Leute, die längst in den gemachtesten unter den Betten schlafen, pflegten in Spex gerne mit dem Schimpfwort „sozialdemokratisch“ nicht nur ihren eigenen Linksradikalismus unter Beweis zu stellen, sondern auch jede Form praktischer Politik als unerträgliche Zumutung für eine einigermaßen elegante salonbolschewistische Existenz von sich zu weisen. Der Autor dieser Zeilen schließt sich selbst da durchaus ein; diese Art der Zurückweisung von Verantwortung hatte ja auch durchaus etwas Richtiges. Aber auch etwas Debiles. So wurde – vor allem in den unpolitischeren Jahren – jeder Linksradikalismus in Spex zur heiligen Kuh, jede pragmatische Politik blieb unbekannt bis undiskutabel. Diesem „falschen“ Linksradikalismus kam tendentiell eher die Funktion zu, einen politikfreien Raum politisch unangreifbar zu machen. Darin trifft er sich mit heute weit verbreiteten Positionen. Das eigentliche Problem des politikunfähigen Linksradikalismus ist meist ein logischer Fehler. Aus der Tatsache, daß man sich Gesellschaft oder ihre begrifflichen Äquivalente total, aber synchronisch anschaut und die logische Zwangsläufigkeit ihrer Falschheit quasi als Struktur erkennt und deren Geschichte teleologisch auf den jeweiligen Gegenwartsbefund zulaufen läßt, kommt man zu der Erkenntnis von der Unmöglichkeit der Intervention. Die Korrektur dieses Fehlers ist auch keine ganz neue Erkenntnis, aber eine, die man nicht oft genug wiederholen kann: Man kann nur in einem wirklich politischen Sinne linksradikal sein, wenn man auch gleichzeitig „sozialdemokratisch“, zu deutsch „realpolitisch, pragmatisch“ ist. Man kann nur einen Standpunkt von außen einnehmen, wenn man sich dabei zuschaut, wie man nämlich genau das von innen aus tut. Und: il faut être absolument antiraciste et anti-sexiste in 1997.