Es ist zwar nicht besonders aufregend, die Bands, für die man vor drei Monaten geschwärmt hat, immer erst dann zu sehen zu bekommen, wenn man schon wieder für andere schwärmt oder sich gar den Luxus erlaubt, Musik nur noch langweilig zu finden. Aber es ist besser, als sie überhaupt nicht zu sehen zu bekommen: Gun Club in neuer Besetzung. Der Lieblingsschriftsteller von Sänger/Chef Jeffrey Lee Pierce ist Joseph Conrad, Pierce sieht aus wie Brando mit sehr viel mehr Alkohol in sehr viel kürzerer Zeit. Während Brando in Coppolas Conrad-Interpretation Apocalypse Now blöd vor sich hingrummelt, flößt Pierce dem „Herz der Finsternis“ live neues Leben ein. Das vom Rundfunk übertragene Gun-Club-Konzert gehörte zu den Höhepunkten in der Geschichte der Markthalle, ein Plädoyer für die Notwendigkeit von Alkoholismus und Vandalentum. Die Stadt lag in Schutt und Asche.
Dem Drama der Endzwanziger stand die erotische Verzauberung der Babys gegenüber. Warum schwärmen Grundschülerinnen für einen irischen Bisexuellen? Das Culture-Club-Konzert konnte einem wirklich Mut für die Zukunft machen. Was für ein komplexer Star, den diese Kinder anhimmeln, was für eine vielschichtige Ausstrahlung, was für eine seltsame, verspiegelte Erotik. Es waren ganze Herzen, die zu ihm hinflogen, auch da noch, als er gegen Ende seine zärtliche Soul-Stimme zu verlieren und in exzentrisches Krächzen umzukippen drohte. „Er ist einer der drei besten Sänger, die es zur Zeit gibt“, sagt Phil Oakey. Aber erklärt das seine Attraktion für Kinder?
Mari Wilson, umgeben von Conferenciers, Tänzerinnen, Coiffeuren, ihren Musikern Hank, Kurt, Wilbur und Harry, Garry, Larry, Barry und Cary, Miss Beehive 1983, war so etwas wie die Hauptattraktion eines Musicals. Ihre Show war nicht nostalgische Wiederbelebung der Sechziger. Sie kündete von dem Vergnügen, eine historische Epoche, gleich welche, als Drama zu inszenieren. Kein schweres Drama, voller privater Mühseligkeiten, sondern leichthin und von oben herab, voller Genuß am Beherrschen der Stilmittel, vollendete Rhetorik, Charme, Humor. Und noch immer diese Differenz zum Original: Man glaubt Mari natürlich kein Wort, ohne daß man ihr mißtrauen müßte. Mari ist nicht bewegend, sie ist erheiternd: So ein großes, komisches Mädchen!
Und schließlich die kleinen, niedlichen Jungs: Aztec Camera, wahre Herzchen. Sensible, hochmusikalische Figuren aus Schottland, ehemalige Punks, die aus lauter Erfindungsreichtum und aus lauter Recherche bei folkigen oder jazzigen oder souligen Gitarrenkompositionen gelandet sind, ohne zu wissen, an wen sie da anknüpfen. Aztec Camera räumten mit ihrer dritten Zugabe dann doch jede Frage ob ihrer musikalischen-historischen Zugehörigkeit aus dem Wege, als sie „Garageland“ von den Clash (1977!) intonierten, die Hymne aller, die damals erstmals zur Gitarre griffen. Aber Aztec Camera färben Punk mit dem Lokalkolorit schottischer Landschaften: ländlicher Punk, Bauernpunk. Mit all den Verfeinerungen, die die Langsamkeit, die freien Blicke und die langen Abende auf dem Land hervorbringen.
Vier ausgezeichnete Konzerte, aber eigentlich niemand, der sie richtig hören will. Interesse an der Musik, höchstens um der Musik willen. Vereinzelte Gestalten, die richtig zuhören, kein Geist, keine Flamme, sondern privater Genuß. Dabei enthielt jedes dieser Konzerte genug Material zum Kraftschöpfen. Doch die großen, unbeweglichen Wolken des Aprilhimmels verdunkelten die Herzen. Es war ein Monat aus dem Jahre 1973.