Früher, als noch mehr wichtige Musik ausschließlich zu Hause gehört und in verschrobener Einsamkeit gleich in die Zeichensysteme der Privatuniversen eingespeist und übersetzt wurde, saßen Nerds eher am Endpunkt der Pop-Kommunikationskette, genannt Adressat. Home-Recording als Indie-Ethik einerseits, Schlafzimmer-Produzenten und der PC als technologisch fast gleichwertiges Äquivalent zum Studio andererseits setzen denselben Typ heute an den Ursprung derselben Kette. Kollektive sind entweder als Tanzende die Adressaten oder höchstens mal die sozial kontrollierende Peer-Group, genannt Clan oder Gang oder Posse. Selbst der Wu-Tang-Clan basiert an einem entscheidenden Punkt auf der Nerdhaftigkeit des RZA. Früher kam derselbe Typ auch noch als verrückter Produzent – Phil Spector – vor, der Bands, Orchester und Plattenfirmen quälte und sich der einschlägigen Genie-Mythologie bediente. Auch diese Funktion ist heute auf das Schlafzimmer-Talent übergegangen, der noch bei seiner Mutter von Cornflakes, Nutella und Haferschleim lebt und fernsieht, sofern er nicht gerade superinnovative elektronische Musik produziert. Wenn aber dessen Soundfreuden auch die der kollektiven Rezeption sind, dann gibt es wahrscheinlich zwischen einem bestimmten Erlebnis von Kollektivität (Dancefloor) und der Erfahrung narzißtischer Individualität (Heimeligkeit, höchst effektive Kommunikation mit der Welt über allerlei elektronische Gadgets) weniger Unterschiede als zwischen den klassischen Modellen von öffentlich und privat.
Nerd
Diedrich Diederichsen: Der lange Weg nach Mitte – Der Sound und die Stadt. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1999. S. 289
(zuerst erschienen in: Spex 7/97, S. 62)
(zuerst erschienen in: Spex 7/97, S. 62)