Runaway Train

Am Anfang das Problem: eine krakelige Kinderzeichnung als Standbild. Eine männliche Off-Stimme diagnostiziert „sexual abuse“ und „gender confusion“. Der Song fängt an. Suggestive Bilder vom Kleinfamilienterror: Ehepaare wie aus 80er-Jahre-Sedlmayer-Spots schauen grimmig und bedrohlich in die kleine hilflose Kamera, die aus Kinderperspektive zurückschaut. Kinder rennen in Leichtathletik-Zeitlupe mit hin- und herwackelnden Backen von Zuhause weg. Im Gegenschnitt klampfen Soul Asylum gemütlich und betroffen ihre Don-McLean-Akkorde. Das dritte Element zeigt Passbildautomat-Porträts von entsprungenen Kids, auf Mattscheibengröße hochgezogen im schwarzen Rahmen und informiert – ohne deren Einverständnis – über Name und Datum der Flucht. Dann klampfen die gemütlichen Soul Asylum die zweite schlappe Strophe von „Runaway Train“, bevor es zur dritten kommt, fällt einem auf, daß im Verlauf des Videos die bösen Familienbilder (ausgerasteter Working Class Daddy) zunehmend durch liebe Familienbilder ersetzt werden, repräsentiert von Babies und Müttern, die sie in den Arm nehmen, pflegen, beschützen, dazwischen weiterhin die Entsprungenen und die Don-McLean-Band. Dann am Schluß die Lösung: wieder Standbild, diesmal Dave Pirner, wieder gesprochenes Wort: If you see any of these children or are one of them, please call this number (ich kann sie bald auswendig).

Die Lösung für das Problem Kleinfamilie ist also die Kleinfamilie, die Mütter müssen nur etwas mütterlicher (und jünger und hübscher) werden. Am besten werden einfach hübsche junge Mädchen mal wieder öfters Mütter, statt von Zuhause wegzulaufen. Die bei den positiven Einstellungen abwesenden Männer werden ja von den loving und caring Soul Asylum repräsentiert. Schluffige Grunge-Familienväter, die den ganzen Tag klampfen, während ihre hübsche Grunge-Braut das Baby aufzieht. Kindesmißhandlung garantiert nur noch durch akustische Gitarren. So gedeihen prächtige Wesen, die der Welt keine Gender-Confusion-Rätsel mehr aufgeben.

Vor 26 Jahren beschrieben die Beatles dieselbe Geschichte auf eine andere Weise. Da verließ eine „She“ im Morgengrauen das Haus von genau solchen Eltern, die glaubten ihr „most of our lives“ geopfert zu haben, ihr alles gegeben zu haben, das „money could buy“. She verließ ihr Zuhause nicht wegen gender confusion, sondern weil sie „for so many times alone“ gelebt hatte. Weil ihr schon die gelungene Variante der Kleinfamilie auf den Senkel ging. Tja, Abhauen, das war mal eine Option. Von Bob Dylan bis KRS-One fälschten Pop-Stars ihre Biographie zu Ausreißer-Legenden um. Heute wird solches Verhalten massiv entmutigt, pathologisiert, sind selbst Leute mit Lebensangst vollgesogen, die nicht den geringsten Grund dazu hätten, glauben selbst 30-Jährige, daß die Straßen in den Großstädten zu unsicher geworden seien, um nächtens noch auf ihnen zu flanieren.

Ich finde das Video zu „Runaway Train“ grauenhafter, abstoßender und reaktionärer als die Nazi-Rock-Pest; denn es läuft mit heavy rotation. Es denunziert von einer Sozialarbeiter-Perspektive aus exakt das, was Rock-Musik den Leuten als kleine Ermutigung all die Jahre wenigstens noch bereit hielt: die Option, sich einen Dreck um die wenigen und unbefriedigenden erlaubten Lösungsvorschläge zu scheren und in direkter, souveräner Aktion das eigene Elend aufzuheben. Ein solches Verhalten erscheint bei Soul Asylum als das Verhalten unsouveräner, kranker Opfer (deren Krankheit dann auch noch darin besteht, nicht zu wissen, ob Männlein oder Weiblein, statt sich gesunderweise auf eine Mutterschaft vorzubereiten), als therapiebedürftig vor dem einzig wahren universellen Horizont Kleinfamilie. Drehbuch: Christa Mewes. Regie: Steffen Heitmann. Gegenmittel: das neue Larry-Clark-Fotobuch Eine glückliche Kindheit (nämlich eine mit Sex, Waffen, Skateboards).

Tja, man wird einwenden, Larry und ich litten halt an einer verantwortungslosen Sixties-Perspektive, die Familie sei halt immer noch besser als gar nichts. Aber das heißt, sich auf die Ebene derer zu begeben, die den Kapitalismus als beste aller möglichen Weltordnungen nur deswegen akzeptiert haben, weil es noch schlimmer ist, wenn nicht mal der Kapitalismus funktioniert (übrigens überall da, wo der Kapitalismus gesiegt hat). Alle Pop-Musik ist tot, wenn sie aufhört zu formulieren, zu versprechen, ja vielleicht sogar zu ermöglichen, was am Ende von „She’s Leaving Home“ gesagt wird: „Stepping outside, she is free.“ Auch wenn auch diese Freiheit arm machen kann.