Mario und Melvin Van Peebles: Panther

Es war der meistdiskutierte Film in den USA im vergangenen Jahr. Unreflektierte, verknappende und neuere Erkenntnisse unterschlagende Heroisierung der Black-Panther-Bewegung meinten die einen, wichtige und richtige Rehistorisierung einer militanten linksradikalen Bewegung mit den Mitteln einer Hollywood-Produktion die anderen. Welche Lesart ist die richtige?

Der Black-Panther-Boom begann spätestens 1993 durch Buch-Bestseller auch Mainstream- und Massenmedien zu erfassen: Zuerst erschienen die Memoiren von David Hilliard, dann die der schillernden Elaine Brown; die hatte einerseits die wenig bekannte, unheroische linkssozialdemokratische, teilweise recht erfolgreiche Lokalpolitik der Black Panther Party in Oakland während der Siebziger mitgestaltet, andererseits in den Sechzigern mit Horace Tapscott glühende Hymnen an die Führer der BPP auf Platte aufgenommen. Aus dem Anlaß dieser neuen Geschichtsschreibungsversionen sahen sich die anderen prominenten Überlebenden gezwungen, Beifall und Korrekturen zu spenden (wobei die Debatte zwischen Kathleen Cleaver als Teil-Verteidigerin ihres längst gaga und republikanisch gewordenen Ex-Mannes Eldridge, seinerzeit Vertreter des linksradikalen Flügels gegen Elaine Brown, die trotz aller feministischen Einwände das Andenken Huey P. Newtons – und damit des vergleichsweise realpolitischen Flügels – schützt, zu den interessanteren Streits gehörte). Aber es gab auch generelle Abrechnungen mit dem Panther-Mythos: von nach rechts oder zum Mainstream gewandten Vertretern wie Stanley Crouch, von feministischer Seite, nicht nur bei Elaine Brown, deren Kritik viele Feministinnen nicht weitgehend genug fanden; und schließlich auch von jungen linken Panther-Fans wie dem Journalisten Hugh Pearson (The Shadow Of The Panther – Huey Newton And The Price Of Black Power In America), der als Fan eine Geschichte der Panther schreiben wollte und ein verheerendes Wespennest von Machismo, verdeckten Frauenmorden und Drogenwahnsinn gefunden haben will, das in der Homogenität seiner durchweg verheerenden Funde und Befunde allerdings auch über vor allem die politischen Ziele so einer Kritik hinausschießt.

Als dann das berühmte Vater-Sohn-Gespann Van Peebles einen Panther-Film ankündigte, stellte sich eben auch die Frage, wie sie auf die vielen neuen Bewertungen der Panther-Geschichte einerseits, andererseits auf die Projektion vieler vor allem junger AfroamerikanerInnen auf die Panther als eine mögliche politische Perspektive jenseits der trüben Alternative von Million-Men-Marsch und Nationalismus versus Realpolitik und Clintonismus reagieren würden. Vater Melvin hat ja eine lange Geschichte als politischer Komiker (Brer Rabbit), Musiker, Verfasser von Opern-Libretti und Musicals, Regisseur für Film und Bühne; Sohn Mario ist als eher unpolitischer Regisseur straighter, gewaltgesättigter schwarzer Actionfilme aufgefallen (New Jack City z. B.). Melvin Van Peebles’ Film/Musical/LP Sweet Sweetback’s Baadasssss Song gilt nicht nur einem nationalistischen Soul-Journalisten wie Nelson George als das Startsignal der „Post-Soul“-Ära, also als frühestes Dokument einer desillusionierten Perspektive schwarzer Politik, die Integration ebenso wie Revolution abgeschrieben hat, sondern wurde auch von Huey P. Newton selbst ausdrücklich zum Lieblingsfilm erklärt.

Zu den größten Leistungen des Panther-Films hier gehört nun, daß er tatsächlich eine Pluralität der Perspektiven innerhalb der Bewegung zeigt und damit die vorab geäußerte Kritik aufgreift, ohne beliebig zu werden oder seinen Charakter als spannendes Action-Drama historischer Genauigkeit zu opfern. Trotz entsprechender Szenen kommt die feministische Kritik zwar noch zu kurz, auf der anderen Seite wird die unglaubliche Leistung des Zweifrontenkriegs gegen die eigene, auch seelische Verelendung, die Notwendigkeit auch einer Aufrüstung des Selbstbewußtseins, die nichts mit stumpfem Kultur-Nationalismus zu tun hat, und der militärische Kampf gegen ein zu jeder Schandtat entschlossenes FBI fair und ohne blöde Heroisierungen dargestellt. Daß Weiße dabei nur als rotgesichtige, verschwiemelte Redneck-Schweinchen vorkommen – wie in den USA verschiedentlich kritisiert –, ist ein historisch vollkommen berechtigter umgekehrter Rassismus der erfrischenderen Sorte. Wie auch der Autor dieser Zeilen bevorzugen die Van Peebles anscheinend die Lesart, daß vor allem Huey P. Newton, was für ein Privatmensch er auch immer gewesen sein mag, ein politischer Philosoph und Praktiker allererster Sahne war, während Bobby Seale eher ein lieber Strohmann war und Eldridge Cleaver trotz seines literarischen Talents (Soul On Ice) ein bestenfalls bizarrer Wirrkopf (man lese nur seine Gespräche in Algier mit Lee Lockwood und wird begreifen, wie aus einem Bourgeoise lebendig fressenden Acid-Killer-Phantasten sehr schnell ein Hosendesigner und dann ein Republikaner werden konnte: ein tragisches Schicksal, das sich Ralph Ellison hätte ausgedacht haben können).

Besonders schön ist die Darstellung der heute vergessenen United-Slaves-Bewegung des Ron Maulana Karenga gelungen, eine Kultur-Nationalisten-Truppe, die vermutlich, entweder vom FBI aufgehetzt oder sogar in Zusammenarbeit, mehrere Panther umgebracht hat: Kahlköpfe in afrozentrischen Gewändern begegnen den Panther in ihrer synkretistisch-universellen Boheme-Revoluzzer-Uniform. Wurde je der Konflikt zwischen revolutionärer gesellschaftlicher Erneuerung und einem sich selbst unklaren Beharren in mythisch veredelten Stereotypen schöner auf der symbolischen Ebene ausgetragen? Wohl kaum. Traurig, daß vergleichbare Clowns unter heutigen Verhältnissen und im Hip-Hop-Kontext fast schon Hoffnungsträger heißen.

Visuell verläßt sich zumindest die erste Hälfte des Films auf vorhandenes Material: Choreographie, Kleidung etc. werden oft direkt aus Dokumentarfilmen wie Agnes Vardas Black Panthers übernommen, berühmte Fotos werden zur Grundlage von Inszenierungen. Erst im generell schwächeren zweiten Teil – wo nicht mehr der politische Werdegang von Newton, Seale und erfundenen Figuren im Vordergrund steht, sondern die militärische Auseinandersetzung mit FBI und der Sondereinheit COINTELPRO, die sich ästhetisch von dem Gangster-Geballer anderer Mario-Van-Peebles-Filme nicht unterscheiden läßt – kommen Längen auf und läßt das Interesse an der überlangen Saga nach.

Das mindert den Wert dieses Films indes kaum, der mit erstaunlich leichter Hand extrem umkämpftes, brisantes Material zu einem packenden, konventionellen Spielfilm ordnet, der seine Wahrheiten nicht nur nicht an diese Konventionen verliert, sondern über weite Strecken auch dem konventionalisierten filmischen Kampf zwischen der Polizei und ihren Gegnern seine politische Dimension zurückbringt. Er tut dies weitgehend historisch korrekt und verblüfft mit der Darstellung zutiefst undemokratischer Aspekte der USA, deren Darstellbarkeit in einem Hollywood-Film man sich kaum hätte träumen lassen und die alle vergleichbaren hiesigen Mainstream-Auseinandersetzungen mit linksradikaler Politik – trotz einiger Schwächen – weit hinter sich läßt.