Rassenkrieg im postmodernen Amerika

Étienne Balibar/Immanuel Wallerstein: Rasse Klasse Nation – Ambivalente Identitäten. Argument Verlag 1991, ca. 250 Seiten, 28 Mark

Der letzte prominente marxistische Philosoph Frankreichs und Althusser-Mitarbeiter Balibar und der nordamerikanische Soziologe und Erfinder eines in drei Bänden dargelegten Modern World System Wallerstein haben 88 für das französische Publikum ihren transatlantischen Dialog zu einer marxistischen Neubewertung des Rassismus aus einer Reihe schon veröffentlichter Essays zu einem vielbeachteten Reader zusammengestellt. Rassismus stehe nicht im Widerspruch zum Universalismus des Kapitals, er sei mitnichten im Rückzug und ein Symptom von Verspätung und Unterentwicklung – mit dieser Ansicht hätten auch die Marxisten nur die liberale Wirtschaftstheorie beerbt – sondern auf dem Vormarsch. Neben einem Reichtum an Fragestellungen, die in Balibars Neubewertung gesellschaftlicher Antagonismen – „Mit Marx über Marx hinaus“ zum „Kampf ohne Klassen“, der dennoch die marxistische „Problemstellung“ gewahrt sehen will – gipfelt, gefällt die Form des Dialoges, die die Unterschiedlichkeit zwischen Wallersteins Systematisierungstrieb und Balibars weder ein Derrida-Zitat noch die Terminologie der Systemtheorie von der Bettkante stoßende Abenteuerlust als Problem internationaler Kommunikation selbst zwischen zwei befreundeten linken Akademikern klar macht. Das Problem des (vermeintlichen?) „Rassismus“ von Rassismus-Opfern kommt mir noch etwas zu kurz, der Wunsch, daß diese Autoren eine Auseinandersetzung mit Foucaults Rassismus-Theorie (in Vom Licht des Krieges, Merve) führen, ist wohl ohnehin geschmäcklerisch und utopisch: in deutscher Sprache ist diese Sammlung so konkurrenzlos wie zukunftsweisend.

Robert Miles: Rassismus – Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs. Argument Verlag 1990, 240 Seiten, 24 Mark

Robert Miles sichtet hingegen mit viel akademischem Fleiß geschichtliche und zeitgenössische Definitionen von „Rasse“, „Rassismus“ und auch „schwarz“ – ist es sinnvoll mit „schwarz“ eine universelle Lage nichtweißer Menschen zu beschreiben? Können Nichtweiße selber Rassisten sein? Materialreich und an der Geschichte des Commonwealth-Kolonialismus bis in die britische Gegenwart orientiert, geht es Miles, der in Glasgow eine Forschungsgruppe „Migration und Rassismus“ leitet, in erster Linie um diese definitorischen Probleme: Ist Rassismus ein kontextabhängiges Komplement von jeweiliger Ideologie, das schließlich in dieser aufgeht, oder eine allgemeine, isolierbare Struktur wie Kapitalismus. Ja, Beibehaltung des Begriffs ist sinnvoll, universalisierte Rückschlüsse aus einzelnen Rassismen eine große Gefahr.

Joan Didion: Überfall im Central Park. Carl Hanser Verlag 1991, 82 Seiten, 16,80 Mark

Die Praxis zur Theorie: wie in der unregierbar gewordenen, von einer korrupten Bürokratie und organisiertem Verbrechen kontrollierten Stadt New York, in der rassistische Legenden, Stereotypen und bei deren Opfern Verschwörungstheorien die Bewußtseinsbildung unter Verhältnissen regeln, die nicht mal mehr kapitalistisch seien, schildert Joan Didion anhand der mythisierten Verbrechen, die die New Yorker Medien der letzten Jahre beherrscht haben: der Vergewaltigung einer weißen, erfolgreichen Joggerin aus guter Familie durch einen schwarzen Mob im Central Park, der Ermordung eines schwarzen Jugendlichen durch einen italienischen Mob im italo-amerikanischen Suburb Bensonhurst und an einigen weniger bekannten Fällen. Didions Reportage, die im Januar dieses Jahres in einer einzigen Nummer der New York Review Of Books erschien, liefert die Fakten, die eine Einschätzung von Rassismus in den USA vor dem Hintergrund einer Begrifflichkeit, die in der Analyse eines Kapitalismus entwickelt worden ist, den es so nicht mehr gibt, unterlaufen. Drei italienische Familien kontrollieren den Lebensmittelhandel, ganze Industriesektoren produzieren in Billiglohnländern und die bislang immer für jede Branche nachgewachsene neue Branche handelt mit Crack. Die Opfer dieser dramatischen Medellinisierung amerikanischer Großstädte sind „people of color“ – bei den von den New Yorkern pervers genossenen, immer wieder durch die Medien gehenden ständig steigenden Mordraten wird verschwiegen, daß in dem Zeitraum, wo das „Verbrechen explodierte“ die Zahl weißer Mordopfer sich um 50 Prozent verringerte. Obwohl von einer distanziert journalistischen Perspektive aus schreibend, macht Didion klar, daß es ein Wunder ist, seinen klaren Kopf zu bewahren, absolut naheliegend hingegen, tatsächlich an eine „Verschwörung zur Vernichtung des schwarzen Mannes“ zu glauben.

Timothy Maliqalim Simone: About Face – Race In Postmodern America. Autonomedia, New York

Dem rein (marxistisch) akademischen wie dem journalistischen Blick dennoch überlegen ist das Buch eines Mannes, der diese Perspektiven versucht zu integrieren in einen Bericht, den seine persönliche Situation als weißer Moslem, der mit einer Black-Muslim (die bekanntlich die radikalste anti-weiße Haltung haben) Frau verheiratet ist, mitten in den Dschungel der rassistischen und ethnizistischen Zuschreibungen und Kämpfe der USA situiert. Als Moslem gerade von jenen schwarzen Moslems akzeptiert, die Weiße am rigorosesten ausschließen wollen, als Weißer von anderen Schwarzen zurückgewiesen, als Lehrer an einem schwarzen College im Zentrum der Zerstörung junger Schwarzer, versucht T.M. Simone mit Hilfe einer auf Ideen aus den verschiedensten Elementen (Bourdieus Soziologie, Afrocentricity, Foucault, Deleuze, Fanon, aber auch Farrakhan) aufgebauten grundsätzlichen Kritik an der westlichen Perspektive eine Begründung für die Anerkennung der Idee einer „Black Nation“ zu gewinnen. Ohne Flirts mit afrozentrischer Mystik, besteht er auf der Notwendigkeit dieser Idee, „not to imply the existence of a coherent cultural view, an assemblage of political interests, a distinct psychology, or a mode of polity based on race“, sondern „to make broad reference to the interlinkage of the political fates of black people, an acknowledgement of worldwide racism.“ Und argumentiert überzeugend gegen den klassischen Einwand, daß eine solche „Nation“ nur ein sekundärer Rassismus, Reaktion auf den primären westlichen, kolonialistischen, kapitalistischen oder postmodernen Rassismus sei. Simone zeigt, daß Antirassismus keine Frage guten Willens und korrekter Umgangsformen ist, sondern eine harte Arbeit, der sich ohne Not eh kein Mensch stellt.