Leather Nun

Und die wenigen, die gekauft hatten, gingen hin und gründeten eine Band. (Jonas I, 23) Und wir reden nicht von Idioten, die nur kopieren. (Jonas I, 24) Nein! Wir meinen die, die stehlen, von denen, von denen sich stehlen lernen läßt – das wird ein guter Song! (Diedrich XI, 87).

“… you can suck, you can suck, you can suck on my lollipop“ (Lollipop zu Unrecht vergessene B-Seite von ’86)

Sie kamen zurück in unsere Stadt. Ob um sich zu holen, was ihnen rechtmäßig gehörte, wie in der Köln-Hymne „Lost And Found“ angekündigt, weiß ich nicht. Aber sie spielten diesmal im „Luxor“ statt im „Rose Club“, und sie stiegen nicht im Hotel „Heinz“, dem traditionell-schrabbeligen Musikerhotel, sondern im „Intercity-Hotel ibis“ ab, von dem ich immer schon mal wissen wollte, wie es von innen aussieht (wie die Kulisse eines zeitgemäßen Death Of A Salesman nämlich, nun weiß ich es), und Jonas Almquist will auch nicht zu genau darauf eingehen, was damals passiert ist, in diesem „Hotel called ‚Heinz‘“.

„Das war eine wilde Nacht, mein Gott, das Hotel fiel ja auseinander. Das hatte ja Löcher in den Wänden, da konntest du die Straße sehen. Jedenfalls dürfte der Manager nicht mehr sehr gut auf uns zu sprechen sein.“

Ich habe fürwahr in meinem langen Leben schon viele Leather-Nun-Konzerte gesehen und durchaus gerne genossen, es war immer ein gutes Gefühl, zu wissen, daß es sie gab, diese wandelnde Additionsmaschine europäischer Erfahrungen mit amerikanischer Leidenschaft (wie man sie aus amerikanischer Musik sich vorstellt).

Immer summa summarum, immer den Strich ziehen, und siehe: wir haben hier diesen kleinen, aber bedeutenden Schritt nach vorne getan. Nicht gerade sehr groß dieser Schritt, aber, Mann, alles, was ihn uns machen ließ, haben wir selber gesehen und gehört. Etwas derart Reiches und Vollmundiges aber, die weite, hohe, kühle, aber sonnige Hochebene der goldenen mittleren Jahre souverän Erklimmendes habe ich von ihnen noch nicht gesehen. In zwei Stunden alle, alle Leather-Nun-Songs im specially improved Hitsound. Kann man immer noch an „Heroes“ und „Search & Destroy“ und „Waiting For The Man“ weiterarbeiten? Eben, schau an, tatsächlich, man kann.

Und man kann sogar eine Prise Plastic-Sly-&-The-Family-Stone hinzugeben.

Als erster war an diesem Sonntagmorgen Aron aufgestanden. Früher Bengt Aronsen, aber jetzt nur noch Aron. Dieser muß so um 85/86 die zweite Luft in die Leather Nun gepumpt haben. Seit Lust Games ist er Produzent, denkt sich die Plastik-Pop-Effekte aus, eröffnet die Auftritte mit Abba-Hymnen vom Band, entwirft die Sleeves mit ihrem trockenen Schweden-Humor (Lust Games) oder rührend-ironischem Gigantomanen-Auftritt (Steel Construction) manchmal etwas zu tongue-in-cheek, und spielt die Leadgitarre, der Riffpeter.

„Wenn man so lange Musik macht wie wir als Leather Nun und ich auch noch davor alleine, dann hat man eine musikalische Sprache entwickelt, die einem völlig natürlich vorkommt. Man muß sich dann keine Akkorde mehr ausdenken, man braucht keine gewagten Ideen für tolle Songs …“

Man braucht sich überhaupt nichts mehr auszudenken und überhaupt keine Ideen, der beneidenswerteste Zustand der künstlerischen Weisheit: so lange an sich gearbeitet zu haben, daß man von innen gut ist, einfach gut.

Ohne Anstrengung: jede Seele hat ihre drei Akkorde. Die bleiben bestehen bis die Städte verschwunden sind. Die Städte, die die drei Akkorde gegeben haben: Gitarre einstöpseln, twäng. Twäng klingt gut, immer gut. Jetzt muß der Sänger nur noch sagen: „Hey, Baby“. Etwa so wie Jonas, der dazu genau ein Viertel eines heiseren Stimmbandes kurz anschlägt, und alles ist für alle Zeiten immer gut.

Aber so natürlich ist diese Sprache natürlich nicht, Generationen von Aron-Inkarnationen im Laufe der Jahrzehnte haben daran gearbeitet, durch alle Stürme des Lebens hindurch.

„Ende der 60er gab es die älteren Brüder mit den Velvet-Underground-Platten. Und es gibt nun mal nichts Schöneres als die erste Velvet-Underground-Platte. Du kannst dich ihrer Energie nicht entziehen. Leg sie auf, und du bist automatisch glücklich und stark. Das ist unser Erbe. Das Velvet-Underground-Erbe und das Detroit-Erbe. Vielleicht kennst du die Geschichte: Nicht viele Leute haben Velvet-Underground-Platten gekauft, aber alle, die sie gekauft haben, haben eine Band gegründet. Ich meine, die, die Velvet Underground kopieren, haben natürlich nichts verstanden, das würden wir nie tun. Das ist ein Heiligtum, das wir niemals zu berühren wagen würden. Wir verwalten das Erbe, das heißt wir arbeiten in diesem Sinne weiter. Und auch da kann man viel falsch machen, wie das Beispiel der Psychedelic Furs lehrt.“

Hier spricht absolute Sicherheit, ein trotz oder gerade wegen der immer wieder betonten, sich ständig in kleinen und mittleren Kämpfen entladenden Individual-Anarchismen der einzelnen Leather-Nun-Members gewonnener eherner Geschmacks- und Gefühls-Konsens. Wer will einer alten Eiche auch erzählen, sie möge sich aus Gründen der Abwechslung zu einer Pappel umzüchten lassen, das einzige, was sie tun kann, ist wachsen. Und variatio sowieso eben nicht delectat. (Das heißt: doch. Aber das ist ein völlig anderer Bereich von Leben und Kunst und dem Van-Dyke-Parks-Department unterstellt.)

Der einzige Bereich, wo sich in der Leather-Nun-Welt noch einschnittartig etwas ändern könnte, ist der Bereich der Produktion (und der der Verpackung, dazu später). Nach diversen Versuchen, die einst 1979 mit hausgemachtem Horror-Schock-Krach-Lärm-Rock für Throbbing Gristles Industrial-Label begannen („Slow Death“, über einen Mann, der mit einem zu 90 % verbrannten Körper 55 Stunden qualvoll vor sich hin stirbt, heute als schleppend-gereifter Rock-Song wieder sehr eindrucksvoll im Programm), über ungeschliffene Live-Veröffentlichungen (Aron: „Das Live-Album war eine vertane Chance. Wir klangen schon damals eigentlich besser. Wahrscheinlich versuchen wir noch einmal ein Live-Album.“), über den Hausproduzenten ihres Labels Wire-Records, Bill Buchmann, sind Leather Nun heute bei Aron selber angelangt.

„Ein Produzent sollte die Aufgabe haben, uns zu überraschen, er soll unsere Songs hören und etwas Überraschendes daraus machen. Schließlich haben wir eingesehen, daß wir uns in all den Jahren immer noch am meisten selbst überrascht haben. Deswegen bin ich jetzt der Produzent …“

Mit einer Vorliebe für unerwartet grelle Pop/Effekt-Produktion. Die Eiche, in Day-Glo-Farben eingespritzt:

„Vieles von dem, was ich mache, auch die Sleeves, sind natürlich Witze. Was mir wichtig ist, sind die filmmusikartigen Intros und Übergänge. Das habe ich immer gewollt für die Band, daß ein Auftritt wie ein Film ist … Ich denke so an eine Mischung aus Bladerunner und der Realität des 21sten Jahrhunderts … kann aber auch die Gegenwart sein.“

Dazu sprechen die Riffs und die Texte die Sprache amerikanischer Großstadt-Rock-Einsamkeit der, na spätestens, 70er Jahre. Jonas setzt sich zu uns, während ein taiwanesischer Spielwaren-Vertreter hinter uns sein Leben aushaucht („Wenn sie nicht Chinesisch sprechen, muß ich eben hier sterben“, sagt er auf englisch). Draußen regnet es nicht.

Jonas, wenn ich „Live To Ride“ höre, stelle ich mir vor, wie du oder ich auf einem Motorrad …

„… oder einem Pferd …“

… oder einem Pferd eine amerikanische Ebene zerteilen.

„Meinetwegen. Aber das ist deine Phantasie. Ich begrüße es, wenn man sich irgend etwas vorstellt, aber das halten wir gerne offen, was das genau ist. Das ist wie beim Bücher-Schreiben. Es gibt keine zwei gleichen Leser.“

Aber der Autor bemüht sich doch durch Präzision, keine zwei verschiedenen Lesarten offen zu lassen?

„Manchmal“, so Jonas Almqvist, „ich denke da an dieses Buch, von diesem Iren, Ulysses, wie heißt er noch?“

James Joyce.

„Genau der. Ich habe das Buch zweimal gelesen. Mann, war das präzise! Du konntest dir bei diesem Buch absolut nichts vorstellen. Es stand schon alles da.“

Und war das nicht toll?

„Naja. Ziemlich extrem und deswegen auch sehr gut, total faszinierend, um ehrlich zu sein. Aber Songs funktionieren eben ganz anders.“

Wie kommt es denn, daß Europäer wie ihr beste amerikanische Rockmusik machen, aber die Amerikaner nur AOR, daß das Erbe der Stooges in Göteborg oder Melbourne oder Bamberg besser aufgehoben zu sein scheint als in Detroit?

„Was ist schon Rock? Rock ist Eddie Cochran und Buddy Holly. Und dann sind 30 Jahre ins Land gegangen, und heute ist Rock alles, bis zu Henry Rollins und Swans. Das sind auch Amerikaner, aber kein AOR. Außerdem: alle Städte sind gleich, alle Straßen sind gleich. Im Westen sieht doch alles gleich aus, nur die Menschen sind etwas verschieden. Bei unserer Plattenfirma fragen sie mich immer, ob ich nicht Lust hätte, nach Amerika zu gehen, aber es ist doch eh dasselbe wie hier. Und um deine Frage zu beantworten: Die Iren in den USA verstehen mehr von irischer Kultur als die Iren in Irland, das wäre das umgekehrte Phänomen. Und die beste irische Band lebt in London und heißt The Pogues.“

Die einzige andere Band, die einen Song über Köln gemacht hat.

„Was für ihren Geschmack spricht.“

Meiner Ansicht nach kommt The Leather Nun in letzter Zeit zunehmend das Verdienst zu, den Widerspruch zwischen Pop als distanziert-überlegtem, politischem Handeln und Rock als religiös-intuitivem Handeln, innerhalb der Rituale eines geregelten Gottesdienstes, überwunden zu haben. Song. Bild. Platte. Cover. Drama. Kino. Ich meine Lust Games, da hätten sich ABC vielleicht auch hin entwickeln können (und Beauty Stab war doch eigentlich ein Schritt in genau die Richtung).

Aron: „Einige Sachen, die wir machen, sind halt mehr Pop, andere mehr Rock. Ist doch nicht so wichtig.“

Jonas: „Welcher Widerspruch? Pop heißt populär. Rock’n’Roll ist ein zunächst mal sexueller Begriff. Sex wiederum ist sehr populär. So schließt sich der Kreis.“

Wenn das Live-Album Raw Power war, dann seid ihr jetzt bei Lust For Life.

„Dann lieber bei Kill City, die Iggy Pop zwischen Stooges und Bowie mit James Williamson aufgenommen hat, weil man daran sehen kann, daß Idiot und Lust For Life nicht so große Einschnitte waren. Andererseits gefällt mir der Vergleich nicht, weil Iggy immer andere zu Hilfe genommen hat, um vorwärts zu kommen. Er hat mir einmal gesagt, Kill City sei 90 % James Williamson, 10% Iggy Pop, so wird es mit Bowie auch gewesen sein. Nein, es gibt einen besseren Vergleich (sieht auf die Uhr): Heute vor zehn Jahren und einem Monat starb Marc Bolan, der eine wilde, schmutzige Musik machte und sie optimal teeniemäßig und popmäßig präsentierte und das auch genossen hat. Das ist unsere Richtung. Und da sind wir jetzt angekommen.“

Nach und nach ist ein schwerer Schwede nach dem anderen erwacht. Die Männer, die als „der Schlagzeuger, mit dem habe ich schon im Sandkasten gespielt, schon unsere Väter haben im Sandkasten gespielt“, der „Keyboarder, der ist neu, er war heut Nacht abgängig, hehe“, „unser neuer Bassist, seit drei Wochen dabei, Bassisten waren schon immer unser Problem“ vorgestellt werden, überragen jeden Mitteleuropäer um Haupteslänge, ihre riesigen Brustkörbe könnten als Käfig für einen Kaninchenwurf dienen. Der tote Chinese wird fortgetragen. Unsere Freunde bereiten einen Angriff auf Rom vor. Rom will überfallen werden, Rom ist müde. Die vier Ur-Leather-Nuns kennen sich mindestens seit die Band sich im Februar 1979 gründete. Die Plünderungen waren zäh, aber erfolgreich. Öden sie sich nicht langsam an?

„Nicht diese starken Individuen, nicht in dieser Band. Bei uns herrscht immer die Spannung, die bei den Sex Pistols herrschte, nur daß die zu dumm waren, das auszuhalten. Wir halten das aber schon seit acht Jahren aus, es hat uns stark gemacht … es war schon manchmal kritisch, damals, als man uns in Schweden boykottierte, wegen des Fistfucker-Videos. Die Klubs, wo wir sonst spielten, sagten: Wir wollen keine Nazis und Junkies. Nur die Biker ließen uns weiter auf ihren Treffs spielen, die wußten, daß wir keine Nazis oder Junkies waren. Oder es war ihnen egal. Und die Punks kamen dann auch zu diesen Gigs, was eine sehr schöne Publikums-Mischung ergab.“

Riß zu dieser Zeit auch der Kontakt zu Genesis P. Orridge, der auf D.O.A. – The Third And Final Report immer noch einem gewissen Jonas A special dankt?

„Keineswegs. Wir haben 1980 mit Monte Cazazza und Throbbing Gristle in London gespielt, wir haben später noch mit Monte zusammengearbeitet, wir haben auch mit Psychic TV gespielt … Heute, ich will nicht sagen, es sei ein reiner Witz, Genesis hat schon einige sehr ernste Anliegen, aber es ist viel mehr Humor dabei, als so mancher Fan denken wird. Es gibt sicherlich Leute in diesem Temple Ov Psychick Youth, die diese Sachen zu ernst nehmen und dann auch sich selbst gefährlich werden können. Eigentlich ist das ja bei allen Bands so: wer nicht zum Inner circle gehört, nimmt alles in der Regel viel zu wichtig. Es gibt da einen italienischen Professor, Francesco Alberoni, der sich vom wissenschaftlichen Standpunkt mit den selben Sachen beschäftigt wie Genesis. Daß man im Zustand der Verliebtheit besondere Kräfte freisetzen kann, die man als magisch beschreiben kann, wenn man will. Wenn mich meine Menschenkenntnis nicht sehr trügt oder sich Genesis total verändert haben sollte, was ich nicht glaube, ist das sein zentrales Anliegen. Alles drumherum ist Quatsch.“

Interessant. Übrigens, was trägst du für ein eigenartiges Lederarmband? Sind das Runen?

„Ja, das ist altnordisch. Eine Inschrift, die man bei Ausgrabungen gefunden hat.“

Was bedeutet sie?

„Das werde ich dir nicht sagen, denn das ist magisch: Liebesmagie.“

Und das Zeichen an der Halskette?

„Das ist supermagisch. Das sind mehrere Runen übereinander, die hintereinandergeschrieben einen Sinn ergäben, übereinander aber nur, wenn man weiß, wie man sie auseinandernehmen muß, ein Satz, den niemand entziffern darf, um die Magie nicht gegen mich zu richten.“

So etwas würde ich nie tun. Warum bist du immer so einsam in deinen Songs? Immer einsamer Hustler, einsam im Hotelzimmer 506?

„Also, wir sind doch alle Hustler, und ‚506‘ ist auch leicht zu erklären. Damals, 1979 in London, habe ich tatsächlich allein in diesem Hotelzimmer mit der Nummer 506 gesessen. Ich hatte Iggy Pop zweimal live gesehen, alles Geld für Konzerte und Alkohol ausgegeben, und nun saß ich da: Es regnete, und ich hatte nur ein Pfund …“

Aber das Lied klingt dramatischer, als würdest du gerade Wasser in die Wanne laufen lassen und noch ein letztes Mal in den Sartre-Erzählungen blättern … (Der Tod ist ein Ministerpräsident aus Deutschland.)

„Das ist ja auch wahr: Ich bin einsam. Die Band lebt in Göteborg, ich in Stockholm. Im Zug findet man keine Freunde. Andererseits liebe ich meinen Job und kann deswegen nicht aus Stockholm weg … Ich bin Redakteur bei einer Motorradzeitschrift. Wir schreiben über alles, was mit Motorrädern zusammenhängt. Neue Gesetze, neue Straßenbeläge, neue Kleidung, neue Filme, neue Platten, und wir versuchen die schwedische Politik im Sinne der Motorradfahrer zu beeinflussen. Wir haben Freunde bei der Linken wie bei der Rechten und versuchen, eine Lobby aufzubauen. Die Wahlausgänge in Schweden sind immer sehr knapp und die 200.000 Motorradfahrer könnten gut zum Zünglein an der Waage werden, wenn ich mich mal so ausdrücken darf. Die Politiker sind da in allen Parteien gleich: Sie verstehen nichts vom Leben. Sie machen Gesetze über Alkohol, ohne zu trinken. Und die Frau, die für die Straßen zuständig ist, hat nicht einmal einen Führerschein. Das ist viel Arbeit, wie soll man da noch Zeit für Freundschaften finden.“

Die Biker-Bewegung ist in Schweden, so Jonas, etwas völlig anderes als in Deutschland oder in den USA, wo die traditionellen Rockerstämme inzwischen an Generationskonflikten leiden. Alte Biker und junge Biker verstehen einander nicht. In Schweden müssen bei Biker-Treffen keine Wachen aufgestellt werden, die auf die teuren Geräte aufpassen, denn konkurrierende Banden, die sich gegenseitig die Maschinen zerstören, sind nicht bekannt. Alle sind eine große Familie, schon in Dänemark kann davon keine Rede mehr sein. Noch heute spielen Leather Nun regelmäßig bei Biker-Treffen, noch heute mischen sich dann alte Biker und junge Punk-Rocker zu idyllischen Versammlungen.

„Der Underground hält solange zusammen, wie sich die Medien nicht darum kümmern. Sowie die Medien irgendeine Bewegung herausheben, vielleicht sogar, weil sie gewalttätig sei, schaffen sie erst die Tatsachen, die sie behaupten, aufgefunden zu haben. So entstand zum Beispiel die Skinhead-Bewegung. Irgendwo gibt es drei Idioten, und ein Journalist schreibt, wie furchtbar gewalttätig und widerlich die sind. Das lesen andere und finden das geil, wollen auch gerne als gewalttätig und widerlich in den Zeitungen vorkommen, und prompt hast du ein Problem. Wir Journalisten haben eine enorme Verantwortung.“

Wie findest du Grateful Dead?

Jonas: „Was ist das? Ein Nachtclub?“

Eine Biker-Band, damals in San Francisco, spielte Benefiz für die S.F.-Hells Angels und war ihre Hausband.

Aron: „Ich kenne sie. Ich mag sie als Phänomen. Sie sind sehr alt, sehr lange dabei, komplett unabhängig und zäh. Wie wir. Jerry Garcia ist ein sehr guter Gitarrist.“

Jonas: „Was machen sie für Musik?“

Aron: „Amerikanische Musik, sehr amerikanische Musik …“

Jonas: „Was soll das heißen, Boogie-Woogie?“

Aron: “Nein, nein …“

Nein, nein, nein.

Warum sind eure Songs zu einem großen Teil so alt?

Aron: „Irgendwie bleiben sie an uns hängen. ‚Son Of A Good Family‘ ist von 1975 …“

Ein klasse Song!

Aron: „… nicht? Zeitlose Größe, ohne jede Anstrengung oder Idee, natürlich komplett von den Stooges geklaut, die es ihrerseits wieder von jemand anders geklaut haben werden. Das ist übrigens mein Song. Wir haben aber eigentlich nur deswegen die Live-Platte gemacht, um die alten Songs loszuwerden. Dann blieben sie an uns hängen, weil es nun mal erstklassiges Live-Material ist.“

Neue Songs sind dagegen entweder sehr langsam …

Jonas: „Wir sind halt alle vor kurzem 30 geworden. Da verändert sich manches …“

Aron: „Ich mag’s gerne atmosphärisch. Du weißt doch: Filme im Kopf.“

… oder 70er-Jahre-Funk. Wie heute abend „F.F.A. (Fist Fucker Associated)“ oder der Opa-Rap „Cool Shoes“ oder „Dance, Dance, Dance“, wozu der neue Keyboarder immer so geschmackvoll gekupferte alte Synthi-Licks einstreut, ein Verhältnis zu seinem Instrument dokumentierend, das mindestens so fetischistisch-verliebt und deswegen „natürlich“ ist wie Arons zu seiner Gitarre. Nur daß man das bei Keyboardern so selten sieht, die sonst immer vom Spannungsfeld Idee oder Diskette aufgezehrt werden.

Warum hast du dir die Haare abgeschnitten, Jonas?

„Ich hatte es satt. Außerdem will ich nicht mit Grebos oder kalifornischen Thrash-Metallern verwechselt werden.“

Magst du keine Grebos?

„Doch, sie sind sehr lustig, aber absolut nicht Leather Nun.“

Ich habe eine Single, die du mit Motorrad-Freunden aufgenommen hast, die SMC Ål Star; Leather Nun war früher auch allein deine Band, die Songs schrieb alle dieser Jonas A. Jetzt seid ihr eine diszipliniert zusammengewachsene Band. Willst du nicht überschüssige Ideen auch wieder alleine verwirklichen?

„Könnte ich mir vorstellen. Wäre aber absolut nicht Leather Nun.“

Verstehe ich „Pink House“ richtig als eine Deutung des US-Imperialismus als Schwulen-Verschwörung?

„Verschwörung auf jeden Fall, du kannst ihr jedes Attribut geben. Pink, weil Rosa die Kreuzung aus weißem Haus und rotem Platz ist. Aber der alte Ronnie hat schon was für Jungs übrig.“

Ist deine Stimme eine korrekte Repräsentation deiner Seele?

„Puh! Gute Frage, weiß ich nicht. Ich bin meine Stimme, ich habe keinerlei Distanz zu ihr, aber sie ist mir auch nicht peinlich. Ich weiß nicht, wie ich bin, also weiß ich auch nicht, ob meine Stimme korrekt ist.“

Bei Aron und seiner Gitarre ist das, glaube ich, keine Frage.

„Wie klingt denn meine Stimme?“

Befriedigt. Wie ein hart arbeitender, zufriedener Mann, der weiß, was er will, und es auch kriegt.

„Nein, das bin ich nicht. Ich bin nicht zufrieden, absolut nicht. Ich bin eher unzufrieden. Nein, ich bin ganz und gar nicht zufrieden.“

Discographie

1979: Slow Death – EP, 7″, Industrial Records (später als 12″ reissued)

1983: Prime Mover; F.F.A.

1985: Desolation Ave; 12″ / Coriun Monaca-Deadly; Live-LP / 506; Fly, Angels, Fly; I’m Alive; 12″

1986: Gimme, Gimme, Gimme; Lollipop; 12″ / Pink House; 12″ / Lust Games; Mini-LP

1987: I Can Smell Your Thoughts; Falling Apart; 506 revisited; 12″ / Cool Shoes; I Wish; Special Agent; 12″ / Steel Construction; erste Studio-LP