Wenn noch die Texte so transgressiv werden wie das Layout, gibt es zwei brillante neue Zeitschriften: de:bug und Jungle World.
Zwei dringend notwendige Zeitschriften sind in diesem Jahr gegründet worden. Beide überzeugen durch Qualitäten, die bei Blättern aus dem linken oder linksradikalen Milieu immer besonders gefehlt haben – blattmacherische Stringenz und konzeptuelle Eleganz. Sowohl die Wochenzeitung Jungle World, ein Spaltprodukt der jungen welt, als auch de:bug, die „Zeitschrift für elektronische Lebensaspekte“ aus dem Dunstkreis der verblichenen Frontpage, wissen gestalterisch und konzeptuell sehr deutlich, was und wohin sie wollen.
Diesen Umstand kann man gar nicht neuartig genug finden, denn in vielen Bereichen der Musikbegeisterung, Theorieverwicklung und des Politaktivistentums sind die Texte letzterzeit zwar immer differenzierter, genauer und abwechslungsreicher geworden, aber gerade über die wachsende Spezifizierung degenerierten die Zeitschriften- und Zine-Typen zu bloßen Foldern von konzeptionslos aneinandergereihten Artikeln.
Diese Tendenz hat sich nun zum Teil umgedreht: Die Jungle World tritt optisch souverän auf und wagt sich sogar in den für Linke lange verbotenen Bereich, wo Bilder mehr oder anders als bloß illustrativ oder Fotokunst sein dürfen. Ihre Auslandsberichte und Weltwirtschafts-Surveys ergänzen oder ersetzen zuweilen sogar die in diesem Bereich führende Le Monde Diplomatique. Trotz der bekanntermaßen immensen persönlichen und ökonomischen Nervereien, denen MacherInnen linker Zeitschriften ausgesetzt sind, verströmen weite Bereiche eine aus diesem Milieu nicht gekannte Entspanntheit.
Nur verdankt sich die konzeptuelle Stringenz noch zu sehr einem alten, dichotomen Denken in Departments entlang der Basis-Überbau-Unterscheidung. So wird in den Spalten der Jungle World die unselige Trennung zwischen Kultur und Politik nicht nur fortgeschrieben: Der Kulturteil bringt selten mehr als die üblichen Verdächtigungen der üblichen Verdächtigen, denen nur selten zugute kommt, daß sie als Texte nun ein paar Tage mehr Zeit haben als vormals bei der jungen welt.
Hier artikuliert sich wieder die altlinke Angst, eine ominöse, böse „Diskurstheorie“ wolle Wirklichkeit aufessen. Wer nicht gerade unter diesen Generalverdacht fällt, den trifft der andere allgegenwärtige Vorwurf, nur Kohle machen zu wollen. Ideologiekritik bleibt das hermeneutische Nullsummenspiel, bei dem immer nur rauskommt, daß wer bezahlt immer auch gekauft ist. Am Ende ist der Teil der Linken, der Präfixe wie „Kultur-“ oder „Pop-“ als Schmähworte vergibt, wieder so allein und bündnispartnerfrei wie in den seligen Zeiten vor dem Wohlfahrtsausschuß. Daß dieses Hinterwäldlertum von der gestalterischen Konzeption längst überwunden zu sein scheint, läßt allerdings in Zukunft auf mehr Dschungel und mehr Welt hoffen. Schon jetzt wirkt sie sich zuweilen ermutigend auf einige in diesem Umfeld unvermutet offenherzige Texte aus.
Auch bei de:bug – wo jede Menge unübliche Devices (Tageszeitungsformat, eine Papierfarbe im Stil der Financial Times oder Mute, das Sektionenprinzip der Welt am Sonntag oder Die Woche) um jeden Preis den Eindruck vermeiden, man habe es mit einer Musikzeitschrift zu tun – bleiben gerade einige musikbezogene Texte hinter der an sich ziemlich genialen Idee zurück, es gebe so etwas wie kulturenübergreifende, elektronische Lebensaspekte, die nach einem integrierten Forum verlangen: Wenn Michael Mayer in einer Aufmacherstory als marktwirtschaftlich-unternehmerische Erfolgsnummer gefeiert wird, als gehe es darum, einen mittelständischen Ersatzteil-Zulieferbetrieb der Rüstungsindustrie anzupreisen („konsequente Linie“), fällt das so weit hinter das Niveau der leider viel zu knappen nichtmusikalischen Sektion zurück, daß eine Zerreißprobe unvermeidlich scheint.
Von neuer elektronischer Musik und elektronischen Produktionsformen inspiriertes Denken kollidiert mit retardiertem Fantum, wie man es nur zu gut kennt – nicht nur entlang von Fraktionen, sondern auch mitten durch die einzelnen Subjekte. Trotzdem überwiegen auch bei de:bug die Versprechen und die Neuartigkeiten vor allem in den nichtsprachlichen Bereichen, auf daß der Text folgen werde wie der Geist dem berühmten Arsch.