Medien? Theorie?

Medientheorie gibt es in Deutschland immer nur in einem sehr ideologischen Sinne. Entweder kommt unter diesem Namen ein kulturpessimistischer Slang daher, der sich ausschließlich über die Effekte von Medien beschwert (verdirbt die Jugend). Diese Medientheorie sieht nur Semantiken und allenfalls noch Frequenzen (zu viel Fernsehen und Computerspiele, zu viele Kanäle) und kommt aus einer rechten, kulturpessimistischen Tradition (auch wenn viele Linke sie teilen). Eine andere, „seriösere“ Medientheorie sieht die Medien nur als Hardware, alles andere seien nur semantische Halluzinationen (da seriöse Wissenschaftler sich für Halluzinationen nicht interessieren, allenfalls um sie als solche eben abschreiben zu können oder als Beispiele für die Funktionsweise der Hardware, kann diese Theorie weitgehend ohne Semantik auskommen). Diese Fixiertheit auf die Hardware und ihre Geschichte (Schriftsteller sind Effekte von Schreibmaschinen) verdankt diese Medientheorie natürlich auch der Banalität ihres kulturpessimistischen Konkurrenten. Ihre relative Unangefochtenheit verdankt sie eindrucksvollen historischen Forschungsergebnissen, viel Fußnoten und einem locker allwissenden Umgang mit der Software „Geistesgeschichte“. Diese Medientheorie kommt mit einem ähnlichen Gestus daher wie der ökonomistische Marxismus: Sie hat einen Urgrund entdeckt, der hinter allen Verhältnisse steckt, ein hartes, eisenhartes, stabiles, nicht zerlegbares Faktum, die Hardware eben, das nicht für den Urgrund zu halten unweigerlich in den Idealismus führe.

Folgende Grundprobleme, die diesen deutschen Medientheorien zugrunde liegen, hat die Agentur Bilwet nicht:

  1. Medienpassivität
  2. Tendenzismus in allen Spielarten
  3. Historismus oder Theorismus
  4. Religiosität, Medienmystik
  5. Allwissenheit, Kohärenz, Legitimismus

Bevor ich diese Fehler im einzelnen beschreibe und damit quasi ex negativo empfehle, ein Buch zu lesen, das sich von diesen Verengungen frei machen konnte, möchte ich den Grund nennen, der all diesen Fehlern zugrunde liegt. Es ist der Blick des Kaninchens auf den Paradigmenwechsel. Gerade Medientheorie oder was dafür gehalten wird, wird immer unter dieser Rubrik geführt und profitiert von deren furchteinflößendem Modernitäts-Imperativ. Wie kann man zum Beispiel Kunsthistoriker verunsichern? – immer noch, wenn man ihnen mit Medien droht. Wie kann man Lokalpolitiker erpressen? – wenn man mit Medienakademien, neuen Medien etc. winkt. Wie kann man Juroren, die Stipendien vergeben, nasführen? – wenn man „neue Medien“ einsetzt. Die neuen Medien haben dabei en passant die moderne Kunst und alle daran hängenden Betriebe aus ihrer Legimationskrise erlöst. Kein Stadtrat muß jetzt seiner mit „Das kann unsere Tochter auch“-Argumenten operierenden Ehefrau mehr erklären, warum er für diesen Scheiß so viel Geld ausgibt. Es sind die neuen Medien und wenn wir sie nicht fördern, verpassen wir etwas und die Japaner verspeisen uns roh zum Frühstück.

Das Image von Medientheorien besagt, daß man alles, was man gewußt hat, vergessen müsse: Fast alle deutschen und deutschsprachigen Medientheorien verströmen dieses Fluidum von ganz neuen Verhältnissen, obwohl ihre Protagonisten meist nur vergessen, was sie unmittelbar zuvor noch gewußt haben (Marx und Adorno etwa), während sie das, was sie vor langer Zeit mal gewußt haben oder was ihre Lehrer und Väter gewußt haben, gerne applizieren (Heidegger, Jünger etc.). Diese Paradigmenwechsel-Mystik hat sicher zu tun mit den Vorbildern aller modernen Medientheoretiker wie McLuhan (aber auch Burroughs und Pynchon), die von der Space-the-final-frontier-Aufbruchs-Rhetorik der 60er und den Science-Fiction-Versprechungen der 50er geprägt waren. Zwar fragte Burroughs schon in den frühen 70ern per Graffiti an New Yorker Hauswänden: „Wo sind die Individual-Hubschrauber geblieben, die man uns versprochen hat?“, aber für die deutschen Medientheoretiker ist die totalisierende Geste, daß die Veränderung eines Parameters alles verändere, immer noch die vorherrschende Denkfigur. Entsprechend verbreiten sie gerne eine apokalyptische Dramatik, von der die Vielfalt an Perspektiven dieses relaxten Buches sich angenehm unterscheidet. So gibt es in ihm z. B. etwas, das das Außermediale heißt.

Medienpassivität: Die Theorie über Medien tendiert dazu, die eigene Passivität zu legitimieren. Nur wer beispielsweise einen Piratensender betrieben oder auch die offenen Kanäle der Kabelanstalten lang genug genervt hat, kann sich die begrenzten, aber inspirierenden Einsichten vorstellen, die die Benutzung von Medien gewährt. Auch deren Unterschiedlichkeiten. Und vor allem die Unterschiede zwischen Senden und Empfangen. Daß man auch noch so perfekte Kriegsmedien stören und unterwandern kann, ist eine Erfahrung, die man eben machen muß, denken kann man das nicht; denn der reine Denker geht ja immer von perfekten Endzuständen aus und nicht von den immer auch von sozialen und Murphys Gesetzen bestimmten Realitäten. Dazu gehört aber nicht nur eine eigene Praxis, sondern vor allem auch die Beobachtung anderer illegitimer Anwendungen neuer und alter Medien durch Unbefugte. Mit einem freundlichen Gruß an Hacker ist es dabei nicht getan.

Tendenzismus: Der Tendenzismus ist die medientheoretische Abart des Kulturpessimismus. Er kommt bei den Semantikern ebenso vor wie bei den Formalisten. Beide gehen davon aus, daß z. B. ein Kanal (MTV) die anderen 29 als Tendenz beherrscht und alles weitere, was Medien tun, anrichten, ermöglichen, bestimmt. Oder davon, daß die Umstellung unserer Zivilisation von Analog auf Digital jeden Blick auf die 1/0-Realität erübrige. Während Bilwets Buch ja schon bei der Mediendämmerung beginnt und Techno-Produzenten die Flohmärkte nach Analog-Geräten durchstreifen, Medienakademien lieber alte Bildhauer und Bauhaus-Typen engagieren und Privatsender pleite gehen, starren die meisten deutschen Medientheoretiker auf 1/0 wie Oswald Spengler auf die Sex Pistols. Auch der Tendenzismus ist natürlich ein Erbe einer bestimmten, sehr attraktiven marxistischen Denkfigur, die gerade von Professoren gerne verinnerlicht wird und alle persönlichen Abwendungen vom Marxismus überlebt hat: „Die Krise, die ich erlebe, ist die letzte.“ Was sich der Tatsache verdankt, daß die Berufung eben meist immer dann kommt, wenn man vom Leben selbst nicht mehr soviel erwartet, wobei man diesen biographischen Umstand gerne den Verhältnissen anlastet, indem man sie zu ökonomischen, ökologischen oder eben medienkulturellen Endzeiten erklärt.

Historismus/Theorismus: Da Medientheorie, nicht nur in Deutschland, hauptsächlich von Akademikern betrieben wird, besteht die Neigung, deren klassische Domäne auch auf die Untersuchung von Medien zu übertragen: das Sammeln von historischen Daten und die Theoriebildung unter Auslassung der sozial und politisch kanalisierten Anwendungen. Dazu kommt das Bedürfnis nach einer antieklektischen Sauberkeit ihrer Disziplin, das besonders die Vertreter von Wissenschaften befällt, die erst frisch der Illegitimität entkommen sind, noch um die Anerkennung des Wissenschaftsestablishments kämpfen müssen. Wer Medien untersucht, darf demzufolge nichts mit Sozialwissenschaften zu tun haben und umgekehrt. So kommt keiner darauf, die Geschichte des Sozialismus als eine Software-Geschichte zu schreiben (wie Bilwet). Ebensowenig kann man den Umgang der Popmusiker mit elektronischen Medien beschreiben, wenn man in deren Mittelpunkt Jimi Hendrix stellt (der sich wiederum weniger über seinen Gebrauch elektronischer Medien erklärt als über die spezifisch afroamerikanische Medientheorie, das „Signifyin(g))“). Wer beobachtet, wie Rap-Musiker den Computer einsetzen, wird feststellen, daß sie mit dem zur Diskontinuität einladenden Sampler gerade Kontinuitäten herstellen. Wer jamaikanische Dub-Produzenten studiert hat, hat gesehen, wie das für die Additivität gebaute 4-Spur-Studio zum subtrahierenden Filter wurde etc. Ich nenne nur Beispiele aus meinem Bereich. Aber daß fast alle Medien immer das Gegenteil von dem bedeuten, was in der Gebrauchsanleitung steht, ist eben ein Faktor, der nur in der Praxis zu ermitteln ist.

Religiosität, Medienmystik etc.: Die Medien sind den Leuten, nicht nur den Theoretikern, heute Gott. Es gibt kein Entrinnen und kein Verstehen, außer mystischem Verstehen (New Age). Diesem Tiefsinn macht – und das ist eigentlich das wichtigste an diesem Buch – Bilwet mit guter Stimmung ein Ende. Medien haben eine unüberschaubare Zahl an Aspekten, Möglichkeiten, Berechen- und Unberechenbarkeiten, keine Teleologie oder prinzipielle Tendenz. Sie haben mit allem anderen zu tun und man kann alle möglichen Schlüsse ziehen: benutzen, kaputtmachen, nicht benutzen, weggehen, manchmal weggehen, arbeiten, faulenzen, sich berauschen. Und das alles kann man mischen. Man kann auch eine Perspektive erarbeiten, die wieder – sozusagen von unten – totalisiert und zum Generalangriff starten: Medioklasmus, Viren. Man kann es aber auch lassen. Man kann auch darüber lachen.

Schließlich Kohärenz, Philosophismus etc.: In anderen Texten habe ich das Denken der 80er oft „Theorie“ genannt, um es als illegitimes Denken von den legitimen, universitär produzierten „Theorien“, die ich „Philosophie“ genannt habe, zu unterscheiden. Auch dieses 80er Denken, aus dem vieles der gängigen Medientheorie nach Überwechseln auf die universitäre Seite hervorgegangen ist, ist an seine Grenzen gestoßen. Die Agentur Bilwet wählt aber in ihrem Denkstil nicht die traurige Lösung, sich wegen der Probleme der illegitimen Theorie mit der legitimen Philosophie zu versöhnen, sondern treibt die illegitime Wissenschaft weiter. Sie hijacken alle möglichen Gesten der Ritter der Kohärenz, sie werden fast selber allwissend. Um dann, wie es sich für Medienexperten gehört (und auch für uns Leser gilt), die Geduld zu verlieren mit berechenbaren Ableitungen und woanders weiterzumachen, wo ein guter Gedanke aufgetaucht ist.