächlich wegen der klugen, weiten Pässe, ausnahmsweise ein Schönheitskriterium, das der Überprüfung standhält), und hier in Köln konnte man auch recht einzigartige Falle von Bulgarien-Kult beobachten, die auch schon lange vor dem Deutschland-Aus begonnen hatten. Am Ende stehen die EG-Länder und am untersten Ende Deutschland. Dieser Konsens ist leicht zu erklären, aber doch ein wenig paradox, wenn man ihn auf Fußball, speziell auf Länderturniere wie die WM anwenden will. Zum einen ist die enge Beziehung zwischen der Mannschaft und dem Land, das sie repräsentiert, gerade in den auf dem Sympathie-Index oben stehenden Ländern, ein Macht- und Propagandamittel allererster Scheußlichkeitssahne; zum anderen ist es prinzipiell absurd, wenn aufgeklärte, antinationalistische, antiimperialistische Charaktere versuchen, in eine erznationalistische, von Nationalstereotypen und anderen quasi-rassistischen Klischees und Zuschreibungen lebende Veranstaltung irgendwie ihren linken Sinn reinzukriegen, am Wettstreit der Nationen noch irgendeinen alternativen Spaß erkennen wollen, der sich schon einstelle, wenn man eben die richtigen Nationen unterstütze, die ausgebeuteten Afrikaner eben statt der ausbeutenden Deutschen.

Ja, und da beginnt mein zweites Problem: Vier Wochen standen im Zeichen von Fußball. Einige Freunde und Freundinnen verschwanden etwas aus dem Blickfeld. Um 18 Uhr trafen wir uns zum ersten Spiel in einer Wohnung, das 22-Uhr-Spiel sahen wir im mit Astro-Turf ausgelegten „WM-Studio“ unserer Kneipe „Päff“, und wenn es noch ein 1-Uhr-30-Spiel hinterher gab, war es am schönsten. Die ausgelassene Stimmung unter (vorwiegend) Jungs, die beflügelten Scherzworte, die offen fanatischen Ausbrüche das war alles mal wieder der größte Spaß. Ich will gar nicht versuchen, näher zu beschreiben, wer alles sich ausgeschlossen fühlte, angewidert wegblieb oder rätselnd über all die Verhaltensänderungen mit dem Kopf wackelte, will mich gar nicht auf die üblichen Spekulationen einlassen, denen zufolge besonders alle nicht männlich-hetero-sexuellen Identitäten eine besonders schwere Zeit gehabt hätten. Wie sah so ein Fußball-Abend denn wirklich aus? 90 % der Kommunikation lebte von den Sätzen der TV-Sprecher, von Kalle und Rubl, dem großen Marcel Reif (nicht zu vergessen der Depressive, der immer neben ihm saß und keinen Namen hatte), Kalli Feldkamp und … (Blockade) (die sich auch bei tropischen Temperaturen immer bis obenhin zuknöpfen mußten, weswegen das Gerücht umging, unterhalb des Bauches, außerhalb des Bildes, seien sie immer nackt oder nur mit Shorts bekleidet gewesen). Deren Sätze wurden aufgenommen, weitergeführt, ironisiert und zugespitzt. Man freute sich an der Sprachlosigkeit der Aufgeregtheit (und umgekehrt) und das umso mehr, je aufgeregter man selber war (was wiederum umso besser funktionierte, je mehr emotionalen Einsatz man riskiert hatte). Der Spaß an den Sätzen wuchs mit ihrer Eindeutigkeit, ihrer Prägnanz, der Kühnheit der Zuschreibung. Die erzielten sie natürlich dann am effektivsten, wenn sie sich auf die „Nationaleigenschaften“ bezogen, die nun mal der mehr oder weniger geheime, eigentliche Inhalt von Ländermatches sind. Das Stereotyp, die Vereinfachung, war plötzlich nicht mehr gesellschaftliche Realität, sondern ob ihrer ästhetischen Eigenschaften (Verknappung, Zuspitzung etc.) Gegenstand des Amüsements. Das ist ja das Problem mit den Stereotypen: Sie funktionieren eh nur in einem humoristischen Kontext, d. h. sie haben strukturell immer auch Humor. In der irrealen Theatersituation des Fußball-Fernsehens triumphiert alles, was strukturell gebaut ist wie der „Spruch“, das „Stereotyp“. In der Kneipe hatten wir ein „Rassometer“ erfunden, das gemäß einer zehnteiligen Skala Wertungen für rassistische Reportersprüche vergab. Wenn dann wieder davon die Rede war, daß die Deutschen eine Turniermannschaft sind, der Afrikaner keine Rückstände aufholen kann und der Koreaner „wuselt“, riefen wir nur „3“, „9“, „10“ und gefielen uns darin selber, den zu erwartenden Rassismen und Stereotypen in anderen Situationen vorgreifend, eigene Sprüche fürs „Rassometer“ zu produzieren, die natürlich ironisch gemeint waren. Doch lag der Genuß natürlich nicht in der Ironie, sondern in der Substanz. Ironie ist ein schwaches Mittel der Distanzierung und immer zu einem starken Anteil von der Komplizenschaft mit dem ironisierten Gegenstand geprägt. Vom Finale, dem einzigen Spiel, das ich nicht gesehen habe, weil ein Finale Brasilien-Italien der Apotheose aller Scheußlichkeitsphantasien, die ich für ein Ländermatch habe, nahekommt, wird mir berichtet, daß sich der ironische Habitus wie eine eingerastete verzerrte Mimik völlig verselbständigt hatte, so daß bei einem kollektiven Finalegucken alle nur noch reflexhaft jeden Satz von Marcel Reif zum Wegschreien fanden, obwohl gerade der im Laufe der WM als Kommentator immer passabler geworden war.

Ich denke, man kommt nicht an der Feststellung vorbei, daß diese Form von WM-Begeisterung nur zu haben ist, wenn man zu einem unaufgeklärten, stumpfen, nationalistischen Männermonster regrediert. Ich sage nicht: Das muß so sein, wir müssen uns ja alle mal abreagieren; ich sage auch nicht: Das darf nicht sein. Regression ist Regression und gehört verboten; ich sage nur: Anders ist es nicht zu haben, und weder Ironie noch Alternativen helfen darüber hinweg. Am Fußball kann man eben erleben, wie alle möglichen Fähigkeiten, Eigenschaften sogenannter Menschen (Regeln zu folgen und dennoch Überraschungen zu produzieren z. B.) nur noch zu haben sind, wenn man sich der staats- oder warenförmigen Angebote bedient. Kein Heroin, kein Nikotin, kein TV und keine Liebe ist so stark wie die Fußball-Sucht auf der Massenmedienebene. Der muß man folgen. Die Vorstellung, daß es einen Weg gäbe, damit auch noch etwas Richtiges zu tun, halte ich für linken Kitsch, auch wenn viele Leute mit viel Ideen lange daran mitgearbeitet haben und ihr Gegenteil, die alte bourgeois-dünkelhafte Fußball-Verachtung, natürlich auch nicht wünschenswert ist. (Immerhin: Es ist auch immer wieder interessant, wie die Regressionskultur eines Monats bei diversen Leuten verschüttete, nicht vorhanden geglaubte, theorielose, praktische Fähigkeiten hervorbrachte, die Lust am Nichtabstrakten stieg.) Sucht und Loyalität sind hier zwei Namen der gleichen Abhängigkeit.