Re: Was kann ein kleinbürgerliches Tierchen tun?

Und wieder das intellektuelle Chicago: zwei Bands aus dem erweiterten Musikstudenten-Louisville-Shellac-Bastro-Codeine-Umfeld. Beide verwenden die „schön gemachten“ Prägedruck-Pappcover mit Stempel- und Produktions-Spuren-Ästhetik. Für Pierre Marlowe und Sam Bourdieu ein klarer Fall von „ästhetischer Disposition“ und bildungsbürgerlichem Habitus – aber was können poor boys/girls tun, but to play in an art-rock-band? Wie sonst sollen sie sich behaupten, wenn nicht zuerst über eine Mobilisierung der expressiven Errungenschaften ihrer Klasse? Ja, wenn es denn um das Sich-Behaupten geht. Man kann von niemandem Selbst-Aufgabe und -Auflösung verlangen, aber es ist ja nicht unwichtig, wie gerade in avantgardistischen und „avancierten“ ästhetischen Konzepten solche Auflösungen immer genossen werden, die Transgression gelobt wird. Wohin aber „transgredieren“, wenn nicht aus der Determiniertheit heraus und – trotz all seines Reichtums – aus der Berechenbarkeit des „bürgerlichen Kunsterlebnisses“, wie er hier mal wieder sein Haupt erhebt?

Oder auch nicht: Beiden Bands gelingt ein bißchen was Irritierendes, manchmal sogar mehr. Rachel’s erklären sich schon mit dem im Titel ausgesprochenen Bekenntnis zur Einmaligkeit des Genies zu Partisanen einer Hochkunst, was sie durch konsequenten Verzicht auf Rock-Instrumentarium und Anleihen bei Minimal-Music, Third-Stream-Jazz und anderer Edel-Mucke nachdrücklich unterstreichen (Rachel’s, Handwriting LP, Quarterstick/EFA 1995). Von der bizarren und brillanten Gefährdetheit und Bastardisiertheit etwa des Original-Third-Stream-Jazz ist allerdings nichts zu spüren, ebensowenig von der Unvorhersehbarkeit und Unbestimmbarkeit der Postrock-Kammermusik von Gastr Del Sol, an die sie manchmal erinnern. Sie sind auf hohem Niveau Easy Listening, und das kann einem gut gefallen: Es beschmutzt die zu leicht erreichte Hipness des EL durch ein pathetisches Scheitern und weist gewissen hohen Genüssen einen netteren Status zu.

Bei den im Detail interessanteren June Of 44 sind, wie bei Rachel’s, Ex-Mitglieder der Louisville-Band Rodan am Werk, außerdem Leute von Codeine (June Of 44, Engine Takes To The Water, Quaterstick/EFA 1995). Die Gitarre darf in verschiedenen Varianten noch einmal Mittelpunkt sein. Die typischen abstrakt-psychedelischen Stimmungen, die man von den Bands aus dem Umfeld ebenso kennt wie von unzähligen namenlosen Musikstudenten-Avant-Rock-Bands, kippen immer wieder in einen euphorischen Rest aus altem Indie-Rock: nette Sinnfetzen, die von mir aus niemand zu dekonstruieren braucht. Ich höre gerne, wie echte und vermeintliche Unmöglichkeit von Darstellungen durch ein hochkompetentes, melancholisches Umkreistwerden von verunsicherten Fans dieser Darstellungsweisen in die Diskussion geworfen werden. So hier alle Spielarten von entwickelten Spätformen von Indie-Avantgarde und Abstract-Spät-Rock, die leisen wie die lauten, die kleinen wie die bösen.

Beide Bands sind so irrelevant wie privilegiert wie semigeil. Kunst-Kunst ist nicht dazu da, angebetet oder anders genossen zu werden als die üblichen Kunstformen, die intensiven, die extensiven und Verkehr. Jeder redet von dem, was er kennt. Je mehr das, was er kennt, das Unbehagen über das ist, was er kennt und die Grenzen, die ihn daran hindern, anderes kennzulernen, desto möglicherweise unterhaltsamer.