Politik

Aus Chile prinzipiell nichts Neues, aus Argentinien: Putschgefahr. Alfonsin, das demokratische Wunderkind, hat es geschafft, alle Wahlen triumphal zu gewinnen, und auch den Junta-Mördern einen ausgezeichneten Prozeß zu machen, aber jetzt munkelt alle Welt vom dicken Ende. Das lasse sich die Armee nun nicht mehr gefallen. Egal ob sie’s läßt: eine pro-amerikanische Regierung wird es in jedem Fall, und Castros Schuldenrückzahlungsboykott wird sich das Land auch nicht anschließen. Brasilien hat sich mit dem namenlosen Tancredo-Neves-Ersatz abgefunden, meldet die FAZ. So wie man sich in der Gegend eben abfindet: Was Besseres als Alfredo Stroessner (Paraguay) finden wir allemal. Der brandneue, alerte, spritzig-junge Regierungschef von Peru, Sozialdemokrat und Verfechter eines gemäßigten Schuldenboykott, gilt als die Hoffnung im Kampf gegen die Armut, aber auch gegen die Anden-Guerilla; in Bogota (Kolumbien) besetzte die „Bewegung 19. April“ das Justizministerium und ließ sich und die einzigen halbwegs liberalen Politiker des Landes von der Armee niedermetzeln. Die Regierung in Washington hat den beherzten Einsatz gegen die Terroristen gutgeheißen, die wiederum der Drogen-Mafia nahegestanden haben sollen, als zur selben Zeit die Anzahl der Toten aus der Justizpalast-Schlacht zur Marginalie wurde, weil ein Vulkan mit einer Eruption begann, die am Ende über 20.000 dahinraffen sollte. In Venezuela etabliert sich zur selben Zeit ein neues „Andenkino“, immerhin ein Land, das sich offensichtlich ästhetische Sorgen leisten kann.

Die Contras in Nicaragua greifen mittlerweile nur noch die Zivilbevölkerung an und ermorden mit Vorliebe und US-Geld, US-Söldnern und US-Waffen sandinistische Lehrer und Bürgermeister, während dank Ben Wisch die Entführung der Tochter von El Salvadors Napoleón Duarte zu einem vollen Austauscherfolg für beide Seiten wurde. Den kleinen, fetten Napoleón sah ich im spanischen Fernsehen (a besa melach). Er sagte, er wolle mit der Frente Farabundo Martí durchaus reden. Als die tags darauf nach Madrid eilten, um das Angebot anzunehmen, eilte Napoleón zum Flughafen. Madrid ist die schönste Stadt der Welt. In Mexiko fand man nach dem großen Erdbeben in den Kellern des Polizeipräsidiums die gefolterten Leichen von Bürgern, die angeblich nie festgenommen worden waren. Bei der Sichtung der Trümmer einer Nähmaschinenfabrik wurden vordringlich Nähmaschinen geborgen, erst dann die verschütteten Näherinnen, die zwischenzeitlich in Ruhe sterben konnten. Die USA sind weiterhin fest entschlossen, die Welt zu beherrschen. Mit allen Mitteln. Nur die UdSSR setzt ihr kaum noch was entgegen, weder bei Verhandlungen noch militärisch, noch Unterstützung-von-Befreiungsbewegungen-mäßig. In Rumänien hungern und frieren die Menschen und dürfen wegen Energieknappheit nur eine 40-Watt-Birne pro Wohnung benutzen. Bulgarien, das vielgeschmähte, hat ein höheres Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt als das vielgelobte Ungarn. Die DDR hat England überholt, Italien und Spanien sowieso. Polen liegt noch immer im Koma der schwarzen Madonna von Tschenstochau, während die Weltöffentlichkeit jenseits von Ost-Berlin nur auf zwei Menschen schaut: Andrej Sacharow und Jelena Bonner.

Die Franzosen geben als Fake-Supermacht mal wieder die allerlächerlichste Figur ab, die Holländer haben sich nach einigen Monaten liberaler Verzögerung doch noch zum NATO-Doppelbeschluß durchringen können. Österreich schlägt sich derweil mit Thomas Bernhard herum, und obwohl der Zeichner Manfred Deix eine Geißel der Menschheit ist, muß man ihm zugute halten, daß die Österreicher physiognomisch von ihm leider immer wieder sehr gut getroffen werden; England konserviert sich weiterhin die Widersprüche des 19. Jahrhunderts, unter schrecklichen Opfern, aber vielleicht doch besser als die des 21., die unserer Republik vom Süden her langsam die Luft abschnüren. Der erste grüne Minister ist ein Ereignis, das der ersten Großverlags-Wave-Zeitschrift, die über die ersten drei Nummern hinauskommt, an Bedeutung in nichts nachsteht. Die Intelligentsia berauscht sich weiter an Kohls Dummheit in ähnlicher Weise wie der Rest des Volkes an den Erfolgen Boris Beckers und den Mißerfolgen der Nationalmannschaft. Daß mißlungene bürgerliche Politik nicht schlimmer ist als gelungene – wie soll es der Helmut-Schmidt-Fan-Club ahnen! Raissa und Lady Di sind die postfeministischen Symbolfiguren des Zusammenhangs zwischen weiblicher Repräsentationsfähigkeit und zerfallenden Weltreichen. Solange die sowjetischen First Ladys knarzige Bäuerinnen waren, verhandelten ihre Männer noch aus einer Position der Stärke. In der mongolischen Volksrepublik regiert mittlerweile der ehemalige Rektor der Universität Ulan Bator, Enver Hodscha ist tot, und alle Welt bis hin zum Blödhip-Blatt „The Face“ freut sich, daß man in der VR China als Model nicht mehr ins Gefängnis geworfen wird und daß die Bevölkerung Wham! hört und Coca Cola säuft. Die Hauptstadt Äthiopiens heißt Addis Abeba.