Viele Wirtschaftsunternehmen wollen nicht für ehemalige NS-Zwangsarbeiter zahlen. Auch die Empörung der Öffentlichkeit läuft ins Leere – denn die Industrie ist moralisch unzurechnungsfähig
Mit der Industrie und dem Kapital kann man nicht reden. Sie wollen nicht hören. Egal ob ihre Vertreter in Stahl oder virtuelle Spekulationsgewinne machen. Sie hören nicht. Natürlich kann man sich immer wieder einen Einzelnen schnappen. Man kann die Adressen von rechtmäßigen Besitzern recherchieren. Aber – so wird man immer wieder von ihnen erfahren – als menschliche Subjekte sind sie menschliche Subjekte, jedoch: Wirtschaftssubjekte bleiben Wirtschaftssubjekte. Und das ist etwas ganz anderes. Der ökonomisch Handelnde ist ein Teil des Systems Ökonomie und nur diesem verpflichtet, und was man als Mensch sonst so ist, bleibt Sache des Arztes, des Psychologen und vor allem des persönlichen Geschmacks – auch die Moral. Die Sphären seien schließlich entkoppelt, das wisse man doch. Ganzheitliche Subjekte, so doch gerade die dekonstruktive Rede von links, seien schon lange als Mythos erkannt und daher nicht zur Verantwortung zu ziehen.
Wie spricht man also mit Industriellen, die ihren selbst auferlegten Verpflichtungen nicht nachkommen? Die einfach nicht zahlen? Wie bewegt man gerade die, Entschädigungsgelder für die Zwangsarbeiter aufzubringen, an denen sich ihre Vorfahren und andere begünstigende Erblasser vor einem halben Jahrhundert bereichert haben, die sich nach mühseligen Verhandlungen bereit gefunden haben – und nun nichts? Wie lässt man sie genau von dem Gefühl wissen, das einen ergreift, wenn man sich diesen Vorgang klarmacht? Empörung nämlich. Oh je, Empörung? Ganz schlecht, ein ganz und gar vergebliches Gefühl, zu kaum einer eindrucksvollen Kommunikation noch tauglich.
Zur Kommunikation von Empörung gehört nämlich zum einen ein seinerseits zu diesem Gefühl fähiges Gegenüber, zum anderen aber die Erwartbarkeit von Folgen dieser Empörung. Sanktionen, Image-Verluste, ruinierter Ruf. Mit beiden kann man im vorliegenden Fall nicht rechnen: Die Firmen und Wirtschaftssubjekte, die jetzt zahlen sollten und nicht in die Gänge kommen, sind keine Individuen. Sie können daher moralisch begründete Gefühle nicht empfinden, sie können gar nicht fühlen. Sie können nur rechnen und da droht ihnen nun zumindest von offizieller Seite gar nichts. Denn niemand, der heutzutage kraft seines politischen Amtes in der Lage wäre, irgendetwas für Unternehmen Unangenehmes durchzusetzen, denkt auch nur im Schlaf daran. Die Politik als Instrument einer die Willkür von Unternehmen zähmenden oder begrenzenden Macht hat abgedankt, sie hat die Moral und die paar Gutmenschen allein zurückgelassen, denen es immer noch nicht peinlich ist, wider jeden Wirklichkeitssinn empört zu sein.
Aber sitzen denn keine Menschen in diesen Firmen, sind nicht alle Entscheidungen von Individuen getragen? Und wenn ich von Willkür rede, dann spreche ich doch von einem durchaus menschlichen Handeln, dann traue ich doch meinem Gegenüber zu, wenigstens über einen Willen zu verfügen? Ja, aber diese Subjekte haben eben auch gelernt, zuallererst im Interesse des Unternehmens zu handeln, oft profitieren sie als Entscheidungsträger unmittelbar selbst von dessen Wohlergehen. Und sie müssen sich nur wenige intellektuelle Zentimeter bewegen, um schon mit dem Rücken oder dem Arsch gegen die beruhigende Wand des Arbeitsplätze-Arguments zu stoßen. Verantwortung für die Firma lässt sich ja auch immer in die Verantwortung für die Arbeitsplätze übersetzen. Einen generellen Einspruch gegen die Logik von Wirtschaften um jeden Preis gibt es dann wieder nur in der vom Handeln abgetrennten privaten Subjektivität des „zynischen Untertans“, der zwar alles weiß, auch das Böse, vor allem aber, dass man eh nichts gegen die Systemlogik machen kann – außer sie abkoppeln von den angenehmeren Seiten des Ich-Systems.
Tatsächlich wäre es vielmehr ein Akt der Willkür, der Berufung auf einen reinen, durch nichts als eine persönliche Moral legitimierten und ansonsten unvernünftigen Willen, sich für die Einwände der Empörten zu interessieren. Und mit genau dieser vermeintlichen Fähigkeit zu einsamen unökonomischen Entschlüssen operieren ja diejenigen heutigen Ideologen, die nicht müde werden, das Vertrauen auf das segensreiche Handeln privater Initiativen, sei es im Kulturbereich, sei es im Bildungsbereich, zu predigen. Sie trauen den „privaten“ eher als den öffentlich-rechtlichen und daher „bürokratischen“ Institutionen zu, verantwortlich zu handeln, weil sie als Einzelne, als Privatpersonen noch ganze Subjekte seien, die ungehindert von institutionellen Schranken einen Willen exekutieren können.
Es stimmt zwar, dass Private schnell und unbürokratisch handeln, aber nicht, weil sie Menschen ähneln, sondern weil ihre Handlungsmaxime nur eine und eine einfache ist, der kurz- wie langfristige letztendlich ins Ökonomische transferierbare Nutzen für die Firma. Menschen hingegen zeichnet ein vielfältiges, widersprüchliches Kalkül aus. Und darin besteht ihre nicht ganzheitliche Fragmentiertheit im guten Sinne, dass sie aus einer Fülle von unterschiedlich stark verbundenen Instanzen zusammengesetzt sind – nicht aber aus abgekoppelten autonomen Inseln unterschiedlicher Logik, wie es der zynische Untertan anstrebt.
So ging man im Glauben an den Segen der Privatinitiative auch der linken Rede vom bösen Kapitalisten auf den Leim. Denn wenn der Kapitalist böse sein kann, wenn er also über die Dimension verfügt, gegen eine Moral verstoßen zu können, dann kann er theoretisch auch gut sein. Er ist dann ansprechbar für Appelle an seine Moral, an seine Willenskraft, die ja nichts anderes ist als eine Vorstellung davon, wie die Welt sein sollte.
Doch der „böse Kapitalist“ war schon zu Zeiten der alten Linken eine vulgärmarxistische Verknappung, ein linkspopulistisches Propagandamärchen – eines, das nicht zuletzt der Antisemitismus sich mit Erfolg einverleibt hat. In Wahrheit macht es den Kapitalisten eben gerade aus, dass es ihn als moralisches Subjekt genauso wenig gibt wie als Kollektivsingular. Der Kapitalist war nie böse, sondern schon immer moralisch unzurechnungsfähig, und er wird daher auch nie gut werden, bis man ihn dazu zwingt.
Als dieser Zwang galt bisher die Politik. Sie dachten wir uns als die Umsetzung der von einer Mehrheit geteilten moralischen Vorstellungen nach den Maßgaben eines gewissen Realitätsprinzips. Dieses Realitätsprinzip tritt heute als die Verabschiedung von Politik selbst als Mittel der Aushandlung, Gestaltung und Durchsetzung auf. Politik sei an sich unrealistisch geworden, Wirtschaft die einzige Realität. In dem Maße, in dem dies gilt, ist die Moral auf sich allein gestellt. Sie tritt nur noch verloren und abgekoppelt von politischen Optionen als peinliche Figur auf.
Zugänglich sind Firmen nur dann, wenn die Differenz zwischen der Moralverachtung des Firmenhandelns und dem unausgesprochenen Minimalkonsens der Mitarbeiter nicht nur zu groß wird, sondern dies öffentlich und intern sichtbar ist. Oder Firmen werden erreichbar, wenn sie von außen in einem Maße negativ oder positiv unter Druck gesetzt werden, das sich ökonomisch auswirken könnte, durch Image-Gewinne oder -Verluste.
Das Verhältnis der individuellen moralischen Position der Mitarbeiter zum Handeln der Firma ist natürlich diffus und wird weitgehend von dem Mechanismus des zynischen Untertans abgefedert. Darüber hinaus halten sich große Konzerne Hausphilosophen und -gestalter, die eine Identity visuell und intellektuell so entwerfen, dass sie kohärent, verständlich und erträglich ist – so dass Mitarbeiter sich so weit wie nötig identifizieren können und dennoch die Chance bleibt, sich zu unterscheiden, sich eine private, abgekoppelte Sphäre zu erhalten.
Was hingegen den Druck der öffentlichen Meinung angeht, kann man sich noch auf den leichten Vorteil beziehen, dass auch große Konzerne immer noch ungeübt mit organisierten Missfallenskundgebungen umgehen und daher – vom zynischen Standpunkt aus gesehen – überreagieren. Was symbolischen Aktionen gegen als Verursacher einzelner Übel ausgemachte Firmen noch gewisse Chancen beschert. Voraussetzung dazu ist aber, dass sie tatsächlich benannt und an den Pranger gestellt werden. Dazu reichen offensichtlich nicht irgendwelche klein gedruckten, langen Listen in der taz, dazu gehört das gezielte Herausgreifen einiger besonders übler und für Image-Beschmutzungskampagnen empfindlicher Vertreter.
Dazu gehört aber auch ein Gespür für die eigentümliche „Persönlichkeit“ von Firmen, die sich transsubjektiv und supraintellektuell über Jahre und Traditionslinien herausgebildet und im Zusammenspiel aus Öffentlichkeitsarbeit, Werbung und Umgangsformen eingependelt hat. Zwar haben diese weder konkret einen Inhalt noch ist die dabei sich nach und nach herausschälende „Persönlichkeit“ tatsächlich für Kritik oder Appelle erreichbar. Die spezifische Verwundbarkeit wie auch Ansprechbarkeit von Firmen, die spezifischen Punkte, an denen die Kohärenz von Image und Reputation fragil ist, lassen sich aber darüber leichter ermitteln – und damit Punkte, an denen moralisches Handeln einklagbar wäre.
Doch auch das Image der Sache, in deren Namen man etwas von den Firmen will, spielt eine erhebliche Rolle. Auch wenn dies längst zu den Akten verhandelt wurde, so bedeutet für manche Firmen-Reputations-Designer die Zahlung immer noch so etwa wie ein Schuldeingeständnis. Umgekehrt lässt sich mit dem Akt gezahlt zu haben nichts gewinnen. Das ist ja wohl auch das Mindeste, würde ja jeder zu Recht einer Firma entgegnen, die sich auf dies Selbstverständliche etwas einbildet. Hinzu kommt es, dass man hoffen kann, das Problem auszusitzen, und selbst wenn nicht, erscheint es nicht als eines der Zukunft, die schließlich das Einzige ist, was diejenigen im Auge haben, die von den höheren Stockwerken der Wolkenkratzer aus den Blick schweifen lassen. Auftragsgemäß schweifen lassen, versteht sich, nicht privat.
Zwangsarbeiter haben kein glamouröses Image, auch nicht im Sinne glamouröser Opfer, denen zu helfen sich gut macht. Sie sind das permanente, lebende schlechte Gewissen deutscher Kapitalakkumulation. Sie nagen an den gesäuberten und entkoppelten und designten Selbstverständnissen, weil sie dementieren, das die großen deutschen Vermögen so sauber zusammengekommen sind, wie sich – scheinbar – heute Spekulationsgewinne machen lassen und die anderen Geschäfte, die Geld heute so ein poppiges Image verschaffen. Jede Zahlung und deren Organisation zieht weitere Berichterstattung nach sich. Jede Beleuchtung der Wege von Geld und der Biografien, auf deren Kosten es verdient wurde, betrifft die größten Tabus des aktuellen Zeitgeistes. Sie würden wieder verkoppeln, in Ursache-Wirkung-Beziehung bringen, was so hartnäckig ignoriert wird wie nur irgendwas: dass das Elend und die Armut der einen mit dem Reichtum der anderen etwas zu tun haben.