Oostende 1994

Eine Doppel-CD mit Musik, die „bildende“ Künstler aus dem Großraum Los Angeles aufgenommen haben, erinnert uns an drei bedeutsame Entwicklungen. 1. Los Angeles stand seit drei bis fünf Jahren für eine Kunst, die im Gegensatz zu New York und Europa emotionaler und psychologischer orientiert, visuell drastischer, mit Pop-Kultur und -Musik verbunden und schließlich auch objekthafter und leichter verkäuflich war als ihr New-York-Gegenstück („Helter Skelter“ gegen Political Correctness). Diese CD stellt sich diesem Ruf und setzt ihm etwas entgegen, was dieses verkaufsfördernde Gerücht nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert. 2. Soziale wie technologische Entwicklungen zwingen und ermuntern Künstler seit einiger Zeit dazu, ihr technisches, soziales und mediales Repertoire zu erweitern. Die beiden denkbaren Richtungen waren entweder Musik oder Diskurs, L.A. steht eher für Musik. Diese CD erklärt aber auch, daß diese Orientierung diskursive Voraussetzungen hat, sie kennt und mitreflektiert. Das Verhältnis zur technologischen Konvergenz der Medien via Digitalisierung ist ein weiterer Aspekt, der in einigen Beiträgen ausdrücklich herausgestellt wird. 3. Los Angeles steht in dem Ruf, bedingt durch seine Zentrumslosigkeit, die Car-Culture und die Zersiedeltheit, keine Communities im Sinne SoHos hervorbringen zu können. Erstaunlicherweise präsentiert diese CD aber nicht nur eine intakte (verglichen mit Köln und SoHo) „Art-Community“, die miteinander vernetzt und aufeinander angewiesen ist, sie ist auch nahezu vollständig: Die hier präsenten Künstler stellen mit Sicherheit mehr als 50% der in den letzten drei Jahren von Los Angeles aus international aktiven Künstler: eine Zusammenarbeitsrate, die in der von Konkurrenz und Individualismus zur Zeit vergifteten Atmosphäre von Köln oder New York kaum denkbar wäre.

Im Mittelpunkt stehen die beiden bekanntesten und auch lokal einflußreichsten L.A.-Künstler, Mike Kelley und Stephen Prina, die – neben ihren eigenen Beiträgen – noch bei verschiedenen anderen mitspielen: Prina als slicker E-Pianist bei den beiden Laid-back- und Campy-Versionen von West-Coast-Rock der Tiny Bottoms, feat. Jamey Bair als Gitarrist, auf Jim Shaws „A Good Looking Corpse“ und Kelley ebenfalls bei Jim Shaw. Außerdem sind an verschiedenen Arbeiten beteiligt: Sarah Seager (deren Schwester Gretchen, Profi-Musikerin mit Major-Vertrag, die gesamte Zusammenstellung produziert hat), T. Kelly Mason, Marnie Weber sowie Celeste Moreno und Craig Levitz von der „Hausband“ des Art Center (wo die meisten beteiligten Künstler lehren oder studieren), Lotion (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen New Yorker Band).

Prina und Kelly sind in der Lage, durch ihre einerseits enge Zusammenarbeit, andererseits denkbar unterschiedliche Praxis (als Lehrer – wie in ihrem Materialverständnis), in gleicher Weise einflußreich das Gravitationszentrum der CD zu bilden und gleich wieder aufzulösen, wenn man es sich näher ansicht: Prina, der sich neuerdings auch in eigenen Performances, als kompetenter Rock-Musiker und Vokalist darstellt, trägt als eigene Beiträge zwei „Etude(s) for Percussion“ vor, die auf Quadratwurzelfunktionen beruhen und von zwei professionellen Percussionisten gespielt werden. Kelley spielt bei Jim Shaws scheinbar konventioneller Rock-Nummer mit, bei deren Aufnahme aber jeder der vier Solo-Gitarristen nur den Orgeltrack hören konnte, und gibt unter eigenem Namen ein Solo für Schlagzeug1 und Quietschetierchen, das bei der Präsentation der Doppel-CD im Santa Monica Museum of Art live aufgeführt und Höhepunkt wie Publikumsliebling wurde. Beide Künstler demonstrieren also, wie ein sekundäres und ein primäres Verhältnis zum Material immer enger aufeinander angewiesen sind, als eben nicht nur die klassischen Künstlermythen (besessenes Genie), sondern auch deren Gegenmythen (allseits informierter, souveräner Intellektueller) wahrhaben wollen. Pop Culture ist in diesem Kontext keine besondere Spezialität mehr, sondern eine selbstverständliche Voraussetzung, die aber nicht mehr großäugig bestaunt wird, sondern bereits mehrere sekundarisierende Diskurse durchlaufen hat.

Daneben gibt es auch einfach straighte, gute Musik wie Sarah Seagers unheimliches Surf-Instrumental, das ihrem Freund Thad Strode gewidmet ist, der seinerseits mit der Band Sloper (gemeinsam mit dem hierzulande leider unbekannten Künstler John Souza) Musik von hohem Gebrauchswert liefert. T. Kelly Masons Version von Chuck Berrys „No Particular Place To Go“ war dann doch konzeptueller gemeint, als es auf der Platte klingt: Beim Konzert las er aus Greil Marcus’ existentialistischer Rock-Philosophie, die diesen Song in den Mittelpunkt der Rock’n’Roll-Geschichte stellt; anschließend spielte eine All-Star-Jam-Band aller beteiligten Künstler den Chuck-Berry-Song und sollte nach Plan des Bandleaders und Drummers Mike Kelley langsam zu einer Sun-Ra-Komposition überleiten, was wegen der selbstverliebten Spielfreude einiger Musiker nicht ganz klappte. Auch Mythter (Steve Hanson, Antonio Ortiz und Mickey Petralia) spielen West-Coast-HC-Crossover, wie man ihn seit Jahren kennt, kompetent und ohne konzeptuellen Überbau.

Drei Beiträge basieren auf Texten: Benjamin Weissmans amüsante „Hitler Ski Story“, die in einer zehnminütig durchgehaltenen Leier-Akzentuierung, zu gelegentlich eingeblendeten symphonischen Einsprengseln, erklärt, warum Hitler ein schlechter Skiläufer und darum impotent war (oder umgekehrt). Weissman ist ein begeisterter Skiläufer. Diana Thaters synchrone Lesung von zwei Breton-Texten und einer Liste aller Blumen in Claude Monets Garten, ein Annex zu einem visuellen Projekt Thaters. Schließlich Sharon Lockharts Country-&-Western-Song „I Got A Crush On You“, eine Liebeserklärung an einen deutschen Maler, die in Verzicht mündet, denn „you got a woman and I got a man“. Die Künstlerin tritt in ihrem Song nur kurz bei der gesprochenen Passage auf, die die Unmöglichkeit der Liebe erklärt, ganz in der Tradition klassischer Country- und R’n’B-Balladen von den 50ern bis Isaac Hayes, wo die Opposition Gesang (unbegrenzte und asoziale Emotionalität) und Sprechgesang (Vernunft, Einsicht, Tragik, Katharsis) genremäßig festgeschrieben wurde.

Art-School-Punk-Rock von einer gewissen Jahrzehnte-übergreifenden Zeitlosigkeit kommt von Too Much Girl (an die Früh-80er Frauenbands wie Kleenex erinnernd), Dr. Boofmier und am unterhaltsamsten von Dani Tull, die noch einmal das alte West-Coast-Lieblingsthema „Infantilismus“ inszenieren. Marnie Weber, Stephanie Hornisch, Celeste Moreno (von Lotion) und Becky Allen (bei Sharon Lockhart) sind die herausragenden Vokalistinnen im dramatischen Fach. Vor allem live konnte Webers Variante von neurotischem Drone-Rock überzeugen. Tom Recchion, ehemals Mitglied der B-People und heute im Hauptberuf Komponist, steuert ein Piano-Stück zwischen Satie und Eno bei, während Jeff Beal die effektivste konzeptuelle Idee hatte: Drei Einspielungen von „Für Elise“ (die sich natürlich im Tempo unterscheiden) werden gleichzeitig aufgelegt, was nicht nur Zufallsfugeneffekte ergibt, sondern schönste Zufalls-Septnonakkorde, wie sie sich das Modern Jazz Quartett um 1955 ausgedacht haben könnte. Drei von fünf Abschlußarbeiten am Art Center beziehen sich heutzutage formal oder inhaltlich auf (vor allem Pop-) Musik. Dabei könnte es sich um eine modische Zuspitzung handeln, vieles spricht aber dafür, daß die Bezugnahme auf und Kenntnis von Pop-Kultur und -Musik in der L.A.-Kunst die Novelty-Phase längst hinter sich hat: Daß es keine zeitgenössische Kunst ohne Beziehung zu Pop-Musik, Kino und Computer-Kultur geben kann, ist längst – und nicht immer ganz freiwillig – Voraussetzung der L.A.-Szene: teaching jobs, die viele in New York über Wasser halten, sind seltener und schlechter bezahlt. Die meisten überleben durch Jobs in der Unterhaltungsindustrie. Auch das regelt das Verhältnis von bildenden Künstlern zu ihren Nachbarn Diskurs und Musik. Das Booklet wurde übrigens von einem der wenigen nicht musikalisch vertretenen L.A.-Künstler, Christopher Williams, gemeinsam mit Franz Schnaas gestaltet und rechtfertigt in seiner Schönheit schon die Anschaffung der Doppel-CD Oostende 1994 per Kontaktaufnahme mit Big Truck Records, 4470 Sunset Blvd., Suite 553, Hollywood, Ca. 90027, Fax: 001-213-664-2318.

  1. Sein Hausinstrument seit den Tagen von Destroy All Monsters – der Band, in der Kelley und Shaw in den frühen 70ern versuchten, Krautrock, Psychedelia und Free Jazz zu fusionieren. Zur Zeit stellt Kelley die Aufnahmen aus jener Zeit für eine Tripel-CD zusammen, die bei Rhino erscheinen soll. ↩︎