Spandau Ballet

Von den vielen Vorwürfen, die man Spandau Ballet in letzter Zeit machte, ist der weitestverbreitete der, sie schrieben über die Maßen lächerliche Texte. Wohlan! Ist ein unangefochtener Lyrics-König-Text wie „Ezra Pound and T.S. Eliot fighting in a Captain’s tower / while calypso-singers laugh at them and fishermen hold flowers“ auch nur einen Deut weniger lächerlich als die kitschigste Stilfrucht Spandau Ballet’scher Provenienz? Dieses Sagenwollen, daß streitende Intellektuelle sinnenfrohen Calypso-Sängern lächerlich erscheinen und dem Autor dieser Zeilen, so sehr auch selber Intellektueller, ebenfalls, und dafür das Bild von T.S. Eliot und Ezra Pound zu bemühen, von deren Streitereien jeder noch so blöde amerikanische Schuljunge gehört hat. Namedropping, aber ohne Reiz, einfach die bekanntesten Namen. Das ist Dylan, in seiner unangefochtenen, besten Zeit.

Oder Randy Newman, der einen Fritz-Lang-Film gesehen hat (welchen wohl? – M natürlich) und das zu einer Ballade mit hypercleveren Akkorden zusammendrechselt und dann auch wieder eine Textpalme, wegen Dasselbe-Bildungsgut-wie-das-„2001“-Publikum-intus-Haben, kassiert. Oder Elvis Costello! Oder! Oder! Oder! Die Geschichte der Pop-Texte ist eine Geschichte der Lächerlichkeit, trotzdem kann man zwischen guten und schlechten Texten unterscheiden. Die guten sind die, die trotz noch so bestialischer Lächerlichkeit, mit dem Lied verhakt, Pop-Einprägsamkeit gewinnen, oft aufgrund ganz traditioneller poetischer Tugenden (Wörter mit breiten Assoziationshöfen, gut gereimt, Binnenreime, seltene, musikalische Wort-Klänge etc.).

Diese Qualitäten haben übrigens gewisse Dylan-Texte wie gewisse Newman-Texte, wie auch der Satz: „Because there’s nothing else here for you / and just because it’s easier than the truth / because there’s nothing else that I can do / I’ll fly for you“. Fliegen leichter als die Wahrheit: Darauf muß man eben erst mal kommen. Das ist kitschig, aber weit weniger naheliegend als das ewige Namedropping des gefeierten mittleren Dylan, der zudem fast alle seine Namen aus Gemeinplätzen der amerikanischen Geschichte, sowie aus zwei, drei Skakespeare-Dramen bezieht, bzw. den Dichter selbst nennt: „Shakespeare, he’s in the alley, speaking to some French girl …“

Ich mag Dylan und ich mag Spandau Ballet. Sie haben nichts miteinander zu tun, außer daß sie beide bestätigen, in Musik wie Text, daß es nun einmal notwendig feucht und schwül und peinlich wird, aber eben auch immer ergreifend, wenn wir mal ehrlich sind, wenn weiße Jungs tatsächlich eine Seele zu verkaufen haben. Spandau Ballet haben eine große und verkaufen sie teuer.

Denn die Nachfrage ist viel größer als das Angebot.