Ulf Poschardt hat sich in doppelter Hinsicht viel vorgenommen. Mit Cool schickt er sich an, gleich zwei große Lücken deutscher Publizistik zu stopfen: zum einen die Abwesenheit des Groß-Essays, des reflektorischen Textes, der auf Romanlänge das Schicksal nicht von Figuren, sondern von Begriffen verfolgt; zum anderen die Abwesenheit eines geduldigen, tiefer gelegten, aber nicht (nur) akademischen Nachdenkens über die Phänomene der Pop-Kultur im weiteren Sinne, die immer in aller Munde sind. Und von denen gerade deswegen die zu den Mündern gehörenden Bewusstseinsbesitzer glauben, sie verstünden sich von selbst.
Mit Cool versucht Poschardt eine analytische Kulturgeschichte eines Begriffs und Ausdrucks, der zu den verbreitetesten wie unbestimmtesten unseres Alltagswissens gehört. Zunächst überrascht es, wie sehr Poschardt dafür eine klassische und kanonische Bildung bemüht und wie klassisch das Herbeigezogene ist. Ich sage nur Schiller. Friedrich Schiller. Nur weil dieser bisher eher selten als cool galt, ist er nicht vor Vorläuferschaft sicher. Nun gab es – mit Hegel – fast eine gleich alte Referenz in Poschardts DJ-Kulturgeschichte (DJ Culture), doch sonst kennt man ihn eher als virtuosen Verwalter zeitgenössischer Erkenntnisse. Und wundert sich dann, mit welcher Frömmigkeit ausgerechnet der ehemalige Redakteur einer zwar neuartig provozierenden, aber doch recht welt- und warenaffirmativen Publikation wie des SZ-Magazins etwa zwischen „Kunst und Produkten der Kulturindustrie“ streng unterscheidet.
Als Chef dieses Magazins hatte Poschardt tatsächlich den deutschen Journalismus umgegraben. Das durchgehende Merkmal der Innovationen, die er dabei verantwortete, war ein direkterer Zugang, ein unumwundenes Nutzen aller geraden Wege zu den Phänomenen, die die Pop-Kultur gebahnt hatte – sprachlich wie visuell. Dass dabei auch der sagenumwobene Borderline-Journalismus entstanden ist, der auf der Wahrheit basierte, dass erfundene Interviews mit den meisten Stars interessanter sind als echte, ist nicht so ein Wunder. Wo die Welt zu cool und strategisch geworden war, musste die Fiktion sie bieten. Deren Schönheit mit Wahrheit zu verwechseln war dann wieder gar nicht mehr so fern von den Helden des deutschen Idealismus, die an der langen Chaussee von Kronzeugen in Poschardts Genealogie des Cools herumstehen.
Wärmezustände der Welt in den unterschiedlichsten Metaphern bilden eine der Konstanten dieses Essays, der immer da am besten ist, wo er seiner inneren Dynamik nachgibt und auf genau all diese Konstanten und Organisationsprinzipien pfeift. Am liebsten würde der Autor, meint man als empathischer Mitreisender zu spüren, Kunst-, Kino- und Pop-Erfahrungen vertiefen, spielerisch aneinander reihen und gegen Begriffe crashen lassen. Doch dem steht sein anderes Begehren gegenüber, als philosophischer System-Builder Zeitdiagnosen zu Großthesen zu synthetisieren. Dann werden sehr diskutierenswerte Einsichten und barer Blödsinn auf Konklusionen wie diese gebracht: „Die Delirien der Selbstauslöschung, die in der Rettung des Selbst gipfeln, bilden ein verquollenes Echo zivilisatorischer Verwerfungen. Sie sind den paradoxalen Strukturen zeitgenössischer Systeme entwachsen, deren Aufbau und Antrieb es phänomenologisch zu erfassen gilt.“
Nicht nur, dass man nie weiß, ob er dann wirklich „phänomenologisch“ meint (oder unter Berücksichtigung der Phänomene), und sich fragt, warum nicht z. B. ontologisch – vor allem geht durch den Wunsch, aus der Tiefe philosophischer Begriffsarbeit den mit viel Mühe und Liebe beschriebenen Phänomenen zu Leibe zu rücken, jede Schärfe verloren. Insbesondere drei Begriffe werden weit über den Moment hinaus zerkaut, da man sie ausspucken möchte: die Idylle, das über Slavoj Žižek rezipierte Lacan’sche Reale – ein Begriff, an dem sich schon viele alles mögliche ausgebissen haben – und natürlich die Pop-Kultur. Wie böse Avatare lagern sie an den Kreuzungen der Argumente und Darstellungen und stellen sich mit immer neuen Charaktereigenschaften drohend vor die zum Teil brillanten und vor allem kenntnisreichen Studien von Phänomenen wie etwa die Arbeiten des Künstlers Matthew Barney.
Man hätte die Luft aus diesem überehrgeizigen Unterfangen leicht herausgekriegt, indem man die kämpferischen und politischen Ansätze gegenüber den weitschweifigen kulturpsychologischen Diagnosen gestärkt hätte. Poschardt lokalisiert den „Birth of the Cool“ in einer Rede des Panafrikanisten Marcus Garvey. Aus dem von Garvey initiierten schwarzen Nationalismus ging einerseits das Cool der Jazz-Hipster hervor: eine Ethik der Selbstdisziplinierung als kulturpolitische Strategie. Andererseits begründete er die perspektivlose Selbstethnisierung, die bei den uniformierten Milizen der Black Muslims endete. Diese Ambivalenz hätte ein nüchternerer Ausgangspunkt einer Analyse sein können, die sich nicht an alle Thermometaphern des Abendlandes verloren hätte. Vor allem wäre dadurch den vielen, eine nähere Diskussion verdienenden Behauptungen dieses Buches besser gedient gewesen.