Platte des Monats: Knast oder Karriere

Verschiedene: Paranoia in der Straßenbahn – Punk in Hamburg 1977 – 83; Weird System/EfA

Diesmal ist Trash-Optik nicht möglich. Das angenehme, sichere Goutieren von Unverständlichkeiten und Abartigkeiten entfernter Welt- und Sozialgegenden als besonders frei und ungekaufte Äußerungen von echten Menschen, unterhalb des Diskurses, als wahre weil völlig verschroben-verzerrte Widerspiegelung sogenannter objektiver Widersprüche – als die man in den progressiven Kulturnischen das Abseitige (also das Eigenartige) als das letzte unverfälschte Eigene des sich von seinen (welchen auch immer) Ketten befreienden Menschen versteht, vom Ninjafilm bis Rastafari, von Ami-Punk bis Computer Reggae. Doch bei einem Song wie „Kreatur“ von den Buttocks geht das nicht, denn ich kann mich nicht nur an die Band noch erinnern, sondern bin auch durchaus in der Lage, ihn zu dechiffrieren, so schwer das von heute gesehen auch sein mag:

Komm mal her du Kreatur / komm mal her du Kreatur Du altes Schwein ich kann dich nicht versteh’n / Ich möcht dich in den Arsch ficken damit du mich endlich verstehst / ich weiss nicht warum du auf Rock’n’Roll stehst fick Dich fick Dich so lang Du es kannst / Kreatur, Kreatur Du bist für mich nur ’ne Kreatur hau ab du fettes Elvis-Schwein ich will den Punk / fahr doch nach Graceland und leck ihm den Schwanz leck ihn leck ihn so doll du es kannst / besuch Little Richard und schaukel ihm die Eier weil gerade von ihm kriegst du keinen Schleier / scheiss auf Rock’n’Roll und komm endlich zu uns das Verräterabzeichen kriegst du auch umsonst

Das bezog sich auf den 1979 die Hansestadt Hamburg bewegenden Krieg zwischen Teds und Punks, einem oft als sinnlos bezeichneten Konflikt, der natürlich wie alle Konflikte in dieser Welt durchaus nicht sinnlos war, sondern nur – wie alles, was Jugendliche tun, bevor sie sich ihren Platz im System ausgesucht haben – schwer verständlich. Die Punks waren, damals noch relativ milieuübergreifend, im weitesten Sinne Linke, antiautoritär, und bezeichneten sich gerne als Anarchisten; Teds hatten oft faschistoide Ressentiments und lebten in streng geordneten Cliquen. Was noch kein Grund wäre, sich gegenseitig zu jagen und zu prügeln. Aber das wiederum war ein popkulturelles Zitat: In England hatte es Prügeleien zwischen Teds und Punks gegeben (ihrerseits zitathafte Fortsetzungen der alten Mods vs. Rocker-Kriege), und Johnny Rotten war von Teds überfallen worden. Die brutalen Scharmützel tobten vier Monate, Lemmy Kilmister und zwei Motörhead-Roadies retteten persönlich bei einem Konzert in der „Markthalle“ einen Haufen kleiner Punks vor einer Ted-Meute. Aber noch im selben Jahr veränderten sich in Hamburg die Fronten.

Alles spielte sich in der Marktstube ab, einem ursprünglich eher ruhigen Domizil gescheiterter Künstler und Schriftsteller, das nach einem der frühen Deutschpunk-Festivals in der Markthalle zum Treffpunkt erklärt wurde und seitdem bis circa 81 als der Ort fungierte, wo sich die heute zu unzähligen Splittergruppen atomisierten Fraktionen der Punkbewegung trafen: über symbolische Codes und reale Klassenschranken hinweg (das Brisante an Jugendkultur war und ist auch, daß die nicht immer dieselben Frontlinien zeichnen). Ich selbst war vom Sommer 79 bis Winter 81 jeden verdammten Abend da.

Die neuen Fraktionen bildeten sich zwischen sogenannter Avantgarde (das was mit New Wave, Elektronik, neuer Kunst und Mode etc. sympathisierte – bis zu einem gewissen Grade also auch wir von der damaligen Zeitschrift Sounds) und sogenanntem Hardcore-Punk (was noch nichts mit dem seit 82/83 unter diesem Namen aus Amerika kommenden neuen Formenreichtum zu tun hatte), den Leuten, die unter allen Umständen die für uns damals immergleichen und langsam langweilig gewordenen Bands hören wollten, die sich zudem immer nur anhörten wie billige Kopien englischer Bands. Während unsere Musiker eine angeblich eigenständig deutsche Musik entwickelten – was zumindest als mobilisierende Idee sehr gut war: Die Musik von Palais Schaumburg war ideal, um den Aufbruch einer Generation gegen ihre Hippielehrer zu untermalen, die subkulturelle Ideen im Dienste der Macht pervertiert hatten, aber die Punk-Rock-Singles und -Tapes reden eben von dem, was jenseits solcher zwar richtigen, aber vorübergehenden Gefechte auf der Ebene der Kultur passiert: vom ewigen zeitlosen Überhauptnichtswissen, das gerade dadurch definiert ist, daß es normalerweise nicht redet.

In der Marktstube mischten sich damals unter dem Namen Punk auch noch die später rechtsradikalen Schläger mit denen, die später aufrechte Hafenstraßenkämpfer werden sollten. Und aus dieser Melange, die weder sozial eindeutig definiert war, noch politisch klar, die sich an Scheingefechten zerrieb, ging hervor, was wir damals von der „Avantgardefraktion“ am schlimmsten fanden, und was mir heute auf diesem Sampler mit Kneipenhits aus der Hochzeit des Hamburg-Punk am besten gefällt, Lieder wie etwa dieses hier, wieder von den Buttocks: 

Nein nein nein du altes Schwein ich will nicht mehr dein Sklave sein / weg mit dem Fick Fack Rotzverein die produzieren ja doch nur Schleim / keiner achtet mehr darauf, daß man das an Punx verkauft / scheiss auf Alfred und die Bande / Punk-Rock ist der Herr im Lande / Elektroscheiss macht jetzt Schluß nicht mit uns Punk lebt weiter / New Wave time nein nein nein

Brachte dieser Song damals für uns die vollkommene Blödgewordenheit des unbelehrbar stumpfsinnigen und für keinerlei „Entwicklungen“ mehr zugänglichen „Idiotenpunks“ auf den Punkt (der „Fick-Fack Rotzverein“ war das ZickZack-Label, auf dem Palais Schaumburg, Abwärts, Geisterfahrer und andere wichtigste deutsche Underground-Bands der 80er damals debütierten, „Alfred“ sein Betreiber Alfred Hilsberg, ebenfalls heute noch selbstlos ackernd im Geschäft), ist das Lied heute wegen seiner rohen, ungelenken, sprachlosen Aggression eines der besten des Samplers. Nur damals waren wir – die wir versuchten, die ganze rohe Aufbruchsstimmung, die ganze Aggression in einen lebensfähigen, womöglich auch noch ästhetisch fortschrittlichen Underground umzuwandeln (und meinetwegen auch: zuzurichten), der all den rasanten gedanklichen Entwicklungen, die wir damals nahmen, in seinen ständig sich verschärfenden und wandelnden Formen Rechnung tragen sollte – dieser Aggression von der Seite der Leute, die an solchen Entwicklungen nicht nur keinen Spaß hatten, sondern natürlich per Bildungsklassenschranke von vornherein ausgeschlossen waren, ständig in ihrer irrationalsten, Leute zusammentretendsten (nur weil sie lange Haare hatten z. B.) Form allnächtlich in der Marktstube ausgesetzt.

Paranoia in der Straßenbahn ist eine Platte, die mir heute, im Schnitt zehn Jahre danach, die Musik als aufregend und faszinierend nahebringt, die einmal vor meinen Augen entstanden ist. Die einzigen Stücke, die ich damals schon mochte, waren die von Abwärts, und die waren beim harten Kern der Hamburger Punks so sehr als „Studenten“ und „Künstler“ verfemt, wie sie im Rest der Republik von den gleichen Punkern geliebt wurden, und Slime waren eben eindeutig so vertraut linksradikal, daß die Inhaber/Mitarbeiter des Punk-Rock-Ladens „Rip Off“, die deren Single verkauften, wegen Volksverhetzung angezeigt wurden und die entsprechende Platte von Slime eingezogen wurde. Wegen dieses Textes übrigens:

Der Faschismus in diesem Land nimmt allmählich überhand / Wir müssen was dagegen tun / sonst lassen die uns nicht in Ruh / wenn ich die Bullen seh mit Knüppeln und Wummen jedesmal sind wir die Dummen / die nehmen uns fest und stecken uns in den Knast, doch das steigert nur unseren Haß / ein Drittel Heizöl zwei Drittel Benzin wie 68 in West-Berlin / diese Mischung ist wirkungsvoll diese Mischung knallt ganz toll / wir wollen keine Bullenschweine / dies ist ein Aufruf zur Revolte dies ist ein Aufruf zur Gewalt / Bomben bauen Waffen klauen Bullen auf die Fresse hauen / haut die Bullen platt wie Stullen stampft die Polizei zu Brei / haut den Pigs die Fresse ein nur ein totes ist ein gutes Schwein

1982 hatte das Spiel ein Ende. Die Bürgerkinder verlegten den Kampf ganz auf die ästhetische und symbolische Ebene (auch wenn man sich von der Funktion der ästhetischen und symbolischen Ebene eines Pop-Songs eine dialektischere Vorstellung machen muß, als man das von der gutwillig zu den Converted preachenden handelsüblichen politischen Kultur kennt, nicht nur weil die Form im Gegensatz zur offiziellen Kultur immer beziehbar bleibt auf die individuellen oder politischen Kämpfe, denen sie ihre eigenartige Visage, die sie im Vorfeld ihrer Vermarktbarkeit immer noch zeigt, verdankt), die anderen Kids wurden entweder überzeugte Anarchos oder Skins oder bürgerlich.

Die erste Hälfte der 80er war gelaufen. An die Stelle des Karo trat langsam die Hafenstraße, die Karten wurden neu gemischt, und neue Generationen führten hartnäckigere, dezentralere, spezialisiertere Kämpfe in der Dunkelzone zwischen Geschmacksunterschieden und Klassenkämpfen und der der Maskerade des jeweils einen als das jeweils andere. Die Musik wurde besser, die Rhetorik wurde besser, die Infrastruktur wurde besser, und in jeder Stadt gibt es ein besetztes Haus, dessen „Betreiber“ moralisch und rigide über die Integrität von Bündnispartnern und Bands, die sie bei sich spielen lassen, wachen (kann man es verantworten, Fleischesser spielen zu lassen? Ist dieser Text/dieses Cover nicht sexistisch?) und sich so auf die gleiche Weise und genauso verständlich im Sinne der Erhaltung dessen, was sie erkämpft haben, von dem abschneiden, worin sich uncodierter Haß heute äußert, wie wir von der Neue-Musik-Fraktion damals, wie ich heute weiß. Die Fraktionismen wurden in den glücklichen 80ern schließlich so heillos, daß trotz der „Erfolge“ aller mikropolitischen Struggles keiner mehr den Grund sah, warum und gegen wen wer in welcher Fraktion sich einigelte und welche Basics Lebensentscheidungen wirklich bestimmten. Das war aber in der Marktstube, jener Vorhölle von Knast, Karriere oder Kampf nie die Frage.