Lounge Lizards

„Here is a man, who stood up against the scum.“ Travis Bickle fährt nachts Taxi. Dampf steigt aus den Gullis und eine Saxophonmelodie untermalt die Einsamkeit des Taxi-Drivers. Wohl einer der besten Soundtracks, die es im Kino je gegeben hat. Denkt man, als ungebildeter Europäer. Bis einem die Lounge Lizards von all den wunderbaren B-Film-Komponisten erzählen, von den Geheimagentenmelodien und besonders von Earle Hagen, dessen „Harlem Nocturne“ das beliebteste Stück auf der LP der Lounge Lizards geworden ist.

„Harlem Nocturne“ in der Interpretation der Lounge Lizards mit einem ausnahmsweise etwas zurückhaltenden Arto Lindsay an der Gitarre und einer überaus einfühlsamen, passend nächtlichen Orgel von Evan Lurie hinter dem sonoren mit R&B-Ansatz gespieltem Saxophon John Luries ist das beste Stück Film-Noir-Musik, das ich kenne. Paßt zu solch unvergänglichen Meisterwerken wie Tay Garnetts The Postman Always Rings Twice von 1946 oder Edgar G. Ulmers Umleitung. Aber dies ist nur ein Aspekt des Lounge-Lizards-Stils.

Vor zwei Jahren gründeten die Freunde John Lurie (Saxophon) und Steve Piccolo (Baß) mit Johns Bruder Evan (Keyboards) die Band zunächst, um Soundtracks für John Luries No-Wave-Filme zu produzieren. Zwar waren die Gebrüder Lurie einigermaßen ausgebildete Musiker, aber Bassist Piccolo hatte eine vierjährige Pause seiner Spielpraxis hinter sich und der als Drummer rekrutierte Profi Anton Fier von den Feelies war auch nicht full-time verfügbar. Um so überraschender war der Erfolg ihres nach eigenen Angaben ziemlich chaotischen Debüt-Auftritts 1979. Irgendein Nerv wurde getroffen von den Männern in luftigen 40er-Jahre-Anzügen. Arto Lindsay, der berühmte Gitarrist von DNA, schloß sich der Gruppe an und steuerte die aus dem Rahmen der Jazz-Formeln fallende Gitarre bei. Und man lancierte einen Begriff für die Musik der Lounge Lizards, der vom Hip-Journalismus dankbar aufgegriffen wurde: „Fake Jazz“. Ein dummer Begriff, dachte ich zunächst. Die Lounge Lizards spielen doch richtigen Jazz. Steve Piccolo, in einem Café zu Amsterdam, wo ich die LL sah: „Das war notwendig. Die Leute fingen an, das, was wir machten, Punk-Jazz zu nennen, und das ist ja wohl nun der grauenvollste Begriff, den du dir vorstellen kannst. In Amerika ist Jazz ein Wort, das nur unangenehme Assoziationen weckt. Die Leute kennen nicht Charles Mingus, die kennen nicht mal Miles Davis, Jazz, das ist für die Louis Armstrong oder es ist dieses elitäre, energielose, akademische Zeug.“ Piccolo näselt und ist cool. Heute finde ich den Begriff nicht mehr dumm. Die Lounge Lizards benutzen Jazz, sie spielen ihn nicht. Sie entnehmen der Jazz-Geschichte musikalische Effekte, Stilmittel, zu Erkennungszeichen geronnene Tonfolgen. Sie verbinden dies mit ihren Erfahrungen über Wirkungsweisen von Filmmusik und setzen diese Bestandteile zu Kompositionen zusammen. Und diese funktionieren wie Songs, nicht wie das Thema-Improvisation-Thema-Schema des Jazz. Die Lounge Lizards galoppieren durch die Epochen: Eine vertrackte Mingus-mäßige Melodie schwappt in eine Free-Eruption, Arto Lindsay spielt wie Sonny Sharrock nie gespielt hat (und auch Blood Ulmer ist viel zu anständig, um sich so was herauszunehmen) und plötzlich ertönt ein sauberer 40er walking bass und wir sind wieder mitten in einer einsamen Gangsterjagd der schwarzen Serie, geworfen in die böse Welt grauer Häuserfronten und regennassen Asphalts. „Nach Einflüssen brauchst du mich gar nicht zu fragen. Es ist doch offensichtlich, was wir hören. Mingus, ja, McPherson ja, Monk, ja. Auch Miles Davis. Guten Jazz eben. Ganz einfach.“ John Lurie, der dies sagte und Autor fast aller Lounge-Lizards-Kompositionen ist, war bis dato durch ganz andere Leistungen hervorgetreten. Filme wie Men In Orbit waren die ersten der Super-8-Avantgarde (vgl. Sounds 11/79), und auch als Schauspieler und Filmmusiker wurde Lurie bekannt. In Jim Jarmuschs Permanent Vacation spielt er nicht nur einen Saxophonspieler, sondern ist auch der unsichtbare, über Parker-Themen improvisierende Filmmusiker, der die ziellose Wanderung des Helden durch New York begleitet. Permanent Vacation ist einer der ersten neuen New Yorker Filme, der auch in der BRD im Zuge der Berlinale in einigen Großstädten zu sehen war. Das meiste Geld aber verdiente Lurie mit seinem Auftritt im Werbespot für Gloria-Vanderbilt-Jeans, neben Debbie Harry, am Saxophon.

Ein wesentlicher Schritt in der Karriere der Lounge Lizards war die Begegnung mit Teo Macero. Macero, der in den Fünfzigern selber als Saxophonist in verschiedenen Gruppen der höheren Güteklasse in Erscheinung getreten ist, erwarb sich später einen Namen als Produzent von so epochemachenden Alben wie Bitches Brew von Miles Davis. John Lurie: „Wir haben ihm ein Tape geschickt und er war bereit. Wir wußten, daß er mit unserem Zeug umgehen konnte und er hat tatsächlich viel geholfen. Er wollte auch immer selber Saxophon spielen, aber das hätte nicht gepaßt. Wir wollten ja nur dokumentieren, was wir bis dahin gemacht hatten. Er war wichtig als eine Persönlichkeit im Studio.“ Über Earle Hagen, der das eingangs erwähnte „Harlem Nocturne“ schrieb: „Keiner kennt ihn, er ist ein verkanntes Genie. Er hat eine Menge Anfangsmelodien für Fernsehshows und Serien geschrieben. War Hauskomponist bei ABC und was weiß ich wo noch. Er ist sehr, sehr gut.“

Über Gesang: „Du weißt ja, daß wir alle noch mit anderen Bands zu tun haben. Arto ist bei DNA und hat jetzt mit denen zu tun, weswegen er hier von Dana Vlcek ersetzt wird, der wiederum mit einer Band namens Konk spielt, Anton Fier ist bei den Feelies und so weiter. Ich kann mir Gesang nur in einem ganz anderen Kontext vorstellen und will es bei anderen Bands durchaus versuchen, aber die Lounge-Lizards-Musik ist bereits so weit und übergreifend, daß es nicht passen dürfte. Bei einer festen Gruppe, die tourt, ist es sowieso unerträglich. Es macht mir nichts aus, Abend für Abend dieselben Melodien zu spielen, aber Abend für Abend dieselben Sätze. Grauenvoll!“

Amsterdam ist eine Kleinstadt und man kann ohne Mühe jedes Ziel zu Fuß erreichen. So die Lounge Lizards das „Paradiso“, betagter und traditionsreicher Hippie-Schuppen mit Hasch-Freiverkauf auf der Zwischenetage, wo sie das Vorprogramm von ausgerechnet Robert Fripps neuer Band Discipline bestreiten sollten. Nichts gegen Fripp, aber in Amsterdam war über die Hälfte der Zuschauer wohl gekommen, um „21st Century Schizoid Man“ und andere King-Crimson-Oldies zu hören. Zu fünft traben sie, Instrumente in der einen, Abendanzug zum Wechseln in der anderen Hand, näselnd und cool zum Auftritt. Nach den ersten drei Takten ruft ein erstaunter Holländer dem anderen zu: „Das ist ja Jazz!“

Die Lounge Lizards spielten ihr Programm Ton für Ton wie auf Platte und sogar der Gitarren-Krach von Dana Vlcek kam präzise, von Lindsay kaum zu unterscheiden. Es war klar, daß es hier keinen improvisierten Jazz zu hören gab, Töne, die von der aktuellen Stimmung ihres Produzenten ausgelöst wurden, sondern ein abgesprochenes, rasantes Spiel mit vorgefertigten Patterns der Jazzgeschichte und mit den Codes der Filmmusik. Jemand wie Lurie, der ein genaues Verhältnis zur musikalischen Kommentierung von Filmbildern hat, weiß um die z. T. offenen Geheimnisse der Bedeutung von Tonfolgen und Klangfarben. Daher vermißt man auch bei den Lounge Lizards nie einen Text, weil die Kompositionen wie Texte geschrieben sind, von etwas Bestimmtem reden, wie ein Song. Man kann das auch in den Titeln der Stücke angekündigt finden. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die Bilder des „Incident On South Street“ vorzustellen und in „Au Contraire Arto“ hört jeder die Argumentation, das Austauschen von zwei Standpunkten, der Fremdtitel „Harlem Nocturne“ funktioniert ähnlich, nur daß der Titel etwas weniger präzise das musikalische Geschehen beschreibt.

Mit Rocktraditionen wäre so eine sprechende Instrumentalmusik unmöglich sinnvoll. Die elektrische Gitarre hat nie in der Filmgeschichte so reiche, diffizile Bedeutungen gehabt wie Saxophon oder Streicherensembles, die elektrische Gitarre steckt noch in dem Stadium, wo codifizierte Tonfolgen nur abgedroschen wirken, Instrumentalmusik nahezu unmöglich ist.

Dana Vlcek, der den LL auf Tourneen an der Gitarre aushilft, aber von Haus aus bei Konk Saxophon spielt, studierter Chemiker und Musiker, sieht die Zukunft der LL etwas skeptisch: „Diese Geheimagentenmusik läßt sich auf die Dauer nicht interessant halten. Das basiert zu sehr auf Coolness. (…) In New York merkst du, daß es bald nur noch einen wichtigen Faktor in der Musik geben wird, und zwar Rhythmus. Bestimmte Leute sind so weit in die Zusammenhänge der Rhythmik eingedrungen, daß sie eine neue Qualität erreicht haben. Ihr Rhythmus spricht.“

Danas Erzählungen über die privaten Seiten der Lounge Lizards vertraue ich einer breiteren Öffentlichkeit lieber nicht an, aber sein Beweggrund, sich der Band anzuschließen, war vor allem, die Ehre, den Platz Arto Lindsays einnehmen zu können, den er neben Pat Place (Bush Tetras) für den wichtigsten Musiker New Yorks (und damit natürlich auch der ganzen Welt) hält. Dana scheint aber zu primär Musiker zu sein, um sich für die Medien-übergreifende Kunst der LL richtig zu begeistern.

Das Geheimnis der Lounge Lizards ist zu einfach beschrieben, wollte man es auf das geniale Arbeiten mit bedeutungstragenden Versatzstücken beschränken. Die Kompositionen sind mitnichten Collagen. Das musikalische Material des Jazz wird von den LL neu erschaffen, mit neuem Geist belebt. Dramaturgie, Abwechslung, Climax sind Begriffe für die kompositorische Vorgehensweise. Aber dazu kommen sehr klare, schlackenlose Soundvorstellungen.

Der Begriff Stil gilt ja hierzulande immer noch als Attitüde einer gewissenlosen Bourgeoisie und wird eher mit Poppern, Schickies und Opernabenden in Verbindung gebracht als mit selbständigem ästhetischem Ausdruck. Dabei haben kurioserweise gerade emanzipatorische Kunstwerke viel mit Stil gearbeitet, mit kokettem Hineinschlüpfen in Rollen, Typologien etc. Siehe Soul, siehe Reggae. Aber der deutsche Frankfurter Rundschau-Linke neigt ja eher dazu, den explizit in als „politisch“ kenntlich gemachten Begriffen und Themen redenden Linton Kwesi Johnson (nichts gegen LKJ) für emanzipatorisch zu halten als irgendeinen spielerisch jonglierenden Toaster, der sich genialisch in Anspielungen und Metapherneruptionen tummelt und suhlt. Der Stil der Lounge Lizards ist die Wiederentdeckung der schönen Einsamkeit. Einsam und selbstbewußt in der Großstadt. Aber erhobenen Hauptes. Die positive Seite der Existenzialisten- und Nouvelle-Vague-Mythologie. Aber aktualisiert auf die Situation heutiger Urbanität. Und das Beste ist, daß die Stöße der Ermutigung, die lebensbejahende Kraft nicht abreißt, weil die Musik so schön ist und sich nicht verbraucht. Gute Rockmusik hatte von jeher sehr viel mit einem solchen aus der Musik selbst sprechenden Stilbewußtsein zu tun (nicht blöde aufgesetzte Attitüden von außen), nur ist dies einer deutschen Kritik der Rockmusik entgangen. Überhaupt fehlt hierzulande jedes einigermaßen qualifizierte Denken über Rockmusik. Was die Filmkritik in den Sechzigern zum Kino zu sagen wußte, müßte doch in diesem Bereich möglich sein.

P.S.: Das Gerücht, die Lounge Lizards seien Miles Davis’ neue Begleitgruppe, ist nach eingehender Recherche verstummt.