Kulturell entübeln

Wie Norbert Bolz den Unsinn zur ideologiefreien Zone erklärt und andere Entwicklungen

Wer meinte, daß die Zeit nach deutlichen Verbesserungen an der Plattenrezensionsfront (Pinky Rose) und durch großzügige Selbstbedienung am journalistischen Post-Bosmann-Transfermarkt (etwa durch den Einkauf des geschätzten ehemaligen FR-Redakteurs Assheuer) sich auch generell verbessern und nicht nur im Rahmen der gegebenen Struktur verjüngen würde, sah sich unlängst im Mai in dichter Folge durch besonders staubige Wiederauferstehungen besonders gestorbener Achtziger-Figuren in seinem oder ihrem Optimismus getäuscht. Erst durfte Jean Baudrillard, der große symbolische Tote unter den grenzdebilen Soziologen, sich gemeinsam mit den Zeit-Redakteuren Mießgang und Assheuer fragen, wie wirklich eigentlich Le Pen sei. Doch auch sanft-seniles Simulations-Soziologendeppentum läßt sich noch steigern: eine Woche später durfte der Telekom-Professor Norbert Bolz über „Comedy im Fernsehen“ delirieren. Bolz, der seit 1989 mit einem seinerzeit schon weit über die Halbwertzeit abgehangenen Talking-Heads-Zitat „Stop Making Sense“ forderte, was vielleicht zehn Jahre vorher, halbwegs – aber auch anders, egal – vertretbar gewesen wäre und woran sich seitdem aber niemand außer ihm selbst noch hält, meint heutzutage in so unterschiedlichen Leuten wie Helge Schneider, Wigald Boning und Harald Schmidt späte Bündnispartner gefunden zu haben.

In seinem Zeit-Aufsatz „Der Sinn des Unsinns“ faßt er die drei und einige andere unter einem „Comedy“-Begriff zusammen, der von der alten Klimbim-Besetzung bis zur Titanic-Redaktion reicht und so dafür sorgt, daß unsere – unter der Knute von (natürlich) „Gutmenschen“, „Betroffenheitsrhetorik“ und (of all people) Franz Alt ächzende Kultur – ausbalanciert würde. Wie gesagt, Bolz lebt ca. 1978, daher geht es dem vielbeschäftigten Vortragsredner, SPD-Berater und willfährigen Jubelperser von allem, was Hugo Boss „Innovation“ zu nennen geruhen würde, vor allem um Subversion. Und in diesem Fach sind all die genannten Komödianten ungeschlagen. Das läßt sich bis in die Grundfesten der Nachkriegskultur, ja bis zu Hugo Ball und Dada 1916 zurückverfolgen und wird von einer veritablen Sahnehaube unter den komiktheoretischen Königserkenntnissen gekrönt: „Eckhard Henscheid war subversiver als Theodor Adorno.“

Keiner könnte indes einleuchtender demonstrieren, daß halt- und gnadenloser Unsinn nicht immer komisch sein muß, als Norbert Bolz und seine Texte. Daher kann natürlich auch der Umkehrschluß nicht so einfach gelten. Die Behauptung, daß die verschiedenen von ihm als „Comedy“ zusammengeschmissenen Phänomene (von dem liebevoll in der Traditionslinie Jarry-Ionesco-Bauer rekonstruierten absurden Theater Helge Schneiders über den meistens schon leicht ranzigen, gelegentlich aber noch zündenden Achtziger-Zynismus Harald Schmidts bis zum FDP-Blödler Boning) mit den Mitteln von Dada und Nonsense das Sinnstiften stoppen würden, übersieht, vermutlich interessiert, natürlich vor allem die Ideologizität gerade der neuen Doofheits-Comedy-Welle, mit der Schmidt und Schneider eher nichts zu tun haben. Im Gegenteil: Vom traditionssozialdemokratischen Klimbim (vgl. auch Tetzlaff-Revival: Sinn-Nostalgie?!) über die zwischen linksradikal und kulturpessimistisch oszillierende Titanic-Linie bis zur Boning-Westerwelle-Affinität läßt sich gerade an den von Bolz genannten Beispielen unterschiedlicher Epochen und Schulen recht präzise zeigen, wie man mit „Comedy“ politisch-ideologischen Sinn stiftet. Und daß die menschheitsalte Faszination für Experimente mit „dem Häßlichen und Bösen“ einer neuartigen „Entübelung der kulturellen Negativwerte“ geschuldet sei, kann er Ron Sommer erzählen, der dürfte bei „Entübelung“ hellhörig werden. Es gibt immer genug zu entübeln.

Tatsächlich hat es die Figur, von der Bolz, seine Gegenstände um satte Jahrzehntbreiten verfehlend, spricht, einmal gegeben, einen Nonsensisten, der gegen ein seinerzeit noch recht fest im Sattel sitzendes Regime des Big Sinn das Sinnmachen stoppte: das war der Otto der Siebziger. Damals war aber Norbert Bolz noch zu sehr damit beschäftigt, aus Walter-Benjamin-Texten kannenweise Sinn zu melken. Die großen populärkulturellen Konstellationen der Siebziger hat er erst in den Neunzigern in Angriff genommen. Und die Lösung längst erledigter Probleme erfreut offensichtlich noch immer das Herz der Zeit.