Public Enemy: „Fight the Power“; RCA/Motown
Spex-Redakteure und freie Mitarbeiter haben die Platte zur Single des Jahres gewählt, und vieles spricht dafür, daß ihre, die Arbeit von Public Enemy zusammenfassende, auf den Punkt bringende, die Essenz wilden, komplexen, aggressiven Hip-Hops abschöpfende Musik nur funktioniert im Zusammenspiel mit einem Slogan, auf den sich alle einigen können. Die Macht ist schon lange der Name nicht nur des Gegners in den Subversions-Szenarien französischer 70er-Jahre-Philosophen oder italienischer Autonomisten, nicht nur neue politische Kategorie, die allgemeiner und unbestimmter – wenn auch von einigen genau, aber immer wieder unterschiedlich definiert – an die Stelle von bekannten Figuren wie dem Klassenfeind, dem Staat oder dem militärisch-industriellen Komplex getreten ist.
Macht heißt der Gegner, seit auf der Seite des Untergrunds an die Stelle von Politik Moral getreten ist, was heute für immer größere Teile jugendlicher Dissidenz-Kultur gilt, von Hardcore bis Hafenstraße, von Autonomen bis Animal Liberation Front. An der Stelle eines Kalküls, einer Strategie, eines Konzepts von (Gegen-)Öffentlichkeit gar, also, das Einbunkern in den einmal befreiten (und eroberten) Räumen.
Macht ist aber auch ins Visier geraten als Ergebnis aller Erfahrungen, mit im Underground neu entstandener Macht, mit der rasend schnellen Verwandlung (und deren bis heute nicht gebremster Beschleunigung) von dissidenter und aggressiver Energie in Karriere-Energie und der langsamen Erkenntnis der Quasi-Naturgesetzlichkeit solcher Geschichten. Die Gleichung der Geschwindigkeit der Umwandlung von (ihrem Selbstverständnis nach) subversiver in karrieristische Energie (für Bourdieu u. a. von Anfang an dasselbe, aber als Professor kennt er dann wiederum den Untergrund zuwenig und hat ebensowenig Möglichkeiten, ihn einzubeziehen wie andere Soziologen vor ihm) kennt fast nur konstante Größen, die ein Bremsen der Umwandlung bezeichnende Variable steigt oder fällt umgekehrt proportional zum Grad der Durchdringung des entsprechenden Weltsegments mit kontrollierten oder kontrollierbaren Mainstream-Kultur-Produkten … und die ist zur Zeit ziemlich hoch, so auch der Speed der Energie-Umwandlung, die Gewinnung von Produktivität aus etwa der „Musik der Unterdrückten“ (haha). Diese Macht ist die gefährlichste.
Bekämpfe die Macht heißt also sowohl „Lege Heftzwecken auf den Stuhl deines Lehrers!“, „Fahre schwarz!“, wie es „Mißtraue jedem!“, „Wechsle die Wohnung!“, „Laß dich nicht erwischen!“ und „Don’t follow leaders, just watch the parking meters!“ heißt, also eben auch: Entmachte sie alle, die Guten wie die Bösen, sobald sie nur Macht haben, und das ist ebenso unpolitisch und destruktiv, wie es wahrscheinlich die letzte Rettung des progressiv Politischen in irgendeiner angebrachten und nachvollziehbaren Praxis bedeutet (was ja auch die Grünen einmal wußten). Also dann auch „Entmachtet Gremliza!“ (und natürlich „Fight The Diederichsen!“).
Auf Fight The Power kann sich jeder einigen. Worauf alle warten, ist doch nichts anderes als ein Kriterium, das denjenigen mitteleuropäischen Großstadtbewohnern (vor allem Jugendlichen) ebenso deutlich, eindeutig und unwiderlegbar ihr Draußensein / Anderssein / Nichtdazugehörenkönnen definiert – die immer noch Opfer bringen, sich weder der alternativen Gutwilligkeit und dazugehöriger Bürokratie noch dem Establishment anschließen – wie den Schwarzen ihr Schwarzsein. Was ist es, was mich zum Hänger / Punkrocker / Armen / Hausbesetzer / Wohnungslosen macht? Meine Ideen? Warum sitze ich hier und nicht im Warmen? Aus eingeübter kleinbürgerlicher Moralität, die mir in den falschen Hals geraten ist? Aus lauter abscheulicher, gewissensbelasteter liberaler Gutheit? Middleclass Angst?
Die Kriterien drogensüchtig oder kriminell, die außerdem noch im Angebot sind, sind zu exklusiv, und sie machen den berechtigten und nachvollziehbaren, aber auf die Dauer impotenten Fehler der Stigma-Verherrlichung. Kraft gewinnt die Dissidenz nur, indem sie ihre Kraft definiert, nicht ihr Problem, der Schwarze, indem er nicht nur die diskriminierte „Rasse“ umwertet, sondern aus den objektiven Gründen, die zu der Stigmatisierung geführt haben, heraus schöpferisch wird. Viele Hunderte und Tausende von Jahren Schwulenkultur-Praxis wären hier zu nennen (vor allem die Abschnitte, die auf diesen Begriff verzichten konnten). Fight the Power!
Das Powerbekämpfen ist ja anders als alle Utopien, Werte, Träume kein idealistischer Vorsatz oder Wunsch (weswegen es um Werte, Träume und Utopien auch nicht allzu schade ist), sondern eine von zwei möglichen Optionen, die auch dann noch die einzigen beiden bleiben, wenn sie nicht in eine Teleologie der Befreiung („die“ Revolution) eingebettet sind. Es ist das einzige, was einem übrig bleibt, wenn man im allerpathetischsten Sinne sich selbst erhalten will, gegenüber jeder Vereinnahmung und Entfremdung, von denen die Karriere ja auch nur eine Variante darstellt. Ich bekämpfe die Macht also nicht aus Gründen idealistisch-christlicher Solidarität mit den Leidenden des Systems, dessen Nutznießer ich bin (sein könnte, so lange mich nichts eindeutig stigmatisiert), ich bekämpfe die Power vielmehr, um meine einzige wertvolle Privilegiertheit zu verteidigen, die Fähigkeit, erkennen zu können, wie und warum und daß Karriere eine todbringende Scheiße ist (zum Beispiel).
Fragt sich, warum sich ausgerechnet Public Enemy in einer Weise allgemein und weltgeltend äußern, wo doch gerade sie an der Spitze einer Bewegung stehen, die jede Vereinbarkeit schwarzer Probleme mit weißen, jede weiße Hilfe, Unterstützung, Anteilnahme ablehnt (aus separatistischen oder schwarz-nationalistischen Gründen, die ihre gewisse Berechtigung wohl haben und deren Erörterung hier zu weit führt). Gerade deswegen, denn so bleibt ihre korrekte Botschaft (und auch die des ebenfalls vom schwarzen Nationalismus aus allgemeingültig brechtisch argumentierenden Filmes Do The Right Thing [sic], für den sie diesen Track aufgenommen haben) die, daß das grundsätzliche, allgemeine Power Fighten zwar unsere gemeinsame Formel sein kann, aus der sich aber gerade ergibt, daß wir nicht an der gleichen Front stehen, sondern jeder an seiner. Denn wenn sie die Macht bekämpfen, können wir nicht für ein Ziel kämpfen. Deswegen wurde „Fight The Power“ Single des Jahres, weil sie die Einheit dieser Vielheit der Kämpfe auf den populären Punkt bringt. Das Politische durch ein Unpolitisches rettend.
Womit wir natürlich sofort bei der sogenannten deutschen Revolution wären, die auch nichts anderes tut und sich so jedermanns Begeisterung erfreut, als die Power zu bekämpfen, nicht unterscheidend und bedenkend, wem sie nützt, dient, schadet etc. Bis sie schließlich „Wiedervereinigung“ brüllt (also das weitest entfernte Gegenteil von Fight The Power). Aber genau das meint doch der Satz; daß die uncodierte Energie sich erhebender – Fight The Power – Menschen, immer so schön wie gerecht ist, seine Codierung (Power) immer falsch, und also zu bekämpfen. Fight The Power (so den deutschen Erhebungen ihren korrekten Platz zuweisend: der namenlose Aufstand, die Entfesselung, das Besäufnis, die Party – gut. Fight The Power, danach Arrangements mit alter Power).
Wir standen also in unserer Spex-Redaktion herum und überlegten, was wir auf die Januar-Nummer schreiben sollten und ob den Titel des Songs des Jahres, und am Ende, ob wir ihn illustrieren sollten. Und wie? Da stürzte eine Botin herein und verkündete atemlos: „Die RAF hat den Herrhausen in die Luft gesprengt.“ Boh! Zuck! Aha, so kann man den Satz natürlich auch auslegen, dachte ich mir. Man kann ihn doch noch sehr viel ernster und buchstäblicher nehmen als man Sätze/Parolen normalerweise nimmt (um sich nur die Richtigkeit seiner allgemeinen Gesinnung und die Überhöhung einiger Lebensentscheidungen, die eh nie anders ausgefallen wären, griffig vorzusingen). Für „Fuck The Police“ bekamen die L.A.-Rapper von NWA immerhin Post vom CIA. Fight The Power. Do The Right Thing.
Dies alles schreibe ich nun heute hin am 6.12., eben komme ich zum zweiten Mal von der Bank zurück, die ich beim ersten Besuch geschlossen fand, „wegen der Trauerfeierlichkeiten für Herrn Herrhausen“ . Als ich beim zweiten Mal vor der Kasse warten mußte, fand ich eine Nummer der Zeitschrift marco – „das Bank- und Wirtschaftsmagazin für junge Leute“, darin unter anderem einen Bericht über den Assistenten des CDU-Abgeordneten Wissmann, einen Johann Friedrich Colsman (ex-Vorsitzender des RCDS) und dessen fabelhafte Karriere („Der Job in Bonn ist für ihn keine Lebensstellung, mehr eine Karriere-Station. Colsman will in die Wirtschaft.“) und schließlich „Hip-Hop – Musik, die aus der Bronx kam“, und darin den Teil-Satz „auf der anderen Seite Polit-Rapper wie Public Enemy, die zu harten Beats kämpferische Parolen verbreiten“. Darauf, daß diese Parolen als Aufruf zur Ermordung des Vorstandssprechers des größten Unternehmens der Branche, die dieses Blatt herausgibt – der „Bundesverband der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken“ – gelesen werden könnte, daran hatte gerade wieder niemand gedacht. Nun ist es zu spät. Musik, die aus der Bronx kam.