Monie Love: Down to Earth; Chrysalis
Hip-Hop mutet seinen linken, mitteleuropäischen Anhängern eine Fülle von neuen Widersprüchen zu. Es gibt kaum brilliantere politische Kunst als etwa die semi-dokumentarischen Videos von Public Enemy, wie sie fast ironisch eine Ikonographie der Militanz retten, dabei Reflexionen über ihre Form und Mittel einflechten, Medien und Parteilichkeit und deren Besetzbarkeit mit überraschendem Humor analysieren: wenn in „Night Of the Living Baseheads“ MC Lyte als „Reporterin“ behauptet, „ins Herz von Wall Street“ eingedrungen zu sein und hinter einer Tür koksende Broker aufscheucht, oder in „Brothers Gonna Work It Out“ echte Anwohner des Strandes, an dem es letztes Jahr zu rassistischen Polizeiübergriffen kam, zur vorübergehend runtergedrehten Musik ihre „Meinungen“ sagen dürfen. Auf der anderen Seite begründet die Gruppe nach wie vor ihre Attacken mit Weisheiten der Black-Muslims-Kirche des Louis B. Farrakhan, und der Rausschmiß ihres „Ministers of Information“, Professor Griff, ein halbes Jahr nachdem dieser in einem Interview antisemitisches Zeug dahergeredet hat, konnte auch nicht als die beabsichtigte Distanzierung anerkannt werden, bei all den verborgenen und nicht ganz so verborgenen Farrakhan-Einflüssen auf ihrer letzten Platte. (Unnötig zu sagen, daß die liberale US-Presse, die sich normalerweise einen Dreck um die Ideologien von Pop-Musikern schert, in Wirklichkeit ein ganz anderes Hühnchen mit Public Enemy zu rupfen hatte: Radikalität, Effizienz, Popularität, Brillanz und die Kontrolle darüber, das ist eine Kombination, die man bei aller Postmodernität ungern einem Haufen irrer Neger durchgehen läßt.)
Ein anderer Widerspruch sind die zwischen archaisch-afrikanoider Verklärung und drastischem Sexismus schwankenden Frauenbilder, also ewige Black Woman, Mutter Afrika oder Bitch, Slut: „Suck dick!“
Dazu gibt es dann hier diese beiden Positionen: Das ist eben schwarze Kultur, das hat bestimmte Traditionen, das ist nicht wörtlich zu nehmen. Oder: Mir gefällt die Musik, aber die Texte sind eben Produkte armer Unterdrückter und ihres daher notwendig beschränkten Bewußtseins. Und so weiter. Egal wie schwach oder – im ersten Falle – teilweise berechtigt – diese Argumente sind: 1. Wir reden hier logischerweise – noch – nicht, über die Funktion von Hip-Hop in der schwarzen Community, sondern über die eigenartige Faszination, die als bestimmte Beats und als bestimmter Tonfall codierte harte Marginalisiertheit (Lage der Schwarzen in den USA) auf weich marginalisierte westliche Bürgerkinder (Dissidenz aus freien Stücken, Jugendkultur, Boheme) ausübt, und wie die von ihren Vätern und Arbeitgebern gelenkte Kulturindustrie damit umgeht, und wie schließlich beide Seiten versuchen, auf ihre Art die Beats und den Rap zu decodieren. Unter diesen Umständen kann meine Analyse sich zunächst nur an die Gattungslogik halten: künstlerische Entwicklungen, Querverbindungen, Sichten der Symptome. Und 2. ist zu beobachten, daß nirgendwo so deutlich wie beim Hip-Hop neben, jenseits und gegen die Diskriminierung und Verbrämung immer mehr neue Frauenrollen auftauchen, eingeübt oder gar reflektiert werden.
Waren die ersten Rapperinnen wie The Real Roxanne, Roxanne Shanté oder Salt’n’Pepa vor allem nur „stark“, „frech“, also zwar ungewöhnlich selbstbewußt und selbstbestimmt – Roxanne Shanté z. B. betonte, wann immer sie konnte, die Vereinbarkeit ihrer Lage als alleinerziehende 19-jährige Mutter mit den Heldentaten und dem Big Fun, von dem ihre Raps handelten –, erfüllten sie dennoch die Kriterien von Pop-Stereotypen. Das heißt, sie brachten gesellschaftliches oder minderheitenbezogenes (imaginäres) Gemeingut zum Ausdruck, im Unterschied zum zweiten Stadium von Pop-Entwicklungen, wo aus Bewegungen herauswachsenden Künstlern eigene Macht (vorübergehend) zuteil wird, Autoeffekte genutzt werden können (wie beim Hip-Hop seit ca. 86/87).
Danach folgte eine Generation von Rapperinnen, die die Afrocentricity-Mode, die Hinwendung zum Islam und politischen Aktivismus bei gleichzeitig zur Schau gestellter Spiritualität reflektierte, wie She Rockers, Queen Latifah oder MC Lyte. Monie Love gehört zunächst auch in diese Generation. Sie ist Mitglied der „Native Tongues“, dem „Familie“ genannten Zusammenschluß der musikalisch brillantesten und kühnsten Hip-Hop-Künstler der Gegenwart, wie De La Soul, Jungle Brothers und A Tribe Called Quest, die in den letzten zwei Jahren Hip-Hop entschieden für neue musikalische Welten, wie Jazz, klassischen Reggae und Soul öffneten.
Doch ihre besondere Lage als Engländerin zwischen London und ihrer Posse in New York – „Monie In The Middle“ heißt das auf ihrer letzten Single – , und unorthodoxe Entscheidungen wie die, für ihre erste LP einige Passagen, die normalerweise gesamplet werden, „richtig“ von Musikern einspielen zu lassen, ohne von der kollagenhaften Kompositionstechnik abzuweichen, die von der Sample-Technik geprägt wurde, setzt sie in einem Sinne um, der es ermöglicht, von ihrer LP als der ersten ganz von einer Frau kontrollierten Hip-Hop-LP zu sprechen. Sie vereinigt einerseits die ganze Stilvielfalt, die neuere Hip-Hop-Platten der Ostküste, von Poor Righteous Teachers (Holy Intellect) bis X-Clan (To The East Blackwards), dieses Jahr im Überfluß anbieten, mit einem Beharren auf der klassischen Eindeutigkeit, Gradlinigkeit des Rap. Während gerade ihre abenteuerlustigen männlichen Kollegen immer mehr damit spielen, poetische, selbstironische und weiche Töne anzuschlagen, Distanz und Humor, bis zur Verspieltheit auszuleben, beharrt sie auf der Seriousness ihrer Wörter. Dazu paßt, daß sie auch beim Rückgriff auf die Geschichte schwarzer Musik, von zitierten Disco-Klassikern („Ring my Bell“, „Young, Free & Single“) bis zu gestrichenen Kontrabässen und vom Computer nachgespielten Hendrix-Riffs, zwar ebenso virtuos vielseitig ist wie diese Kollegen, die eindeutigen und deutlichen Spielarten aber denjenigen vorzieht, die als „künstlerisch“ verschrien sind; daß House, Hi-Energy, reduzierter Funk, hohe Tempi ihr näher stehen als die Reggae-Renaissance, die heutzutage wieder obligatorischen Sprenksel vergangener Hippie-Musiken oder Jazz; daß sich für sie unter „Versatility“, wie das Zauberwort vor einem Jahr lautete, das Hip-Hop nach der Gangster-mit-der-Goldketten-Periode beschreiben sollte, nicht nur eine zwar reizvolle, aber auch Positionen aufgebende, totale Öffnung verstehen läßt, sondern eben auch eine Vielfalt an klassischen, harten Straßenbeats.
Denn wenn die anderen in der Posse heute ihre erste entscheidende Message längst durch haben („Hallo, mich gibt es! Ich bin groß und stark und werde die Scheiße wegballern!“), hat es für Rapperinnen bislang noch nicht mal die Voraussetzungen gegeben, die eine solche Rede möglich machen: keine Selbstverständlichkeiten. Und weil das natürlich auch allen klar ist, haben Rapperinnen in der Vergangenheit entweder versucht, den ästhetischen Standard ihrer Kollegen zu ignorieren und von vorne anzufangen, oder sich mehr oder minder einspannen lassen in eine entwickelte Form, an deren Entwicklung sie keinen Anteil hatten. Hier ist Monie eine Synthese gelungen.
Ihre Sonderstellung besteht darin, daß sie den entweder als Fly-Girl oder African Woman, als street oder spiritual getypecasteten Rapperinnen eine neue Selbstverständlichkeit jenseits der Stereotypen eröffnet, in der all diese Aspekte einer durchaus nicht immer fremdbestimmten Geschichte schwarzer Musikerinnen zwar ihren Platz haben, aber der entscheidende Schritt zur „künstlerischen Autonomie“ für Rapperinnen nachvollzogen wird, mindestens in dem Sinne, in dem das in den letzten Jahren die männlichen Kollegen der New School vollzogen haben. Daß dafür nicht die nötige, Eindeutigkeit ermöglichende, klassische Rap-Attitude – um die sich mittlerweile lustigerweise weiße und schwarze Europäer in allen Metropolen zu bemühen beginnen – aufgegeben werden muß für all das, was schwarze Frauen im Gegensatz zu den meisten East-Coast-Rappern immer noch mal ganz primär richtig- und klarstellen müssen, das zu zeigen ist die Errungenschaft dieser Platte.
Auf der anderen Seite haben Härte und Eindeutigkeit bei ihr nichts zu tun mit der schweren, aber aufgeregten Heavyness der West-Coast-Rapper, mit ihrem „Gangsta“- und „Bitch“-Vokabular. Monie in the middle ist eine zutreffende Standortbestimmung, die auch eine Notwendigkeit bezeichnet, einen anderen Ort der Rede zu finden. Sie bezieht, ähnlich dem an dieser Stelle schon vorgestellten „Philosopher“ und „Edutainer“ KRS-One, eine pragmatische Position gegenüber den Ideologien ihrer Umgebung. Den schwarzen Islam, wie er in London praktiziert werde, so erklärte sie Jutta Koether in einem Interview für Spex, halte sie für eine nützliche, begrenzt einsetzbare Bildungs- und Erziehungstechnik (Ziel: „Knowledge“), ihr Feminismus sei aber nur auf die Probleme schwarzer Frauen bezogen, die Probleme weißer Frauen interessierten sie nicht, was wieder eher nach Farrakhan klingt. Entscheidend sei für sie aber ohnehin die Praxis, nur was verwirklicht und durchgesetzt werde, sei von Interesse, nur was unmittelbar und sofort die Lage der Sisters und Brothers bessere. Das Ziel bleibt: Knowledge.
Und ob wir uns darunter Erleuchtung, Aufklärung, Wissen oder Bewußtsein vorzustellen haben, spielt keine Rolle. Die erreichte (und als solche wahrgenommene und genossene) künstlerische Autonomie – als der Sound eines überwundenen, harten, materiellen, spürbar geformten Widerstandes, dessen Geformtheit das hier zu Überwindende nicht hat, was der Faszination an Hip-Hop in Europa zugrundeliegt – verbietet auch Einmischungen in zentrale Fragen der Bewegung, sofern sie jedenfalls deren unmittelbare, taktische und pragmatische Belange (und ein solcher ist die Formulierung eines vagen utopischen Ziels wie Knowledge) betreffen, solange jedenfalls, bis der – ebenso vorübergehend als notwendig anzusehende – Separatismus dieser Bewegung überwunden werden kann. Deren Geografie, wie sie sich in ihrer Kunst wiederspiegelt, aber mittlerweile einen Raum umfaßt, der das sehr bald erwarten läßt. Monie is in the middle.