Ein Erfahrungsbericht
Mein traurigster St. Patrick’s Day
Wenn man am Ankunftstag in Manhattan die Montagspresse studiert, nimmt man noch mit einem gewissen Erstaunen zur Kenntnis, mit welcher Einmütigkeit sämtliche Dailies (und einige Weeklies) diesem – soll ich sagen: exotischen? – Thema allererste Relevanz zusprechen. Eine knappe Woche später greift man schon mit Begeisterung in diese Diskussion ein: Dürfen die Angehörigen einer Organisation namens ILGO (Irish Lesbian and Gay Organisation) an der traditionellen St. Patrick’s Day Parade teilnehmen? Und dürfen sie dies in vollen Ehren, also als vollwertiger irisch-amerikanischer Brauchtumsverein, in vollem Wichs mit Fahnen, Farben und Brimborium? Für die Hibernians, den Ausrichter der St.-Patrick’s-Parade, kam das ebensowenig in Frage wie für Kardinal O’Connor, seit Barbara Krugers Plakataktion gegen seine Anti-Abtreibungs-Tiraden zumindest in der Kunstwelt als Pope Fetus I. bekannt: Homosexualität sei für jeden gläubigen Katholiken eine Sünde; wenn diese Leute unbedingt mitmarschieren wollen, dann ohne Transparente und nicht als irische Brauchtums-Organisation erkennbar. Schnellgerichte mehrerer Instanzen beschäftigten sich in der knappen Zeit bis zum siebzehnten März mit dem Fall, das liberale wie das konservative politische Establishment mischte sich ein, die Post machte sich über die Schwulen lustig. Village Voice, Paper und die kostenlosen Downtown-Infoblätter riefen zur Solidarität auf. Schließlich wurde einen Tag vor der Parade unwiderruflich beschlossen und verkündet, die St. Patrick’s Day Parade sei eine Art Privatveranstaltung, die Hibernians dürften von einer Art Hausrecht Gebrauch machen, und ILGO blieb die Teilnahme verwehrt. Daraufhin postierten sich die ILGO-Mitglieder an einer strategisch günstig gelegenen Kreuzung und skandierten den beliebten Slogan „We are here, we are queer!“ Und zum ersten Mal seit den zwanziger Jahren nahm der Regierende Bürgermeister New Yorks, David Dinkins, aus Solidarität mit ILGO (und mit ihm jeder Liberale und fast alle Politiker der Demokratischen Partei der Stadt), nicht an der St. Patrick’s Day Parade teil. Ein „typischer“ konservativer Ire erklärte der New York Times, er habe die Schwulen noch nie ausstehen können. Wenn sein Sohn ihm so etwas antun würde, könne er was erleben, obwohl, er habe mal diese schwulen Untermieter gehabt, eigentlich ganz ehrliche, anständige Leute, Katholiken und Kirchgänger. Eine Aktivistin von ILGO meinte mit verheulter Queer-Nation-Schminke, dies sei ihr traurigstes St. Patrick aller Zeiten gewesen, so als sei die Parade bislang ein fester Freudentag im aktivistischen Jahreskranz gewesen. In den schon seit Monaten mit von Miller Light gesponserten Kleeblättern zugepappten Pubs in allen irischen und nichtirischen Teilen der Stadt wurde wie üblich gesoffen und ein wenig geprügelt.
Fulda, wie es singt und lacht
St. Patrick’s Day ist eine Einrichtung, die, wie bei uns etwa der Karneval, sensiblere und gegenkulturelle Gemüter normalerweise zur Flucht treibt. Zumindest meidet man an diesem Abend die Pubs. Die Parade gilt als so spießig und uninteressant für subkulturelle Aktivitäten aller Art wie der Mainzer Rosenmontagszug. Es ist, als wollte man die Bundeswehr Big Band unter Günter Noris zwingen, sich mit Free-Jazz-Arrangements auseinanderzusetzen. Aber die Nummer-Eins-Metropole der USA ist über Wochen, mehr noch als mit der Welle von Kinderschießereien an Schulen in Brooklyn, die am Tag zwischen einem und drei Toten forderten, mit dem Wunsch einer Schwulengruppe beschäftigt, bei Mainz wie es singt und lacht mitzumachen. Mehr noch: Leute, die sich als dezidiert gegenkulturelle Aktivisten verstehen, denen Mainstream-Kultur verhaßt oder egal ist, wie die Mitglieder von Queer Nation, fahren Kategorien wie „mein traurigstes Weihnachten“ auf, als gelte es, das Menschenrecht auf Teilnahme an Wim Thoelkes Großer Preis einzuklagen. So etwa meine Perspektive bei meiner Lektüre diesbezüglicher Doppelseiten, während der ersten Woche im März 1992. Sie sollte sich ändern.
Die Forderungen sogenannter Minoritäten nach Gleichberechtigung, Anerkennung, Normalität etc. beschränken sich in Deutschland immer noch weitgehend auf den Wunsch nach Gerechtigkeit und, vor allem, in Ruhe gelassen zu werden; vielleicht noch: nicht eingeschränkt zu werden, nicht behindert und – immer noch seltener – nicht ausgeschlossen zu werden. Minderheitenfeinde tendieren hierzulande traditionell ja dazu, diese zu verfolgen, zum Mitmachen zu zwingen oder per Ermordung zwangszuintegrieren. Entsprechend wollen diese zunächst nur ihren Frieden. Kein Mensch hat bisher die Auffassung vertreten, daß ein Quoten-Aktivist die politische Korrektheit einer Thomas-Gottschalk-Show verbessere. Doch in der Kölner Galerie Nagel hat einer der führenden unter den jungen amerikanischen Neo-Konzept-Künstlern, Fareed Armaly, unlängst eine sehr vielschichtige, auf langen Recherchen bei WDR, ORF etc. basierende Ausstellung über die „progressiven“ deutschen Fernsehshows und -serien der siebziger Jahre (Acht Stunden sind kein Tag, Wünsch Dir was) gezeigt. Als ob der provinzielle Reformismus jener Jahre vielleicht doch eine Antwort auf die amerikanische Mediensituation enthalte. Die Idee, die Spießer zu überzeugen, sich mit ihnen auf Diskussionen und Prozesse in voraussehbar fruchtloser Mühseligkeit einzulassen, hat hierzulande noch nicht Fuß gefaßt bzw. ist mitsamt Aufklärung, Marxismus, Kritischer Theorie den Bach runtergegangen. Dabei ist der erste Öffentlichkeitserfolg der deutschen Sektion der in Amerika allgegenwärtigen Aktivisten-Gruppe Act Up haargenau einer solchen Konfrontation zuzuschreiben: Fuldas Irrsinnsbischof Dyba, Lieblingsfigur neuer Karikaturistengenerationen, tat einem winzigen Act-Up-Demonstrationszug den Gefallen, seine Teilnehmer als „ein Haufen hergelaufener Schwule“ zu bezeichnen. Zum ersten Mal erreichte Act Up die Mainstream-Presse und gewann einen Prozeß, dessen Urteil dem Bischof untersagt, in Zukunft so böse zu reden. Man beginnt also, von Amerika zu lernen.
Ein Gespenst geht mal wieder um
Als ich die St.-Patricks-Geschichte in Deutschland an einem Kneipentresen zum besten gebe, fragt einer der Zuhörer: „Ist das jetzt ein Ausläufer der Politically-Correct-Debatte?“ Das Gespenst dieses Namens hat also Europa erreicht. Im Herbst 1990 erschien das New York Magazine mit einem rein typographischen Titelbild, auf dem groß die Frage gestellt wurde: „Are you politically correct?“ Darunter und darüber las man in kleinerer Schrift: „Sagst du ‚Native American‘ oder ‚Indianer‘? Sagst du ‚Schwarze‘ oder ‚African Americans‘?“ Und so weiter. Zur selben Zeit etwa unterhalten sich ein schwarzer Obdachloser und eine gefeuerte jüdische Kolumnistin in einer Szene des besten Comic der letzten Jahre, Why I Hate Saturn, über die neuen politisch korrekten Namen. Der Obdachlose resümiert, daß die Menge der Silben der jeweils korrekten Bezeichnung für schwarze Amerikaner sich umgekehrt proportional zu ihrer wirtschaftlichen und politischen Lage verhalte. Als „colored people“ ging es ihnen schlimm, mit „Neger“ wurde es etwas besser, bei „Black“ kam zu den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung. Mit „Afro-American“ begannen die Rezession und der Verfall der Innenstädte, und der gegenwärtige Tiefpunkt sei mit „African Americans“ erreicht.
Malcolm X mit Lacan
Von Anfang an wollten mit der Formulierung „politically correct“ die Vertreter der dazugehörigen Bewegung ebensowenig zu tun haben wie zehn Jahre vorher postmoderne Denker mit dem Wort Postmoderne. Beide haben sich dennoch, oder gerade deswegen, durchgesetzt. Dennoch konnte sich PC weniger als Begriff für eine neue Schule des oppositionellen Denkens behaupten als vielmehr als dessen rigide Exekutive an der Front politischer Symbolik. Die Theorien, als deren Polizei PC auftritt, ist der sogenannte MultiCulturalism. Dieser hat wenig zu tun mit dem von Institutionen, Werbekampagnen und CDU-Generalsekretären gebrauchten Verwaltungskategorie „Multikulti“, sondern stellt eher den Kampf einer Koalition verschiedener Bewegungen „von unten“ dar, die von den Rändern des Black Nationalism bis zu den feministischen Lacanianerinnen reicht und am spannendsten ist, wenn sich beide Pole in einer Person treffen. Die Village Voice widmete ihr vierteljährliches Literary Supplement im Herbst 1991 der Wachablösung von PoMo (PostModernism) durch MuCu. PC gehört zu MuCu, wie die Kampforganisation zur Partei, was um so erstaunlicher ist, denn daß ein derart unorganisiertes, heterogenes, von allen Beteiligten angezweifeltes Bündnis über derart schlagkräftige und eindeutige Regeln verfügt, ist uns noch nicht vorgekommen.
Decon und Deutschland
PoMo war die Ideologie der Kulturschaffenden, und da sind die Bildenden Künstler vorneweg, in den achtziger Jahren, MuCu ist verabschiedet worden als – natürlich nicht Ideologie – sagen wir theoretisch-moralischer Rahmen der Neunziger. PoMo berief sich auf ein französisches, MuCu beruft sich auf ein amerikanisches Denken, das wiederum aus der Lektüre französischer Texte entstanden ist. PoMo brauchte keine Verhaltensregeln zu seiner Durchsetzung zu verabschieden, da sein einziges Ziel doch war, die Katastrophe voranzutreiben: PoMo brauchte sich nur an die Tendenz anzuschmiegen. MuCu dagegen braucht PC als Exekutive. Lustigerweise berufen sich beide, PoMo etwas weniger, MuCu etwas mehr, auf Decon. Es ist eine lange und auch komplizierte Geschichte, diese eigenartige Karriere des Begriffs Dekonstruktivismus in Amerika, zwischen Derrida-Rezeption, dem Einfluß Paul de Mans und Harold Blooms auf die Literaturwissenschaft der USA und dem Jubel, mit dem die Kritik des „Logozentrismus“ an amerikanischen Universitäten begrüßt wurde: Aber ohne sie versteht man den ganzen Vorgang nicht: Wurde – extrem vereinfacht gesagt – das Denken von Derrida, Lyotard, Foucault und Lacan in Frankreich auch als massive Kritik an den (kommunistischen) Parteien gelesen, am Gulag, an Jaruzelski und schließlich am Projekt der Linken, wenn nicht sogar prinzipiell als Kritik der Dissidenz, die immer wieder nur neue Meister hervorbringe, las man es in Deutschland – wo es keine mächtige KP gab und eine institutionalisierte Linke nur in bescheidenen Ausmaßen – als Auflösung des eigenen Glaubens: Die Partei, gegen die es hier ging, war die eigene bedeutungslose K-Gruppe, der man in Pubertät und Adoleszenz angehört hatte. Was in Frankreich einfach nur eine Erweiterung und Steigerung einer Politik der Unabhängigkeit der Intellektuellen war, wurde in Deutschland seit den späten Siebzigern zum Bruch mit einer vermeintlich schuldbeladenen Vergangenheit. Was in Frankreich das Selbstbewußtsein stärkte, war in Deutschland Therapie einer eingebildeten Krankheit. Französische Intellektuelle waren spätestens seit den Situationisten der institutionalisierten Linken gegenüber extrem skeptisch gewesen; deren endgültige Verabschiedung war kein Bruch, sondern eine Vorantreibung und Steigerung des eigenen Projekts (auch wenn das in manchen Fällen zu Umarmungen mit der Rechten geführt hatte, geschah es doch im Sinne einer „Souveränität des Geistes“). In Deutschland war man selbst „die Partei“ gewesen, glaubte hysterisch, Schuld auf sich geladen zu haben, und mußte sich nun durch Entpolitisierung bestrafen. In beiden Fällen nahm die institutionalisierte Linke (und auch deren nicht institutionellen Genossen) schweren Schaden, aber die Stimmung war nur in Deutschland depressiv.
Von Punk zum Panel
In Amerika, wo es weder eine institutionalisierte Linke noch deren imaginären Ersatz durch K-Gruppen und Sekten gab, hatte dasselbe Denken einen anderen, paradoxen Effekt: Die Repolitisierung der Intellektuellen und Künstler. Man kann dabei, am Beispiel der Kulturgeschichte von SoHo und dem East Village, von drei Stadien sprechen: Das erste ist noch unserer frühen Franzosen-Rezeption vergleichbar. Szenefiguren aus der Punk- und No-Wave-Bewegung stürzten sich auf Baudrillard-Sätze und legitimierten neue Nihilismen, die ohnehin anlagen. Damals war der Einfluß von Sylvère Lotringer als Vermittler für die amerikanische Entwicklung immens wichtig. Über seine Tätigkeit in diversen Kunst- und Avantgarde-Projekten einerseits und an der Columbia University andererseits schloß er das Interesse für italienische Autonomia, Deleuze/Guattari und auch Baudrillard mit den Punk-Projekten von Downtown kurz. Dabei war der Import von Baudrillard nach Amerika für ihn vor allem eine Provokation, die eine selbstzufriedene marxistische Intelligenz erschüttern sollte, wie er kürzlich in einem Interview mit der englischen Kunstzeitschrift artscribe erklärte, mitnichten aber deren Entpolitisierung einleiten. Heute, da man Baudrillard getrost zu den Rechten zählen könne, so Lotringer, sei er für ihn nicht mehr interessant.
In der zweiten Phase teilte sich die Gruppe der Franzosen-Leser in einerseits diejenigen, die anfingen sozusagen die „Roots“ von Baudrillard zu erforschen und bei den vier Denkern landeten, die ich oben erwähnte und deren einflußreichste in Amerika Derrida und Lacan wurden; zum anderen in die Leute, die Baudrillards melancholische Zustandsbeschreibungen als Imperative künstlerischen Handelns mißverstanden und die Welt mit der traurigen, aber vorübergehend erfolgreichen Novität der Simulationskunst unterhielten. Damit war das internationale Band der Zeitgenossenschaft zwischen italienischer Autonomie, weltweitem Punk, Graffiti und Rap, deutschem Kino und der Theorie Baudrillards zerrissen. Die Zeit der lokalen, regionalen, nationalen Subkultur- und szenespezifischen Sonderwege begann.
In den USA gingen aus jener ersten Gruppe die Leute hervor, die in den späten Achtzigern begannen, vor allem die Bildende-Kunst-Szene Downtown in SoHo und TriBeCa (zwei Stadtteile, deren Namen auf genau die gleichen Abkürzungsregeln zurückgehen wie die Kurzworte für MultiCulturalism und PostModernism) um Symposien und Panels, Diskussionen und neokonzeptuelle „politische“ Kunst zu reorganisieren. Ihr Erfolg bei der Durchsetzung dieses Programms fiel zusammen mit der Rezession auf dem Kunstmarkt. Fehlte das Geld, ersetzten schon immer immaterielle Diskurse die massiv materiellen Kunstwerke als Währung. Downtown-Political-Correctness – die Mutter aller künftigen Political Correctnesses – konnte erst nach dem Sturz von Kursen und Aktien sich zum dominierenden Diskurs entfalten, Trump war bankrott, und Leona Helmsley, die Hotelmagnatin und Symbolfigur von Achtziger-Jahre-Verantwortungslosigkeit, mußte erst vor wenigen Wochen ihren vierjährigen Gefängnisaufenthalt wegen Steuerhinterziehung antreten. Dem politisch korrekten und steuerehrlichen New York war Satisfaktion zuteil geworden. Derweil wurden die Panels und Symposien wichtiger als irgendeine primäre Kunstveranstaltung. Die während der ganzen Achtziger an den Universitäten gelaufene intensive Beschäftigung mit Barthes und Lévi-Strauss, später Lacan und Bataille und vor allem dem, was man in den Staaten Dekonstruktivismus nennt, hatte den Boden weit über SoHo hinaus urbar gemacht.
Darf ich mitmachen?
Heute im Frühjahr 1992 finden pro Woche drei bis fünf größere und immens viele kleinere Panels statt. Meistens veranstalten sogenannte alternative spaces oder Organisationen, zunehmend aber auch kommerzielle Galerien, Diskussionsrunden, die meist ein Kritiker, Theoretiker oder Künstler – die Übergänge sind mittlerweile so fließend wie zuletzt in den frühen Siebzigern – thematisch organisiert (einige Leute sind Profis auf diesem Gebiet geworden und bauen eine Karriere darauf auf, daß ihre Panels besser besucht sind als andere). Für einen Außenstehenden ist schon beeindruckend genug, daß noch auf dem unattraktivsten „Symposion“ eine drangvolle Enge herrscht, die offensichtlich nicht nur niemanden davon abhält, sich zwei Stunden lang Statements anzuhören, sondern auch noch diese zwei Stunden abzuwarten, um dann selbst in die Diskussion einzugreifen. Alle Panels, die ich besuche, sind ausverkauft: faßt der Raum siebenhundert Leute, sind siebenhundert da; faßt der Raum nur dreihundert, sind eben nur dreihundert da, dafür müssen Hunderte abgewiesen werden. All diese Leute ziehen, während um sie herum das sogenannte Leben Manhattans „pulsiert“, noch am Abend eine Universitätssituation, der viele von ihnen ja schon tagsüber ausgesetzt sind, auch abends den unzähligen Amüsements, Verruchtheiten, Abenteuern etc. vor, die die Stadt noch zu bieten hätte. Und fast alle diese Diskussionen handeln auf die eine oder andere Weise von MuCu und der Rolle der Künste. Fast alle scheinen um die mehr oder minder offen, immer ängstlich gestellte Frage herum organisiert zu sein, inwieweit das große, neue Projekt MuCu seinen bescheidenen, durch keine multikulturelle Facette legitimierten, überwiegend weißen, männlichen, heterosexuellen Mittelklasse-Jüngern erlauben wird, mitzumachen und wertvolle Beiträge zu leisten. Nur wenige Blocks von diesen Panels entfernt finden die interessantesten Manifestationen einer, wenn man so will, lebendigen multikulturellen Praxis statt: Hip-Hop-, Dancehall-Reggae-etc. Veranstaltungen gibt es mittlerweile auch Downtown. Man sieht aber fast nie Künstler dort. Und schon gar nicht weiße Künstler. Einer der professionellen Panel-Organisatoren stellt mir bei einem Mittagessen mit erstaunt aufgerissenen Augen und nachdrücklicher Betonung die Frage: „Why are you so interested in that culture?“ Als wollte er sagen: „Kannst du uns nicht endlich mal in Ruhe lassen?“ Weit entfernt davon, mir so eine blöde moralistische Kritik wie die am Lippenbekenntnis zu eigen zu machen: solche Karrieren im Namen der multikulturellen Lehre können einem vielleicht einen Eindruck vermitteln, der erklärt, warum MuCu seine Exekutive PC braucht. PC, das zunächst mal nur unsinnig rigide erscheinende Regelwerk scheinbar reiner Höflichkeitsformen. Die Möglichkeit, sich diese Formeln einfach anzueignen, markiert zwar deren Grenze. Aber man sollte die Magie von Sprachregelungen in den USA nicht unterschätzen. Wehe dem, der keine Symbole sieht!
Ein (Krypto-)Rassist
Die deutsche Rezeption von PC beschränkt sich fast ausschließlich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung und ihren rührigen US-Korrespondenten Jörg von Uthmann. Eine schillernde Figur, dessen direkte Abstammung von einem Kalifen, der gleich zwei Töchter des Propheten ehelichte, kürzlich sein Freund und Kollege Johannes Gross den staunenden Lesern des FAZ-Magazins aufdeckte. Uthmann ist einerseits Herausgeber des Briefwechsels des Pontius Pilatus, andrerseits als US-Korrespondent Spezialist für Statistiken, die den geringen Erfolg schwarzer Studenten „belegen“, was ihn irgendwann mal so weit getrieben hat, den Gleichheitsgrundsatz in der amerikanischen Verfassung anzuzweifeln. Mithin ein Rassist, der vermutlich nicht einmal des Präfixes „Krypto“ noch bedarf. Aber er ist immer vorneweg und ein exzellenter Korrespondent, wenn es darum geht, intellektuelle Trends in den USA zu erschnüffeln, die in irgendeiner Weise wichtig, heißt meistens: bedrohlich für das Bildungsbürger-Publikum in der Heimat sein könnten. Lange vor allen anderen schrieb er über PC und reduzierte das Phänomen, von ihm selber und von den von ihm abschreibenden Kollegen in diversen Varianten oft wiederholt, hauptsächlich auf zwei Anekdoten: Die eine ist die Geschichte des Professors Leonard Jeffries, der am New Yorker City College den Fachbereich „Black Studies“ leitet und der die Theorie von den „Sun People“ und den „Ice People“ lehrt. „Sun People“ seien die friedlichen, dunkelhäutigen Menschen der südlichen Hemisphäre, „Ice People“ die Imperialisten und Kolonialisten der nördlichen. Die andere, immer wieder erzählte Geschichte handelt von den von der PC-Lobby an den Universitäten betriebenen Revisionen der Leselisten. Leselisten, ein an deutschen Universitäten, zumindest zu meiner Zeit, unbekanntes Phänomen, regeln eine Art Kanon, den jeder Student eines bestimmten Faches unabhängig von weiterer Spezialisierung kennen muß. Ein ums andere Mal beklagt der Kalifennachfahr, daß große europäische Klassiker mit Schimpf-Abkürzungen wie DWEM (Dead White European Male) oder PPPP (Pale Patriarchal Penis People) belegt vom Lehrplan verschwinden und durch – und hier kommt immer dasselbe Beispiel – so etwas ungeheuer Abseitiges wie die Lebens-er-in-ne-run-gen ei-ner gua-te-mal-te-ki-schen Bäu-e-rin ersetzt werden. Allein „guatemaltekische Bäuerin“ reicht normalerweise dieser Berichterstattung, um mit PC fertig zu werden. Sie stammt nicht nur aus der unzivilisierten Welt, nein, sie stammt darüber hinaus aus einem notorisch unstabilen Popelsland wie Guatemala, der sprichwörtlichsten unter den Bananenrepubliken. Und dazu ist sie noch eine Bäuerin. Man muß das nur aussprechen, und der ganze Unsinn von PC ist klar.
Teach, Jeffries, teach!
Bei diesen, dem nicht regelmäßigen Leser von Uthmann wie ein wahllos herausgegriffenes Beispiel für die Ersetzung von großem europäischem Geist durch ärmliche Dritte-Welt-Quotentexte erscheinenden Lebenserinnerungen handelt es sich nicht um irgendeinen bizarren Orchideentext, sondern um einen Klassiker der neueren lateinamerikanischen Literatur, dessen Rang, Status in der Iberoamerikanistik sich nur insofern von den auch bei uns seit gut einem Jahrzehnt rezipierten Texten unterscheidet, daß er von einer ungebildeten und weiblichen Verfasserin stammt. I, Rigoberta Menchú wird vielleicht noch ein paar Jahre brauchen, bis jemand auf die Idee kommt, es ins Deutsche zu übersetzen; wenn es soweit sein wird, wird auch die FAZ sich unter einem anderen Blickwinkel dieses Textes annehmen. Leonard Jeffries wiederum, die einzige Person, die immer wieder im Zusammenhang mit dem für rassistisch-deutsche Ohren hochsuspekt klingenden Fach „Black Studies“ genannt wird, ist vor kurzem sein Lehrauftrag für ein Jahr entzogen worden; seinen Namen kann man auf den Special-Thanks-Listen diverser Hip-Hop-Platten finden, was nicht zuletzt an seinem rhetorischen Talent liegt; seit seiner Relegation versammelt er seine Anhänger in Parks und an Straßenecken. Und sie unterbrechen seine Vorträge mit Zwischenrufen wie „Teach, Jeffries, teach“, kolportiert zumindest die New York Post. Das Fach „Black Studies“ stellt aber auf einem ganz anderen – sagen wir mal „Niveau“ – die Mehrzahl der Denker dar, die durch das Aufgreifen von Positionen Derridas, Foucaults und Lacans die Repolitisierung der amerikanischen Intelligenz, besonders der Kunstszene und andrerseits die Theoretisierung der diversen Minderheitenanliegen erfolgreich betrieben haben. Leute wie Cornel West, Henry Louis Gates Jr. oder Houston A. Baker sind Dauergäste der Symposien und Panel-Debatten, und sie sind nur die bekannten Stars einer Flut von schwarzen und anderen nichtweißen Intellektuellen, die durch die Anwendung foucaultianischer und dekonstruktivistischer Methoden und Begrifflichkeiten auf die Kultur der „Margins“ und „Minorities“ die neue, ungekannte diskursive Produktivität ausgelöst haben. Sie publizieren über Themen wie die Geschichte des „Signifyin(g)“ als einer schwarzen Kulturtechnik, über Blues und die Harlem Renaissance der Dreißiger, über schwarze Frauenliteratur und debattieren höchst anregend, etwa in dem Sammelband Race, Writing And Difference mit Derrida und Todorov persönlich über Begriffe wie „Rasse“, „Apartheid“ und natürlich „Difference“ und „Differance“, die, nicht zuletzt zur Freude von ihrem Erfinder, plötzlich aus der europäischen Theorieszene entführt, eine praktische und alltägliche Funktion im Überlebenskampf nichtweißer Amerikaner bekommen.
Wir basteln uns soziale Verhältnisse
Das prominenteste Forum der neuen Panel- und Symposien-Kultur wurde die Reihe Discussions in Contemporary Culture an der New Yorker Dia Art Foundation, einer traditionsreichen Stiftung der Avantgarde, die sich erst in den letzten Jahren derart politisierte. Auf einer dieser mittlerweile Wochen und Monate im voraus ausverkauften Veranstaltung spricht bell hooks, neben Michelle Wallace prominenteste Vertreterin eines neuen schwarzen Feminismus, auch über I, Rigoberta Menchú: „The assertion of a decolonized subjectivity allows us to emphasize resistance, as well as other aspects of our experience. A work like I, Rigoberta Menchú seeks to call attention to the oppression of the Guatemalan peasant, while contextualizing that reality so that it is evident that the people are more than their pain. Literature emerging from marginalized groups that is only a chronicle of pain can easily act to keep in place the existing structures of domination.“ Es handelt sich also um den Versuch, genau das Schmuck-Elend, den Dritte-Welt-Kitsch aus Folklore und verniedlichter Panflöten-Unterentwicklung, wie er hierzulande von der Fußgängerzone bis zum Weltmusikabend die Auseinandersetzung beherrscht, hinter sich zu lassen.
In der Uthmannschen Darstellung ist die PC-Bewegung a) ein homogenes Ganzes, das neue Sprachregelungen und Verhaltensordnungen an Universitäten durchsetzt und ihn (und ein paar amerikanische Professoren) den Begriff eines „McCarthyismus von links“ verwenden läßt; b) eine Verschwörung von Alt-68ern und Marxisten; c) ein Vehikel, mit dem minderbegabte Neger sich einen Hochschulabschluß besorgen wollen.
Wenn man die in Sammelbänden zusammengefaßten Symposien der Dia-Art-Foundation, die seit 1987 in hoher Auflage so was wie die Keimzelle dessen bilden, was von außen PC und von innen Criticality oder Oppositionality heißt, studiert, stellt man fest, daß es mit der 68er-Verschwörung nicht weit her ist: ein paar linke Kunsttheoretiker aus der Epoche der Konzept-Kunst, auf die die Bezeichnung 68er noch nie so recht zutraf, weil sie deren Blindheit für ästhetische Theorie nie geteilt haben, trifft sich mit einer jungen, französisch geprägten Generation von Wissenschaftlern aller Fachbereiche, vor allem Soziologen und Literaturwissenschaftler, aber auch Medienwissenschaftler und Künstler, die aus der Frauenbewegung, Schwulenbewegung oder den Bewegungen der people of color kommen und eher von den frühen und mittleren Achtzigern, der Reagan-Ära, geprägt sind. Die immer wieder kolportierten Stories vom Terror gegen Professoren, die nicht mitmachen wollen, und Studenten, die sich nicht an die neuen an einigen Unis geltenden Anti-Diskriminierungs-Ordnungen halten, verschweigen einige Besonderheiten des amerikanischen Universitätssystems. Fast für alle Unis gilt, daß traditionelle Klientel, mächtige Fraternities und nicht zuletzt hohe Universitätsgebühren für Machtverhältnisse sorgen, die hier unvorstellbar sind. Die wenigen vor allem klassisch liberalen Unis mit hoher Anzahl an Stipendiaten, die Hausordnungen verabschiedet haben, die nicht nur „rassistische“ und „sexistische“ Verhaltensweisen verbieten, sondern darüber hinaus Studenten aufgrund von Schönheitskriterien oder Sprachproblemen diskriminieren, gehören weniger zu den intellektuellen Neuorientierungen, die unter PC zusammengefaßt werden, als zu den ganz Amerika ergreifenden Debatten wie der um „Sexual Harassment“, wo die Auflösung von Verhaltensordnungen und die kleinen Erfolge des Feminismus einen Bedarf für Reglements geschaffen haben, die keine (falsche) Tradition mehr liefert. An diesen Debatten zeigt sich auch, daß der in der amerikanischen Populärkultur so weitverbreiteten Beschwörung von Echtheit, Natürlichkeit und „Authenticity“ ein Alltag gegenübersteht, der von einem hohen Bewußtsein aller Beteiligten für die Konstruiertheit sozialer Verhältnisse gekennzeichnet ist. „Construction“ ist dann auch ein Lieblingswort des PC-Jargons, neben dem erwähnten „Criticality“ und „Oppositionality“ und allem, was sich mit „-ality“ bilden läßt.
Vor Columbus
Uptown, wenige Blocks vom Dakota-Building entfernt, sammeln sich in einer zweckentfremdeten baptistischen Kirche an einem Januarabend Literaturliebhaber; dieselbe Mischung aus reizend aufgeregten Mauerblümchen beiderlei Geschlechts und muffigen Bohemiens, die auch bei uns solche Veranstaltungen besuchen. Geladen hat diesmal die „Before Columbus“-Society. Diese in den mittleren Siebzigern ins Leben gerufene Vereinigung hat sich die Förderung „ethnischer“ Literatur in den USA zur Aufgabe gemacht; jedes Jahr vergibt sie den American Book Award, mit dem z. B. so verschiedene Werke wie Allen Ginsbergs Gedichte und Henry Louis Gates Jr.s Standardwerk The Signifyin(g) Monkey ausgezeichnet wurden. Dementsprechend lesen heute abend „Italian Americans“, „Hispanic Americans“, „African Americans“ und sogar ein „Latvian American“.
Einer der Gründer der Gesellschaft, der „african american“-Autor Ishmael Reed, ist anwesend und spricht einführende Worte zu jedem einzelnen Autor wie zu der ganzen Veranstaltung. Bis jemand mir das Gegenteil beweist, würde ich ihn als den Erfinder des Begriffs Multikulturalismus bezeichnen, den er schon in den siebziger Jahren verwendet hat. Entsprechend müde und gelangweilt ist er der Debatten, die zur Zeit Downtown laufen. Ihm und den hier versammelten, älteren Sinnenmenschen der Beat-Generation ist die puritanisch-protestantische Ehrpusseligkeit, der vermeintliche Versuch, nur auf der Ebene der Begriffe und Symbole Ergebnisse materieller Verhältnisse zu attackieren, suspekt bis zuwider. Reed, der neben einer Fülle von Essays – in denen er nicht nur über die vielen paradoxen Debatten der Black Community geschrieben hat – mehrere Klassiker einer afroamerikanischen Literatur verfaßt hat (Mumbo Jumbo, Cab Calloways Stands In For The Moon – nichts davon gibt es auf deutsch), die für sich in Anspruch nimmt, einen spezifisch schwarzen Literaturbegriff mit der europäischen Moderne und der amerikanischen Beat-Literatur verbinden zu wollen, brummt verächtlich über die PC-Mode. Und Leute wie der schwarze Beat-Poet Ted Joans, der im Publikum sitzt, oder Miguel Algorín und Jayne Cortez, die mit der Dynamik und Geschwindigkeit von Rappern ihre Texte vortragen, lachen beifällig. Als dann allerdings ein weißer, durch keine „ethnic“-Bezeichnung definierter Autor antritt, der über die Kultur und die Aufstände der jamaikanischen Maroons geschrieben hat und den Reed als Beispiel lobt, daß man mit offenem Ohr und Fleiß bei den Hausaufgaben auch als Nichtbeteiligter über fremde Kulturen schreiben kann, trieft eine Betroffenheitssuada auf uns nieder, wie ich es Downtown noch nicht erlebt habe.
Straight Edge
Vorläufer für die vielbeklagte Rigidität, mit der PC seine Forderungen nach korrekten Bezeichnungen, Leselisten und Verhaltensweisen vertritt, findet man im amerikanischen Musik-Untergrund. 1982, als sich speziell für amerikanischen Punk-Rock und dessen musikalisch weit über die englischen Vorgaben hinweg entwickelnden Sonderweg der Begriff Hardcore (HC) durchsetzte, nahm die Band Minor Threat aus der hochpolitischen HC-Szene von Washington, DC den Song „Straight Edge“ auf. „Straight Edge“ verwirft die Rock’n’ Roll-Klischees, etwa die Apotheose des Kontrollverlusts, die Fetischisierung der Auszehrung, des authentischen Todes auf der Bühne, und brüllt sich für Selbstzucht und Disziplin aus. Gegen Drogen, für Arbeit. Zehn Jahre später spielt die heutige Band des Minor-Threat-Texters und -Sängers Ian MacKaye, Fugazi, im New Yorker Palladium für den sensationell niedrigen, politisch korrekten Eintrittspreis von fünf Dollar. Mit einer gewissen Verspätung und viel Interpretation seitens seiner Anhänger wird „Straight Edge“ in den mittleren Achtzigern zur Hymne und zum Namensgeber einer Bewegung, die von den Ostküsten-Punk-Zentren Boston und DC nach und nach das ganze Land erfaßte. SE-Anhänger malten sich ein schwarzes Kreuz auf die Hand (einige tätowierten es), nahmen keine Drogen, tranken keinen Alkohol und kämpften gegen Rassismus und Sexismus, die amerikanische Außenpolitik und die Diktatur der Medien. Sie trieben Sport, verachteten die Dekadenz des Pop-Business und seiner Freuden und ähnelten nicht nur wegen ihrer gestählten Körper und rasierten Köpfe linken Skinheads. Wie heutzutage viele wichtige intellektuelle Bewegungen hatte auch PC in SE seinen musikkulturellen Vorläufer. Und lange vor der Medienberühmtheit von PC war SE schon wieder aus den Fanzines des Punk-Untergrund verschwunden. Seine Vertreter hatten sich entweder Hare Krishna angeschlossen wie die Cro-Mags und Youth Of Today aus New York, Nietzsche gelesen und ein wenig Humor entwickelt wie Henry Rollins oder den Schritt zu PC bei gleichzeitiger musikalischer Verfeinerung mitvollzogen wie Fugazi. Mentalitätsgeschichtlich liegt in SE sicher ein Schlüssel zum Verständnis von PC: Wieso organisiert sich ausgerechnet die avancierteste, jugendkulturelle Opposition um Rigidität und Verbote, Disziplin und moralische Imperative? Wo ist der Zusammenhang zwischen alternativem Moralismus und Skateboardfahren?
Von Malcolm lernen
Neben MuCu als politisch-philosophischem Programm gibt es den alltäglichen Multikulturalismus der amerikanischen Großstädte, also das, was hierzulande Politiker meinen, wenn sie von Multikulti reden und schreiben: viele nebeneinander existierende, dennoch ihre Eigenständigkeit betonenden Nationalkulturen – und im Gegensatz zu uns: aktivistische Sub- und Gegenkulturen. Sowohl diese wie jene haben viel gelernt von den Kampf- und Organisationsformen des schwarzen Widerstands, von seiner integrationistischen wie von seiner nationalistischen Variante. Im Gegensatz zum schwarzen Nationalismus und zur schwarzen Gegenkultur haben aber Feminismus auf der einen und koreanischer – um ein Beispiel zu nennen – Nationalismus beschränkte Erfolge gehabt. Die amerikanischen Koreaner haben in kurzer Zeit den gesamten New Yorker Gemüsehandel übernommen, indem sie eine Community- und familienorientierte Arbeitsweise angewandt haben, die der schwarze Nationalismus immer gefordert hatte. Der Feminismus hat, wie neulich wieder ein amerikanischer Autor in der taz bestätigte, erreicht, daß Sexismus nicht nur in alternativen Kreisen, sondern grundsätzlich in den USA nicht mehr akzeptiert wird. Auch PC verdankt Vieles taktischen und strategischen Vorbildern aus der Geschichte der schwarzen Widerstandsbewegungen. Die meisten und wichtigsten Theoretiker, die den Multikulturalismus als Theorie inspirierten, sind neben den indischstämmigen Homi Bhabha und Gayatri Chakravorty Spivak schwarze Amerikaner. Ganz entscheidend war immer die schwarze Lektion, sich nicht auf sogenannte Überzeugungen und christliche Gutheiten zu verlassen, die das natürliche Problem und auch die Enge von PC ausmachen, sondern die Konstruktionen, Sprachregelungen und Forderungen aus den Notwendigkeiten und der Empirie eines Kampfes zu gewinnen, dessen Ziel und Bedingung die Konstruktion einer oder mehrerer neuer politischer Subjektivitäten sei. Aber auch davon – so zeichnet es sich ab – hat die Mehrheit der schwarzen Amerikaner wieder nichts.
By any means necessary
Ein Reiz wie ein Problem von PC und MuCu ist ihre schon im Begriff enthaltene Heterogenität insofern: die von ihm Vertretenen wollen immer weniger von dem Bündnis wissen, wobei die schwarze Kultur verständlicherweise eine besondere Rolle spielt. Alice Walker schlug als Alternative zum weißen Feminismus einen schwarzen „Womanism“ vor.
Bei der schwarzen Mittelschicht gewinnt die Nation of Islam, die nicht zuletzt wegen ihrer Erfolge beim Kampf gegen den Drogenhandel auch von keineswegs mit ihren Inhalten einverstandenen schwarzen Intellektuellen respektiert wird, an Einfluß. Die Nation of Islam glaubt, der Lehre ihres Gründers Elijah Muhammad zufolge, daß Weiße eine Züchtung des Teufels Yakub und mithin selber prinzipiell Teufel seien. Was mit mir noch okay wäre, wenn die Organisation nicht immer wieder antisemitisch und schwulenfeindlich in Erscheinung getreten wäre. Ihr Einfluß auf Hip-Hop und andere Bereiche schwarzer Kultur wächst ebenfalls immens. Gegen eine Platte des NOI-Anhängers Ice Cube machte jetzt das Simon Wiesenthal Centre mobil. Die des Antisemitismus unverdächtige Angela Davis veranstaltete daraufhin „in einem Akt afroamerikanischer Solidarität“ eine Konferenz mit Ice Cube. Ein Kommentar der Zeitschrift Spin verteidigte Ice Cube explizit gegen PC-Argumente. In diesem Zusammenhang wird die Absurdität klar, wenn Uthmann Leonard Jeffries, der eher der NOI als PC nahesteht, als Beispiel für den PC-Kanon immer wieder herbeizitiert. Derweil hat eine späte, breit getragene Heiligsprechung von Malcolm X eingesetzt; bei schwarzen Jugendlichen, der Hip-Hop-Community, bei NOI-Anhängern – obwohl Malcolm die Organisation im Streit verließ –, aber auch bei der weißen Jugendkultur sind die Baseball-Kappen mit dem großen X verbreitet. Malcolm-T-Shirts, -Porträts und seine berühmte Formulierung „By any means necessary“ sind allgegenwärtig.
Auch im Feminismus gibt es Gegenbewegungen zu PC, von radikalfeministischer Seite ebenso wie von Figuren wie der in kürzester Zeit zum Star aufgestiegenen Camille Paglia, die mit ihrem antifeministischen Feminismus für eine Herauslösung der Frauenfragen aus einer links-humanistischen Position plädiert und ihre Erfolge zu einem großen Teil ihrer Argumentation mit Motiven aus der Pop-Kultur verdankt. In diesem Zusammenhang wird klar, daß PC als Exekutive multikulturell zustande gekommener und von der Multikultur sprechender Theorien ein Notkitt war, um das, was man nicht mehr auf eine linke Tradition eurozentrisch reduzieren wollte, zusammenzufassen. Ein Koalitionspaper der Mikropolitiker. Diese Künstlichkeit und Vorläufigkeit sind es aber gerade, die PC, über seinen oft dürftig puritanisch-moralistischen Mainstream hinweg, interessant machen. Denn hierzulande wird man noch im dritten Jahrzehnt die Krise oder das Sterben der Linken bejammern, während dort eben ein erster Versuch von Nachfolgekonstruktion gemacht wurde.
Für immer postmodern?
Mein Interesse an PC verdankte sich weniger meinem protestantisch erzogenen Bedürfnis, Gutes zu tun oder im Lager der Richtig-Denkenden eine Heimat zu finden. Deswegen interessieren mich heute selbst schwache amerikanische PC-Vertreter mehr als – sagen wir – die honorige Ingrid Strobl, deren neuestes Buch Strange Fruit ein nahezu komplettes Verzeichnis der PC-Anliegen darstellt. (Daß es derart komplette Verzeichnisse in der amerikanischen PC-Literatur nicht gibt, ist allerdings nicht unwesentlich.) Ich weigere mich auch immer noch, „man/frau“ und AktivistInnen zu schreiben. Mein Interesse an PC verdankt sich eher meinem Interesse an schwarzer Kultur, dessen Ursprünge sich wiederum einer Faszination für schwarze Musik verdanken, die zunächst keine moralische, sondern nur hedonistische Gründe hatte. Wie die Stärke, die ein solches Interesse erwecken konnte, sich theoretisch darstellt und politisch handelt, ist ein Thema, das über diesen organisatorischen Schritt hinaus bedeutsam bleiben wird.
Entscheidend dabei ist, daß die schwarze Kultur Identität in Amerika schon immer konstruieren mußte, ihr jede reaktionäre Illusion von „Natürlichkeit“ immer abging (was eben gerade die Popularität begründet, die Bücher, die Afrika zur Wiege des Abendlandes erklären, wie Black Athena oder From The Pyramids To The Projects zur Zeit auf den über die ganze Stadt verteilten schwarzen Bücherständen haben; wo ich einmal dann auch Henry Fords altes antisemitisches Pamphlet The International Jew fand). Stuart Hall, Henry Louis Gates Jr. und andere haben darauf hingewiesen, daß die schwarze Kultur sozusagen schon immer eine postmoderne war, die existentiell mit der Konstruiertheit von Identitäten zu tun hatte. Guattaris berühmte Forderung, daß sich „die Menschen“ komplett künstlich neu entwerfen müßten, ist in Amerika, besonders aber im schwarzen Amerika, durchaus alltägliche, wenn auch unfreiwillige Praxis. Deswegen sind Leselisten so viel wichtiger, vor allem symbolisch, als irgendwelche deutschen Uni-Curriculen. Jetzt wird dieser Vorsprung der schwarzen Kultur natürlich begierig von der PC-Koalition aufgegriffen und in theoretische Münze, kulturelles Kapital umgewandelt, woran deren Produzenten einmal mehr, wie es scheint, nur unzureichend beteiligt werden. Es ist einerseits, wie in vorangegangenen Fällen kultureller Transfers auch schon, gut, daß eine solche Adaption überhaupt stattfindet, aber die kulturökonomischen Verhältnisse, die für die ungerechte Verteilung ihrer Erfolge sorgen, scheinen davon unangetastet zu bleiben. Am Ende war diese Koalition, darin der Bürgerrechtsbewegung der Sechziger vergleichbar, vielleicht wieder nur dazu da, neue weiße Mittelklasse-Subjektivitäten emotional und begrifflich mit einer Innenausstattung zu versorgen, die sie für den kulturellen Konkurrenzkampf fit macht.