Kongresse

Kongresse und Diskussionsveranstaltungen gab’s dieses Jahr und in den letzten Monaten des vorangegangenen wie Punk-Singles um 1980. Von „Ästhetik und Gewalt“ (Heaven Sent) über „Künstlergruppen“ (Wien, „Secession“), „Hip-Hop-Videos“ (Kurzfilmtage Oberhausen), „Etwas Besseres als die Nation“ (Wohlfahrtsausschuß Hamburg: Hamburg, Rostock, Leipzig, Dresden), „Hip-Hop und Jugendkultur“ (überall, z. B. in Siegen, Saarbrücken, Göttingen, Frankfurt, Salzburg, Antwerpen), „Ethik und Ästhetik“ (Wien), „Abwehr des gegenrevolutionären Übels“ (wir selbst, bzw. Wohlfahrtsausschuß Köln), „Rechtes Denken im Print“ lösten Themen, die auch dieses Blatt interessieren, das jahrelange Kongreß-Dauerthema „Neue Medien“ ab. Dazu gab es „Theorie-Parties“ und natürlich den „Konkret-Kongreß“ mit der legendär bescheuerten „Türcke-Debatte“. Schon am Abend unmittelbar danach, als wir uns im Taxi nach St. Pauli über „diesen Türcke“ aufregten, sagte der türkische Taxi-Fahrer nach der dritten Erwähnung das einzig Richtige: „Jetzt reicht’s aber!“

Ansonsten bekam die Kongreß-Flut dem interurbanen Austausch und dem Entstehen von Freundschaften, Cliquen und Netzwerken, schadete aber dem eigenen Denken, das bei der hundertdreizehnten Formulierung eines Arguments nur noch morsche Morcheln im Mund fühlen konnte und sich nach der isolierten Denkform am heimischen PC zurücksehnte.

Über die Hintergründe der Politisierung der Boheme habe ich mich an anderer Stelle schon ausgiebig verbreitet (Texte zur Kunst, Nr. 11), aber die Angewohnheit, Basis und Überbau dadurch zu versöhnen, daß man tagsüber Reden anhören und abends zu Bands/DJs tanzen ließ, ist jedenfalls keine dauerhaft glückliche Umsetzung neuer politisch/künstlerischer Koalitionen. Es würde schon reichen, wenn die Musiker, Künstler und sonstwie Typen etwas Coolness ins politische System injizieren könnten: Diese Linken regen sich ja immer so fürchterlich auf und haben so entsetzlich recht und verkünden die ganze Zeit in der Gewißheit für die Sache der GANZEN MENSCHHEIT zu sprechen, ihre einzig richtigen Wahrheiten. Während die Künstlertypen nach wie vor glauben, mit etwas Originalität und schlechter Vorbereitung über die Abwesenheit von Argumenten und Ideen hinwegtäuschen zu können.

Selbstverständlich vereinigen wir diese beiden Defizite in Personalunion, aber es hilft schon ungemein, wenn uns immer wieder vorgeführt wird, wie gräßlich sie isoliert voneinander wirken. Im nächsten Jahr wird es sicher noch mehr und sicher auch bessere Kongresse geben, die Morcheln werden endgültig morsch, und die Musiker stehen dann im Orchestergraben und untermalen unser Gelaber mit frisch komponierten Etüden.