My Bloody Valentine – Lappt gelegentlich ins Faule

Diese Band war klinisch tot. Dann erhob sie sich aus ihrem eigenen Müll auf den neuesten Stand der Produktivkräfte und wurde völlig unerwartet hinreißend.

Für niemanden war es überraschender, daß My Bloody Valentine zu einer richtig guten Gruppe wurde (die nicht nur mir gefällt, sondern in erweiterten Redaktionskreisen fast als so etwas wie das Ding aus England gesehen wird, auf das sich alle einigen können) als für My Bloody Valentine selbst. Niemand fand My Bloody Valentine langweiliger, öder, fertiger am Ende als My Bloody Valentine selbst: „Wir haben keine Lust mehr gehabt, wir waren fertig, keiner von uns hätte mehr einen Pfifferling auf die Band gesetzt“, meint Gründungsmitglied, Sänger, Gitarrist und Autor der ganzen Musik Kevin Shields. „Die Sachen, die wir für Lazy aufgenommen haben, haben wir teilweise wirklich gehaßt, ich konnte das Zeug echt nicht mehr hören.“

Heute führen sie die Indie-Charts an, werden von Presse und Publikum geliebt und können für diese Veränderung nicht einmal vernünftige Gründe angeben: „Neue Mitglieder, Bilinda singt jetzt bei ein paar Stücken und schreibt Texte …“ Und sie hat alles umgeworfen, eine neue Vision gehabt, schlaffen Langhaarigen in unstylish zerfetzten Pullovern und schlicht aufgetragenen Jeans neuen Odem eingehaucht, Nadel und Faden herausgeholt, gestraft und gestrafft?

„Nee, eigentlich auch nicht, ich weiß nicht, wie es gekommen ist.“ Andere erwägbare Gründe, warum aus einer Band, die immer nur wie irgendwas anderes klang, eine wurde, die alles mögliche in der Luft Liegende auf eine neue Formel bringt, emporhebt, wie etwa der Vertrag mit Creation (wahrscheinlich das einzige Indie in GB, das es noch versteht, einen Act aufzubauen und zu einem sichtbaren Erfolg zu führen), werden ebenfalls zurückgewiesen. Später im Gespräch höre ich einmal kurz, daß sie die Kompliziertheit der Songs von den Instrumenten und Instrumentalpassagen auf die Arrangements, die Komposition, die Absprachen abgewälzt haben, sozusagen zwei Produktionsmethoden (einerseits Gitarrespielen und der Stimmung, der zerbrechlichen und flüchtigen, folgen, andrerseits Sampeln, Zusammenschnitzeln von normalerweise Unverbundenem, Festschreiben von Brüchen zu einem Song, Komponieren), diejenige, die als natürlich, aber auch altmodisch gilt (nämlich Töne zu kombinieren, die zu kombinieren die Beschaffenheit eines Instrumentes nahelegt), und diejenige, die als modern, aber künstlich gilt (nämlich Töne zu kombinieren, die die Beschaffenheit herkömmlicher Instrumente unmöglich macht). „Ich würde sagen, unsere Methode ist einfach modern. Es ist natürlich kein Hip-Hop, aber Hip-Hop und andere moderne Musik, die auf ähnliche Weise zustande kommt, hören wir gerne und nehmen wir zur Kenntnis, natürlich verdankt unsere Musik auf den ersten Blick Hüsker Dü und The Jesus And Mary Chain mehr als Hip-Hop, aber vom Feeling der Produktion her, würde ich doch sagen, daß da ein deutlicher Einfluß dieser Techniken ist.“ Könnte man sagen, da wo Hip-Hop James Brown sampelt, sampelt ihr Hüsker Dü? „So ungefähr ist es, ja.“

Kevin und Colm Ó Cíosóig stammen aus Dublin, 1984 gingen sie nach Berlin, mit ihrem damaligen Sänger, und zeitweilig „hatten wir einen deutschen Bassisten“, ein Mädchen namens Tina spielte Keyboard, und eine nicht uninteressante, wenn auch heillos konfuse EP aus der Zeit legt Zeugnis ab davon, wie diese Band gleichzeitig nach 60s-Garage, Sowiesobilly und Poesie klingen wollte. „Damals waren wir Fans von Birthday Party und solchen Sachen, wir lebten halt in Berlin. Eines Tages gingen wir zu einer Show von den Neubauten, eigentlich waren es gar nicht die Neubauten, sondern so ’ne All-Star-Show mit Gästen im Metropol (muß nach meinen Recherchen im Herbst 84 gewesen sein), jedenfalls trat Blixa auf und wir waren Fans und erwarteten etwas Neubauten-mäßiges. Aber dann spielte er ‚Sand‘ von Lee Hazlewood, und das war wie eine Erleuchtung für mich, eine neue Sicht der Dinge. Das hat uns sehr beeinflußt.“

Lee Hazlewood, der Bach des Country, der Mann, der gewissen klassischen, ewigen Effekten durch Transparenz und Rationalisierung Regelhaftigkeit und Vernunft gegeben hat, nicht um den Song zu entzaubern, sondern um ihm noch größere Aufgaben aufzubürden: die wohltemperierte Tieftraurigkeit trauriger Männer mit Humor: einen Hazlewood-Song muß man nicht singen wie der siebte Sohn eines siebten Sohns, er ist als Gefäß abstrakt und schlau genug, auch die ganz anderen Traurigkeiten eines westdeutschen oder australischen Bürgerkindes aufzunehmen, du mußt eine Stimme wie Bargeld, Cave oder Howard haben, um ihn zu singen, ja sogar die eines Mädchens wie Nancy Sinatra. Dann allerdings kamen irgendwann mit den Jesus And Mary Chain die größten Hazlewood-Fans auf den Markt: „Die haben uns vieles sozusagen weggenommen, was wir nicht schnell genug verarbeitet hatten.“

In London kommen sie 85 an, nachdem man ihnen in Berlin das ihnen EG-mäßig zustehende Dole-Money verwehrt. („Unsere Eltern sollten für uns zahlen.“) Deb übernimmt den Baß, im Creation-Office erzählt sie, während wir auf Kevin warten, daß Colm dringend seine Lederjacke nach Berlin zurückschicken möge, das Mädchen, von dem er sie habe, brauche sie dringend wieder, weil der Junge, dem sie eigentlich gehöre, sich das Leben genommen habe. Oh, das tue ihm leid, was soll er jetzt anziehen? Und dann redet das Creation-Personal und seine derzeit erfolgreichste Band eine Weile über die letzten Squat-Möglichkeiten im spätthatcheristischen London. Mit Deb entsteht 85 eine Platte, wieder im EP/Mini-LP-Format, wieder auf neuem Label, 86 landet man bei Joe Fosters Kaleidoscope-Label, dessen erste Veröffentlichung überhaupt ist die The New Record by My Bloody Valentine, eine mir relativ angenehme, wilde Platte aus der Vorzeit dieser Band, die erst durch einen konsequent-orientierungslosen Opportunismus zur Einzigartigkeit fand, ein leicht zu schmähender, in Wahrheit sehr plausibler und praktikabler Weg. „Foster ist nicht der Typ, der sich um eine Band kümmert oder sie durchsetzen kann, der hat Spaß daran, ein Label zu machen, eine Platte zu produzieren, um sie dann zu vergessen und sich der nächsten zuzuwenden.“ Letzte Station einer mäßigen Karriere schien das Lazy-Label der Primitives zu werden, Sänger/Textautor Dave Conway hatte die Band verlassen, Kevins eigentlich viel nettere, weniger gehetzte Stimme und die neu hinzugekommene Bilinda hatten nichts daran ändern können, daß die Band in etwa Wolfgang Meinking und seinem Urteil über die bei Lazy erschienene erste LP Ecstasy recht gibt (es war vernichtend ausgefallen).

Wenn man nichts zu verlieren hat, sieht man eben die Lage klar und tut das einzig Richtige, nichts ist bekanntlich intelligenter als eine verfahrene Sache endgültig völlig runterzuwirtschaften. Ohne nähere Erklärung entsteht jetzt das, was einerseits die Krise des britischen Pop auf den Punkt bringt, seine heilige Angst vor jeder Dissonanz, seine überzüchtete, sensible Furcht vor Krach, wie schon bei JAMC in dramatischer Erstarrung festgehalten, dies ergo auf den Punkt bringt und ein letztes Mal die weitestmöglich gedehnte Rumhäng-Bittersweetness-Idylle überspannt, ohne diese Spannung zum Krach, zur Befreiung hin aufzulösen, andrerseits heftige Kontakte zur großen, wenngleich in Großbritannien wenig zur Kenntnis genommenen Alternative zu diesem Problem knüpft: „Man entdeckt jetzt in England die Pixies und Dinosaur Jr.; vor allem alles, was auf Blast First herauskommt, genießt mittlerweile hier große Anerkennung, erhält Vorschußlorbeeren, das spricht sich langsam rum, wird sicher bald auch die Presse erreichen, auch wenn die jetzt noch nichts davon wissen. Wir werden oft mit Pixies und Dinosaur Jr. verglichen, ich weiß nicht, wir haben bestimmt nicht von denen geklaut, auch wenn wir sie jetzt sehr gerne mögen und auch fast mit Dino auf Tour gewesen wären, wir konnten nur nicht, weil es für uns dann doch nützlicher sein wird, auf Deutschland-Tour zu gehen als Headliner, denn als Vorgruppe durch die Südstaaten der USA zu ziehen.“

Daß die neue und in so weiten Kreisen geschätzte MBV-LP Isn’t Anything nicht nur wie eine am Reißbrett entworfene, theoretische Lösung aller Probleme zeitgenössischer britischer Popmusik, also idiotisch, klingt, verdankt sie einer allgemeinen inneren Schlaffheit, stimmungsmäßigen Verkifftheit ihrer Mitglieder, die gelegentlich ins Faule lappt, harmonisch faule Lösungen interessanteren vorzieht. Musik sind schöne Früchte, an denen man sich an langen, langweiligen Regentagen in Squats labt und ergötzt, seltene Granatäpfel aus den Kolonien, an denen man kostet, wie man sich einen Wasserpfeifenrausch um den Kopf legt: keine Dröhnung zwar wie bei Spacemen 3 und ihrem zur Zeit so angesagten Imitatoren-Loop, aber eine private, introvertierte, eigene kleine Welt, wie sie seit Jahrzehnten englischer Oberschülermusik eignet, jedoch auf dem neusten Stand der Dinge und der Produktivkräfte (was eine besondere Leistung schon allein deswegen ist, weil alle neusten Entwicklungen, sowohl im technologischen wie im ästhetischen Sinne, Zerrissenheit und Diskontinuität begünstigen, als Stimmungen der Zeit, und weil im weitesten Sinne Schnitttechniken alle neuen Sample-Techniken nunmal sind, MBV es aber schaffen, das Zerrissene durchaus erkennbar in ein neues warmes, gemütliches, mit Äther angereichertes, leicht durch Hauch beschlagenes Stimmungs-Glashaus zurückzuführen: wo das Zerrissene als Zerrissenes bestehen bleibt, im Ganzen aber keine andere Funktion mehr hat als ein Akkord- oder Tonartwechsel). Blenden sie denn alle Härte sozusagen aus? Haben sie schonmal neuen britischen Speedcore gehört?

„Wir waren ja erst vorgestern bei so einem Konzert, nicht Napalm Death selber, aber aus dieser Schule, wir haben auch Prong gesehen neulich, ich finde das gut für das Alter und für bestimmte Probleme mit den Eltern, aber wir sind wohl schon zu alt dafür (im Schnitt 25), außerdem kommen wir woanders her, ich habe das gerade bei diesem Konzert gestern wieder gedacht. Der Schlagzeuger war wirklich sehr schnell, und der Sänger brüllte auch irgendwie unerklärlich schnell rum, aber die Gitarristen und der Bass waren total langsam, die kloppten da ganz betulich ihre Riffs runter und verließen sich auf den Nachhall und die Distortion, da mußte ich an die Band denken, die mich zur Musik geholt hat und eigentlich heute noch meine Lieblingsband ist, die Ramones. Da hat jeder schnell gespielt, da flogen die Finger aber nur so über die Saiten, und das nicht, um irgendeinen blöden Rekord aufzustellen, sondern für wirklich gute Songs, die Ramones schrieben ja die allertollsten Songs.“

Kevin, der die meisten besonders aber das letzte Statements alleine, aber leadermäßig im Namen der Gruppe, vorgebracht hat und der schließlich mit Colm die Band seit über fünf Jahren zusammenhält, plagt nur eine große Schwäche: „Ich habe absolut kein Talent, Texte zu schreiben. Ich denke aber, daß da Texte sein sollten, Gesang, Songs, und es wäre auch bescheuert, mir irgendetwas auszudenken, an den Haaren herbeizuziehen, also bemühe ich mich, Texte zu schreiben, in denen ich das sage, was mir im Moment der Niederschrift durch den Kopf geht. Und das fällt mir total schwer. Ein Song dauert bei mir eine halbe Stunde, ein Text die ganze Nacht, schreckliche, durchwachte Nächte im Studio.“

Und deswegen greifen Bilinda, die heute krank war, Colm und Deb des öfteren ein und schreiben Texte, Bilinda singt dann ihre auch, vor allem über „Several Girls Galore“ – „ein Lied über Schizophrenie“, wie die anderen meinen; sind sich wieder Band und Interpret einig, ist ein gutes Lied.

Wissenschaftliche Experimente mit nahestehenden Personen haben ergeben, daß MBV-Musik besser noch als in Opium-Höhlen zu mildem Fieber zwischen 37,7 und 38,5 genossen wird, einem Zustand also, in den die notorisch verschnupften Squatter in den notorisch schlecht beheizten Wohnungen in Greater London öfter geraten als andere Metropolenbewohner. Ein zartes, überspanntes Dämmern, in dessen Verlauf einem China und komische Geschichten aus alten Büchern und komische Formen und Figuren im leicht bewegten, entlaubten Straßenbaum vor dem Fenster einfallen. Es ist klar, daß sich diese zerbrechlichen Zustände nicht ohne Verlust live reproduzieren lassen, daher versucht man es gar nicht erst und macht was anderes: „Wir hatten schon immer den Ruf, live anders zu klingen als auf Platte, aber das stimmt auch jetzt noch. Es ist wesentlich härter und lauter, was wir dann machen, wir haben schließlich ein langes Training im Zusammenspiel, und unser Set sitzt ziemlich gut, wir haben schon unter den allerwidrigsten Umständen gespielt, auch und gerade in Deutschland, ich erinnere mich an den einen Gig in, ich glaube, Bremen, voll mit Hardcore-Punks, weil wir mit dieser einen Hardcore-Gruppe zusammen auftreten sollten, und uns war klar, daß die weder auf unsere Musik oder unsere Art uns zu geben stehen würden, aber wir haben auch denen eingeheizt, und die meinten hinterher, wir wären hart drauf.“

Ob diese Band auch der neuen ungewohnten und in all den Kampfjahren nicht erprobten Situation, plötzlich als Darling der Presse, Aushängeschild der neusten Creation-Generation und relativer Verkaufsschlager (z. Z. seit drei Wochen unangefochtener Indie-Charttopper) dazustehen, aushalten bzw. umsetzen kann, weiß natürlich auch ich nicht, aber ich stelle es mir interessant vor für eine Band, die bis zur totalen inneren Paralyse, bis zum Nadir des künstlerischen Niedergangs, vordringen mußte, um gut zu werden, eine im wahrsten Sinne des Wortes sagenhafte Geschichte.