Die Idee der Reihe Late Night Tales – für die Prominente kleine oder künstlerisch wertvolle Gemmen aus ihrer Plattensammlung kompilieren – ist wohl, ein DJ-Set nicht im Hinblick auf eine Tanznacht oder einen Ausgehabend, sondern auf intime und introspektivere Momente auszulegen. Wer zusammenstellt, hat nebenbei die Gelegenheit, den Eindruck zu verbreiten, von sich zu erzählen: von den magischen Momenten des exquisiten Alleinseins mit dem jeweils eigenen Archiv. Den Soziologen freut, dabei die Beobachtung machen zu können, dass alle Welt immer noch sicher ist, mit Björk und Captain Beefheart niemals daneben zu liegen, wenn es darum geht, den gediegenen Geschmacksbürger raushängen zu lassen.
Dennoch haben die meisten der bisherigen Kuratoren nach einem Muster agiert, das noch von der kommunikativen Ausgangslage des DJs herkam. Stücke sollten zueinander passen, Stimmungen nicht stören, oder – was fast dasselbe ist – sie sollten gerade das gezielt tun. Die Formel des DJ-Sets besteht aus einer bekannten und einer unbekannten Größe: Ich zeige, wie ich mit meinem Geschmack und Wissen eine gute Stimmung, einen angenehmen Abend, ein exzessives Erlebnis anstiften kann: Das Ziel – die Stimmung, das Körpergefühl – wird immer behandelt wie etwas, das es schon gibt, man muss es nur auslösen, herausholen aus den Körpern und emotionalen Festplatten; es war immer schon drin.
MGMT stellen sich die Aufgabe etwas anders. Natürlich führen auch sie vor, was sie an obskuren Schätzen kennen und herbeischaffen können, aber die dabei entstandene Stimmung geriert sich nicht als eine schon bekannte Sorte Ereignis; sie ist hier kein Ablauf, der sich zur seelisch-kulturellen Gemengelage der Rezipienten verhält, wie ein Marathonlauf zu gut trainierten Muskeln und fescher Fitness. Eher versuchen MGMT etwas zu definieren: das Nichttraditionelle an zeitgenössischer Melancholie und dessen Verhältnis zu Folk-Traditionen. Mehr als die Hälfte der Stücke auf dieser Kompilation ist Spex-Kanon der mittleren bis späten Achtziger: Nikki Sudden, TV Personalities, Chills, Felt, Spacemen 3, Julian Cope plus Nachbarn und Verwandte: depri, aber gut – hätte man damals gesagt.
Durch die Beigabe von versprengten Außenseitern wie Rockabilly-Monument Charlie Feathers oder bizarren Verschollenen wie Dave Bixby und Mark Fry verschiebt sich aber auch das Gemeinsame der eben Genannten. Es geht nicht mehr so sehr um den historischen Mikro-Moment, in dem aus dem ungeklärten Chaos des Postpunk frühe Versionen jener heutigen Mittelklasseselbstverständigungsmusik namens Indierock entstanden – und zwar zunächst als verstörtes Kreativitätsformat sich absondernder Einzelner, die sich aber auf Velvet Underground einigen konnten. Es geht darum, das Gemeinsame in dieser ganz spezifischen, mit halbgebrochener Abenteuerlust versetzten, edlen Wehleidigkeit herauszuarbeiten, das diese Wehleidigkeit mit den Gefühlswelten ganz anderer und halb anderer Menschen teilt. Zum Beispiel mit dieser seltsamen blinden New-Age-Pianistin Pauline Anna Strom, die hier gegen Ende mit einem hochbizarren Synthesizersolo zu hören ist, das zwar für meinen Geschmack etwas zu laut darum bettelt, in einem Terrence-Malick-Film Verwendung zu finden. Doch zusammen mit Martin Revs Solo-Piece „Sparks“ und „Cheree“ von Suicide addiert es sich zu der Privatspiritualität jener Leute, die es euphorisch stimmt, nichts mehr erwarten zu können.
Vielleicht ist dies die Verbindung eines Mitachtziger- mit einem zeitgenössischen Lebensgefühl, das MGMT hier schön und überraschend zusammenkuratieren. Einerseits steht die Welt vor massiven Umbrüchen (damals Tschernobyl, Ostblockdämmerung; heute die Endspiele des Kapitalismus), aber irgendwie hat man andererseits nichts mit ihnen zu tun, eher sieht man einer Zukunft bleierner Langeweile ins Gesicht. Gerade diese vermutlich trügerische Sicherheit kann eine poetische Seele aber gut in ihr erhabenes Gegenteil kippen: Typen wie Lawrence von Felt, Vinny Reilly von Durutti Column oder Nikki Sudden waren darin sehr fähig.
Zeit wäre es darüber hinaus, dass auch Musik-Künstler anfangen, mit eigenen und fremden Aufnahmen so umzugehen, wie es kuratierende Bildende Künstler mit Material aus Archiven schon lange tun, weniger wie DJs und Plattensammler: also offen und explizit mit unterschiedlichen Graden von Aneignung umgehen, jenseits von Vorzeigen und Zitieren und anderen individuellen Zugängen mit der historischen Objektivität der Fundstücke arbeiten. Diese Ausgabe der Late Night Tales wäre ein Schritt in diese Richtung.