Leute, die längst in den gemachtesten unter den Betten schlafen, pflegten in Spex und anderen Lieblingszeitschriften gerne mit dem Schimpfwort „sozialdemokratisch“ nicht nur ihren eigenen Linksradikalismus unter Beweis zu stellen, sondern auch jede Form praktischer Politik als unerträgliche Zumutung für eine einigermaßen elegante salonbolschewistische Existenz von sich zu weisen. Der Autor dieser Zeilen schließt sich selbst da durchaus ein, diese Art der Zurückweisung von Verantwortung und anderen ideologischen Mach-mit!-Anrufungen hatte ja auch etwas Richtiges. Aber auch etwas Debiles. So wurde – vor allem in den unpolitischeren Jahren – jeder noch so abgedrehte Linksradikalismus in Spex zur heiligen Kuh, jede pragmatische Politik blieb unbekannt bis undiskutabel. Diesem „falschen“ Linksradikalismus kam tendenziell eher die Funktion zu, einen eigentlich politikfreien Raum als einen ganz besonders unbestechlich politischen zu kennzeichnen und so unangreifbar zu machen – d. h. an der Flanke unangreifbar, an der er naturgemäß am verwundbarsten war. Darin trifft er sich mit heute weitverbreiteten Positionen aus dem politischen Linksradikalismus, während Spex (und die sogenannte Pop-Linke) an vielen Stellen durchaus pragmatischer geworden ist.
Jeder kennt linksradikale Theorien, die alle Fehler der Welt auf ein – meist tatsächlich gravierendes – Element der marxistischen Gesellschaftstheorie beziehen. Aber Marx ist auch nicht total und widerspruchsfrei genug, um für einen solchen Monismus herhalten zu können. Deswegen müssen solche Theorien auch immer im Namen des frühen gegen den späten Marx argumentieren oder umgekehrt oder im Namen des Marx vom 18.4.1856. Dieses eine Element – das Wertgesetz z. B. – bestimmt monokausal alles wenigstens in letzter Instanz und enthebt einen so von jeder Dringlichkeit politischen Handelns, solange diese fundamentale Grundtatsache nicht aus der Welt geschafft ist. Oder bis der Tag der letzten Instanz gekommen ist. (Aber die heißt eben letzte Instanz, weil sie als letzte kommt.)
Das eigentliche Problem des politikunfähigen Linksradikalismus ist meist ein logischer Fehler. Von der Tatsache, daß man sich Gesellschaft oder ihre begrifflichen Äquivalente total, aber synchronisch anschaut und die logische Zwangsläufigkeit ihrer Falschheit quasi als Struktur erkennt und deren Geschichte teleologisch auf den jeweiligen Gegenwartsbefund zulaufen läßt, kommt man zu der Erkenntnis von der Unmöglichkeit der Intervention. Man kann ja sehen, daß alle stattgefundenen Interventionen die Struktur des Gegebenen erst ausgemacht haben, die wiederum total ist. Im Gegebenen kann man natürlich die Interventionen aus der Vergangenheit nie als solche erkennen, sondern nur ihr Determiniertes/Determinierendes, ihre Struktur, nicht ihre Dynamik, nicht ihre Kontingenz, die zu einer anderen Wirklichkeit vom Standpunkt der seinerzeit Intervenierenden aus geführt hat. Das ist zwar auch keine ganz neue Erkenntnis, aber eine, die man nicht oft genug wiederholen kann: Man kann nur – in einem wirklich politischen Sinne – linksradikal sein, wenn man auch gleichzeitig „sozialdemokratisch“, also realpolitisch und pragmatisch ist. Man kann nur einen Standpunkt von außen einnehmen, wenn man sich dabei zuschaut, wie man nämlich genau das von Innen aus tut. Und: il faut être absolument anti-raciste et antisexiste in 1999.