Fugazi: Repeater; Dischord/EfA
Fugazi ist mehr als eine Band. Ihre Geschichte ist nicht so sehr die der zwei Mini-LPs von 89 und dieser LP, diverser Live-Auftritte, vorzugsweise in besetzten Häusern rund um den Globus, sondern die Geschichte des Dischord-Labels und der Szene in Washington, DC. Als Punk-Rock Ende der 70er Jahre in die amerikanischen Provinzstädte einzog, die sich von den Metropolen New York (artsy) und L.A. (hard, aber dekadent), abzugrenzen versuchten, war Washington die einzige Stadt, die von Anfang an ein Punk-Verständnis entwickelte, das sich in seiner Engagiertheit nur mit der britischen Anarcho-Vegetarier-Szene um CrAss, später Subhumans, vergleichen ließ.
Als nach ein paar Singles der Sampler Flex Your Head als erste LP-Veröffentlichung des örtlichen Independent-Labels Dischord vor zehn Jahren erschien (mit für damalige Verhältnisse sagenhaften 32 Songs auf einer LP), waren zwei Bands namens Teen Idles und S.O.A. nicht einmal die bemerkenswertesten. Kurz darauf wurde S.O.A-Sänger Henry Garfield unter seinem bürgerlichen Namen Henry Rollins Sänger der damals schon vier Jahre alten, bis 86 aktiven wichtigsten amerikanischen Punk-Band der 80er, Black Flag, und zog nach L.A. Heute ist er als Solo-Künstler mit Band, als Dichter und Aktivist, aggressiver Vertreter eines illusionslosen, drogenfreien Lebensstils mit Körperertüchtigung, Feminist („Schneidet ihm das Ding ab, steckt es in einen Umschlag und schickt es an Henry Rollins, P.O. Box, Männer sind Schweine!“) und Links-Nietzscheaner, ein bekannter und einflußreicher Mann. Er akzeptiert nur zwei andere Leute in der amerikanischen Musikszene. Einer davon war damals Sänger der Teen Idles. Ian MacKaye gründete danach die Minor Threat. Ein Song dieser ziemlich populären Gruppe hieß „Straight Edge“ und begründete die gleichnamige Jugendbewegung, deren Wachstum immer noch nicht aufgehört hat und längst auch hierzulande den Punk-Rock-bedingten Bier- und Pillenkonsum gesenkt hat. Hatte „Straight Edge“ nur allgemein sowas wie einen klaren Kopf verkündet, wurde bald daraus eine Bewegung, die sich durch ein schwarzes Kreuz auf der Hand (und anderswo) erkannte und ein Leben ohne Alkohol, Drogen und extremer körperlicher Fitness verkündete. Die Bewegung war in DC immer stark an politische Aktivitäten gebunden und bestimmt nicht nur, aber auch deswegen am Potomac entstanden, weil zwei Drittel der Bevölkerung der US-Hauptstadt in Drogen-Ghettos mit der höchsten Mordrate in den ganzen USA leben müssen. Aber auch hier funktioniert die Segregation so perfekt, daß selbst Aktivisten-Kids, so sie weiß sind, nichts im Alltag mitkriegen von der Realität der Crack-Viertel.
Im Rest der USA wurde SE zum Selbstläufer. Legion die Zahl der seit den mittleren 80ern nachgewachsenen Bands, die vor Kraft strotzen, Skateboards fahren und straight sind (mehr oder weniger). Auf den 20, 30 Leserbriefseiten des US-Punk-Zentralorgans Maximum Rock’n’Roll – ein, jedem der bereit ist, bestimmte formale Regeln einzuhalten, zugängliches Forum, das mit Scanner-Technik jeden eingesandten Text ins Blatt nimmt und unbedingt zu empfehlen ist (hier erhältlich in diversen Independent-Plattenläden oder über den Nürnberger Semaphore-Vertrieb) – toben Debatten zwischen Links-Edgelern und unpolitischen Straighten, aus deren Reihen gerade in New York, von den Bands Cro-Mags und Youth Of Today beeinflußt, immer mehr zur Krishna-Consciousness überlaufen. Die DC-Szene hat sich derweil aber weiterentwickelt zu einem Kulturzentrum unabhängiger linker Kulturpolitik um das Dischord-Label und andere Zentren in „übernommenen“ Häusern. Die Option des Straighten ist dabei mehr oder weniger zum Nebenproblem geworden. MacKaye, der nach anderen Zwischenstationen 1988 Fugazi gründete, gibt inzwischen selber an, gelegentlich ein Bier zu trinken.
Stattdessen verbringen Dischord und seine Leute (andere Musiker um andere DC-Bands) immer mehr Zeit mit Aktivitäten wie dem Benefiz-Sampler State Of the Union, 1989, auf dem alle DC-Bands sich zur Lage der USA erklärten und ein beigelegtes Booklet als Schwarzbuch der US-Außen- und Innenpolitik in einer Weise umfassend und prägnant informierte, wie es lange keiner Publikation zur Lage in den USA gelungen ist (von Chomsky-Aufsätzen abgesehen). Dies wäre alles für die Musik noch nichts Besonderes, wer hat nicht heutzutage alles einen guten Willen, und allein die Tatsache, daß die DC-Szene mit graduell fitteren linken Köpfen gesegnet ist, rechtfertigt noch nicht diese Hervorhebung, wenn diese Entwicklung nicht auf ganz spezielle, die Weiterentwicklung der Underground-Musik ebenso berücksichtigende wie regionalistisch DC-bezogene Weise, in der die musikalischen Formen die politischen widerspiegeln, wie man das bei Linken weltweit sonst vermißt (gerade linke Rockmusik kennt ja die Tendenz, ins Konsensmäßige zurückzufallen, in den falschen, vermeintlichen Massengeschmack, der als Idee genauso eine menschenverachtende Abstraktion und Verwaltungsfiktion darstellt wie der vermeintlich begrenzte Verstand des Lesers im journalistischen Kalkül) (die Ausnahme ist die Früh-80er Musik der Briten, von Gang Of Four bis Pop Group, und zeitversetzt eine von L.A. bis New York reichende, linke, aber erwachsenere Songkultur von Minutemen bis Mofungo). Das heißt aber nicht nur, daß zum Beispiel die neue Fugazi-LP Repeater das Meisterstück vollbringt, die einfachsten und klarsten Rock-Versatzstücke von jedem Klischee abgeschält zu einer explosiven, aber offenen Struktur zu verdichten, in der Härte keine Gebärde mehr ist, sondern Ausdruck der im Zusammenspiel entwickelten Verhältnisse dieser entmythisierten Rock-Details zueinander. Das heißt vor allem auch, daß bei Dischord eine selbstverständliche Offenheit für einerseits die spezifische, feministische Innovation in der Rockmusik und ihre Geschichte und andererseits für die schwarze Musik herrscht (ohne irgendeine anbiedernde Fusion, wie sie das Industriekalkül sich immer wieder ausdenkt, ohne von seinem in den USA unvorstellbar rassistischen Strukturen abzuweichen).
Hier ist es nötig, den zweiten Mann einzuführen, den Henry Rollins akzeptiert. Paul Hudson, der sich H.R. nennt, merkwürdigste Erscheinung der amerikanischen 80er Musik und Leader der Bad Brains. Paul und sein Bruder Earl gründeten aus der Asche einer schwarzen Heavy-Metal/Disco/Jazzrock-Gruppe Ende der 70er die Bad Brains, die erste Punk-Band DCs. Und die einzige schwarze Punk-Band für lange Zeit. Zu den Merkwürdigkeiten kommt hinzu, daß die Bad Brains Rastas waren/sind und alle zehn superschnelle Hardcore-Stücke einer Reggae-Nummer brachten (und diese Merkwürdigkeit wird noch dadurch gesteigert, daß die Reggae-Versionen der weißen britischen Punk-Band The Clash erst ihr Interesse für den Rastafarianismus weckten). Später waren sie auf ihren für das kalifornische SST-Label (von Black Flag begründet und vor Dischord Inhaber des Titels bestes US-Independent-Label) aufgenommenen Platten I Against I und Rock For Light Vorreiter der für die zweite Hälfte der 80er so wichtigen Hardcore-Speedmetal-Fusion, und H.R. machte Solo-Platten, auf denen er klassischen Reggae mit Jazz, Funk und teilweise auch Hip-Hop-Elementen mischte. Hört man sich die im Hardcore sonst so unterentwickelte Stimmkultur auf den neusten DC-Platten von Dischord an, nicht nur bei Fugazi, sondern auch bei so empfehlenswerten Werken wie den LPs von Fidelity Jones, Three, Ignition (der Band von Ian MacKayes Bruder Alec MacKaye) oder den hervorragenden Soulside, bekommt man einen Begriff davon, welchen Einfluß die soulfultiefen Vocals dieses Mannes in der Stadt hinterlassen haben, in der ein für diese Rolle nicht vorgesehener, ein Schwarzer, den weißen Kids die Musik gab, die sie – bis hin zu rassistischen Beschränktheiten – mehr als jede andere als ihre angesehen haben. Heute haben die Bad Brains auch schwarze Nachfolger, die sich vom Hardcore das holen, was ihnen zusteht, und ihn mit dem anreichern, was ihm immer gefehlt hat, Swing und Stimmkultur, die 24-7 Spyz, Fishbone etc. …
Dem steht auf der anderen Seite eine Band wie Fire Party gegenüber, die bisher zwei Mini-LPs für Dischord veröffentlicht haben. Eine schwarz-weiße Frauenband, die an denselben Projekten mitgearbeitet hat wie die meisten Dischord-Bands, sich musikalisch aber auf den spezifisch feministischen britischen Rock der frühen 80er-Frauenbands bezieht (wenn auch, wie alles mittlerweile, sehr viel härter und lauter). Ohne Klischees von weiblichen Ästhetiken das Wort reden zu wollen, kann man bei ihnen die Weiterentwicklung eines spezifischen Umgangs mit dem Beat (eine Art Umspielen) bei einer gleichzeitigen Freiheit des Gesangs von den Harmoniewechseln des Songs beobachten, den Bands wie die Raincoats und die Slits oder Künstlerinnen wie die Französin Lizzy Mercier Descloux in den frühen 80ern ausprobiert hatten (immer sehr in der Nähe zu Reggae übrigens).
So wie britische Polit-Bands der frühen 80er aktuelle Formen schwarzer Tanzmusik (beim damals wie heute virulenten Anti-Disco-Ressentiment jeder Punkrock-Stammklientel das Fernliegendste), etwa bei der Gang Of Four, mehr oder weniger bewußt mitreflektierten, meint man nicht nur bei Fugazis Repeater-LP House-Beats ergänzen zu wollen und denkt bei Soulside und vor allem Fidelity Jones an schwarze R’n’B-Vokalisten. Tomas S. Jones von Fidelity Jones wollte zu Zeiten seiner letzten Band Beefeater noch ein Projekt mit schwarzen DC-Musikern aufziehen, die aus der spezielleren Washingtoner GoGo-Szene kamen (die mal um 84 sehr angesagt war). Diese nicht vermittelten Kontaktaufnahmen zu dem, was in der Stadt mit den meist zerrissenen und häufig umziehenden Familien aus der Politik- und Verwaltungsnomenklatura, deren Kinder diese Bands bilden, am weitesten weg ist, weil es geographisch am nächsten ist, dieser ganz andere Teilungen und Trennungen überwindende Widerstand ist in seinem Scheitern fast noch schöner als wenn er in einen befriedenden Versöhnungssound ausliefe, wie ihn die Stings und Paul Simons dieser Welt immer wieder verzapfen. Die in ihrer Emotionalität sehr protestantische und sehr puritanische, oft naiv-idealistische Anarcho-Ethik der Dischord-Aktivisten überwindet ihre eigenen Beschränktheiten durch die Musik über ihre Erfahrungen. Indem musikalische Antagonismen sich nicht dem gutwilligen Auflösen der Widersprüche durch Anklage und Entrüstung fügen und neue Vorgehensweisen und Freiheiten fordern, wird auch die Kontaktaufnahme (und deren eingebautes Scheitern) zu der mit dem Bus nicht erreichbaren, musikalisch aber, nicht zuletzt über Typen wie H.R. Sogwirkung ausübende Welt der schwarzen Mehrheit der Apartheid-Hauptstadt zwingend. Wie und warum das in einem Land, wo eine Band, die sich nicht als schwarz oder weiß eindeutig vermarkten läßt, keine Chance auf einen Plattenvertrag bei einer Industriefirma hat und der in den 60ern einmal auch auf Industrieebene fast niedergerungene, institutionelle wie inhaltliche Rassismus in der Popmusik immer stärker wird, gleichzeitig noch nie so avancierte, radikale „schwarze“ und „weiße“ Underground-Musiken unvermittelt nebeneinander existieren, immer notwendiger und andrerseits notwendig scheitern wird, davon werden demnächst Washingtoner Platten vor allen anderen handeln.