Liebe, anders als im Kino

Zu den vielen Vorzügen des Regisseurs Eric Rohmer, die auch dadurch nicht weniger werden, daß er heute einem immer größeren Publikum bekannt geworden ist, zählt die Sicherheit, mit der er das Neue als neu erkennt (und wenn es, wie bei Reinette und Mirabelle die Neuheit ist, daß es DAS LAND noch gibt). Er kann die einfachsten, immergültigen Komödien- und Tragödienstoffe aufgreifen, doch er führt sie immer auf die allerneuesten Lebensgrundlagen zurück. In Der Freund meiner Freundin ist es das neue Paris, das überall rund um Paris entsteht, eine aus Einkaufspassagen, postmodernen sauberen Apartmentkomplexen bestehende, helle, lichte Welt, in der man entweder als Ingenieur die staatliche Stromversorgung kontrolliert, im Kulturdezernat schon mit 24 mittlerer Beamter ist und ansonsten viel, viel Sport treibt, Windsurfen, Schwimmen, Tennis. Nach Paris geht es nicht zu Ausstellung, Konzert oder Theater, sondern zum Tennis-Grand-Prix (Aufschlag: Lendl). Hin und wieder eine Gartenparty, ohne Tanz, sondern mit Buffet und kultivierter Unterhaltung; bei wem? „Bei Freunden von Freunden.“

Das Vier-Personen-Stück handelt von der Bewertung/Hierarchie von „Freundschaft“ und „Liebe“, so wie sie als Hilfskategorien in den Köpfen herumgeistern. Ab wieviel Freundschaft ist Freundschaft Liebe? Darf man wg. Liebe Freundschaft verraten? Zwei Paare, die nicht zusammen passen, aber ihr Nicht-Zusammenpassen als die Distanz, das Nicht-Verstehen definieren, das sie für Voraussetzung von Liebe halten. Dann die mit den gemeinsamen Interessen, die auch gerne miteinander schlafen, sich so nahe sind, so gut verstehen, aber das GUT-Verstehen nun mal in ihrem Beziehungsvertrag als Freundschaft definiert haben und seinen qualitativen Umschlag in das, was sie als „Liebe“ akzeptieren würden, nicht als bloß qualitative Steigerung des Verstehens gelten lassen. Schließlich wollen unreife, vielschichtige, sensible Mädchen gerne muskulös-strahlende Traummänner und unreife, sensible, vielschichtige Jungs kokette, kleine Monster (die Sorte, die bei Rohmer sonst immer bestraft wird).

Soweit ein paar ewige Probleme der Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft. Diese Vorgänge aber von den allerneusten Exemplaren moderner, selbständiger junger Mittelstandsbürger vor der Kulisse allerneuster Mittelstandsarchitektur durchführen zu lassen (also in einer Welt, die für diejenigen, die da leben dürfen/wollen, wie verwirklichte Utopie sich anfühlt), ist aus zwei Gründen sehr viel mehr als das klare Analysieren von Psychopolitik. Rohmer gibt diesen neuen Menschen eine Seele. Sie, die nicht die geringste Chance haben von irgendeiner Weltanschauung romantisiert zu werden, die fast schon als Karikaturen und statistisch festgelegte neue Typen geboren sind, sind feine, verstehende Menschen. Und Rohmer weist nach, daß diese neuen sozialen Voraussetzungen auch die objektiven Vorgänge bei der sogenannten Liebe verändern. In einer Welt, in der Frauen dasselbe leisten wie Männer und dafür genauso viel Geld und Prestige erhalten, fällt die Notwendigkeit der alten Koketterie, der alten Unverständlichkeit der Frau, wie auch das alte Balzen des Mannes weg. Ein Paar, das die gleichen Interessen hat, entwickelt die feinere, höher entwickeltere und spannungsreichere Kommunikation als dasjenige, das sich Mann und Frau und Verführung vorspielt, nur hat das erste Paar noch keine Begriffe für das, was mit ihm vorgeht. Sie fühlen sich so wohl und so gut und weinen vor Freude, aber nach allem, was man aus Kino und Literatur weiß, kann das doch unmöglich Liebe sein.