Platte des Monats: Verbrannte Gaumen

Napalm Death: From Enslavement To Obliteration (Earache / Rough Trade)

Ürrh! Ürrh Ürrh! Ürrh Ürrrh! Ürrrrh Ürrrh Ürrrh Ürrh ! Hnhnhnnhhürrrh! U! U! Uh Uh! Ürrrrh! Uh! Ürh! Ürh! Ürh! Gu Gu Gu! Ürrh Ahgagagagagagagaga Ürrh Uf Uff Uga Uha ! Uhh Uhh ! Ahgahha!

Bitte das nächste Stück: Afagfagafg Oorrhorrhhroorrh Katarrrh katarrh katarrh RRRRRHHHHHHH !

Und schon wieder vorbei, und das nächste, etwas langsamer: Brübrbrüürbrübrübrü rrrrrrhrrrrrhrrrrh, Ürrrh ürrh ürrh ÜRRH! ÜRRH! ÜRRH! ÜRRH!

Über die Onomatopoeia habe ich lange nachgedacht, und ich glaube, ich habe die passenden gefunden für Song 2-4 von der ersten Seite der neuen Napalm-Death-LP, es handelt sich um „Lucid Fairytale“, „Private Death“ und „Impressions“. Was sich wie kurzes Kläffen gewürgter Kampfhunde anhört oder letztes, letales Kotzen in das große kosmische Toilettenbecken, an dem wir alle eines Tages vorbei müssen, sind in Wirklichkeit (und mit Wirklichkeit meine ich hier die schriftliche Wirklichkeit der auf der Innenhülle abgedruckten Wörter) Texte. Jeder, der sich diese Platte anhört, wird mir bestätigen, daß sie sich ohne jede handelsübliche Übertreibung oder Journalistenpoesie, ohne jedes Altmännerunverständnis anhört wie diese oben beschriebenen Laute, dennoch sind es Poeme von großer Dichte und Intensität, die von Einsamkeit, existentiellen Nöten und Kommunikationsverlust handeln, sich gegen Kapitalismus, Entfremdung, Machismo, Schwanz-Rock, Domestizierung authentischer Aggression und Käuflichkeit von Gefühlen sowie eine Menge anderer Übel richten, nicht einmal unbearbeitet-vollständigkeitswahnsinnig runtergerasselt wie bei früherer Punk-Rock-Erwähnpoesie, sondern durchaus ausgearbeitet, an selbst erfahrenen Beispielen dargelegt, und schließlich auf die einzig mögliche Art beim heutigen ethischen wie ästhetischen Stand der Dinge in England, nämlich so, vorgetragen: Ürrrh! Ürrhühü ! Ürrrhü Ürrh! (unglaublich tief:) RRü RRüp RRü RRürrh! Uh Uh Agga agga agga agga agga Ürrh! Ürrh ! Ürrh!

Einer der Begriffe, die für die Musik – von der Napalm Death nur ein ziemlich auffälliger, gar nicht unbedingt der beste, aber dafür auch distributorisch am leichtesten zugänglicher Vertreter ist – kursieren, ist Speedcore. Heutzutage, wo in den meisten Diskotheken die DJs mit bereits auf Hülle und Label gedruckten exakten Geschwindigkeitsangaben arbeiten, sogenannten BpM-Zahlen (Beats per Minute), hat man allgemein genaue, quantifizierbare Begriffe von der Geschwindigkeit der Musik, die den alten italienischen nicht nur an Genauigkeit überlegen sind, sondern auch Bereiche mit abdecken können, die es früher nicht gab und für die auch in der Luftfahrt neue Einheiten wie Mach erfunden werden mußten (hört man sich heute Platten aus egal welcher Epoche an, die man früher als schnell empfunden hat, stellt man immer wieder fest, wie langsam sie geworden sind, die einzige Konstante in der Geschichte der Pop-Musik ist ihre ständige Beschleunigung). Ein Tanzstück gilt bei 120 BpM als enorm schnell, bei 144 BpM dürfte die absolute Obergrenze für Tanzbarkeit im herkömmlichen Sinne liegen, sehr schneller Hardcore-Punk der 80er Jahre lag nach meinen Schätzungen / Messungen bei circa 140-180 BpM, Napalm Death liegen bei 20 von 22 Stücken sehr oft über 180 BpM, gelegentlich jedoch über 240 BpM (mehr als vier Beats pro Sekunde, und zwar keine elektronischen, sondern handgespielte).

Was sich hier wie bloße Leistungsschau, sportliche Errungenschaft liest, ist in Wahrheit der härteste, empörteste, radikalste und trotzdem noch nachvollziehbare Angriff auf das Lied als sinnfällige Einheit aus Text und Gesang, als Autoren und Repräsentanten konstituierende Kunstform (ohne seine Tradition zu verlassen oder von der eigenen Erfahrungswelt her, die heutzutage nunmal fast immer in Text und Musik zerfällt, überhaupt verlassen zu können), ist der erfolgreich durchgeführte Versuch, dem Gefühl (und der Idee) der absolut empfundenen Entfremdung und ebenso empfundenen Ohnmacht eine absolute Energie abzuringen (also der lauteste, verzweifeltste Versuch, die Idee des Rock’n’Roll noch einmal zu testen), aber halt: Noch immer sind dabei schöne Songs entstanden, wenn dergleichen teuflische Angriffe geritten wurden (die Songform ist widerstandsfähig und unter Beschuß wird sie am stärksten, aber auch zum verläßlichsten Freund), und so unglaublich es für jeden klingen wird, der die Eingangszeilen dieses Artikels vertrauensvoll gelesen oder sich auch nur die Platte angehört hat, unter all diesem unversöhnlich dumpfen, doch gleichzeitig rasende Gegrummel eines verbrannten Gaumens wohnen Arrangements und Melodien, auch bei schwindelerregenden 240 BpM werden Absprachen eingehalten.

Nicht aus Bewunderung der Virtuosität lobe ich das, oder, wie schon gesagt, aus Achtung vor sportlichen Hochleistungen, was mir in der Musik spätestens seit den großen Jahren des Jazzrock ganz fremd geworden ist, sondern weil ich es so umwerfend finde, daß mitten in der unvorstellbar antisten Anti-Musik, die nicht wenige Kritiker als das nun mehr doch endgültige Ende der Musik bezeichnet haben, dann doch wieder so eine niedliche Organisation niedlicher Details sich beobachten läßt, gerade in kleinen Geräuschdetails (auch wenn das natürlich genau meiner Idee von Lärmmusik der letzten 20 Jahre entspricht: man verfeinert genau da, wo es sich nicht üblicherweise eitel spreizt, in zur Schau gestellter Instrumentalbeherrschung oder Arrangementpikanterien, sondern im Aufbau/Arrangement von Schutt), die noch immer das erste Indiz für gut gedachte und gemachte Pop-Musik waren, bis einem die Tränen kommen.

„Apathie verbreitet sich / im Gleichklang mit Geschlechtskrankheit / eine Geißel, die peinigt / die Viehmärkte der Jugend / ohne Bewußtsein, nur promisk / ohne Respekt für sich selbst / beim Verkaufen ihrer Körper / Alle Gefühle tot!“ So und ähnlich lautet die Diagnose, der Lee Dorrian seinen ausgemergelten, ausgebleichten, rosafarbenen, schönen, ausgehungerten Körper leiht, schlechte Haut, wie er hat auch der nicht minder dünne Gitarrist Bill Steer, beide sehen aus wie Junkies, aber sie sind keine. Sie sind einerseits arm und haben nicht genug zu essen, zum anderen aber sind sie Vegetarier, wie die meisten englischen Hardcore- und Speedcore-Bands, Drummer Mick Harris kommt mit seinen Tattoos und seiner aufgeblühten Akne wenigstens noch dem klassischen Metal-Tier nahe, auch wenn er für diesen Typ jeden obligatorischen Ansatz von Bierwampe vermissen läßt, lediglich Bassist Shane Embury scheint den noch bis vor kurzem für harte Musiker obligatorischen Getränken zuzusprechen, er ist fett wie noch die halbe letzte Generation.

Hardcore war ursprünglich der Name für die härtere, schnellere und offenere politische Punk-Version, die seit den frühen 80ern aus den USA kommt, als im Mutterland des Punk-Rock dieser längst am Ende war, in der von Konzernen weniger kontrollierten, unabhängigeren und regional aufgesplitteten US-Szene gediehen im Laufe der 80er Dutzende von Folge-Genres. Hardcore vermischte sich mit allem bis hin zu den Free-Jazz- und Hendrix-Einflüssen, denen die Ex-Mitglieder der bekanntesten, amerikanischen Hardcore-Band Black Flag heute mit diversen Bands auf ihrem eigenen SST-Label frönen. Am häufigsten aber war die Verbindung HC-Heavy Metal, wodurch sich viele neue Mischformen aus der alten Harte-Männer-die-keinen-Respekt-vor-Frauen-und-anderen-Monstern-haben-Haltung des Schwermetall und des moralisch-rigiden, fest auf dem Boden des anarchistischen oder linksradikalen Bewußtseins stehenden HC ergaben, der Drogen und Alkohol ablehnt, und von ein paar rechtsradikalen Spinnern abgesehen, den internationalen Grundkonsens der Autonomen aller Länder trägt.

Doch die Heimat dieser Bewegung war eben immer die USA, erst in den letzten ein bis zwei Jahren reagieren englische Musiker der allerjüngsten Jahrgänge auf die vorhandenen Mischformen, mit einer durch weitere, dem in der Regel nur Massenmorde und Horrorfilme verhandelnden Speedmetal entlehnte Beschleunigungs- und Zuspitzungstechniken angereicherte Musik, die schon mal Speedcore oder Grindcore oder wie auch immer genannt wird, und die mit dem für ältere Menschen Paradox umgeht, das unversöhnlichste Anti-Establishment-Vegetariertum auszudrücken, das je ein tier- und menschenfreundlicher Anarchist je irgendwo formuliert hat, und sich gleichzeitig für die möglichst blutigsten, was rede ich, bizarrsten, Tanz-Der-Teufel-II-mäßigsten Lieblingsfilme von Buprü-Chef Stefen zu begeistern. Ich erzähle das, weil ich hier wieder cooles Bewußtsein sehe, das vieles versteht und weiß, was ältere Linke nicht mehr auf der Rechnung haben oder glauben können, daß das wahr ist, und was doch deren natürlicher Verbündeter unter den Unterzwanzigjährigen ist, die wahre Jugendorganisation. Da eine diskursive Auseinandersetzung nicht sehr wahrscheinlich, absehbar oder gar wünschenswert ist, könnte es von Nutzen sein, sich diese oder andere Platten anzuhören, den Bewußtsein- und generationenübergreifenden Sound halb- bis eineinhalbminütiger Einheiten, in denen es dann wieder heißt: Ürrh ürrrh ürrh uhguhuughuughuughu brrzzüürrh ürrh katarrh katarrh katarrh! !