Menschen ohne Mut und Moral

Der Index für die Musikbegeisterung hat nicht nur bei mir den kritischen Tiefstwert erreicht, wo nur noch planwirtschaftliche Zwangsmaßnahmen die Aufmerksamkeit retten können, das Geschäft der Gedanken beleben. Der Tiefstand von 1975 ist aufs neue erreicht. Selbst ein so wunderbarer Abend wie das Konzert der Violent Femmes kann daran nichts ändern. Man liebt an ihnen ja gerade die weggetretene Melancholie, den umflorten Blick auf vergangene Versprechen des Underground.

Der Underground hingegen war schon Ende ’81 als Betätigungsfeld ziemlich ausgeschaltet. Die Attitüde „Hörgewohnheiten“ ändern zu wollen, die hin und wieder in der Pop-Geschichte aus Versehen half, Spannendes entstehen zu lassen, war an ihrem Grundmißverständnis, Pop-Musik habe etwas mit Hören zu tun, gestorben.

Plötzlich waren die Charts, der Overground, das Ding, das Welten bewegte. Und ’82 waren die Hits ja noch Hits. Daß Pop Zitierkunst sei – was schon immer der Fall war –, geriet plötzlich ins Bewußtsein, erst der Reflektierenden, dann der Produzierenden. Intellektuelle wie Scritti Politti wollten in die Charts. Andere Intellektuelle wie Malcolm McLaren schafften es. Und ein Nichtintellektueller, der das Wesen der Zitierkunst trotzdem zum Prinzip erklärte – Boy George – wurde der Star des Jahres ’83.

Doch gleichzeitig förderte dieses Bewußtsein die neue Beliebigkeit. Im gleichen Maße, in dem auch niveaulosere Kritiker von Pop-Kultur als Selbstbedienungsladen der Attitüden zu faseln begannen, entstanden die Eurythmics und Thompson Twins, die Bands, die das Elend der aktuellen Pop-Kultur auf den Punkt bringen: Zitierer, die keinen Kampf mehr kennen, kein Gut und Böse. Annie Lennox, das fieseste Geschöpf der Welt, kann als die Erfinderin eines neuen, geschmacklosen Zitiersalats gelten, dessen Ingredienzen nicht einem Willen zum (Irgendwas, wenigstens) zusammengestellt werden, sondern von einer orientierungslosen Pop-Halbbildung. Und von kleinen Menschen ohne Mut und Moral.

Auf der anderen Seite des Atlantiks lebt Michael Jackson, der andere große Popstar unserer Zeit, und wird vom amtierenden Präsidenten seines Landes wegen seiner vorbildlichen moralischen Haltung gelobt. Michael Jackson ist der einzige wirklich glamouröse Vollpuritaner, wo doch sogar sein Vorbild Stevie Wonder gedenkt, in die Politik zu gehen. Doch alle Reinheit schützt ihn nicht vor der für Popstars obligatorischen Todesnähe. Nur sind es keine Drogen oder schnellen Motorräder, die ihn fast zur Strecke gebracht hätten, sondern ein ganz alttestamentarisches Feuer, das ein zorniger Gott nach dem hybriden Menschen schleuderte, der sich zu hoch erhob.

Michael Jackson ist die Repräsentation der Gegenwart. Wie er hilflos vor der über ihn einbrechenden Irrationalität von ganz alten Gefühlen heimgesucht wird und seinen Irrsinn doch mit so modernen Mitteln so perfekt zu beherrschen scheint. Dumpfer religiöser Wahn als vollgeiles Videospiel.

Dagegen versucht man hierzulande der Krise Herr zu werden, indem man halt noch mal versucht, ob nicht auch schräge Töne sich mit Pop vertrügen. „Progressiver Pop“, wie man in den 60ern sagte. Eine so unendlich traurige Idee, ganz gleich, ob ihre Resultate gut sind oder nicht, ein so trauriger Rückfall in eine Haltung, die in den nächsten 15 Jahren ganz bestimmt von der Bildfläche verschwunden sein wird: die des Künstlers.

Es ist erlaubt und legitim, ein paar Monate abzuschalten, nicht mehr teilzunehmen, nichts mehr hören und sehen zu wollen. Aber ich rate davon ab. Man sollte auch dann Spiegel, Bild und ARD-Tagesschau regelmäßig zu sich nehmen, wenn der Geschichte zeitweilig nichts mehr einfällt. Man lernt auch in solchen Epochen.