Bekanntlich war Patti Smith die erste Frau, die … Ich will nicht näher ausführen, was das alles bedeutet und bedeutete. Sagen wir, was Bob Dylan für das Hörbarmachen literarischer Texte und schiefer, häßlicher dünner Stimmchen als sexy, massenwirksam und politisch tat, das tat sie für dieselben und alle möglichen anderen Dinge, die für Frauen in der Rockmusik vorher nicht möglich waren. Natürlich nicht einfach so, vom Himmel gefallen, aber wie es dazu kam, muß anderswo untersucht werden. Fraglich ist auch, ob das heute überhaupt noch so wichtig ist, weil vielleicht Rockmusik keine so wahnsinnig wichtige Arena mehr ist. Gerade auch für den Feminismus.
Doch. Weil: Was Patti Smith zur Zeit macht, jenseits dieser literarischen und feministischen Leistungen, das Inszenieren einer Rückkehr auf die Bühne, ohne die üblichen Peinlichkeiten und Durchschaubarkeiten, ist völlig ohne Vorbild. Das geht natürlich nur, wenn man Nerven wie Drahtseile hat und die Peinlichkeit auch dadurch umgeht, daß man keine ausläßt und noch jedem, vom Stadtzeitschriftenschreiber bis zur durchgeknallten Interview-Chefin Ingrid Sischy, die gleichen Stories erzählt.
Auf der Bühne wählte sie eine generationsübergreifende Grateful-Deadizität, bei der alles gleichzeitig stattfinden durfte, Jahrhunderte, Jahrzehnte, Generationen, Niveaus: Ihr 13-jähriger Sohn Jackson durfte „Smoke On The Water“ spielen, Lenny Kaye mit schlechten Witzen und Eigenkompositionen nerven, Tom Verlaine Miles-Davis-esk vom Publikum abgewandt auf einem Barhocker geile Licks zwischen Byrds, er selbst und in schwachen Momenten Chris Isaak beisteuern, das Publikum durfte und konnte sich erinnern und neu einsteigen. Links von mir wiegten sich Schreinemakers-artige Personen in den chantigen Rhythmen, rechts standen aufgeregte Gruppen ganz junger Menschen.
Fast alle Songs hatten den gleichen wiegenden Rhythmus, von „Redondo Beach“ bis zum selbstzensierten „Gloria“ (ohne die antichristlichen Anmaßungen). Es wirkte wie eine Mischung aus kollektiver Beschwörung, Gottesdienst und vielstimmigen Improvisationswochenenden (alleine drei Gitarristen!). Dazu gab es Symbolpolitik galore: Coverversionen mit viel Bedeutung: „The Wicked Messenger“ von Bob Dylan mit dem großen Satz: „If you can’t bring good news, don’t bring any.“ Princes „When Doves Cry“. Und das „Crystal Ship“ von den Doors. Dazu Widmungen an Personen, die fürs Lokale wie fürs Universale stehen, je zwei Tote, zwei Lebendige, zwei Männer, zwei Frauen, zwei aus Köln, zwei Amis: Bob Dylan, Kurt Cobain, Jutta Koether, Nico.
Am Schluß gab es das einzige dazu mögliche politische Statement: Alle Macht dem Volke / den Leuten. Minutenlang dachte ich darüber nach, ob „People“ in einem amerikanischen Hirn ein Plural oder ein Singular ist. Vielleicht muß ich doch eine Ursache suchen, warum Patti Smith es so offensichtlich leicht schafft, Grenzen zu passieren, die andere zu Recht als steinern empfinden und an denen viele andere zerstört kapitulieren mußten. Amerikanische Stereotypen fallen einem ein: sie tut’s einfach, scheut keine Peinlichkeit, positive Einstellung etc. Ich glaube, sie glaubt tatsächlich immer noch, als wäre nichts geschehen, an die Selbstermächtigungsfunktion von Rock.
Während sie, die erste Feministin des Rock, und ihr verstorbener Mann, Fred „Sonic“ Smith, der erste psychedelische Revolutionär des Rock, kleinfamiliengründend hibernierten, bewahrten sie auch diese Vorstellung im Kühlschrank auf. Daß Rock funktionieren kann und muß wie Demokratie in einem Capra-Film: Jemand, zum Beispiel James Stewart, steht auf und redet und redet und sagt die Wahrheit und legt Zeugnis ab, und alles ist gut. We the people. Sie erklärte ja auch in jedem zweiten Interview, daß sie immer schon und immer nur Rock an sich selbst, an die eigene Utopie erinnern wollte, Feminismus war da vor allem ein notwendiges Komplement dieser halt noch unvollständigen Utopie.
Diese universale Kraft eines potentiell alle ermächtigenden Rock verriet sich nur gelegentlich als historisch spezifisch, bei Patti Smiths kleinen Finger-Schüttel-Gesten nämlich, mit denen sie die Band dirigierte: Die kannte ich noch gut aus den Siebzigern und habe sie seit Punk nirgendwo mehr gesehen.