Nach dem Absturz

Ein Jahr nach ihrem Tod ist die Sängerin Aaliyah so präsent wie nie

Schwarzer Sand saust durch die Luft. Die Schönheit erstarrt zur Statue. Diese verfärbt sich, bröckelt wie alter Bimsstein und explodiert in alle Himmelsrichtungen, als hätte man ihr eine Ladung Chinaböller appliziert. Pietät wäre etwas anderes. Als Vampirgöttin ist Aaliyah in ihrer letzten Rolle nämlich so mächtig, daß alle anderen Vampire sie nur mit vereinten Kräften erledigen können. Und das machen sie bombastisch geschmacklos.

Bevor Queen Of The Damned – Königin der Verdammten am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, erscheint Dienstag die neue Aaliyah-Single „Rock the Boat“. Im dazugehörigen Video konnten ihre Fans sie schon beweinen. Doch ist das nicht gerade das Meisterstück von Hype Williams. Der Regisseur, der mit biomorphen Unterwelten und Cyberinsekten-Choreographien dem R&B der späten 90er sein Gesicht gegeben hat, hat sich für Aaliyahs neueste und letzte Single nur ein lasches Sommerballett mit dunkelhäutigen Mädchen auf einer zahnpastaweißen Yacht einfallen lassen. Es ist dennoch ein historisches Dokument geworden: Wenige Stunden nach dem Dreh auf dem Segelboot in der silbernen See stürzte der Mietjet mit Aaliyah am 25. August des vergangenen Jahres ab. Die Sängerin, 22 Jahre alt, und acht Personen aus ihrer Entourage kamen ums Leben.

Aaliyahs drei Alben erschienen mit viel Abstand. So hatte sie trotz ihrer grausam kurzen Karriere Zeit, nicht nur sehr unterschiedliche Entwicklungsstufen ihrer Talente zu demonstrieren, sondern sich auch an verschiedenen Stadien der Soul- und R&B-Geschichte zu beteiligen. Als sie fünfzehnjährig mit „Age Is Nothing But a Number“ debütierte, kümmerte sich der junge R. Kelly um sie. Der hatte schon 1994 begriffen, daß ein elegant dem Rabaukenkontext entzogener Hip-Hop die Zukunft von Soul und R&B sein könnte. Vier Jahre später war dieser neue komplexe Hip-Hop-R&B auf seinem künstlerischen Höhepunkt, und seine beiden absoluten Chefs Missy Elliott und Timbaland bastelten die Beats für Aaliyahs wieder sehr defensiv betiteltes zweites Album, One In A Million.

One In A Million war ein stilbildendes Album geworden. Elliott und Timbaland hatten das Konzept, die rhythmische Komplexität synthetischer Beats zu einem Genre reifen zu lassen, das auch für Songs die Grundlage liefern sollte. Nur wenige Vokalisten konnten diesem Flechtwerk aus so filigranen wie fetten Beats die angemessen cyber-menschliche Überdrehtheit entgegensetzen, ohne nur ausgedacht zu wirken. Aaliyah konnte konzeptuelle Kolosse miteinander verschmelzen, in unwahrscheinlich schön modulierten Melodielinien, balladentauglich, bluesig und dann wieder langsam übergehend in eine leicht kehlige, metallene Heiserkeit.

Wegen dieser Nuance ihrer Stimme mag die Idee entstanden sein, zwei Pop-Genres zusammenzuführen, die sich noch nie viel zu sagen hatten: afroamerikanischer R&B und Gothic. Queen Of The Damned ist eine Anne-Rice-Vampirgeschichten-Verfilmung, komplett mit Nu-Metal-Soundtrack und viel Blässe. Doch als Special Effect hat man ein ganz anderes Genre hinzugegeben. Die afrozentrische Ägyptophilie durchzieht ja nicht erst die Hip-Hop-Kultur von X-Clan bis Nas. Die ägyptische Antike steht in der afroamerikanischen Musik und Literatur in der Tat für ähnliche Projektionen wie die Gothic-Literatur in der europäischen Romantik, einschließlich eines umgedrehten Orientalismus.

Die weißen Vampire haben also, so die Story von Queen Of The Damned, auf irgendeinem Parteitag beschlossen, die Menschen nicht nur auszusaugen, sondern mit ihnen friedlich zu koexistieren. Das muß irgendwann auch die Hauptfigur, ein als Kinderschreck-Rockstar auferstandener Edelvampir namens Lestat, lernen. Nur Aaliyah alias Queen Akasha, die die letzten drei, vier Jahrtausende als Versteinerung verbracht hat (nachdem sie als ägyptische Herrscherin fast das ganze Staatsvolk ausgesoffen hatte), will sich nicht an den ökologisch weisen Kompromiß halten, den die Reformisten in der Zwischenzeit ausgebrütet haben.

Doch es ist nur eine bessere Nebenrolle für ihr leider zum Scheitern verurteiltes Terrorregime herausgekommen. Dabei läßt es sich gut an, wie sie in einem Londoner Untotentreff den versammelten Grufties innere Organe zum unmittelbaren Verzehr herausreißt und aus dem Rest Holzkohle macht. Aber auf diesen Moment hat man über eine Stunde warten müssen, zum nicht abebbenden Nu-Metal-Generve. Ihre übernächste Szene ist dann auch schon ihre letzte: als weltbedrohendes Übel wird sie von den vereinten Reformvampiren fertiggemacht. Mit der Jugendkulturenversöhnung war es jedenfalls nicht ernst: Kein Ton R&B erklingt, und die sehr weißen Vernunft-Vampire berauschen sich an ewigem Rock. Wer bessere Musik hören will, sollte sich die dritte CD von Aaliyah holen: eine würdigere Erinnerung an ihre Talente. Der neuen, älter geschminkten Aaliyah haben die Produzenten Timbaland und Static Stücke geschneidert, die eine neue Ära des R&B, ein neues Jahrzehnt beginnen wollen – und dafür die richtige Protagonistin gefunden hatten. Eine Virtuosin in den vielen verschiedenen Gebieten dieser wichtigsten Pop-Musik der Gegenwart, von überkandidelt menschelnden Soul-Arien („I Refuse“) bis zum staubtrockenen, komplex gefalteten Rhythmus-Sierras („More Than a Woman“).

Die Unglücksursache war ein überladenes Kleinflugzeug. Man wollte sympathischerweise schnell weg von der Arbeit, hatte netterweise viel zu viel Gepäck. Kennt jeder. Keine Geduld, keine Disziplin. Natürlich, denn daß Geduld nur hat, wer sonst nichts verpaßt, und Disziplin sowieso saugt, auch davon handeln Aaliyahs Songs. Wenn auch auf sehr disziplinierte Art. Es ist ein Jammer.