Lebe sparsam – und koche nach Rezept

Ein Gespräch mit Clara Drechsler auf WordPerfect 6.0

War früher alles besser, oder ist heute alles genauso schlecht? Weder noch. Aber es gibt ein Leben nach und außerhalb von Spex, und was noch zu sagen wäre, geht nur den lieben Gott und ein paar andere etwas an.

1.

Anfang der 80er Jahre stand deine Schreibweise innerhalb der neuen, noch unprofilierten Spex-Redaktion für einen neuen Ansatz, der teilweise auf englische (NME, Burchill/Parsons, Danny Baker etc.), teilweise auf amerikanische (Lester Bangs, Creem etc.) Aneignungen des New Journalism in der Rock-Schreibe zurückgeführt wurde. Vorher hatte es nur wenige deutsche „Rock-Schreiber“ gegeben. In Sounds hatten es unterschiedliche Figuren versucht: Jörg Gülden und Freunde, indem sie sich auf Gonzoism und Hunter S. Thompson beriefen, Leute wie Harald Inhülsen und Egbert Hörmann versuchten, sich an einer amerikanisch inspirierten subjektivistischen Schreibweise. Aber mir scheint, daß erst der heute leider verschwundene Reinhard Kunert, Kid P. und eben du eine genuine Umsetzung der jeweils unterschiedlichen anglo-amerikanischen Vorbilder erreicht hätten. Gab es für dich tatsächlich solche Einflüsse? War dir klar, daß du anders als die anderen schreibst? War dir die Funktion klar, die das für das Image und die Rezeptionsweise des jungen Blattes hat?

Ja. Ja. Nein. Ich weiß auch nicht mehr, ob ich von Anfang an so anders geschrieben habe. Die älteren Spex-Gründer haben mich aus gerechtfertigten und andererseits fragwürdigen Gründen dazugenommen; sie haben mich als Verrißschreiber eingestellt, also Burchill, als jemand, der keine Ahnung von Musik hat, aber weiß, was er will, und das war ziemlich schnell festgelegt und ein bestimmter Tonfall damit anfangs auch. Offensiv, subjektiv, Loudmouth, Frau als Lad. Das liegt mir auch immer noch, obwohl ich bei Burchill, die ich übersetzt habe, dann ziemlich schnell genervt war, besonders von der endlosen Mehrfachverwertung witziger Puns und provokanter Ideen, daher vielleicht auch meine Probleme bei Frage 2. Es hat mich auch immer genervt, daß das Wissen um konventionelle Lehrmeinungen als überflüssig betrachtet wird von allen, solange, bis man sie selbst ins Mark trifft mit irgendeiner vollmundig hingeknallten Fehleinschätzung. Bei Spex gab es lange das tolle Prinzip, zu Interviews mal Leute zu schicken, die überhaupt keine Ahnung vom betreffenden Sujet haben, in der Annahme, dabei würden besonders interessante Clashes rauskommen. Es hat sich aber als Quatsch erwiesen. Leute, die nichts gemeinsam haben, haben sich meistens nichts zu sagen, das war’s. Den Menschen wurden praktisch dieselben Fragen gestellt, wie im FAZ-Fragebogen, die dabei herauskommenden Informationen waren manchmal lustig, meistens uninteressant. In welchem Geisteszustand möchten Sie sterben? Glücklich. Und so. Das funktionierte nach dem Prinzip der Fanzine-Artikel-Klassiker, zum Konzert in der Walachei zu spät kommen und dann nicht über die Band, sondern über die Fahrt schreiben. Solange man noch in diesem Zusammenhang lebte und dachte, fand ich das völlig selbstverständlich wie Essen und Schlafen. Man konnte dankbar sein für alles, was man im Interview nicht bekam, weil der Platz im Heft ohnehin für andere Anmerkungen gebraucht wurde. Nur wenn sich einer die Backissues bestellt, weil er hofft, vintage Informationen über die betreffende Band zu erhalten, tut er mir leid. Aber wer ist schon so blöd. Interessant fand ich in dem Zusammenhang nur eine Erhebung von der Uni Berlin, in der Spex-Leser als kalt, intellektuell, fachlich versiert, aber wenig persönlich eingestuft wurden, bei VG Wort werden wir ja auch als wissenschaftliche Fachzeitschrift geführt.

2.

Zu jeder Form neuartigen Schreibens gehört auch immer die Verweigerung, inhaltliche Erwartungen der Leserschaft zu erfüllen. Oft frage ich mich, ob es sich dabei tatsächlich um inhaltliche Entscheidungen handelt (oder handelte) oder ob nicht auch diesen Entscheidungen ästhetische Erwägungen zugrundeliegen, in dem Sinne, daß eine zu erwartende Idee, auch anders verpackt, zunächst vor allem häßlich (und nicht so sehr falsch) ist?

Stimmt. Andererseits funktionierte die Entscheidung so, daß eine zu erwartende Idee jeder Leser sowieso selbst haben wird, warum sie also noch für ihn ausformulieren? Ich selbst freue mich zwar immer, wenn ich beim Lesen den So-isses-Effekt geliefert bekomme, war aber selbst immer zu hastig oder verwirrt oder faul, um naheliegende Sachen oder zum besseren Verständnis vorauszuschickende Sachen schriftlich niederzulegen. Komischerweise kann ich Sachen, die ich weiß oder zu denen ich einen gefestigten Standpunkt habe, nicht hinschreiben. Ich halte es immer für unnötig, weil es mir ja schon klar ist. Bzw. sinkt die Formulierung von Gründen, die zu diesen gefestigten Ansichten geführt haben, irgendwie auf den Grund meines Bewußtseins und ist dann weg, um Platz für anderes zu schaffen. In letzter Zeit ist mir klargeworden, daß das ins Desaster führen muß, aber nur beim Argumentieren, im Leben ist es praktisch, und Lebensmeisterung war immer ein ernstes persönliches Anliegen von mir. Ich sah mich in einem Universum, wo alle wissen, wovon ich rede. Das kam daher, daß ich selber die ganze Zeit so angesprochen wurde, von Intellektuellen wie von obengenannten Rockschreibern. Etwas zu kapieren oder erklärt zu bekommen, war eine Belohnung, kein Recht. 

3.

Du (und andere Schreiber dieser Generation) waren in der Lage, sich mehr oder weniger als Linksradikale zu verstehen und sich dennoch, von der letzten Generation Linker, speziell ihrer Rock-Journalisten-Version, abgrenzen zu wollen. Hast du diese Situation damals ähnlich strategisch gesehen, wie es in dieser Formulierung anklingt?

Ja. Zu Anfang war es aber eher eine Mischung aus „angeborenem Linkssein“, also bürgerlich-philanthropisch-antifaschistisch mit einem romantischen Faible und diesem Sozial-Sozialismus, dem die englische Musikpresse frönte (Rock Against Racism, Right-To-Work-Marches und so). Dazu gehörte dann auch Nischenkapitalismus (Kleider entwerfen, Zeitungen rausbringen), zum Zweck der Bohemisierung und um eigenes Geld zusammenzukratzen, autonom zu werden. Also das Übliche, was ja auch sein muß. Das Linksradikale war, daß man wenigstens als Aufgabe immer im Hinterkopf hatte, die eigene Sprache von Underground/Rock/Popmusik und -kultur zu berücksichtigen, zu wissen, warum man sich als Linker nicht sofort beschmutzt, wenn man eine Platte anhört, auf deren Cover Andrea Dworkin in einem Topf gekocht wird, schon eher, wenn man Huey Lewis groß findet, es aber genauso unnötig ist, sich aus lauter Überdruß über den treu ewig runtergebeteten, jugendschutzmäßigen Billigkonsens an Correctness hemmungslos in sterbenslangweiliger Schockästhetik, Incorrectness oder gar „ich kenne nur zwei Arten von Musik – gute und schlechte“ zu suhlen. Man arbeitet in einem extrem spezialisierten, verklausulierten Gebiet, wo aber paradoxerweise immer wieder die Forderung auftaucht, es hätte gefälligst um einfache Fragen und plakative Antworten zu gehen, alles müßte eindeutig deklariert sein. Die Linke hat ja vorher auch mit ihren menschlichen Schwächen etc. kokettiert, demonstrativ auch mal eine Inkorrektheit stehenlassen müssen; jetzt ging es darum, ANDERE Inkorrektheiten mal stehenlassen zu können, statt dem Ficken-will-man-ja-auch-mal-Altmännergewäsch. Dafür eine verbindliche Form zu finden, war nicht zu machen, man arbeitete ja nicht mit Personal, das erstmal durch die Bank seine Marxist Studies UND Rock Studies und Women Studies absolviert und auch noch Schreiben gelernt hat, sondern man arbeitete mit allem, was da und willens war.

4.

Vielfach wird, speziell von Leuten, die mit der Musikindustrie und der professionellen Seite von Popmusik wenig zu tun haben, der Anspruch oder die Interpretation vorgebracht, bestimmte „radikale“ oder „subjektivistische“ Schreibweisen hätten etwas oder sollten etwas zu tun haben mit dem Gegenstand der Beschreibung, Musik. Verbietet oder verhindert Musik, deiner Meinung nach, bestimmte tote, geregelte, und damit auch „korrekte“ Schreibweisen?

Finde ich nicht. Du schreibst ja auch korrekt. Ich lese auch gerne konventionell geschriebene Sachen, die mir einfach etwas mitteilen, was ich wissen muß. Nur „richtigen“ Journalismus und Zeitgeist-Journalismus UND ewig jungen New Journalism finde ich richtig tot. Allerdings ging es in meinen Texten, die ich gut fand, nie um den Gegenstand der Beschreibung, Musik, sondern sie waren der Gegenstand der Beschreibung, Musik. Es ging um die üblichen Sachen, über die man auch Songs schreibt, und darum, sich nach peinlichen Reinfällen aus der Affäre zu ziehen, und das irgendwie deutlich durchschimmern zu lassen. Teilweise waren sie auch Rätsel oder Briefe, die für bestimmte Personen (auch imaginäre) bestimmt waren, es ist z. B. nur einem seltsamen Leserbriefschreiber aufgefallen, daß ich oft Märchenmotive zitiere, wie in dem Scientists-Artikel – zwei Brüder, die ihre Messer in den Baum schlagen: Wenn eines verrostet, geht es dem dadurch vertretenen Bruder schlecht. Ich hab das nur kurz dazwischengepfuscht, ein Mensch hat es erkannt.

5.

Junge Leute, die Texte aus den frühen 80ern lesen, wundern sich nicht nur über die Direktheit und Radikalität von Texten wie etwa deinen, sondern oft auch über das „inkorrekte“, pauschalisierende und wenig selbstreflexive Vokabular. Intensität an sich ist für sie nicht unbedingt ein Wert, wenn sie mit großangelegten, literarischen und alltagssprachlichen Verallgemeinerungen erkauft sind. Wir hätten sicher damals deren Erkenntniswert verteidigen können, die Überlegenheit der „Unmittelbarkeit“ bestimmter Ausdrücke über eine verlangsamende, reflektorische Rhetorik, die schließlich meist auch nichts anderes als eine Rhetorik ist. Heute fragt sich natürlich auch, ob man nicht für die Anbetung der Lebendigkeit einen zu hohen Preis gezahlt hat: Adaptionsmöglichkeiten und parasitäre Aneingnungen nicht nur für Zeitgeist- und Prinz-Presse, sondern vor allem auch krisenhafter Verlust der Beweggründe, aufgrund derer man eines Tages angetreten war? Oder auch: Wer von der Spex-Gründergeneration kann heute noch sagen, warum das Blatt gegründet wurde?

Was hat denn „selbstreflexiv“ zu heißen in einem Song z. B? Man muß die Textarten ja auch auseinanderhalten; die Leute wollen das, was ich gemacht habe, ja hartnäckig als „Journalismus“ verstehen, wodurch ihnen gewisse im Genre vorgeschriebene Elemente dann fehlen. Es ist aber wenn schon „Rockschreiberei“, im Gegensatz zu „Rockjournalismus/Musikjournalismus“. Man bewegt sich schließlich in einer Welt, die auch von an den Haaren herbeigezogenen Konflikten und Phantastereien lebt; erzähl den Leuten von philosophischen Konflikten zwischen Mods und Rockers oder jahrzehntelangen Kontroversen über irgendwelchen Elfenzauber bei Led Zeppelin … Atheisten, die sich mit Soul und Country über Gott zusäuseln lassen – dazu kann man ewige Wahrheiten der Selbstreflexivität leuchten lassen, oder man kann wilde Behauptungen aufstellen. Ich glaube, ich habe irgendwann zu beweisen angeboten, daß Punk direkter mit Soul verwandt ist als mit Metal, und glaube, das könnte ich auch (via MC5, Detroit); das Gegenteil ist von der Geschichte bewiesen worden (via Kiss, SST). Bei beiden Auslegungen läßt man einfach was weg/geht einfach davon aus, was einen als Kind geprägt hat, und schon stimmt’s. Beim Musikjournalismus spielt Kindlichkeit und Sentimentalität keine so große Rolle, bei Rockschreiberei eine entscheidende. Was daran kann korrekt sein? Die Selbstreflexivität scheint in dem Rahmen immer mal wieder auf auch als Stilmittel (der Musiker), aber … Magersucht ist eine feine Sache, aber ohne die Musik der Carpenters hätte es sie nie gegeben. Eine Frage war auch, das Problem der Distanz zum Thema/zu sich zu lösen, ohne immer wieder niederzuschreiben, daß man natürlich nicht so dumm ist, alles 1 zu 1 zu glauben; reine Ironie wäre auch impertinent – mir gelingt Distanz jedenfalls besser mit Seltsamkeit als mit Sachlichkeit.

Zur literarischen Verallgemeinerung: Es genau sagen, wäre eine schöne Sache gewesen, aber können vor Lachen. Sicher erinnerst du dich gerne an die schönen Stunden, in denen du mir versucht hast, die Synkope zu erklären. Im letzten Jahr ist mir erst bewußt geworden, ein wie wichtiger Teil des Lebens junger (diverser) Leute sich „in der Akademie“ abspielt, sei’s in der tatsächlichen oder einer gleichnamigen unsichtbaren Instanz, von der ich weit entfernt war. Ich KANN Dinge nicht genau ausdrücken; wissenschaftliches Arbeiten (oder journalistische Sorgfalt) sind keine Eigenschaften, die jedem halbwegs intelligenten Menschen angeboren sind.

Zur parasitären Aneigung von Lebendigkeit und so: Natürlich bezahlt man den Preis NICHT. Irgendwo sitzt immer einer, der, egal, was man erzählt, am Ende nur „Lucilectric“ versteht und weiterverkauft. Man ist auch nicht daran schuld, wenn die Zeitgeistpresse ihre Version von „Lebendigkeit“ nebenher entwickelt, die immer eine karrieristische und viel apodiktischere Lebendigkeit ist, die gleichzeitig noch mit ihrer für alle Haushalte tauglichen Schreibräson den Leser in diese Welt reinknechtet. Diese saublöde Arroganz, zu glauben, nur weil man eine Sprache gefunden hat, die gut klebenbleibt, hätte man irgendwas mitgeteilt, Geschichte mitgeschrieben, sich provokant eingemischt und nachdenklich gemacht in respektabler Auflage. Das geht eben nie ohne die Kompetenzrhetorik, die zu vermeiden ich jedes noch so an den Haaren herbeigezogene Stilmittel angewandt hätte. (Ich bin sozusagen nie bereit gewesen, Regierungsverantwortung mitzutragen.) Ich glaube, das ist uns allen auf die Nerven gegangen, was nicht heißen muß, daß wir in den Tonfall nicht auch verfallen konnten und es im Moment verstärkt wieder tun.

Übrigens haben wir uns natürlich auch die Lebendigkeit anderer parasitär angeeignet, sie entweder zurückhaltend eher neutral beurteilt oder aufgegriffen und völlig verändert und unseren Zwecken angepaßt.

Krisenhafter Verlust der Beweggründe: Wieso ist es krisenhaft; wenn die Beweggründe weg sind, hat sich die Sache erledigt. Krisenhaft wird es erst, wenn man nicht aufhören darf.

6.

Allen Schreibentscheidungen dramatischer Art, allem Bestehen auf einen bestimmten Ton, bestimmte Formulierung etc., die sowohl Spex allgemein als auch du im Besonderen immer vertreten hast, liegt ein Wahrheitsanspruch zugrunde. Könntest du den für dich beschreiben?

Nein. Im Leben oder jetzt hier lege ich z. B. auf den Ton weniger Wert, ich wiederhole oder verhaspele mich oft, was aber egal ist. Eins: Ich liebe Menschen, die schnell reden ohne nachzudenken (äh – mit Einschränkungen), weil es mir leichter fällt, aus einem Schwall Unsinn interessante Anknüpfpunkte herauszufiltern, als aus überlegten, aber schwer zu Boden sinkenden Statements, nach denen mein Gegenüber mich tief ansieht und mir nur „aha“ einfällt. Beim Schreiben finde ich es katastrophal, wenn man sich die interessanten Bits aus einem Wust von „erstmal alles hinschreiben“ rauspicken muß – sowas wie hier würde ich hoffentlich nie als Artikel abgeben. Der Wahrheitsanspruch war, eine Person abzubilden, die über etwas spricht, oder eine Person, die von Bedeutungen heimgesucht wird, die sie sich erklären will (was man nicht selber weiß, das muß man sich erklären, à la Tegtmeier), also mich. Nicht zu verstehen und nicht verstanden zu werden, obwohl man alles, was man dazu braucht, vor sich auf dem Tisch liegen hat. Was ist die Wahrheit in den Pasadenas und ihrem Motown-Tribute? Ich sitze und sehe MTV, und diese Menschen geben mir wahnsinnige Signale; eigentlich sind es nur ein paar Yellow Niggers mit Zoot-Suit-Frisuren zu Ramones-Lederjacken und Levis 501s die 1995 sich so im Fernsehen der Community (gibt es die) darbieten, der Song ist auch scheiße – was bedeutet das? Daß die einfach schlecht und egal sind? Die Wahrheit ist z. B., Metaphern als Wirklichkeit zu betrachten, als würden sie tatsächlich vor einem paradieren wie die wahnsinnigen Pasadenas etwa. Man könnte auch sagen Psychose oder was weiß ich. Noch Anfang der Achtziger gab es, glaube ich, die Tendenz, Mythen auseinanderzunehmen, was nicht unbedingt mein Ansatz war; mir waren solche Konstruktionen ganz recht, weil ich mich sonst vielleicht gar nicht hätte aufraffen können, mich für irgendwas zu interessieren. Außerdem gehe ich davon aus, daß sie sowieso immer schon aufgelöst sind. Die anderen Schreibentscheidungen sind wie bei jedem Schreiber wahrscheinlich – man hat instinktiv den Eindruck, es würde sich gut anhören. Es gibt Sprachen, die ich sehr schön finde, u. a. sogar Theoriegewäsch, und Sachen, die ich unerträglich finde, so ein gewisser süffisanter, schmeckleckerischer Literaten-Humor, oder wenn jemand sich seiner eigenen Sprachgewalt dermaßen voll bewußt ist, daß einem die sinn- und sachverwandten Wörter nur so um die Ohren geschlagen werden. Ich weiß nicht warum, aber gewisse konventionelle Sprachregeln wie die „Daß“-Regel sind mir wahnsinnig wichtig, und daß man jetzt „Alptraum“ schreiben darf, gefällt mir auch nicht. Über andere kann ich mich hinwegsetzen.

7.

Wenn dieser Wahrheitsanspruch (mehr oder weniger unausgesprochen) davon ausgeht, daß man immer nur dort konventionalisierte Sprachregelungen überwinden kann, wo man selbst organisiert ist, verlangt er von Schreibern, daß sie auf ganz anderen Gebieten Fähigkeiten entwickeln, die den Zuständen und Intensitätsgraden, die diese meist mit ihrem emphatischen Wahrheitsanspruch verbinden, entgegengesetzt sind. Wie beurteilst du dieses Paradox bezogen auf deine Geschichte mit der Spex, die sich ja zumindest zu Beginn immer viel auf ihre Selbstorganisation eingebildet hat?

Ich finde es immer gut, auf anderen Gebieten Fähigkeiten zu entwickeln, das ist ein Selbstzweck, allein schon, weil man nie wissen kann, welche blitzartigen Erkenntnisse einem beim Tütenkleben kommen. Diese Existenz funktioniert nach dem Prinzip Kreuzworträtsel, daß man sich reiches Stichwortwissen auf diversen Gebieten (Postleitzahlen, Adressen wie „Am dicken Busch“ kennenlernen) sammelt, ohne richtig zu wissen, was Sache ist. Außerdem kennt jeder das angenehme Gefühl, Sachen nicht beurteilen, sondern einfach nur machen zu müssen. Auch in der Hinsicht war „die Organisation“ teilweise Selbstzweck, wo man einen momentanen Mangel an Genie durch Einsatz ausgleichen konnte. Prinzipiell finde ich das „Delegieren“ sinnvoller, aber an wen, wenn keiner dafür bezahlt wird? Als der Apparat noch kleiner war, waren die gegenseitigen Bezichtigungsmöglichkeiten wegen Versäumnissen auch beschränkter, mit der Unfähigkeit Einzelner auf bestimmten Gebieten mußte man sich halt abfinden und es selber machen. Seit wir immer mehr organisieren, ist der Laden nur teurer, nicht effizienter geworden, weil mehr Leute genausoviel Mehrarbeit mitbringen, wie sie schaffen, das ist wohl klar. Dafür haben wir halt tausende Charts, Buchservice etc., was früher nicht zu leisten war. Das Selbstorganisieren ist ja nur eine Notverordnung dagegen, daß man nicht für Leute im eigenen Laden auf einen anderen Ton umschalten muß, weil sie in anderen Sphären tätig sind, daß man den Sprach- und Werteschwund zwischen den verschiedenen Etappen der Produktion gering hält. Daß man nicht jeden Nebensatz einem juristischen Berater vorlegen muß. Repräsentieren finde ich noch schlimmer als Organisieren; morgens mal um zehn da sein, tausche ich jederzeit gegen ein angsteinflößendes Essen bei der Plattenfirma, weil da genau mein Kommunikationsdings und meine Wahrheitswelt ihre Grenzen haben. Und schließlich: Die Selbstorganisation läuft meistens irgendwann darauf raus, daß DER ERFOLG EINEM RECHT GIBT, bzw. dieses Credo immer unausgesprochen irgendwo an der Wand steht, daß der gut Organisierte immer mehr recht hat als der Schusselige, was natürlich nicht stimmt, er nervt vielleicht weniger. Es ist halt wie bei linken Gruppen, wo die meisten Menschen auch mit der Gut-Organisiertheit nachhaltiger zu beeindrucken sind als mit jedem Programm, da die gute Organisation sich selbst erklärt.

8.

Eine andere These geht davon aus, daß man einen solchen Schreibanspruch nur aufrecht erhalten kann, wenn man die publizistischen Orte, an denen man spricht, und die Subjektpositionen, von denen aus man spricht, ständig wechselt. Was hältst du davon und was bedeutet dir deine Übersetzertätigkeit in diesem Zusammenhang?

Zurück zu den toten, geregelten Schreibweisen, extreme Sicherheit, vor allem Arbeit und Konzentration statt körperlich und seelisch sehr anstrengenden Ekstase-Produkten. Außerdem mache ich zum ersten Mal etwas, was ich kann, was einer konventionellen Ausbildung, nach der ich meine ästhetischen Entscheidungen nachvollziehbar rechtfertigen kann, am nächsten kommt, das ist ganz was Neues, Friedvolles, auch körperlich ein völlig anderer Zustand. Meine Arbeit und mein Leben sind trennbarer, wenn in meinem Leben unkorrekte Entscheidungen fallen, können die Entscheidungen bei der Arbeit immer noch richtig bleiben. Rockbücher übersetze ich ungern wg. langweiliger Ghostwriter, trotzdem machen mir journalistische, essayistische Bla-bla Spaß, weil ich das, was ich nicht kann (ordentliche Struktur reinbringen, Gedanken haben und ordnen etc.) von anderen erledigt habe, und nur an meinen eigenen gelungenen Formulierungen rumfitzeln kann. Ich lerne vor mich hin beim Arbeiten, das ist auch wichtig, weil ich immer lieber was lernen wollte (ohne bestimmtes Ziel, nur so, vorbeigondelnde Informationen über dies und das im Inneren bewahren für irgendwann), als mich öffentlich dauernd in alle möglichen Sachen einschalten zu müssen, wie es der Spex-Job mit sich brachte bzw. „Journalismus“ nunmal ist. Es ist dein Beruf, Ahnung zu haben und Meinung zu bilden, auch wenn du gerade auf beidem extrem schwach besetzt bist. Wie Menschen von sowas leben können, ist mir eigentlich ein Rätsel. Ich würde sagen, ich habe einfach aufgehört zu sprechen, denn was jetzt noch zu sagen wäre, geht nur mich und den lieben Gott an. Dadurch habe ich z. B. die Freiheit, mit allen möglichen Arschlöchern gut auskommen zu können, das nervt mit der Zeit auch sehr, aber es ist in meinem Leben so ein neuer Zustand und macht irgendwie Freude. Daß ich gelegentlich so gerne in der Kneipe arbeite, wie früher (wo ich ja eigentlich herkomme), hat ähnliche Gründe. Ich möchte einmal funktionieren, wenn auch auf meine komische Art. Ich nehme an, das ist eine perverse Ambition, aber ich kann es nicht helfen. Eigentlich faszinieren mich alle konventionellen, richtigen Sachen, gekocht wird nur nach Rezept und so.

9.

Wenn dir das Schreiben von der Autorenposition aus keinen Spaß mehr macht, warum ist das so, und wie könnte es stattdessen sein?

Aus welcher Position sollte ich denn sonst schreiben (keine rhetorische Frage)? Ich kann nur schreiben, wenn ich gezwungen dazu bin, durch irgendeine Verpflichtung/ein Thema. Wenn man etwas Journalistisches von mir will, kommt ein gepeinigter, verschlungener kleiner Roman raus, wer braucht das heute noch, wenn er einen Artikel angefordert hat. Wenn ich was Schöngeistiges schreiben will, entstehen kleine Glossen im Stil von Ephraim Kishon, die so grauenvoll sind, daß niemand sie braucht, ich am wenigsten. Wenn ich könnte, würde ich sie unter Pseudonym an Frauenzeitschriften verkaufen und mich an ihrer Scheußlichkeit weiden – oder vielleicht auch eher nicht. Ich sterbe beim Schreiben jedesmal vor Angst, ich könnte verrückt werden beim bloßen Ordnen von Sätzen, darum brauche ich es, daß sie sich von außen, durch irgendwelche Zwänge und Zufälle, selber ordnen. Wenn es die nicht gibt, raste ich völlig aus, wem macht sowas Spaß? Ich habe Leute nie verstanden, die „was mit Schreiben“ machen wollten, als Beruf, weil ihnen mal irgendein die Kreativität bedingungslos für fördernswert haltender Hauptschullehrer gesagt hat, sie hätten einen flotten Stil, oder weil ihre Eltern, deren Einfallsreichtum für Postkarten nicht reicht, sie für begabt halten. Man hat mir auch mal gesagt, ich könne malen. Erstens kann ich’s nicht, und zweitens: was?

Wie es sein könnte – man könnte mir z. B. irrsinnig viel Geld für alles geben, was ich schreibe. Geld zieht mehr als Ochsen. Wenn man sich beim Schreiben sagen könnte: noch ein Seitchen, dann gibt es neuntausend Mark … andererseits mußte ich das letzte und einzige mir jemals gemachte Angebot, das etwas Geld versprach, ablehnen. Für den Spiegel, zu dem herrlichen Thema „Neue Frauen im Rock – wer wird die nächste Madonna?“

10.

Verstehst du denn deinen Stil der 80er Jahre auch als zeitspezifisches Phänomen, für das sich die Begleitumstände verschlechtert haben? Wenn ja, in welcher Hinsicht?

Ja. Einerseits, weil ich mich selbst verändert habe. Früher habe ich manchmal in der Redaktion geschlafen und mir dann eingebildet, daß die Zeitung mit mir spricht, und heute unterhalte ich mich nicht mehr mit Sachen, die keinen Mund haben. Was ich selbst schreibe, interessiert mich nicht mehr. Früher haben mich Fakten gereizt, heute erkenne ich die Schönheit, die in ihnen liegen kann. Die inspirierten, ruhig aufgebauten Artikel, in denen sie sich schön sortiert wiederfinden, bin ich nicht in der Lage zu schreiben (für wenig Geld), ich lese sie lieber. Andererseits: Die oben angesprochene Kompetenzsprache ist immer die offizielle Sprache des Musikjournalismus gewesen, mittlerweile kann ich mich damit sogar anfreunden, das läßt sich unter „Service“ verbuchen, die Leute können erwarten, daß man so tut, als wüßte man, wovon man redet. Man mußte damals da raus, weil es wirklich nicht mehr zu ertragen war, aber das ist keine Berufung für die Ewigkeit. Ich habe für Spex angefangen zu schreiben, und es war eigentlich immer klar, daß es danach vorbei ist, daß ich lieber bei McDonald’s arbeiten gehe, als mich irgendwo bei Prinz oder bei Musikexpress usw. unterzubringen, oder bei einer Indie-Plattenfirma Zettel schreiben, wie der vermeintlich logische Schritt gewesen wäre, wegen des „Wissens“, das ich mir erworben habe – diese Art Folgerichtigkeit habe ich nie gesehen. Und bei Spex gibt es mittlerweile genug Leute, die so schreiben wie ich. Natürlich nicht genau so über genau das, aber doch, wenn man alle zusammenschmeißt, genug, um es für mich unklar zu machen, wo ich da noch unverzichtbar wäre, was mein Thema ist, das sonst verloren ginge. Außerdem war Schreiben das Medium, was am billigsten zu haben war. Jedes teurere, neuere Medium interessiert mich mehr, erstens einfach so, zweitens weil da die größte Scheiße produziert wird, das ganze Flair von „Aufgewecktheit“ und „Pfiffigkeit“ und vor allem Geschäftstüchtigkeit, Eigenbrödler als Unternehmer, das Hobby zum Beruf machen usw., Vortäuschung von Kompetenz, Vortäuschung von unverbildeter Frische/Naivität, Inkaufnahme schäbiger Kitschideologie in einem Paket mit technischer Innovation – nur vom Härtesten, Besten. Dafür bin ich eben zu schwach und zu kenntnislos.

Ein weiterer Grund, nie wieder zu schreiben, sind öde Fans, die mich lieben, weil sie sich bei mir nicht von irgendwelchem philosophischen oder Politscheiß behelligt fühlen, meine unverblümte, correctness-freie Sprache schätzen und die Tatsache, daß ich nicht dauernd „verortet“ oder sowas schreibe, zum Anlaß nehmen, sich selbst dafür auf die Schulter zu klopfen, daß sie sich ihre schöne kleine 80er- (70er-, 60er-, 50er-) Jahre-Welt nicht zerreden lassen – ich weiß nicht, warum ich sie nicht schlage, wenn sie mir an den unmöglichsten Orten und bei unpassenden Gelegenheiten ihre Zuneigung gestehen. (Achtung: Das gilt nicht für den Mann, der meinen GG-Allin-Artikel mochte, natürlich auch nicht für meine Freunde, die müssen meine Artikel ja gut finden.) Natürlich picken die Leute sich immer genau das raus, was sie haben wollen, darin sind die Hunde clever. Früher hat es mich oft verblüfft, wie felsenfest manche Menschen davon überzeugt waren, sie könnten mir z. B. mit Schmähungen von Kollegen eine Freude machen, weil sie glaubten, ich müßte zu denen in bitterster Konkurrenz stehen, deren Schreibstil oder Stil ganz allgemein ich aber im Gegenteil schätzte.