Man könnte sagen, der Wert „einmaliger“ Orte und Gegenden steigt in dem Maße, in dem Kapitalismus und Kolonialismus, Tourismus und Ausbeutung diese in ihrer (vermeintlichen) Ursprünglichkeit zerstören und das leer gewordene Territorium in ein System globaler, funktionalistischer Gleichartigkeit einsortieren. Dem entsprechen all die Kommunikationsutopien („Netz“, „Rave“) etc., die Ortsanbindung gar nicht mehr brauchen, sondern tendenziell ortlos und endlos mobil überall und nirgends stattfinden können und ebenso tendenziell endlos zugänglich sind – jenseits der Behinderungen, die die neuen spatialistischen, auf den Raum bezogenen Herrschaftsformen rund um das Problem Aufenthaltsort organisieren. Von anderen Behinderungen ganz zu schweigen. Und dann gibt es Versuche, inmitten des längst gleichförmig Gewordenen „besondere“ Orte zu behaupten; und zwar ohne inhaltliche, kulturelle und andere, gar folkloristische Zuschreibungen. Vielmehr einfach den Ort, der dadurch definiert wird, daß ich/wir hier leben und der allein schon deswegen ein besonderer ist. Weitere Gründe sind nicht nötig oder austauschbar. (Es ist hier so rough, so sonnig, so hart, so kalt, so warm etc.). Gesagt werden soll, so berechtigt wie tautologisch: Dieser Ort ist besonders, weil seine Bewohner eine Würde haben, und sie haben diese Würde, weil sie an diesem Ort wohnen, der dadurch auch eine Würde hat. Neue soziale Bewegungen beginnen gerne mit einem territorialen Claim.
Das gilt natürlich auch und ganz besonders für Hip-Hop. Busta Rhymes hat speziell zu dieser Politik eine Menge zu sagen, aber auch zu ihren Grenzen. Seine Karriere beginnt mit einer merkwürdigen Bezugnahme auf eine Tradition öffentlichen Sprechens. Die heute als Chicago bekannte Band hieß noch Chicago Transit Authority, als sie für ihr erstes Doppelalbum (1969) einen Song („Someday“) mit einem Mitschnitt der Parolen beginnen ließen, die die Demonstranten beim berühmten 68er-Parteikonvent der Demokraten skandierten: „The whole world’s watching“. Als Bustas Band, die Leaders Of The New School, 1991 ihr erstes Album herausbrachten, eröffnen sie es mit einem Sample aus diesem Demo-Mitschnitt, der exakt bis zu dem ersten Chicago-Klavierakkord dauert. Eine schwer bepackte symbolische Aktion für eine Band von Neunzehnjährigen: Neunzehnhundertachtundsechzig! Chicago! Und der medienpolitisch siebenfach deutbare, alle Verhältnisse nussig verpackende Satz: „The whole world is watching!“ Wer? Nam June Paik? Michel Foucault? Der CIA? McLuhan?
„Ja, das ist schon wahr, uns war schon klar, daß da viel dranhing. Es ging uns aber darum, unsere ungeheure Euphorie zu beschreiben. Wir hatten jetzt Zugang zu allen Medien, wir dachten, wir könnten die ganze Welt erreichen, die ganze Welt sieht uns zu. Schallplatte, Fernsehen, Video, Film. Daran haben wir gedacht.“
Gute Pop-Kunst erkennt eben ein attraktiv bedeutungsschweres Element, setzt es nach einer Überprüfung der überprüfbaren Bedeutungen für sich ein und stellt dann fest, daß die restlichen Bedeutungen auch prima passen. Das geschieht nicht ganz zufällig, da spielt ein Wissen von Zeichenkarrieren unter Medienbedingungen eine Rolle, das – ohne sich seiner eingesetzten analytischen Techniken immer bewußt zu sein – das richtige Sample ergreift, so wie ein Klarinettist vom Schlage eines Eric Dolphy seine komischen Klappen bedient. In demselben Register ist der Einsatz jenes blöden Carmina-Burana-Pomp-Samples, das man von vergessenen Paarlaufküren vergessener Winterspiele und als Eröffnungsmusik deutschstämmiger Heavy-Metal-Bands kennt, auf der ansonsten makellosen Busta-Rhymes-Solo-Platte The Coming ein glatter Fehler.
Die Leaders Of The New School existieren heute noch. Busta Rhymes betont, daß sie weiterhin seine Unit seien, und die Flipmode Squad, die ihn hier begleitet, nur eine weitere Unit. Und er mußte jetzt einfach mal „repräsentieren“! Also sich repräsentieren, also eine Solo-Platte machen. Nach diversen Gastauftritten war sogar schon das Gerücht im Umlauf, Busta Rhymes würde nicht „repräsentieren“ – wie das Schlüsselwort heutiger Hip-Hop-Debatten nun mal heißt. Auch wieder erstaunlich, wie nach „Signifyin(g)“ schon wieder ein Schlüsselbegriff (post)strukturalistischer, vor allem aber Foucaultscher, ja auch Marxscher Begrifflichkeit Karriere im Rap gemacht hat. Auch hier wieder die instinktiv richtige Wahl eines Begriffs mit dem großen und umkämpften Bedeutungshof. Die restlichen, nicht intendierten Bedeutungen liefern nicht nur mir Stoff und Amüsement, sie passen auch.
Die Leaders Of The New School erwarben sich mit ihrer ersten, erst recht mit ihrer zweiten und bis heute letzten Platte den Ruf früh vollendeter Virtuosität, inhaltlichen Reichtums und schlechter Verkäuflichkeit. Sie gerieten mit ihrer verspielten, ausladenden Rede voller Schönheit und Überschwang mitten in die Baisse des East-Coast-Hip-Hop und kamen mit so vielversprechenden Albumtiteln wie T.I.M.E. – The Inner Mind’s Eye – The Endless Dispute With Reality nicht gegen die einfachen, coolen G-Dinger an, mit denen in jenen Jahren die endlose Bespielung von Autocassettenrecordern durch West-Coast-Hip-Hop begann. Ihre Mischung aus 5%er-Mystik(2) und selbstgemachter Linguistik hatte längst eine vollständig entwickelte, aufgeregte, selbstreflexive Blüte erreicht, die sich nicht mit dem smoothen Neo-Primitivismus jener Zeit vertrug:
Peace to all it’s the plural oral B the / Urban rural publicity Afrocentricity / Satellites coincide unifying it’s time / To climb avidly apparently reality / Below zero it makes you pale no color / For the bleach for seasons many reasons / Equinox equator now who’s the raider / And who’s the soul who stole the surface? / Sacrifice slice commanding / I’m demanding official awareness we / Share this common understanding.
Heute hat Busta wieder eine bessere Konjunktur auf seiner Seite. Durch die unangefochtene Hegemonie des Wu-Tang-Clan ist ja nicht nur seine gut abgedrechselte 5%er-Geheimlehren-Sprache wieder mit „harten“ Attitüden kompatibel geworden – daß es bei der Hälfte der Wu-Tang-Sprache sich nur um die aktuelle Version dieser sich stets erneuernden Geheimsprache handelt, hat sich langsam herumgesprochen –, es ist auch der individuelle, der exzentrische, der exaltierte und theatralische Rapper zurückgekommen. Darauf aufbauend verbindet Busta alt und neu. Er sammelt um sich die, denen er immer mit Gast-Raps (Q-Tip von A Tribe Called Quest z. B.) geholfen hatte und schart andererseits neues Talent um sich (das er produzieren und verlegen will: Rampage, The Last Boyscout, Lord Have Mercy u. a.). Dem entspricht eine Berücksichtigung der Lage an der Reimfront nach dem letzten Innovationsschub durch Ol’ Dirty Bastard bei gleichzeitiger Bezugnahme auf eine Traditionslinie, die bis zur ersten Tribe Called Quest zurückreicht.
Ohne Übertreibung kann man The Coming als den endgültigen Durchbruch eines dritten (oder vierten) Rap-Stils beschreiben: Nach dem lauten – „Meine Waffe ist das Wort“ – Stil der Old School, der durch die meisten Polit-Rapper, von KRS-One bis Chuck D. zwar weiterentwickelt, aber im Prinzip fortgesetzt wurde, nach dem dann von Rakim, später von Q-Tip und anderen vertretenen leiseren, introvertierteren und verspielteren Stil – die West Coast lassen wir mal außen vor – kommt jetzt, klar durch die diversen Wu-Tangs vorbereitet, Lautstärke und Wort-auf-der-Spitze-der-Zunge zurück, aber nun um Verspieltheit und Virtuosität erweitert, zum theatralisch-muskulösen-überdrehten Spät- und Hauptstil geworden, dem Bebop unter den Hip-Hops, dem Barock unter den Body-Rocks.
Busta Rhymes ist 23 Jahre alt und wirkt eher wie 30. Er hat an der einen Seite des Konferenztisches der Firma Elektra Platz genommen, seine Flipmode-Squad, teilweise schlafend, teilweise äußerst kooperativ das Interview mitgestaltend, auf der anderen. Noch telefoniert Rhymes und behandelt dabei eine frische Tätowierung auf den muskulösen Oberarmen mit einem Desinfektionsmittel. Ein freundliches, aber bestimmtes „Peace!“ wird ausgetauscht. Es kann losgehen.
Yusuf Nuriddin ist ein sunnitischer Moslem aus Bedford-Stuyvesant, einem der berüchtigteren Teile Brooklyns. Der Herausgeber von Timbuktu – A Journal of Contemporary African American Muslim Thought lehrt Soziologie am New Yorker City College. Unter anderem der häufige Ärger zwischen den sunnitischen Moslems in seiner Gegend und jungen 5%ern bewog ihn dazu, sich per Feldforschung und Lektüre verstaubter Sakro-Zines mit dieser von Father Clarence 13X begründeten Bewegung auseinanderzusetzen, die seit den späten 8oern im Hip-Hop so einflußreich ist. Sein Text „A Teenage Nation of Gods and Earths“(3) ist in seiner gut abgeschmeckten Mischung aus Erstaunen, Deskription, Faszination und Befremden eine der interessantesten Studien zu dieser „Sekte“ geworden, der auch Busta Rhymes auf den Credits der letzten L.O.N.S.-Platte noch alle Ehren erweist. Nuriddin legt das Gewicht nicht so sehr auf die mehr oder weniger aus den groteskesten Texten der Nation of Islam übernommenen Glaubensgrundsätze wie auf die Techniken des „Breaking Down“, der „True Mathematics“ und den assoziativen – Nuruddin nennt sie „laterale“ – Gedankenverknüpfungen in der Rede der 5%er. Rhymes, der sich mittlerweile als „jenseits aller Gruppen“ stehendes Individuum bezeichnet, hat von dieser spielerisch-assoziativen, aber geregelten Technik, mit Worten und Ziffern zu jonglieren, nicht nur viel in seinen mit angespannter Nacken- und Rückenmuskulatur nach vorn gepreßten Reim-Eruptionen aufbewahrt, er liebt es auch, Issues, Fragen, Themen nach einer Art inneren Checkliste geregelt-ungeregelt durchzusprechen, „niederzubrechen“.
„Zu Hause habe ich ein Pre-Production-Studio. Da entstehen einige meiner Ideen. Aber bei mir muß es friedvoll zugehen: Da wohnen schließlich meine Verlobte [auf der letzten L.O.N.S.-Platte noch seine „Earth“] und mein Sohn. Da kann ich nicht die Straße hineinlassen. Dann gibt es meine Crew. Ich gehe nie ohne meine Crew ins Studio, denn sie geben mir den Vibe zurück, wenn mein Shit richtig liegt. Meine Crew kennt meine Stärke und weiß, wie ich mein Talent repräsentieren muß. Außerdem kennen sie meine Arbeit, sie können mein Erinnerungsvermögen aufbessern, mich daran erinnern, wie ich bestimmte Ideen in einer bestimmten Situation schon mal weiterentwickelt hatte. Sie erkennen eine Idee als solche. Ich gehe nie alleine ins Studio. Nun besteht meine Crew aber zum größten Teil aus Künstlern, die Kritik [„Critique“, nicht „Criticism“] von Künstlern ist wichtig, aber sie ist nicht das einzige, deswegen gibt es in meinem Team auch Repräsentanten der Straße, der Fan-Basis, denn ich kann mich da nicht mehr ständig selber aufhalten. Es ist aber wichtig, was diese Leute denken, denn sie haben einen anderen Zugang als Künstler, die selber aktiv sind.“
So muß der Flow durch Ringe von Zonen, die – ganz im Einklang mit den patriarchalen Lehren, an die er einst geglaubt hat – um das häuslich lokalisierte Selbst des Künstlers und Familienvaters, der den Lärm der Straße von Frau und Kind fernhalten will, und sein Pre-Production-Studio herum angelegt sind. Zonen von jeweils nur situativen Wahrheiten und spezifischen Stadien des Gelingens, Zwischenstadien, die durch wieder andere Tests, Kontexte und Reaktionsweisen hindurch müssen, um … nicht universell, aber doch vielfach einsetzbar, „wahr“ zu werden und an Horizont zu gewinnen: optimaler, nach vorne drängender, weltneuer Hip-Hop, aber eben doch ganz klar … HIP-HOP. Mit der topologischen Check-Liste in der Hand setzt Busta Rhymes nicht zur Veränderung dieser Orte an, er verflüssigt nicht ihre Grenzen, wie die Theoretiker und Praktiker von Hybridität ein wenig von oben herab fordern (denn wer das kann, hat es eigentlich nicht mehr nötig). Aber weder ignoriert noch totalisiert er die Spezifika dieser Orte, dieser Arbeits-, Rezeptions- und Produktivitätszonen. Er nennt sie besonders, nicht um daraus höhere „ghettopolitische“, Straßenecken-zentristische Wahrheiten abzuleiten, sondern weil ihnen das zusteht, wie jeder Ecke, über die man sprechen will.
Wenn man von einer Verschwörungstheorie geprägt ist und nun, älter und nüchterner geworden, daraus eine ganz normale Skepsis wird, die sich nicht von Evidenzen narren läßt, war die Teenager-Nation von Göttern und Erden vielleicht doch nicht der schlechteste Ort, um eine Pubertät durchzustehen: „Der ganze Scheiß, der von den Medien so breitgetreten wird, daß es nämlich einen Streit zwischen East und West Coast gibt, ist doch vor allem blöd. Immer dieser Quatsch, daß man seine Hood repräsentieren müsse. Du lieber Gott!. Was ist denn das bitte? Ein paar Backsteinhäuser, die dir noch nicht einmal gehören. Was sollst du denn da repräsentieren? Natürlich mußt du deine Herkunft reflektieren, denn das, was du gesehen hast, die Erfahrungen, die du gemacht hast, prägen dich schließlich. Aber abgesehen davon, abgesehen von deiner sicher sehr wichtigen Geschichte und deinen Freunden, was sollst du da repräsentieren? Ich repräsentiere lieber etwas Intergalaktisches, das Universum oder mich selbst.“
Wer repräsentiert oder vertritt eigentlich wen, in den imaginären Parlamenten des Hip-Hop? Sich selbst repräsentieren bekanntlich Millionen von Talk-Show-Gästen gerade im US-TV die ganze Zeit. Hip-Hopper repräsentieren sich aber nicht nur selbst, sondern immer als etwas, zunächst meistens als schwarze Männer im rassistischen AmeriKKKa. Vor kurzem waren eine Million schwarzer Männer in Washington, DC und repräsentierten, wie vor allem die linke Kritik nicht zu Unrecht vorbringt, wirklich nicht viel mehr als sich selbst als schwarze Männer. Und hörten teilweise endlosen Sermonen von Leuten wie Jesse Jackson und natürlich Louis B. Farrakhan zu, der zu dieser Demonstration aufgerufen hatte. Frauen waren nicht eingeladen – außer aufs Podium –, und andere schwarze Verbände wie etwa die Organisation schwarzer schwuler Männer diskutierten lange, ob sie sich erwünscht fühlen sollen, und wenn nicht, ob sie trotzdem oder sichtbar nicht hingehen sollen. Die offizielle Begründung für die Nicht-Anwesenheit schwarzer Frauen lautete, daß die Männer auch zusammenkommen, um sich für Fehlverhalten zu entschuldigen, um zu bereuen.
Dies, Familien-Werte und anderer religiöser Quatsch haben dem Marsch gerade von linken und feministischen Schwarzen viel berechtigte Kritik eingebracht. Andererseits ist auch nicht ganz wegzuwischen, daß der Marsch besser als gar nichts war:
Klar, Farrakhan wird von einem Trio von Schuften geführt, deren Namen Prophetischer Mystizismus, Politischer Konservatismus und gemeindehaft beschränkter Blick lauten. Daß der Million Man March Frauen hätte einschließen müssen, braucht man nicht zu erwähnen, daß er konkrete soziale Themen hätte benennen müssen, ist eine Binsenwahrheit, aber diese Beschränktheiten haben auch keinen irreparablen Schaden angerichtet. Laßt uns also Minister Farrakhan für seinen großartigen Beitrag zur Repolitisierung des afrikanischen Amerika danken und ganz schnell seine beschränkte Vorstellung vom Universum hinter uns lassen und die Energien dieses Marsches auf eine perfekteren Einheit schwarzer Männer und Frauen im Interesse voller politischer und ökonomischer Gleichberechtigung in dieser (…) Wildnis namens Nordamerika konzentrieren
schreibt z. B. Ernest Allen Jr., der Herausgeber von Contributions in Black Studies in der Million-Man-March-Nummer der Standard-Zeitschrift The Black Scholar.(4)
Hip-Hop-Theoretiker und -Chronist Greg Tate beklagte sich, daß keine Rapper auf dem Marsch dabeigewesen wären. Busta Rhymes widerspricht: „Mein Mann muß von der Menge Menschen geblendet gewesen sein, daß er mich nicht gesehen hat. Ich war da, meine Flipmode Squad war da, ich habe Speech von Arrested Development gesehen, Ice-T, sogar MC Hammer, Charlie Brown, D-Knowledge, mit dem ich in Higher Learning gespielt habe und so weiter.“ Er meinte wohl eher, daß keine Rapper auf dem Podium waren. „Das war doch gar nicht nötig“, findet Busta. „Warum sollen Rapper immerzu Verantwortung übernehmen, warum sollen wir immer so tun, als ständen wir in der Schuld von allen? Außerdem übernehmen wir schon die ganze Zeit Verantwortung. Niemand berichtet schließlich so ausführlich darüber, was es heißt, jung und schwarz zu sein, wie wir. Wir sind schwarz, und also erzählen wir davon, nicht weil wir uns das ausgesucht hätten, sondern weil deine Erfahrungen nun mal so geprägt sind. Ich kann nicht sagen, wie es ist, als Chinese oder als Weißer aufzuwachsen. Du kommst durch diese ganzen kulturellen Differenzen nicht hindurch. Also bleibt alles, was wir tun können, unsere Zustände und Lebensbedingungen zu reflektieren, mehr können wir nicht tun, schließlich kontrollieren wir unsere Lebensbedingungen nicht. Ich stamme nicht aus einer Welt, die zur westlichen Zivilisation gehört, trotzdem muß ich Englisch sprechen. Ich kann mir das nicht einmal aussuchen. Man hat mir mein Geburtsrecht aberkannt, und ich weiß nicht einmal warum. Und das ist nicht nur eine alte Geschichte, sondern das prägt die Lage, die Bedingungen, das System. Das System kontrolliert alles, es prägt die Leute, entscheidet darüber, wer arm und wer reich ist, und so weiter.“
Und da kann man nichts anderes machen, als sich und seine Lage zu repräsentieren? Zeugnis ablegen und Repräsentieren?
„Man kann was machen. Man muß die Wahrheit dechiffrieren. Die Leute laufen rum und wissen nicht, wer sie wirklich sind, sie müssen nur herausfinden, wer sie wirklich sind, dann wird sich etwas ändern.“
Dieses „wahre“ Wesen der Leute benennt er nicht näher. Es gehört wahrscheinlich zu jenen „wahren“ Eigenschaften, die man sich notwendig und logischerweise zuschreibt, wenn man nur eines mit Sicherheit weiß – betrogen, belogen und beraubt worden zu sein. Daß er dem, was ihm geraubt wurde, keinen konkreten Namen gibt, spricht auch für die Einsicht, daß eben das die heutige Lage nicht nur Schwarzer in den USA ist: als Folge einer primären Beraubung und Unterwerfung wird erinnert, was im Zuge der Permanenz rassistischer Alltagsverhältnisse wie übergeordneter kultureller und ökonomischer Verhältnisse zu einer ganz normalen Entfremdung geworden ist, die nicht mehr viel mit ursprünglicher Verschleppung und dem dadurch Verlorengegangenen zu tun hat. Aber die Identifikation mit Diaspora und babylonischer Gefangenschaft offeriert immerhin ein nicht zu unterschätzendes Zuhause in großen Erzählungen. Und diese spenden immer noch reichlich Metaphern – etwa die biblisch inspirierte „Wildnis“-Rede, die sich auf die babylonische Gefangenschaft bezieht – für die zeitgenössischen besonderen Entfremdungsverhältnisse, unter denen z. B. die meisten US-Schwarzen leben. Metaphern, denen es an Plausibilität nicht mangelt. Die Beraubung, soviel steht fest, hat stattgefunden, denn ich habe ja keinen Einfluß und keinen Besitz und hatte auch nie welchen. Also hat sie vor meiner Geburt stattgefunden und wird als irgendwie primär erinnert, als kolonialistische Urszene. Sie fühlt sich mittlerweile aber truthful und treffend auch für all die anderen an, die zwar noch die „Wildnis“ im Urlaub suchen, aber die erzwungene Verwilderung ihrer Existenz auch immer schlechter ertragen, die restlichen Kapitalismus-Opfer nämlich.
Jeder Schritt von der Konkretheit irgendwelcher Abstammungs-Mystik zur Abstraktheit einer politischen Erkenntnis ist da ein Schritt in die richtige Richtung, und der Fall, daß diese Schritte von Rappern im Kontext ihrer Kunst vorgenommen werden, weist die Kritik an Abstammungsmythen als Ausgangspunkt solcher Reflexion in ihre Grenzen. Rapper mit Herbert Hupka zu vergleichen, ist aus vielen Gründen infam; wenn es aber auf irgendeinem Level Berührungspunkte gibt, auf die eine europäische, altlinke Hip-Hop-Kritik ja immer wieder zurückkommt, muß sie klar unterscheiden, ob solche Heimatbezüge als Ausgangspunkte oder als Fixierungen auftreten. Das gilt besonders dann, wenn man sich die von Hip-Hop beeinflußten jungen Leute, wieder hauptsächlich Männer, in deutschen Großstädten und ihre teilweise nur noch Pitbull-Besitzer-Version von Territorialitätsideen und Identifikation mit diasporischen Geschichten ansieht. Dennoch gibt es auch da, vor allem natürlich bei Migrantenjugendlichen, beides – Ausgangspunkt und Fixierung.
Am Ende des Interviews steigert sich Busta in dräuende Andeutungen des nahen Endes. Gut verschwörungstheoretisch-millenaristisch liest er die Zeichen an der Wand, die Jahreszahlen, die Prophezeiungen, das Ende des Jahrtausends etc. Schließlich frage ich, was es denn nun sei, das kommen werde, was er da die ganze Zeit andeutet?
„Busta Rhymes’ neue Solo-Platte natürlich, was denn sonst!“