Liebe Hamburgerinnen

Liebe Hamburgerinnen,

Ihr Kolumnist geruhte also, seine Ferien jenseits des großen Ozeans, im Lande unserer mächtigen Verbündeten zu verbringen, und was soll er sagen, jetzt, da er eine geschlagene Woche schon wieder unter den Hiesigen wandelt? Hamburg ist ja so viel besser als New York, inzwischen jedenfalls.

Natürlich, natürlich, dieses leere, flache, zersiedelte, reiche, nordeuropäische, oftmals und aufdringlich oft aufs Widerwärtigste suburbane Gebilde, in dem wir leben, ist genau das, was man in New York durch das Nichtbesuchen des Stadtteils Queens zu umgehen versucht; das langweilige Gegenteil von Manhattan nämlich. Jedoch! Mit häufigem Aufsuchen fällt einem weniger mehr das Trennende denn das Verbindende auf. Ist nicht die Third Avenue, downtown, nichts anderes als Eimsbüttels Prachtavenue, die Osterstraße? Und zwar an einem ewigen, ewig leicht beschwingten verkaufsoffenen Samstag? Mit einem kleinen Rattenschwanz von Reeperbahn unten am St. Marks Place? Ist die Second Avenue noch von der Schanzenstraße zu unterscheiden?

Gleichwie. Die Avantgarde der Hamburger Gastronomie beginnt jedenfalls jetzt, beste Sitten amerikanischer Bars zu übernehmen. Sekt mit Eis, Bier mit Eis in kleinen Gläsern, die für jedes Getränk gleich aussehen. In Amerika gibt es diese Hierarchie der Speisen nicht, noch die der Getränke, kein Unterschied zwischen Digestivum und Aperitif, noch zwischen Vorspeise, Hamburger, Hamburger, Nachspeise, Bier, Hamburger und Hamburger, alles gleichberechtigt demokratisch aufgereiht in diesem großen verkaufsoffenen Land. Und nun krieg’ ich endlich auch in Hamburg dieses angenehm verwässerte Eisbier.

Und überhaupt: Ist schon mal jemandem aufgefallen, daß die Schöne-Mädchen-pro-Kopf-der-Bevölkerungsrate in Hamburg ungefähr den zehnfachen Wert von New York erreicht? Woran mag das liegen? Sollten nicht in Acht und Bann getane Vererbungslehren am Ende recht behalten haben? Ist es einfach ungesund für ein Gesicht, eine polnisch-puertoricanisch-schwedisch-libysche Mischung zu sein? Ist es gesund für den Teint, in der zehnten Generation aus Hamburg zu stammen? Macht das ewige Melting in dem ewigen Melting Pot häßlich?

Gleichwie: New York ist wie Berlin vor allem Auffanglager Friedberg für gelangweilte Langweiler aus der amerikanischen Provinz. Hamburg erfreut sich dagegen einer allem Tun und Treiben, Handeln und Wandeln innewohnenden Kontinuität und Historizität.

Mit diesen Worten hoffe ich, meiner patriotischen Pflicht genüge getan zu haben, und verbleibe hochachtungsvoll, Ihr

Diedrich Diederichsen