Sex mit Satan, im voraus bezahlt

Manchmal wird man nicht für das geliebt, wofür man geliebt werden möchte. Ann Magnusson will mit dieser Platte (The Luv Show, Geffen 1996) als Camp-Göttin, Hip-Priesterin, Rock-Chick, Easy-Listening-Lady, laszive Diva, Seriensirene und Pubertätsphantasie anerkannt werden. Aber wenn ich sie bewundere, dann als protestantischen Workaholic und Control-Freak, als die Todd Rundgren der satt- und übersemantisierten Spätpostmoderne. In einer Welt, wo junge Leute sich allen Ernstes an dem Vampyros Lesbos-Soundtrack irgendwie kennerisch campy einen abschwallen können und mit dünnen Bärtchen im Bewußtsein irgendeines Cools in Szene-Kneipen zum 4917ten Mal Sixties-Serien-Soundtracks hochleben lassen, ist subkulturelles Kapital verdammt cheap geworden; inflationssichere Investments sind kaum noch zu haben. Wen wollen da Hollywood-Parodien, kennerische Zitierereien so ziemlich jeder Musik, campy Pin-Up-Fotos, Illustrationen im Früh-70er-Playboy-Stil und Songtitel wie „Manipulative Kennedyesque Celebrity Fucker“, dargebracht mit einer Know-it-all-Attitüde, in einer Welt, wo eh jeder hip ist und jede jedes Konzept durchschaut, noch beeindrucken?

Nun, Ann Magnusson weiß auch dies. Schon zu Bongwater-Zeiten schreckte es sie nicht, daß ihre Referenz-Panoramen oft reichlich ranzig rochen (Groupies, Led Zeppelin und immer wieder Hollywood), aber sie läßt nicht locker, denn das einzige, was sie kann, heißt Multitalent (gute Songwriterin!), und zwar in enzyklopädischer Dimension. Ich kann, ich will, ich muß, suck on this, Jacques Offenbach! Sie hat die ehemalige Begleitband von Raymond Pettibon, die L.A.-Super-Session eingekauft: mit Rich Lee, Art Byington – einem begnadeten Nerver und Gitarristen – und Mike Kelley als Drummer – immerhin der bekannteste zeitgenössische US-Künstler, der hier vor allem in dem Punk-Rocker „Miss Pussy Pants“ mit seinem bekannten Sound-Effekt-Können brilliert. Und für die New-York-Nummern kommen die Don Flemmings und David Lichts aus ihrem alten Bong-Milieu zum Einsatz. Das ist so kompetent und einfallsreich, daß man nicht weiß, wohin mit seinen armen Ohren. Ja, hier kommt die rundumgebildete, distanziert-authentische, authentisch-distanzierte Gesamtpopkulturrevue, und ich bin der Boß. Das gibt Ann einen gewissen, leicht Mae-West-oiden, stoischen Charme. Sie kontrolliert nicht wie Madonna, zwischen Panik und Pleasure, sondern mit eher bäurischer Renitenz. Und wenn sie dann in Hispano-Pidgin-English vom Sex mit dem Teufel singt, dann ist das eine anständig erarbeitete, im voraus bezahlte und gut versicherte Transgression, die alles Wissen über das Ende der Postmoderne links liegen läßt und sich von der Geschichte nicht die Kontrolle über die ganze Geschichte nehmen läßt. Wer irgendwoher weiß, daß das nicht gut sein kann, der werfe das erste Freizeitgesellschaftsprivileg!