Postscripta zu den Politischen Korrekturen

I.

Als ich mit meinem im Herbst ’96 erschienenen Buch Politische Korrekturen auf Promo-Tour war, entschied ich mich dazu, statt der üblichen Lesung einfach immer weitere Kapitel zu schreiben – als stünde die Deadline noch aus –, die anhand von Tagesereignissen die zentralen Thesen des Buches illustrieren sollten. Daraus zunächst ein paar Ausschnitte, soweit sie die Fragen des „Kulturkampf“-Symposions betreffen:

1. Die Rechtschreibreform

Nichts eignete sich im letzten Jahr so gut, die unausgesprochenen Voraussetzungen von PC-Debatten noch einmal vom Tablett der Ressentiments runterzufischen, wie die Debatte um die Rechtschreibreform. Da PC ja meistens als Sprachregelungszumutung rezipiert und diskutiert worden ist, sollte es aufschlußreich sein, beim Schicksal einer veritablen, von Staats wegen verordneten Reform eben der Sprache noch einmal nachzusehen und den Widerstand gegen sie zu betrachten. Nachdem er nun schon einige Jahre im Kulturdebattensumpf dümpelte, wurde er nämlich plötzlich titelbildfähig: der wütende Widerstand der Schriftsteller gegen die Rechtschreibreform.

Auf Veranlassung des Deutschlehrers Denk, dessen komplette Mischpoke unter den erstunterzeichnenden Super-Promis im Licht der Medienöffentlichkeit funkelt, haben in mehreren, immer stärker werdenden Wellen Schriftsteller, Gelehrte und andere Liebhaber des Idioms, in dem immerhin Goethe, Thomas Mann, Reich-Ranicki nur sagen konnten, was sie gesagt haben, samt solchen, die sich von Berufs wegen für Experten halten, eine Unterschriftenaktion unterstützt, die dem Spiegel ein Titelbild mit Delacroix-Paraphrase wert war. Die Schriftsteller – Lenz, Grass, Enzensberger – auf den Barrikaden, als Kämpfer für die Freiheit. Die Revoluzzer- und Freiheitskampf-Emphase und Metaphorik bestimmte auch andere Beiträge zur Rechtschreibreform: Von Gehorsamsverweigerung war die Rede, von Boykott, zivilem Ungehorsam und anderen ursprünglich für andere Issues reservierten Kampfformen und Theatralisierungen. Die aber bei eben jenen anderen, von Haus aus politischen Issues seit langem abwesend sind, erst recht, wenn die Protagonisten des Rechtschreibaufstands sich äußern. Von Hans Magnus Enzensberger erfahren wir gar, daß er seine Weigerung, sich orthographischer Orthodoxie zu unterwerfen, als „anarchistisch“ verstanden wissen will. Anarchistisch? Und das von einem Mann, der sich bei jeder S-Bahn-Fahrt nach Ruanda, in den Ausnahme- oder Naturzustand, versetzt fühlt, für den jeder Bundesliga-Hool ein Sendbote des Weltbürgerkriegs ist?

Sprachbenutzung scheint für all diese Männer – die einzige bekanntere Frau ist auch die einzige linke Unterzeichnerin, nämlich Elfriede Jelinek – eine primäre, ursprüngliche, an Grundrechte gekoppelte Betätigung zu sein, unmittelbar, körperlich, unreguliert, wild. Ihre Beschränkung oder Regulierung wäre eine ans Eingemachteste, ans Körperliche nämlich, gehende Einmischung, eine Kastration. Darum ist ihr Widerstand nicht wie sonst ein zwischen Pfeifenzügen milde und abgewogen vorgebrachter Vorschlag an die Herrschenden, sondern wütender Protest, vorgetragen in der Metaphorik der Barrikade.

Die Tatsache, daß es sich bei den Unterzeichnenden zu einem großen Teil um in letzter Zeit zu deutscher Identität und Schlimmerem bekehrte Autoren handelt – von Botho Strauß bis Martin Walser –, daß darüber hinaus ihr Initiator ein notorischer Verteidiger der mit Nazi-Kitsch und Schlimmerem blamierten Gertrud Fussenegger ist, der deren Mohrenlegende allen Ernstes als antirassistisch klassifiziert, daß es darüber hinaus sich bei der „deutschen Sprache“ und ihrer „Gewachsenheit“ um ein klassisches reaktionäres Ideologem handelt – all das hat nun linke Kommentatoren dazu bewogen, diese massive Reaktion auf die Rechtschreibreform nur im Kontext deutscher Identitäts-Mobilmachung zu lesen. Das ist sicherlich nicht ganz unberechtigt, trifft aber nur einen Teil des Phänomens. Der andere ist die starke libidinöse Besetzung der Sprache als ein naturwüchsig gewachsenes System, als unantastbarer Bestandteil der Innenausstattung, der Lebensmittel deutscher, hauptsächlich männlicher Subjekte.

Doch die unbedingte Verteidigung einer Regelung gegen eine andere hat noch eine weitere Dimension als nur die der Verteidigung der selbstverständlich gewordenen Regel gegen die neue Regel als Natur. Sie enthält einen Teil der Machtpolitik und des Selbstverständnisses von Macht, wie es in der Anti-PC-Bewegung auch an anderer Stelle zum Ausdruck kommt. Diejenigen, die von einer symbolischen Regelung profitieren und durch sie unter anderem ihre Macht sichern, argumentieren generell nicht allein damit, daß die bestehende Regelung gut ist oder besser als die vorgeschlagene Veränderung, sondern damit, daß sie die bestehende als naturwüchsig ausgeben, also behaupten, die bestehende Regel sei gar keine Regel. Das ist auch einer der Kerne von Anti-PC, nämlich der Vorwurf, PC wolle eine bewährte Naturwüchsigkeit durch eine künstliche Regel ersetzen.

Dieser Begriff von Naturwüchsigkeit hat für das Verschleiern der herrschenden Regelung als ideologisch und als herrschend mehrere Vorteile, die miteinander verschränkt sind. Die Rechtschreibreformgegnermänner haben wir als selbsternannte Anarchisten und Wildmänner kennengelernt, die sich, wie Enzensberger stolz verkündet, auch sonst über dürre Vorschriften von Volksschullehrern hinwegsetzen. Der Volksschullehrer! Wie münchnerisch-weltmännisch, sich von ihm nichts sagen zu lassen! Nein, dieser Lümmel aus dem Suhrkamp-Verlag! Diese libertäre Pose der Regellosigkeit kann sich natürlich nicht auf Dauer glaubhaft als wirklich wild – in welchem Sinn auch immer – gerieren, wenn sie einerseits einen fetischistischen Genuß an der Erhaltung des griechischen Rhos in der deutschen Schreibweise zelebriert und außerdem andererseits von jeder Äußerung wie physisch getroffen zu sein scheint. Der deutsche Wald, in den Libertäre ihrer Sorte gerne mit Ernst Jünger ziehen, liegt eben trotz oder gerade wegen seiner Wildheit auch im Einzugsgebiet des Deutschlehrers – die Unterschriftenaktion stammte ja auch von einem. Dieser Wald ist nur der Fluchtwinkel vor der welschen Zivilisation, nicht der Fluchtort vor den dürren Vorschriften des Sprach-Über-Ichs. Und das wissen eigentlich auch unsere alten Anarchen und Freunde freier Fressen. Denn konstitutives Komplement zur Männer-Wildheit und Regellosigkeit bekennender Alt-Anarchisten ist das Bekenntnis zur Tradition. Die unreflektierte, als Wildheit maskierte Aktivität in Symbolsystemen kann sich den Glauben an Regellosigkeit nur in dem Maße leisten, wie sie jede ihr dienende Regel zu einer gewachsenen Tradition schlägt. Und da diese bei Sprache immer auch gerne, gerade in Deutschland, der Nation zugeschlagen wird, sind unsere wilden Männer auch nur als wilde Deutsche denkbar. Nur als edle, wilde Deutsche genießen sie es, ihr Manuskript beim Suhrkamp-Verlag stolz mit einem Stempel versehen abzugeben, auf dem es heißt: „Nicht nach Duden korrigieren!“ Herrlich! So zeigt man es dem inneren Zensor, wenn man ihn nach außen projiziert.

2. Der Soakal-Hoax

Ein US-amerikanischer Naturwissenschaftler namens Soakal hat unlängst der New Yorker Zeitschrift Social Text einen Aufsatz geschickt, in dem er einige mathematische Formeln und Grundannahmen als „sozial und kulturell konstruiert“ beschreibt. Der Aufsatz ist so weit plausibel, als er epistemologische und methodische Epochen der Mathematik-Geschichte und anderer Naturwissenschaften geschichtlichen und kulturellen Epochen zuordnet. Die Formeln selbst konnten die Redakteure von Social Text – allesamt Kultur-, Literatur- und Geisteswissenschaftler –, allen voran der verantwortliche Andrew Ross, natürlich nicht überprüfen. Soakal hatte sie verscheißert. Seinen Text, so ließ er später mitteilen, könnte ein mittlerer Mittelstufenschüler als vollständigen Quatsch erkennen. Es sei ihm darum gegangen, die Leichtfertigkeit heutiger Geisteswissenschaften, insbesondere der relativistischen Dekonstruktion im Umgang mit den harten Fakten, vorzuführen. Die Redaktion entgegnete, er habe ja bis zu einem Punkt, wo sie ihn nicht mehr überprüfen konnte, plausibel argumentiert, es sei ja denkbar, physikalische Formeln einer geschichtlichen Relativität zu überführen. In Deutschland hat etwa Karin Knorr-Cetina einen solchen Ansatz verfolgt, ohne sich je naturwissenschaftlich blamiert zu haben. Auch über Pierre Bourdieu hat kein Mathe-Lehrer gelacht, als er feststellte, die Mathematik diene den Herrschenden, und damit ein epistemologisches Selbstverständnis der Mathematik als jenseits politischer und historischer Einflüsse stehend meinte und die ideologische Bezugnahme u. a. der Wissenschaftspolitik darauf angriff.

Die aus dem Soakal-Hoax entstandene Debatte hat einen größeren und einen kleineren Rahmen: Der größere ist das seit den 50ern in der Rede von den zwei Kulturen beklagte Auseinanderfallen nicht nur zweier Wissenstypen, sondern auch der zugehörigen sozialen Realitäten, ferner die narzißtische Kränkung der Naturwissenschaften durch u. a. die Kuhn’sche Paradigmen-Theorie und andere Relativierungen, schließlich ihre eigenen Krisen durch Komplexitätszuwachs und Unhaltbarkeit der Fester-Boden-Empirie-vs.-luftige-Spekulation-Dichotomie, mit der die Unterscheidung zwischen „Science“ und „Humanities“ konventionell begründet ist. Der aber von diesem natürlich mitgeprägte kleinere Rahmen ist eine a) in den USA geführte und auch hierzulande übernommene Kampagne gegen Dekonstruktion als Theorie eines endlosen Relativismus, b) eine neue Besetzung der Naturwissenschaft als eines kultur- und bildungspolitischen Aushängeschildes, entweder im Zusammenhang mit dieser Kampagne gegen Dekonstruktion oder auch unabhängig davon, wie sie zum Beispiel in Deutschland immer mal wieder die Zeit betreibt.

Zum einen gibt es eine bis in Regierungskreise reichende Besorgnis darüber, daß die Geisteswissenschaften im allgemeinen, die Dekonstruktion im besonderen die äußere Wirklichkeit oder deren Erkennbarkeit leugnen. Zwar wird man bei den mit Dekonstruktion geläufigerweise verbundenen Autoren, Jacques Derrida etwa, einen solchen erkenntnistheoretischen Agnostizismus nicht finden; ein solcher Typ von Äußerung ist ihm fremd. Aber das Gerücht hält sich und hat eine eminente Rolle in den „Campus Wars“ genannten Teilen der US-amerikanischen PC-Debatte gespielt. Dort bildete es eine symbiotische Beziehung mit einem anderen Ideologem, das vielleicht geläufiger ist und ersterem eigentlich widerspricht: Die Geisteswissenschaften hätten rigide Sprachregelungen und humorlose Bestimmungen hervorgebracht, die, als PC bekannt, bestimmte Ausdrücke verbieten wollen, aber auch ganze Forschungsgegenstände wie etwa den „IQ von Einwanderern“ oder „geschlechtsspezifische Intelligenzdefizite“ nicht zulassen wollen. Die Geisteswissenschaften seien mithin rigide und verbohrt und doktrinär; andererseits seien sie aber relativistisch bis zur Verflüchtigung des Gegenstands, lösten alles auf, bezeichneten alles, was doch als harte Materie vor uns liege, als „sozial oder kulturell konstruiert“. Dieses Paradox – einerseits relativistisch, andererseits rigide –, das für die Anti-PC-Kampagne konstitutiv war, ließ sich wiederum nur über ein Gegenüber zusammenhalten, und dieses war eine ideologische Idee von exakter Wissenschaft, die nämlich a) ganz ohne Kultur und Politik auskommen und Gegenstände wie das Hirn von Afroamerikanern in einem nichtsozialen Raum untersuchen kann und die andererseits und gerade deswegen auch b) keine Dekonstruktion zu fürchten braucht, weil der Gegenstand ja so klar materiell vorhanden ist.

Natürlich ist Naturwissenschaft in Wirklichkeit nicht so doof und über sich unaufgeklärt, nur eine bestimmte Ideologie der Naturwissenschaft, die aber auch, wie so manche Ideologie-Architektur, ein paradoxes Komplement braucht, um überleben zu können: In dem Maße, in dem die Naturwissenschaft nämlich einerseits genau weiß, wovon sie redet, und epistemologisch simple Hirne im Labor kultur- und politikfrei vermessen kann, ist sie natürlich andererseits total komplex und neuartig geworden. Ja, sie ist sogar mittlerweile so hyperkomplex und epistemologically challenging geworden, daß sie sich selbst längst transzendiert hätte und – wie man unlängst in der Zeit lesen konnte – die Geisteswissenschaften längst auf deren eigenem Terrain überholt hätte. Ob also als harte Klempnerwissenschaft, die den verblasenen Dekonstruktivisten erklärt, was ein begrenzbarer Gegenstand ist, oder als hyperkomplexe Metatheorie der neuen geistigen Elite, die den PC-Pennern, die noch an Politik glauben, erklärt, daß alles enorm komplex und unfaßbar transpolitisch geworden sei, auch Gegenstände nicht in Sicht kämen, nur Forschungsgelder und das Human Genom Projekt – durch beide Seiten dieser immer populäreren Naturwissenschafts-Ideologie wird das Schließen geisteswissenschaftlicher Fakultäten in Deutschland unterfüttert, wird die öffentliche Rolle kritischer Public Intellectuals in den USA, werden mithin die alten institutionellen und öffentlichen Strongholds sogenannter kritischer Intelligenz attackiert.

3. Noelle-Neumann und die heiklen Themen

Wer wie ich mit Genuß und Regelmäßigkeit die Frankfurter Allgemeine Zeitung liest, kennt sicher auch die Demoskopie-Rubrik. Die erklärt, ich glaube monatlich, den aktuellen Zustand politischer Befindlichkeit der Deutschen, häufig gekoppelt mit der „Sonntagsfrage“ und einem Spezialthema zur Zeit. Meist schreibt ein Mitarbeiter von Allensbach oder anderen regierungsnahen Meinungsforschungsinstituten, zuweilen auch ein Außenseiter. Neulich aber war es Chefsache, und Frau Noelle-Neumann persönlich nahm sich des Spezialthemas an: Political Correctness. Seit der Islamwissenschaftler und FAZ-Schreiber – vor allem Leserbriefschreiber – Bassam Tibi einmal im FAZ-Magazin-Fragebogen auf die Frage „Wo möchten Sie leben?“ antwortete: „Da, wo keine Zensur herrscht, weder durch den Staat, noch durch Political Correctness“, gilt es als ausgemachte Sache, daß PC vor allem diesen Grundpfeiler der Demokratie, die freie Meinungsäußerung, schwer angesägt habe. An dieser Stelle setzt auch Noelle-Neumann an und versucht nun, empirisch auszuloten, wieviel Schaden das Mundwerk des Bundesbürgers schon genommen hat. Dabei geht sie so vor: Sie frage sich, wieviel innere Zensur unsere Mitbürger sich täglich auferlegen müßten, und daher habe sie eine Liste zusammengestellt, die sie Testpersonen vorlegte. Dazu stellte sie die Frage: „Bei welchem der folgenden Themen kann man sich ihrer Meinung nach leicht den Mund verbrennen, welche Themen sind heikel?“ Auf der Liste finden wir so ziemlich alle Sujets, die dem Stammtisch – und nicht nur dem sprichwörtlichen, sondern auch seinen Äquivalenten beim Werbeitaliener – unbedingt erhalten bleiben sollen, ja, die sozusagen durch PC ökologisch bedroht sind. Besonders aufschlußreich ist die Reihenfolge, die sich durch die Zahl der jeweiligen Antworten ergibt. Denn wenn man dem Ergebnis der Umfrage entnimmt, daß ca. 80 Prozent aller Deutschen Angst haben, wenn es um das Thema „Asylanten“ geht – so von Allensbach für alle, die sich unter „Asylbewerber“ nichts vorstellen können, formuliert –, dann kann man sich sicher sein, daß da noch ungehobene Schätze schlummern, die diese 80 Prozent unglaublich gerne loswerden wollen. Ich kann mich jetzt nicht erinnern, in welcher weiteren Reihenfolge man bis zu den 35 Prozent ganz unten auf der Liste runterklettern kann, aber darunter waren „Juden“, „Homosexuelle“, „Feministinnen“ – mit anderen Worten, Noelle-Neumanns Internierungsphantasie hatte sich freien Lauf gelassen und rauszufinden versucht, wieviele Mitbürger nur von PC daran gehindert werden mitzutun. Wenn nur ein winziger Teil dieser unglaublichen gesellschaftlichen Macht tatsächlich irgend etwas mit diesem ominösen Phänomen aus den USA zu tun hat, dann hätte sich dessen Import in wie verstümmelter Form auch immer gelohnt.

4. Haider und Mölzer

In den letzten zehn Jahren hat nicht so sehr das Fordern oder Vertreten eines Gegenstandes diesen diskutabel, öffentlich und hoffähig gemacht, sondern das Lancieren seines Umstrittenseins. Konnte man noch vor einiger Zeit die Regel formulieren, daß, was immer kontrovers sei, für die Medienlogik über eine gewisse, begrenzte Sexyness verfüge, die in der Öffentlichkeit gut kommt, ist es heute komplizierter geworden. Eine Debatte muß sich von Beginn an als quasi immer schon laufend ausgeben und als solche bekannt und anerkannt sein, dann kann sie auch ewig weiterlaufen und Karriere machen. In ihrem Verlauf kann sie oft unmerklich zum Verschieben von Grenzen und Positionslinien beitragen, kann Begriffe und Sichtweisen einführen und schließlich etablieren, die zu ihrem Beginn noch unmöglich gewesen wären. Dafür habe ich in Politische Korrekturen diverse Beispiele von beiden Seiten des Atlantiks angeführt. Entscheidend sind dafür auch gewisse politische Rahmenbedingungen. Im Prinzip gilt aber heute, daß ein frischgebackener Neo-Rassist in den USA nicht mehr sagt, er halte irgendwelche Menschen anderer Hautfarbe für dümmer, sondern daß er sich so ausdrückt: „Es gibt da diese Debatte um dieses Buch The Bell Curve.“ Die Berufung auf die Debatte meint in der Regel das Einverständnis mit den jeweils neuen Bestandteilen der Debatte. Da diese zur Zeit überwiegend von rechts lanciert werden, kann man so die Karriere von Schlüsselpositionen in einem Kampf um rechte Kulturhegemonie verfolgen. Auch an der Goldhagen-Debatte waren ja nicht Goldhagens Positionen neu, sondern die Komplett-Exkulpationen der Deutschen, die zum Beispiel der Spiegel im Gegenzug auffuhr.

In Österreich kann man die Karriere eines Politikers und einer politischen Gruppierung vom rechten Rand über das geschickte Sich-in-der-Debatte-Halten schon länger beobachten. Es ist hierzulande (also in Österreich) ein Allgemeinplatz zu sagen, Haider sei der Stichwortgeber, die anderen täten lediglich reagieren. Eine Debatte nach der anderen stellt ihn ins Zentrum wechselnder Komödien. Doch die letzte Etappe seines Aufstiegs, die Konsolidierung auf höherem Niveau nach einem vorübergehenden Rückschlag, hat das Prinzip der Debatte noch auf andere Weise eingesetzt. Bis zu ca. den ersten 20 Prozent kam Haider als Figur von außen, von außerhalb des parlamentarischen Spektrums, von außerhalb der verfilzten Bürokratie, als jugendlicher Retter ex machina. Er war in der Familienserie die neue Figur. Aber auch seine Neuheit und Jugendlichkeit hatten ihr ideologisches Komplement, nämlich das ganz Alte: NS-Beschäftigungspolitik gut finden und vor SS-Veteranen gegen – übrigens – PC wettern.

Seit der Konsolidierungsphase, seit es um den Schritt von 25 zu 35 Prozent geht, ist plötzlich die F-Bewegung selbst ein Innen, ein immer häufiger als fraktioniert, von Macht- und Flügelkämpfen nicht gerade erschüttertes, aber durchzogenes Gebilde. F ist jetzt selber eine Familie, und die Öffentlichkeit spielt weiter mit. F integriert den ehemaligen linksliberalen Schriftsteller Sichrovsky, und aus einem Profil-Interview erfahre ich bei einem Österreichbesuch vor kurzem, daß der ehemalige Haider-Berater Mölzer mit der neuen Entwicklung nicht zufrieden ist, auch wenn er trotz allem zur Partei hält. Während ich das eine ganz normale Seite lang im ganz normalen Profil, dem österreichischen Spiegel-Pendant, lese, wundere ich mich zunehmend, wie detailliert und mit welch fanzinehaftem Spezialistentum mittlerweile die Auseinandersetzung mit Rechtsradikalen im österreichischen Mainstream geführt wird. Das Vokabular ist irre und offensichtlich sektenhaft codiert. Am Ende erfährt man, daß der Interviewte der Chef der österreichischen Ausgabe der Jungen Freiheit ist. JF-Journalisten und ihre irren Detailschlachten mit anderen Rechtsradikalen erfreuen offensichtlich in ihrer Detailliertheit auch diesen recht ethnologisch fragenden Journalisten: Was für eine irre Welt! Aber sie wird als Mainstream präsentiert, sie ist als ein nunmehr nach innen verlagerter Zustand des Debattenhaften ein Stück der Erfolgsgeschichte der FPÖ.

Wenn der rechte Gegenstand oder Protagonist sich im Lauf der Debatte etabliert hat, wird sein Innen Gegenstand der Debatte, und er dehnt sich immer weiter aus. Aus dem gleichen Fasziniertsein von einer irren Welt, bei gleichzeitigem Respekt vor ihrer Wirkung und gleichzeitiger Anerkennung ihres Einflusses, hat sich der Spiegel vor einiger Zeit Jean-Marie Le Pen gewidmet, der unwidersprochen – präsentiert als Mischung aus interessant und irre faszinierend – seinen Kram verbreiten durfte. Denn das ist der ideologische Kern dieser speziellen Debatte: Das neue kontroverse rechte Element ist einerseits irre faszinierend, weil total weit weg, was ganz anderes, reine Ethnologie – und muß andererseits unbedingt, brandaktuell und unkommentiert ins Blatt, weil irre wirklich, around the corner, eigentlich schon an der Macht.

5. Fantastische Frauenmörder

Wenn man ausnahmsweise nachsehen will, ob es jenseits der Anti-PC-Kampagne PC auch wirklich gibt, bietet sich ein Selbstversuch an. Da ich mich als dem Milieu zugehörig betrachte, in dem PC, wenn es denn existiert, eine Wirkung gehabt haben müßte, frage ich mich einfach, ob ich das neue Video von den Fantastischen Vier vor sieben Jahren schon aus den gleichen Gründen scheiße gefunden hätte wie heute. Daß ich es anders als scheiße gefunden hätte, kann ich mir nicht vorstellen. Eine gewisse Kontinuität der Persönlichkeit muß man schon für sich reklamieren. Das Video spielt in US-amerikanischen Motels, wie junge Leute sie als US-Zitate lieben, und zeigt, wie ein Mitglied der Band, zum Kehrreim „Sie muß raus, sie muß raus, sie muß gehen“ seine Freundin umbringt. Von dieser sieht man kein Gesicht, sondern nur den in den Teppich eingewickelten Körper, das Blut, die steifen Füße, die aus der Wanne ragen, in die ein Fön geschmissen wird usw.

Die Fantastischen Vier zeichnen sich dadurch aus, daß sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit erklären, daß sie deutsche Mittelschichtskinder seien, weswegen Rap für sie was anderes sei als für die sprichwörtlichen US-amerikanischen Ghettokinder. Als deutsche Mittelschichtskinder, so ihre unausgesprochene Botschaft, sind sie weder der Form verpflichtet, noch bestimmten damit verbundenen Traditionen und Inhalten. Sie wählen ihre Inhalte aus freien Stücken. In der Harald Schmidt Show erklärten sie, daß, wer den Frauenmord frauenfeindlich finde, Fiktion mit Wirklichkeit verwechsle und daß das Video „surreal“ sei, womit sie offensichtlich so etwas wie „überzeichnet“ meinen.

Vor sieben Jahren hätte ich das Video scheiße gefunden, weil die Frauenmord-Motel-Schweißperlen-auf-der-Stirn-Phantasie so überaus häßlich ist, so alt, so Wim Wenders und so dermaßen doof und reduziert umgesetzt. Man fragt sich, welches Problem der Band hier bedient werden soll. Heute finde ich es zusätzlich scheiße, weil im Gegensatz zu all den Theorien und Lektüren, die Pop auf seine Funktion in der Kulturindustrie als entlastendes Spiel, als kreative Notdurft geplagter Jungpsychen etc. reduzieren, seit den späten 80ern durch die Entwicklung der Musik selbst und durch die politischen Begleiterscheinungen klar ist, daß Pop zusätzlich und sehr klar immer auch von etwas spricht, durchaus Referenzen in gesellschaftlicher Realität und nicht nur in der Psyche der pubertierenden Deutsch-Rapper hat. In diesem Fall aber eben nicht in realen Frauenmorden, sondern in dem Coolness-Gewinn, den der hauptdarstellende Typ ganz offensichtlich zu verbuchen meint, wenn er Harald Schmidt leicht unsicher, dann die Unsicherheit entschlossen durch eine erhobene Stimme überspielend erklärt, er hätte die Alte „sauber kaltgemacht“. Je mehr sich Pop hinter dem versteckt, was früher seine Kritiker ihm vorwarfen: beliebiges, multiples Angebot ohne Konsequenzen und Referenz zu sein, desto mehr ist es nötig darauf zu bestehen, daß all diese Medienangebote voller Referenz und Ideologie sind.

Das Insistieren der Fantastischen Vier darauf, daß sie eben gerade nicht sozial determinierte Ghettowesen seien oder sich mit diesen identifizierten, sondern daß sie aus freien Stücken ihre Schüleraufführung eines Nick-Cave-Wim-Wenders-Clips misenscenieren, ist nur das notwendige Komplement zu dem unangezweifelten formalen Gesetz, daß bestimmte jungsbündlerische Organisationsformen halt immer nur Geschichten erleben und erzählen können, an deren Ende tote Frauen durch die Gegend getragen werden. PC und neue linke Pop- und Massen-Kulturtheorie kommen da etwa zu denselben Ergebnissen.

Zu der Frage also, ob es PC gibt: Es gibt alle möglichen Entwicklungen in linker und feministischer Theoriebildung, die sich als PC im Sinne der Anti-PC-Kampagne attackieren lassen, aber auch ohne diese entstanden wären. Es gibt darüber hinaus einen anderen Blick auf gesellschaftliche Effekte popkünstlerischer Aktivität. Das von vielen immer schon richtig gewußte „Kunst ist politisch“ muß dabei nicht in das falsche „Kunst ist Politik“ umschlagen, um die politischen Effekte künstlerischen Handelns beurteilen und diskutieren zu können. Zwischen 1983 und 1989 gab es für solche Wirkungen wenig Beispiele, seither gibt es mehr als genug. Seit wir alle Zeugen der politischen und gesellschaftlichen Effekte kulturellen und künstlerischen Handelns in einer World Order werden, deren symbolische Grundgesetze nicht wie die des Kalten Krieges grundlegend zementiert sind, gibt es das, was sie PC nennen. Freilich ist ein solches Entsetzen über eine so bare, blöde Inhaltlichkeit nur möglich, wenn die ästhetische Dürftigkeit einen hindert, nichts, aber auch gar nichts außer einen einzigen, allenfalls durch blöden Pubertäts-Surrealismus gebrochenen Inhalt zu erkennen.

Aber noch ein Postskriptum zu den Fantas: Im Zusammenhang mit PC taucht oft die Formulierung „Streber“ auf. Neulich las ich wieder einmal von „politisch korrekten Gesinnungsstrebern“. Streber sind die, die präventiv tun, was dem Lehrer gefällt, die ohne Not und vorab sich bei den Meinungsführern und der hegemonialen Kultur einschmeicheln. Und sicher: Es gibt, wenn auch in schwindendem Maße, Milieus, in denen die Zurschaustellung einer Gesinnung belohnt wird. Nur: Die F 4 und die ganzen übrigen Tabubrecher arbeiten ja in einem Milieu, das gerade diesen ironisch stilisierten Sexismus und Zynismus als so amüsant wie mutig goutiert, aber nicht erzwingt. Man kann den, der die Wünsche dieses dominanten deutschen RTL-Sat1-Kultur-Milieus präventiv überzuerfüllen sich anheischig macht, durchaus einen Zynismus-Streber nennen.

II.

Um den Fragen etwas näher auf die Pelle zu rücken, die dieses Symposion so hoffnungsvoll an PC als politische Strategie stellt, um natürlich von den üblichen Verdächtigen die üblichen ernüchternden Antworten zu bekommen („Reformismus“, „Idealismus“, „Nominalismus“), habe ich das Motto, das in meinem Buch vor dem diesbezüglichen Kapitel steht – eine PC-Definition von Robert Stam und Ella Shohat aus ihrem Buch Unthinking Eurocentrism – Multiculturalism and the Media – ins Deutsche übersetzt und mir zur Diskussion vorgelegt. Die Numerierung der einzelnen Thesen und Teilthesen stammt von mir und soll der Übersichtlichkeit der folgenden Überlegungen dienen.

PC ist der 1. entwurzelte Versuch, ein linkes Projekt unter der postmodernen Bedingung einer 2. Vervielfältigung der Kämpfe zu kontrollieren. Ebenso aber ein Anstoß in einer 3. intellektuellen Umgebung, wo die poststrukturalistische Dezentrierung des Subjekts manchmal einer paralysierenden Auflösung der „Subjekte der Geschichte“ nahekommt. 4. Einerseits wurde der Begriff der Revolution als „totalisierend“ kritisiert, dem die Widersprüche von Geschlecht, Rasse und sexueller Orientierung entgingen. Andererseits wird die Verschiebung zu einem Diskurs lokalen Widerstands und vielfältiger Koalitionen durch das PC-Etikett wieder rezentriert. 5. Die übertriebene PC, wie man sie in den Debatten um Pop-Kultur beobachten konnte, ist ein Teil-Symptom der Auflösung des großen Makro-Projekts „Revolution“ in Mikro-Kämpfe, die zum einen 6. kraftraubende Schlachten um Geländegewinne sind, zum anderen 7. Potential für emanzipatorische Zusammenschlüsse liefern.

(Robert Stam/Ella Shohat)

Die bloße Interpretation dieses Zitats bietet einige Gelegenheiten, PC als nicht-denunziatorischen Begriff für schon bestehende oder noch mögliche Formen politischer Organisation oder Intervention zu diskutieren – ausgehend von der Überlegung, daß ja vielleicht tatsächlich eine politische Realität dem zugrunde liegt, was von rechts so heftig bekämpft wird.

1. Der erste auffällige Begriff lautet displaced, dem man vielleicht, wenn man ihn mit „heimatlos“ oder „entwurzelt“ übersetzt, nicht zu viel Gewalt antut. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, die bisherige Linke habe in einem historischen Kontinuum operiert, aus dem sie nun vertrieben sei. Dafür und dagegen spricht einiges. Gern wird das Verschwinden der Sowjetunion und ihres „Blocks“ genannt, um diesen Bruch historisch zu lokalisieren. Allerdings hatten die amerikanische New Left und große Teile der französischen 68er Linken diesen Bruch längst vollzogen, und von maoistischen Episoden abgesehen steht die nichtsozialdemokratische Linke im Prinzip seit etwa dem spanischen Bürgerkrieg oder Ungarn 1956 vor dem Problem, in diesem Sinne „entwurzelt“ zu sein. Meines Wissens gab es die Bezeichnung „heimatlose Linke“ durchaus auch einmal als Selbstbezeichnung, und damit war nicht in erster Linie „anti-national“ gemeint. Die Klage aber, die wegen Entwurzelung und Heimatlosigkeit erhoben wird, ist meist ebenso blöd gemeint wie meistens auch ihre Zurückweisung. Die Anschauung der Linken, überhaupt einer politischen Praxis, als Heimat ist im ungünstigeren Fall ein Fall von ideologischer Verwechslung der metaphorischen Ebene mit dem durch die Metapher zu Artikulierenden, sprich: Jemand glaubt tatsächlich, was ideologisch, vor allem im Deutschen, dem Begriff „Heimat“ zukommt – incl. aller Exklusionsenergie und -legitimation –, wandere so in die politische Praxis und vergifte am Ende auch alle weiteren politischen Ziele auf diese Weise. Im günstigen Fall wäre diese „Heimat“ nur eine ungeschickte und gedankenlose Metapher für etwas, das nicht oder nur als vages, vielleicht bloß taktisches oder strategisches Bedürfnis bekannt sein kann: die künftige gesellschaftliche Operationsbasis. In diesem Sinne könnte man die Klage aber als Indikator eines technisch-taktischen Problems ernst nehmen.

Die Kritik aber an Linken, die eine politische Heimat suchen, durch andere Linke, die – die eigene Desillusioniertheit genießend – darauf verweisen, jede solche Suche sei prinzipiell völkischer Ideologie strukturell ähnlich, gipfelt oft in der These, der einzige Ort der Linken nach ihren diversen Desastern, die man je nach Geschmack historisch und geographisch lokalisieren kann, sei die erbarmungslose, radikale und harte männliche Kritik. Diese Antwort auf die linken Heimatsucher verkennt zweierlei: Zum einen sitzt sie der Metapher von der politischen Heimat – die Ebenen verwechselnd – genauso auf wie die, die naiv an sie glauben. Sie kritisieren die Metapher „Heimat“ und nicht das, wofür sie steht, wenn jemand eine politische Heimat sucht. Zum anderen übersieht sie, daß sie selbst einen überaus mythischen Ort besetzt, nämlich den des unbestechlichen und seltsam immateriellen Individuums, das nur aus und in seinen (kritischen) Texten besteht und anderweitig nicht lokalisierbar ist.

Wenn wir diejenigen, die – kritisch oder affirmativ – die Metaphern für die Sache selbst nehmen, einmal ausklammern, was kommt zur Sprache in der Rede von der Heimat und dem Wurzeln im Politischen? Das Bedürfnis nach einem Ort, den die Ablehnung der Verhältnisse ebenso braucht wie die Verhältnisse selbst. Der Fehler dabei ist, zu glauben, daß „Ort“ in diesem Zusammenhang etwas Neutrales sein kann, auf das sich all jene in gleicher Weise beziehen können, die in politische Kämpfe verwickelt sind. Dies ist die Metapher des Schlachtfeldes und anderer militärischer Topologien, wo links und rechts, militärisch nicht unterscheidbar, um das Gelände streiten. Das ist falsch: Es kann nicht darum gehen, von einem neutralen „Ort“ aus auf einem gegebenen Schlachtfeld zu kämpfen, sondern gerade die Referenz auf einen „Ort“ ist durch den Bruch mit dem historischen Kontinuum und – damit 2. (die Multiplikation der Kämpfe, anstelle des einen revolutionären Kampfes) – nicht mehr zu haben. Wir sind nicht alle Soldaten, unterschiedlich bewaffnet, und wir ziehen in kein letztes Gefecht.

Der Stolz auf die eigene Unabhängigkeit und Unverwickeltheit, mit dem die linken Kritiker linker Topologien jedoch auf Falschheit und Unmöglichkeit eines „Ortes“ bestehen, ist selber eine ideologische Operation, die einen wichtigen Aspekt verdunkelt. Denn der Ort markiert ja auch, in wessen Namen ich spreche, zwischen wem ich mich aufhalte – die radikale Desillusionierung verschweigt, von welchem Ort aus sie spricht. Dabei ist dieser durchaus benennbar: Es ist der illusionäre Ort einer totalen Nichtverwickeltheit, der Feldherrnhügel, aber jenseits der Schlachtfelder. Die Rede von der reinen unnachgiebigen und rücksichtslosen Kritik ist solipsistisch, mit allen dazugehörigen Mystifikationen. Wir sind aber weder auf dem Schlachtfeld noch jenseits davon: Das Schlachtfeld ist zwar multidimensional und komplex und letzten Endes kein Feld im geometrischen Sinne, aber jeder hat dort, für den Moment einer Handlung oder Äußerung, seinen Platz. Die in den letzten Jahren spürbare Begeisterung für nicht oder nur negativ lokalisierbare Positionen ist genauso mystisch wie die essentialistische Begeisterung für ein „Wir“ oder eine „Heimat“.

Demgegenüber (oder zur Seite) steht neuerdings ein Modell endloser Selbstreflexion. Dem ist als Theorie nichts vorzuwerfen; dem Modell des unerschrockenen, mutig nichtpraktischen linken Mannes ist es allemal vorzuziehen. Dieser theoretischen Komplexität nun aber das praktische Problem aufzuladen, das Vonwoaus und Fürwen der Praxis durch bloß theoretische und potentiell endlose Selbstreflektiertheit präventiv erledigen zu können, ist, mit Verlaub, eine bürgerliche Illusion, besser: eine weitere Ebenenverwechslung – die, zum Beispiel, der Frage des Ortes mit der der Praxis. Die Frage des Ortes ist nicht eine Frage der Strategie und Taktik, nicht eine Frage des Zeitpunktes und der Schläue, sondern eine der Position des Sprechens und Handelns. Die Orte des Sprechens haben nichts mit Essenzen und nur vielleicht etwas mit Identitäten zu tun, sie sind kurz- wie langfristig vorstellbar, was von Fall zu Fall zu klären wäre. Entscheidend aber ist, aus der Displacedness, also aus der Abgeschnittenheit von historischen Kontinuitäten, und aus der Verschiedenheit, mitunter Inkommensurabilität der Kämpfe eine Stärke zu gewinnen. Jede andere Möglichkeit hieße, der reinen Kritik oder der reinen undialektischen Heimatsehnsucht zuzuarbeiten. Ein solcher abstrakter, benutzbarer, symbolisch potentiell kräftiger Ort wäre nicht PC, aber etwas, das PC je und je mitzukonstruieren helfen könnte, wenn PC das ist oder sein könnte, was die Autoren hier sagen: ein nudge, also ein Anstoß für den Versuch, ein linkes Projekt unter der Bedingung vervielfältigter Kämpfe zu kontrollieren. Wenn also PC eine bestimmte offene, aber endliche Menge Kämpfe und deren Verbindung meint, also die Kämpfe selbst und die technisch-taktische Dimension ihrer Verknüpfung, dann wäre PC die Formulierung für ein aktives Umgehen mit der Displacedness – praktisch, symbolisch und in Verbindung mit den Kämpfen im allgemeinen und ihrer konkreten Ausformung.

Ein hier unausgesprochenes Problem besteht darin, daß die Frage des Ortes auch immer ein Verhältnis der jeweiligen Sprech- und Agierposition zu denen der anderen enthält. Ein solches Verhältnis – in der Frage „Für wen?“ eingeschlossen – ist eines der Repräsentation. Eines der wesentlichen Elemente der US-PC ist deshalb die Repräsentationskritik. Die fehlt hier: Eine symbolische, klare, kurzfristige Markierung eines Ortes der Sprechposition muß die Bearbeitung dieses Problems miteinschließen.

Nun heißt es aber weiter, auch PC habe eine verbindende und verbindliche Form, um – 3. – den heillosen Folgen der Subjektkritik im intellektuellen Milieu Einhalt zu gebieten. Hier sind Stam/Shohat selber der Ebenenverwechslung erlegen. Entgegen vielfältigen Mißverständnissen, denen man auch in Europa ständig begegnet, impliziert Subjektkritik ja nicht, daß man im politischen Kampf, in dem man notgedrungen eine Subjektposition und zuweilen sogar eine Identität einnehmen und annehmen muß, die philosophisch-theoretische Kritik unmittelbar überträgt – etwa nach dem Vorbild jener amerikanischen Intellektuellen, die Textilarbeiterinnen aus Kolumbien vorhielten, sie müßten erstmal ihre politische Subjektivität dekonstruieren. Nein, das sollen sie nicht, sie sollen durchaus als kolumbianische Textilarbeiterinnen höhere Löhne und Integration in die Reste sozialer Netze verlangen dürfen. Diese Bescheuertheit ist aber keine der Dekonstruktion, sondern eine der Ebenenverwechslung.

Ein gewichtigerer Einwand scheint mir der nächste – 4. – zu sein: Hatte die gegen eine Revolutionseschatologie gerichtete Selbstermächtigung anderer, dezentrierter Kämpfe gerade durch deren Dezentrierung an Stärke gewonnen, so birgt PC, im oben genannten günstigen Sinne – als affirmative Displacedness – gerade die Gefahr einer neuen Vereinheitlichung durch bestimmte Zentralen. Diese Vereinheitlichung wäre nicht deshalb schlimm, weil Vereinheitlichung per se schlimm ist, sondern weil diese Vereinheitlichung durch den Begriff PC aus der rechten Anti-PC-Strategie stammt und man zumindest bei seiner Verwendung wissen sollte, daß er ursprünglich dazu bestimmt war, die taktischen Vorteile der Vielfalt zu ruinieren. Gewissen unübersichtlichen Errungenschaften der Vielfalt gerade im Uni-Milieu konnte nur eine Vereinheitlichung begegnen: der Begriff PC als Denunziation aller möglichen neuen und alten Kämpfe mittels der leeren Kategorie der Correctness. Dieses Problem ist aber gleichzeitig dasjenige, das entstünde, wenn die in PC immer enthaltene Repräsentationskritik nicht ernst genommen werden würde: die entscheidende Verschränkung der Kritik an bestehenden Formen der Repräsentation – in den Demokratien, ihren Medien und Institutionen – mit den daran entlanglaufenden Techniken der Selbstermächtigung. So würde ausgeschlossen werden, daß der vereinheitlichende Vorwurf einer leeren Correctness gegen die konkreten Anlässe der Repräsentations- und Selbstermächtigungskämpfe ausgespielt wird.

Was die Autoren mit – 5. – „übertriebener PC“ meinen, ist das, was wir alle aus tausendundeiner Anti-PC-Story kennen; was sie aber mit Pop-Kultur meinen, ist etwas ganz anderes. Sie beziehen sich damit eher auf den nicht-universitären und den nicht unmittelbar politischen Bereich, in dem PC-Motive verzerrt, spontan und meistens noch schneller von der Gegenseite verteufelt auftauchen. Diesen Bereich und diese „übertriebenen“ Erscheinungen damit zu erklären, daß sie als Verfallssymptome des Makro-Projekts „Revolution“ notwendigerweise ein bißchen daneben sind, scheint mir zu monokausal historisch gedacht. Handelt es sich bei „übertriebener PC“ nicht um den schon länger bekannten Fall von selbstausgedachten und unverbundenen, gar spontanen Aktionen und Gedanken, die sich im Schutze einer größeren Bewegung wähnen, aber keine politischen Kontakte, sondern nur ideelle aufgenommen haben? Um ein Phänomen, das durch PC möglicherweise noch verstärkt wird, weil PC zu diversen und lokalen Kämpfen ermuntert, ganz zu Recht übrigens, bei dem aber natürlich die Einsamkeit der Leute und die damit verbundenen spezifischen Blödheiten gerne unterschätzt werden?

Hier wäre der andere Teil von PC anzumahnen: Der Ausdruck „Correctness“ meint natürlich auch einen Bezug zu gewissen politischen Standards – zum Beispiel, daß die Diversität der Kämpfe feministische, antirassistische, sozialistische Anliegen und solche der politisch oder vom Lebensstil her Marginalisierten betrifft, nicht aber alles, was sich als Kampf geriert. Was hier etwas ungeschickt als „übertriebene PC“ bezeichnet wird und was ich in erster Linie für ein vom Mainstream lanciertes Medienphänomen halte, ist eigentlich nicht das Problem der Ermutigungs- und Selbstermächtigungspolitik von PC, sondern daß sich so was wie eine PC-getarnte Rechte mitermutigt fühlen könnte, Mikro-Projekte in Angriff zu nehmen. Zur Zeit fühlt diese sich aber in ihrer überwiegenden Mehrheit bedroht und schiebt Kastrationsängste.

Die – 6. – kraftraubenden Schlachten um Geländegewinne und das – 7. – Potential für emanzipative Koalitionen kommen hier seltsam eng verbunden daher. Ich glaube, daß tatsächlich Kräfte dabei verlorengehen, Zusammenarbeit auf den Begriff der Koalition zu bringen, statt auf andere Begriffe und Metaphern, die das Bestehenbleiben der Verschiedenheit garantieren, aber von der überaus evidenten Tatsache, daß man es mit den gleichen Gegnern zu tun hat, profitieren. Das größte Problem solcher nicht koalitionären, sondern zum Beispiel patchworkartigen Zusammenschlüsse wäre sicherlich, daß reformistische Kräfte innerhalb der einzelnen Bewegungen auf das Angebot eingehen, ihre Ziele auch innerhalb der bestehenden Verhältnisse teilzuverwirklichen, und sich davon zufriedenstellen lassen. Erstens wäre das aber gar nicht so schlecht, denn erst wenn man – sozusagen als politisches Subjekt – erfahren hat, daß solche Angebote auch für die betreffende Gruppe selbst nicht funktionieren – Schwule in der US-Armee und Frauen in der US-Armee sind Beispiele für solche Fälle –, kommt man einen Schritt weiter: dahin, nicht mehr nur ein Plätzchen in den Institutionen zu fordern – was im übrigen nach wie vor eine berechtigte Forderung ist –, sondern die Institutionen ändern und abschaffen zu wollen. Zweitens ist aber der gegenwärtige politisch-kulturelle Komplex wieder so homogen, daß selbst solche politischen Forderungen allenfalls in symbolischen Freizeituniversen noch erfüllt werden. Und die kann man dazu benutzen, sich Formulierungen zu borgen: Im institutionell-ökonomischen Bereich herrscht eine selten einige und homogene reaktionäre Front.

Gegen die ewige Unterstellung, die Metapher „Patchwork“ enthalte unzulässige Gleichsetzungen, Identifikationen oder Parallelisierungen, sei an das ihr zugrundeliegende Bild erinnert: Es handelt sich um Stücke, die mit einigen anderen gewisse Ränder und Grenzen teilen, die wiederum mit wieder anderen Grenzen und Ränder teilen. Erst das ganze Bild ergibt ein oppositionelles Spektrum von politischen Subjektivitäten, die miteinander nichts zu tun haben müssen. Die Reste des zerfallenen revolutionären Makrosubjekts „Die Linke“ hätten die Aufgabe, den Zusammenhalt dieses sicherlich häßlichen, aber politisch unumgänglichen Gewandes entlang der oben genannten Standards zu beeinflussen, ohne dabei zu glauben, dafür könne es eine Position außerhalb dieser Zusammenhänge selbst geben.