Submentals – Intellektueller Liebesliederscheiß, Sperma, Blut und Masturbation

Zu den besten deutschen Platten des letzten Jahres gehörte eindeutig das Debüt der Submentals aus Münster/Osnabrück. Die frühere Punk-Band RAFGier spielt heute einen Ami-Post-Punk, nach allen Seiten offen und auf der Höhe der Zeit, den man, zumindest auf Platte, in Deutschland sonst nirgendwo so kriegt, gerade weil auch die besten unter ihren deutschen Labelmates auf Glitterhouse immer noch die 60er abarbeiten und genausogut auf Resonance erscheinen könnten. Zu den Verdiensten der Submentals gehört auch, daß die (mehr oder weniger Hard) Core-Vergangenheit nicht einfach mit einem Strich ausgewischt und in „eigentlich haben wir immer schon Sun Ra und Captain Beefheart gehört“ umgeschrieben wurde, sondern immer präsent und unnachgiebig die erweiterten Songmodelle durch die Landschaft treibt, Sänger Plaschke (wenn überhaupt kann man seinen Gesang mit H.R. vergleichen – zumindest von der Atemtechnik her, höhö) könnte man nach dieser Platte für einen ansonsten straight edgen Grübler halten, der es auf der Platte/Bühne rausläßt, was nachts an Nietzsche auf ihm lastete, die Band für Leute, die über Hardcore zu Diskussionen über Intensität im allgemeinen gelangt sind und vielleicht Pharoah-Sanders-Platten mit Black-Flag-Instrumentals vergleichen, aber so hören sie sich nur auf Platte an.

Ein Gutes an dieser Band ist, daß sie live ganz anders sind, auch nicht so gut vielleicht. Es war einer dieser drei-deutsche-Bands-kriegen-eine-Chance-Abende im Rose Club, und ich muß ehrlich sagen, daß mir die Daltons mit ihrem vollkommen betrunkenen Sänger an diesem Abend besser gefielen, dafür schmiß sich Rollins-Fan Plaschke ständig auf die Bühne, knallte sich das Mikro an die fast haarlose Schädeldecke und lebte die Musik, wie man in Rock-Kreisen früher über Roger Chapman sagte. Es war spät, und eigentlich war es das beste, was er tun konnte.

Am nächsten Morgen stellt sich diese Band aber als das Gegenteil sowohl des beschriebenen Eindrucks von der Platte als auch der Show dar. Als Vertreter nämlich der fast schon ausgestorbenen Spezies Überzeugungsmusiker-um-der-Überzeugungsmusik-Willen, ohne Überbau und Oberideen, ohne Vorbilderverliebtheit und ohne Sowieso-Nostalgie, die gerne spielen, und auch von nichts anderem noch lieber reden als von Musik als von seltsamen Venues und Wechselfällen des BRD-Tourlebens. Sie sind seit sieben Jahren dabei und „ein Lexikon irrer Venues schreiben, das können wir sofort, haha, St. Michaelisdon, das war der Hammer, und der Veranstalter war der größte Fan von der Musik, kam mit dem Tequila-Tablett zur Bühne und noch ein Stück, eins macht ihr noch, morgens um sieben hat er mich aufgeweckt, eh du bist doch ’n Guter, wir müssen jetzt zusammen einen trinken, ich schlaf aber, nee du schläfst nicht, dann haben wir noch drei Stunden gesoffen, in Unterhose mit ’nem Kasten Bier, war aber geil.“ Der letzte Gig in Hamburg „war auch von der Planung her scheiße, 20 Leute im Logo, haben aber alle geklatscht, standing ovations, die Plakate waren noch feucht, als wir da ankamen, da spielten am selben Abend Naked Raygun für 10 Mark vor hundert Leuten, wir für 11, dann spielten Fugazi, die Escorts waren schlauerweise gar nicht erst gekommen, und dann haben noch die Rubbermaids gespielt, weißt Du übrigens, wer bei denen jetzt mitspielt, eh, der Bassist der Ramones Revival Band, und weißt Du, wo der vorher war, bei der Band, die Vorprogramm gemacht hat, als wir damals in Hamburg im Let’s Rock gespielt haben.“

Plaschke hat nebenbei noch eine Trash-Metal-Band mit der Rhythmusgruppe der Astros – Stefan Groß’ Sohn, mit dem er zusammen wohnt, hat ihm neulich seine Stooges-Erstpressungen kaputtgespielt – und zwei nach neunjährigem Metal-Übungsraum-Exil wiederauferstandenen Metal-Spezialgitarristen, die noch nie einen Ton Punkrock gehört haben: „Jetzt kommen ja Slayer, also ich find die gar nicht so gut, aber ich will mir die unbedingt ansehen, ich würde mir sogar Venom ansehen, ich hab neulich ein Video gesehen, grob!, Slayer sind Weicheier dagegen. Bandintern liegt die Metal-Rangordnung wie folgt fest: Metallica, dann lange gar nichts, dann Anthrax, dann lange gar nichts, und dann Slayer.“

In all den jahren als RAFGier erarbeiteten sich die heutigen Mentals eine gewisse Lederjackenrückenbeschriftungs-Credibility und ein sicheres Publikum, das nicht übermäßig groß, aber doch groß genug war, um noch mal darüber nachzudenken, ob man die jetzt alle so einfach aufgibt und sich nach einem Buzzcocks-Song Submentals nennt: „Slime haben mal ’n Stück von uns geripofft, noch bevor das irgendwo veröffentlicht war, das war unser allererstes Stück, da haben die komplett die Riffs geklaut, ist dann später auf Cassette erschienen, Auflage 54 Stück, ist sogar in Maximum Rock’n’Roll besprochen worden, die besprechen aber auch alles, genau, totlangweilig, deswegen haben sie auch keine LP bekommen, hätten ja sowieso ’ne gute Kritik geschrieben, am geilsten war die im Zap, die haben unser ganzes Info abgeschrieben …. ja, der Sound hat sich einfach verändert, das war nicht RAFGier, und der Name war auch nicht so toll … ich habe ja die Buzzcocks in Berlin bei den Indie-Tagen gesehen, ein Witz, Steve Diggles Buzzcocks F.O.C., das war so schlecht, eh, sowieso, jeden Abend waren die Top-Acts die schlechteste Band des Abends, erstmal Clock DVA, sehr viele Berliner haben 30 Mark bezahlt, nur um Clock DVA zu sehen, die haben aber nach 5 Minuten abgebrochen, weil das backing tape nicht synchron zum Videorecorder lief, das Publikum ist ohne zu Murren rausgegangen, keiner hat Buh gerufen, ich wollte den Fernseher einschmeißen, nicht weil ich die Band sehen wollte, fünf Minuten waren schon zuviel, und AR Kane, das sind die größten Schlaftabletten überhaupt, sind die lang!-wei!-lig!, und dann bringen die live einen Percussionisten und Drummer und verstecken den hinter einem schwarzen Vorhang, ich hätte die von hinten abgestochen, und die Kastrierten Philosophen, eh, sind die langweilig, solche Leute haben es auch irgendwie verdient, daß sie immer nur vor 30 Leuten spielen … und wer war gut … ja so 30 Berliner Bands im Quartier Latin, jede hat so 20 Minuten gespielt, auch The Gift, so ’ne Berliner Thrash-Band, die sind supergut, sehr witzig (Einwand: auf der Party kam das aber eher punkrockmäßig), okay machen die Punk-Rock, die sind echt super durchgeheizt, dieser erste Song: nimm ihn in den Mund, nimm ihn in den Mund, genau, und dann in Berlin in dieser Rössli-Bar packen die sich gegenseitig die Schwänze aus, eh du hast deinen ja seit drei Tagen nicht gewaschen oder: eh Stephan kennst du das schon, den Sackschüttler, und dann der Schlagzeuger Hose runter, und immer sirrsirrsirrsirr, so geht das ab bei denen, bei der Party steckt der sich Eiswürfel in die Hose, holt seinen Schwanz raus, legt Eiswürfel dazu, holt den Eiswürfel kurz danach wieder raus und legt ihn mir ins Glas, weißt Du, die befummeln dich, echt, Ralf, du, ich krieg dich auch noch, haben mir so in den Arsch gegriffen und die Backen auseinandergerissen, dich kriegen wir noch und dann machen wir einen klar, wenn du mal voll breit bist. Flucht, Flucht.“. Wer sich je an Götz Alsmanns nie versiegenden Musikeranekdoten aus drei Generationen erfreuen konnte, hat jetzt einen Nachfolger für die Punk-Dekade gefunden, in spätestens drei Jahren moderiert Plaschke eine Fernsehshow, noch arbeitet er bei einem Plattenversand und kümmert sich nebenbei um Fanzine-Distribution, die anderen lernen Kartographen oder Ingenieure, sie machen schöne, empfundene Musik („Die Titel hören sich alle an wie Rock’n’Roll, dabei ist das alles intellektueller Liebesliederscheiß, Sperma, Blut und Masturbation, davon handeln die, nee, nur eins, und die andern davon, daß ich 32 bin, obwohl ich erst 25 bin, wir spielen auch wieder RAFGier-Stücke, eines, das handelt davon, wie ich die Welt baue.“) und Du kannst Dich trotzdem ganze Nachmittage über so wichtige, oberflächliche und naheliegende Dinge wie Pisse-Trinken als Therapeutikum und Verhütung durch Erwärmen der Hoden auf 75 Grad unterhalten.