Millionen Meilen vom Du – Der ziemlich späte Bob Dylan

Ja, daß der nochmal so bombenhaft einschlagen würde! Rechte, linke und liberale Feuilletons halten den Atem an und ihre Spalten für raumgreifende Rezensionen durch einschlägige Experten frei. Die Dylanologen kommen aus dem Unterholz gekrochen und verbreiten relativ einig, daß diese (Time Out Of Mind, Columbia/Sony 1997) nun wirklich seine beste Platte seit – wahlweise – Blonde On Blonde, Blood On The Tracks oder Street Legal sei. (Um die Wahrheit zu sagen, es ist die beste seit Desire.) Auf jeden Fall sind es die ersten neu geschriebenen Dylan-Songs nach Jahren eines angeblichen Writer’s Block angeblich Uwe Johnson’scher Dimensionen und die ersten, die seine aktuelle Version von – wieder wahlweise – „Fremdheit“, Weltekel, Kulturpessimismus, Blues, Altmännerproblemen, Einsamkeit in eigene Worte fassen, statt verdiente Verstorbene als Zeugen aufzurufen.

Sinn, Stimmung und Sound der Platte sind politisch in gleicher Weise mit Botho Strauß, Konkret und Richard Rorty vereinbar. Sie könnte sich mit Strauß dagegen richten, wie alles ehemals Erkennbare und Schöne so demokratisch und massenkulturell gemein geworden sei, mit Rorty für ein spezifisch amerikanisch-nationales Erfahren und Lesen der sozialen Frage und gegen Minderheiten- und Identitätspolitik eintreten und mit dem Konkret-Lager den Verlust jeder Hoffnung auf Pragmatik und politisches Handeln, erst recht im Kulturbereich angesichts der totalisierenden Übermacht der Kulturindustrie teilen und darüber wunderlich geworden sein. So sagt denn Dylan auch dem Spiegel, daß er, wenn er politisch denke, in rasendem Wechsel von rechten und linken Sympathien heimgesucht werde.

Nun sollte gerade diese künstlerische Vereinbarkeit der drei Positionen, von denen zwei von meiner gleich weit weg sind, die dritte, die von B. Strauß, meiner aber geradezu antagonistisch gegenübersteht, gerade mich neugierig machen. Ob dann nicht dieses Werk vielleicht das, was man die gemeinsame „Wahrheit“ dieser drei für falsch, aber symptomatisch gehaltenen Positionen hervorbringen kann? Ja und Nein. Wenn es den dreien gemeinsam ist, daß ihnen in unterschiedlichen Graden von Dramatik ihre Welt abhanden gekommen ist oder ihr Weltbild falsifiziert wurde, womit (oder wovon) sie aber dennoch ganz gut öffentlich leben, können sie von Dylan noch lernen. Ihm gelingt das erstaunliche Kunststück, aus diesem Erfahrungsmix von Enttäuschungen, Orientierungsverlust und wohl auch dem einen oder anderen zwischenmenschlichen Desaster sein altes, schon von seiner Neverending-Live-Tour angedeutetes 60er-Dylan-Ego wieder hervorgehen zu lassen. Kulturpessimismus und postpolitische Niedergeschlagenheit kommen hier als coole Lebensform, als ein Emo-Design zum Wohlfühlen für den gealterten Sixties-Sozialisierten zurück.

Die von Daniel Lanois nicht so sphärisch wie sonst produzierte, vor allem auf der Keyboard-Position mit James Luther Dickinson und Augie Meyers (vom Sir Douglas Quintett) herausragend besetzte Band spielt den Blues-Rock als geräumiges Apartment mit View, in dem es sich gut denken und aufgeräumt auf und ab gehen läßt. Die länglichen Balladen werden so unverkrampft und elastisch ins Rollen über die berühmten zwölf Takte gebracht, daß Sätze wie „When things disintegrate …“ oder „When you think that you’ve lost everything, you find out you can always lose a little more …“ ganz kommod in diesem Setting herumstehen, genau so locker und attraktiv wie die noch zukunftsgewandten und abenteuerlustigen, goldenen Epigramme aus den 60ern in den eleganten Arrangements von Blonde On Blonde oder Highway 61 Revisited.

Diese Auferstehung des alten Dylan als alter Dylan, also des frühen Dylan im heutigen, von der auch Coverfotos zeugen, auf denen er aussieht, als hätte er sich als er selbst von früher verkleidet, affiziert natürlich auch die Bedeutung dieser für die Dylan-Stimmung so konstitutiven alten Platten, die ihren Urheber ja auch lang genug verfolgt bis terrorisiert haben werden. Der melancholische Einzelne, der nun von den neuen auch zurück zu den alten Rumtreiber- und Stuck-in-Memphis-Storys abschweift, wird zu einer einheitlichen, alterslosen männlichen Figur, die nun für anthropologische (und andrologische) Erkenntnisse und Identifikationen eher zur Verfügung steht als für politische, historische oder ästhetische. Das Dylan-Gefühl.

Man könnte natürlich auch sagen, daß gerade das die Leistung ist: eine benennbare, adressierbare Gefühlsausstattung so zu gestalten, daß sie über ein natürlich historisches und spezifisches Herumstreiferbild zu einer möglichst allgemeinen und übernehmbaren Darstellung des Aus-der-Welt-Fallens wird, wie es uns allen immer wieder passiert und passieren kann (ohne daß wir daraus eine intellektuelle oder politische Position basteln müssen). Die läßt sich dann auch auf seßhafte alte und junge Leute (und nicht nur knarzige Männer) übertragen.

Ganz so weit ist es dann doch noch nicht. Über weite Strecken bleibt Dylan einfach der hörbar alte und sentimentale Songschmied, der zu den Menschen auf den Straßen keine Beziehung mehr hat, trotz aller Bemühungen Millionen Meilen von seinem Du entfernt ist und davon ausgeht, daß der Himmel bald geschlossen wird. In der abschließenden, fast zwanzigminütigen Ballade „Highlands“ – kein Gegenstück zu den Lowlands der traurigäugigen Dame – ist es dann nicht nur ein „Ich“, das keinen Anschluß in der Welt findet, sondern es kommt zum – natürlich misogyn eingefärbten – Dialog mit einer Kellnerin, der sich strophenlang mit seinen Sagtsies und Sagichs durch ein leeres Restaurant schleppt. Da mußte ich an die feurigen Dialoge aus „Tangled Up In Blue“ denken und innerlich wieder manches von dieser Review zurücknehmen. Aber ich werde kaum bestreiten, daß er doch sehr rührend ist, der Alte, und einem immer noch wirklich nahegehen kann.