Mit dem roten Quirl der Metaphysik

The Eternal: Morgen erscheint das neue, wunderschön anzuschauende Album von Sonic Youth

Die bedrohliche Nase einer venezianischen Maske beugt sich über einen ebenfalls maskierten Jungenkopf mit strähnigem Haar; sein Blick ist starr auf den rechten Rand des Gemäldes gerichtet, das ein scharfes Grün dominiert. Clarence Major ist ein afroamerikanischer Ultra- und Postmodernist, ein gern mit Donald Barthelme und Thomas Pynchon verglichener Autor, der aber als Bildender Künstler angefangen hat und bei Rückfällen obsessive Zyklen von Lieblingsthemen herstellt: eines davon ist Venedig. Auf der Rückseite des Kartons, auf dem dieses Bild abgedruckt ist, befindet sich eine psychedelische Filzstiftzeichnung, die an jene Bilder erinnert, die Gail Collins für die Cover der Hippie-Metalband Mountain anzufertigen pflegte, bevor sie ihren Ehemann, Mountain-Bassist Felix Pappalardi, bei einem Ehestreit aus einem New Yorker Fenster in den Tod stieß. Das verträumt süßliche Gekritzel stammt aber nicht von ihr, sondern vom Bruder des Kurators dieser Bilderserie, wenn man ihn so nennen will: Gene Moore hat es im Jahr 1969 aus seinen Filzern fließen lassen und „Diethylamide“ genannt. Zusammen mit Lysergsäure wird daraus LSD.

Gene Moores Bruder Thurston Moore, Gitarrist und Sänger bei der New Yorker Band Sonic Youth, hat für die neue CD seiner Band mit dem Titel The Eternal wieder eine ganz reizend ausgetüftelte Ausstellung im kleinen quadratischen Format zusammengestellt: beidseitig bedruckte Kartons mit Arbeiten von großen Vorbildern, aktuellen Weggefährten oder Kollaborateuren, die Künstler geworden sind. So gibt es hier noch ein Gemälde von Jutta Koether, die mit Kim Gordon von Sonic Youth häufig zusammenarbeitet; auf der Rückseite dieses Kartons begegnet uns ein Porträt von Johnny Thunders, dem tragischen New-York-Dolls-Begründer und Dauerjunkie, 1973 backstage im New Yorker Club „Max’s Kansas City“ nach einem Stooges-Konzert fotografiert von keinem geringeren als Danny Fields, dem Mann, der unter anderem die Stooges managte und als Journalist den New Yorker Punk miterfand. Die Innenseiten des aufklappbaren CD-Behälters, in dem all diese Wunder stecken, zieren Pseudo-Kinderzeichnungen („Cool“/„Uncool“) aus der Hand des Schlagzeugers der improvisierenden Exzentrikerhorde Sunburned Hand Of The Man – Verbeugung vor einer großen Gegenwartsband. Sensationell aber ist der metaphysische rote Quirl vorne auf der CD: ein Gemälde des irren Blues-Pickers, Outsider-Intellektuellen und Autors John Fahey.

Wahrlich, sollten Cover, Booklets und andere visuelle Beigaben von Klangprodukten bald ganz verschwinden, dürfte es für eine Band wie Sonic Youth schwer werden, ihre Statements so zu formulieren, wie es ihr in den letzten fast 30 Jahren mithilfe einer Bilderauswahl gelungen ist, die manchmal wichtiger war als die Song-Auswahl. Die immer wieder erhärtete These dieser Band heißt: Es gibt einen gemeinsamen Ort, von dem unabhängige Rock-Musik, nichtakademische Bildende Kunst, Dichtung, aber auch experimentelle und sogenannte Neue Musik ausgehen. Diesen Ort gilt es gegen segregierende Institutionen wie gegen nivellierendes Crossover-Geschwätz zu stärken und zu zelebrieren.

Schon auf dem allerersten Sonic-Youth-Album-Cover von 1981 werden besondere Grüße an die deutsche Künstlerin Isa Genzken ausgerichtet, Dan Graham taucht als Freund, aber auch mit visuellen Beiträgen immer wieder auf. Raymond Pettibon machte schon Plattencover, bevor er ein berühmter Künstler wurde (sein Bruder Greg Ginn war der Chef des SST-Labels, für das auch Sonic Youth lange aufnahmen), aber für Sonic Youth fertigte er das erste Plattencover an, nachdem er zum weltweit ausstellenden Star geworden war. Auch Mike Kelley war schon ein alter Freund der Band, als er, mittlerweile künstlerischer Generationenhäuptling, für ein Cover kuratiert wurde.

In den 80ern und frühen 90ern sind das vor allem Gesten der Verbundenheit mit einer Szene, in der die Sonic-Youth-Dauermitglieder Kim Gordon, Lee Ranaldo und Thurston Moore selber jahrzehntelang aktiv sind: Gordon als Kritikerin und Künstlerin, Moore als Sammler und Kurator, Ranaldo in allen Rollen. Der Ort, an dem dieser Austausch schon in den 80ern als Selbstverständlichkeit gilt, ist ein globales Downtown, das New York und Los Angeles, aber auch Köln, Berlin und Tokio einschließt und damit Akteure, denen Pop-Musik, subkulturelle Formate Bildender Kunst, Performances, Comics, Video- und Super-8-Filme völlig gleichrangig erscheinen und in der eigenen Praxis ständig ineinander übergehen.

Als 1988 zwei der „Kerzen“ von Gerhard Richter das Doppelalbum Daydream Nation zieren, erweitert sich das Spektrum um das Establishment. Aber auch viele der Underground-Freunde von einst sind jetzt arriviert: Richard Prince oder Christopher Wool, die in der CD-Ära ganze Booklets gestalten, sind der Band lange verbunden.

Wenn man – wie diese beiden – als Bildender Künstler großen Erfolg hat, ist man institutionell in der Hochkultur angelangt. Hat man hingegen als Underground-Musiker großen Erfolg, bleibt man immer noch ein Rock-Musiker. Und damit nicht nur in Deutschland von jeder Hochkultur weit entfernt – nämlich bei 19 statt 7 Prozent Mehrwertsteuer.

Hochkulturelle Weihen, sollte man auf sie aus anderen als aus steuerlichen Gründen Wert legen, gibt es für Popmusiker also eher im Nachbargebiet der Bildenden Kunst zu erlangen. Dort schießen derzeit die Ausstellungen ins Kraut, die Popmusik als einen Teil Bildender Kunst behandeln, und das bleibt zu Recht nicht auf aktive Grenzgänger beschränkt: Popmusik war schon immer ein sonisch-visuelles, ein zusammengesetztes Format. So sind denn auch Sonic Youth mit ihrem besonderen Verhältnis zur experimentellen Kunst – von Dichtung bis Drone-Musik, von Free Jazz bis Fluxus – in diesem Jahr als Kuratoren einer Wander-Ausstellung aufgetreten: „The Sensational Fix“.

Dort spielte Bildende Kunst dann eine geringere Rolle als erwartet. Eher funktioniert die Show wie ein gigantisches Jugendzimmer: Alle bewunderten Dinge, alle coolen Objekte dürfen sich ausbreiten wie eine Mischung aus Setzkasten, Altar und Posterwand. Man könnte auch sagen: ein gewaltiger visueller Fußnotenapparat, aber ohne wissenschaftliche Strenge und Konsistenz. Der längst zum leeren Mantra neoliberaler Kreativitätspolitik gewordenen Forderung nach offenen Genre-Grenzen setzen Sonic Youth eine andere, nicht-beliebige Geschichte dieser Offenheit entgegen, indem sie konkrete Gründe dafür demonstrieren, warum so viele, aber immer auch ganz bestimmte Leute alles wollten und alles machen wollten.

Die Musik auf der neuen CD ist denn auch nicht übel.