Platte des Monats: „Slap!“

Chumbawamba: Slap! Agit-Prop/EfA

Bisher war es in dieser Kolumne ja immer darum gegangen, die als konkret-Leserschaft sich „organisierende“ Linke mit etwas zu konfrontieren, das ihr zu 90 Prozent entgeht, obwohl dieses Entgangene nach meiner Auffassung als der Teil der Welt anzusehen ist, in dem sich das – nennen wir es mal so, bis wir einen besseren Begriff finden – „gesellschaftliche Imaginäre“ konstituiert. Dem sich anzuschließen, das zu „organisieren“ die traditionell selbstgewählte Aufgabe dieser Linken war (auch wenn sie es in der Absicht, es zu organisieren, genauso oft zerstört oder planiert hat): Underground, Jugendkultur, Minderheitenkultur, Risikogruppenkultur, vorpolitische Dissidenz. Gegen eine durchaus verständliche (man kann ja nicht überall sein), aber leicht in Dünkel umschlagende linke Borniertheit, wie sie mitunter sogar in redaktionellen Beiträgen, etwa letzten Monat in „Ich habe gelesen“, mich ärgert (obwohl ich der Letzte wäre, „Raumpatrouille-Allnighter“ oder Casablanca-Fans zu verteidigen, aber sie wurden bei Altenburg stellvertretend auch für alle Verwertungen von Kulturindustrieabfall durch dissidente Subkulturen abgekanzelt, für deren Praxis ich eine Menge zu sagen hätte). Ich habe es daher fast immer vermieden, über Platten zu schreiben, die über ihre politische Bedeutung schon Bescheid wissen. Auch um nicht einer „linken“ Kultur zuzuarbeiten, die sich immerzu nur emotional bestätigt, was ihr theoretisch längst klar ist, den dialektischen Verstand gegen kleinbürgerliches Sentiment eintauschend keine notwendigen Dissonanzen aushalten kann und, wenn es um Kultur geht, entweder ihre Tränendrüsen entsichert oder sich in die Sicherheit der von kulturindustrieller Verstricktheit garantiert freien, akzeptierten Bildungsgüter des hochkulturellen Erbes flüchtet.

Chumbawamba ist eine nach eigenem Verständnis linksradikale Band. Und das unterscheidet sie von allen anderen hier bislang erwähnten, die zwar fast alle dissidente Positionen bezogen oder linksradikale Anwandlungen hatten, aber kein reflektiert politisches Verständnis der eigenen Arbeit. Chumbawamba haben seit 86 zwei Punk-LPs gemacht (Never Mind The Ballots – Generalthema: Antiparlamentarismus – und Pictures Of Starving Children Sell Records – Generalthema: Anti-Benefiz-Konzerte, Anti-Live-Aid). Dann entstand eine Platte mit Acapella-Versionen politischer Folk-Songs (English Rebel Songs – 1381-1914), für deren Cover sie sich als Schlachter verkleideten. Das daraufhin von den Druckern des Vertriebspartners ihrer eigenen Firma „Agit-Prop“ abgelehnte Bild ersetzten sie durch eine Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert, die aufgebrachte Hoodlums zeigt, wie sie King George steinigen. Slap! ist nun eine moderne Tanzplatte. Chumbawamba benutzen Samples, Loops und auch selbst eingespielte, teilweise jazzig angereicherte Dancebeats, zwischen Hip-Hop, House und anderen Alltags- und Straßengrooves der Gegenwart, um legendären Momenten der jüngeren Geschichte eine euphorisierende Form zu geben, der der Optimismus, die Lebenskunst derjenigen Ghetto- und Marginalkulturen zugute kommt, die diese Dancebeats entwickelt haben. All diesen Momenten ist gemeinsam, daß sie Prozesse, Konstellationen, zähes, komplexes Material über eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung, einen jähen Moment aus ihrer Kompliziertheit herausreißen und auf den Punkt bringen. Dies aber entspricht dem Arbeiten mit kleinen, distinkten jähen Elementen, die zwar historisch codiert sind, aber kurz herausgerissen und beleuchtet werden, wie es für Musik, die mit Samples arbeitet, charakteristisch ist. Das Bild dafür ist die Ohrfeige, die Bernadette Devlin am Tag nach dem „Bloody Sunday“ dem britischen Innenminister gab, und die „Slap!“ machte. Sozusagen ein Beat, dessen Resonanzkörper eine Ministerbacke war, und aus dem Chumbawamba einen Loop machen.

So beginnt die Platte mit dem Song „Ulrike“. Die von den rebel-Songs bekannte, helle Acapella-Stimme singt: „I sometimes wonder, sometimes wonder, ten thousand Deutschmark to hand me over. I sometimes wonder, I sometimes wonder. You can make a living sometimes wondering.“ Dann setzt der unwiderstehliche Dancebeat ein, gegliedert von einem wiederholten, klassischen Scratch-Effekt, hundertfach gehört, der auf den DJ der Beastie Boys zurückgehen soll, und einem Bläser-Motiv im Stile der südafrikanischen High-Life Musik, die seit Jahrzehnten fast nur noch im britischen Exil praktiziert wird und deren wichtigste Vertreter, Chris McGregor und Dudu Pukwana eben dort kürzlich elende Exil-Tode gestorben sind. Auf dem Cover lesen wir dazu ein Zitat aus einem Interview, das Astrid Proll einer englischen Zeitung gegeben hat, in dem sie mit der Floskel „I sometimes wonder“ beginnend spekuliert, was aus Ulrike Meinhof hätte werden können, wäre sie noch am Leben: eine grüne Bundestagsabgeordnete oder eine geachtete Journalistin. Dem entgegnet die nunmehr vom synkopierten Groove vorangetriebene Stimme, wie arhythmisch über diesem stehend: „Who wants to be a Green MP? I don’t.“ Aus einem zweiten auf der Hülle zu diesem Song gelieferten Zitat aus einer Elvis-Biographie erfahren wir, wie Colonel Parker erst so richtig froh wurde, nachdem er seinen Schützling glücklich unter die Erde gebracht hatte (und wir erinnern uns an den BamS-Artikel, der neulich berichtete, daß viele Firmen zu einem größeren Teil von dem Produkt ihrer toten als ihrer lebenden Stars existieren). Im Mittelteil von „Ulrike“ wird jetzt Elvis eingeblendet, ebenso körperlos und ohne Bezug zum Beat wie vorher die Chumbawamba-Mädchenstimme, mit einem Sample aus „Can’t Help Falling In Love“.

In anderen Stücken geht es z. B. um Frauen, die nach dem Tiananmen-Massaker an schwitzende Soldaten in scheinbar „patriotischer“ Absicht vergiftete Wassermelonen verteilen. Um einen von Primo Levi beschriebenen KZ-Häftling und sein Credo (eingeleitet von dem bekanntesten Acid-House-Loop). Um eine Entrüstung von Heartfield/Grosz gegen Kokoschka („Der Kunstlump“), der sich während des Kapp-Putsches Sorgen um die von Kugeln bedrohten Meisterwerke im Museum machte (statt um die Leben der Arbeiter: „Rubens Has Been Shot“). Etc.

Es handelt sich bei der Vorgehensweise von Chumbawamba nicht um ein idiotisches, leuteverarschendes „zeitgemäßes Verpacken“ „unbequemer“ oder „kontroverser“ Inhalte. Sie weisen vielmehr nach, daß die Struktur dieser Akte und Konfrontationen, dieser Versprecher, Statements, gelungener und mißlungener Aktionen, schon vorhanden ist in den Formen zeitgenössischer Popmusik. Wie sie aus Rissen und Widersprüchen eine Einheit, einen ganzen Groove bilden, entspricht dem plötzlichen Umschlagen in situative Klarheit von historischen Prozessen, die so plötzlich die Analyse selber liefern, daß kein Historiker sie zu konstruieren braucht, nur aufzugreifen und auszustellen. Daß diese Struktur in der zeitgenössischen Popmusik von sich nur selten weiß, ist klar. Chumbawamba liefern ihr sozusagen den Text, den sie schon die ganze Zeit begleitet hat.

Chumbawamba sind aus Leeds und stehen in dieser Stadt in einer Tradition, Popmusik nicht kulturpessimistisch von den industriellen Konditionen ihres Entstehens reinigen, sondern darin selbst ihre geheime Bedeutung, ihren Traum von sich selbst entdecken zu wollen. Für diese Tradition intellektueller Tanzmusik aus dem Umfeld der Uni von Leeds stehen Green Garthside und sein Soul-Projekt Scritti Politti, Gang Of Four (die auf Slap! gesampelt werden), Mekons und der Einfluß des ehemaligen Situationisten und Kunsthistorikers T.J. Clark, der hier früher lehrte. Außer den Mekons war von dieser Tradition lange nichts übrig geblieben, und ich muß bis ins Jahr 82 zurückdenken, als ich in einer Kassler Normalo-Discothek, während der documenta, zu einem Song wie „I Love A Man In Uniform“ von Gang Of Four („The girls just love the way you shoot“) tanzte. Das war vor Sampling und lange bevor es wieder eine zeitgenössische schwarze, politische Musik gab (Hip-Hop). Chumbawamba sind die Ersten, die unter diesen neuen Umständen das Projekt wieder aufnehmen.

Chumbawamba sind, so könnte man argumentieren, Leute, die das Ziel dieser Kolumne, so wie es ihrem Autor auch erst im Laufe der Zeit klargeworden ist, erreicht haben: daß Linke nicht borniert, pädagogisch oder im Besitz einer Wahrheit versuchen, aus Massenkultur und deren „avantgardistischen“ Rändern authentische Spuren aktueller Kämpfe und Widersprüche – durch die Subjektivität ihrer Opfer und die Objektivität der von diesen eroberten technologischen Innovationen hindurch – herauszulesen, diese zu betonen, auszustellen und ihnen den Text zu singen, den sie längst schon begleiten. Aber die Eitelkeit eines solch pädagogischen Leitgedankens dieser Kolumne entlarvt sich an den Fakten: Chumbawamba waren erst eine Punk-Band, dann Links-Intellektuelle. An ihrer musikalischen Praxis entwickelte sich ihr Diskurs, nicht der Diskurs stieg zum Dancefloor hinab. Und so soll es wohl auch sein.