In den achtziger Jahren haben sich Künstler aller Disziplinen endgültig auf einen Begriff geeinigt (oder sich mit ihm abgefunden), den inzwischen zwar keiner mehr ohne Anführungszeichen ausspricht, dessen strategische und taktische Implikation aber immer noch Perspektive und Selbstverständnis derjenigen Künstler bestimmen, die den Bezug auf die Welt, das Reale oder die Geschichte noch nicht aufgegeben haben: Subversion. Man darf sich vom Seltenerwerden des einstigen Modeworts nicht irritieren lassen. Seine wesentlichen Behauptungen und davon hervorgerufenen Praxen tauchen – und das ist schließlich auch eine Notwendigkeit des subversiven Projekts – unter immer wieder anderen Bezeichnungen auf, an den Schnittstellen, die das, was konventionell Kunst, Politik oder Wissenschaft heißt, gesellschaftlich miteinander vereinbart haben. Diese anderen Namen können „Mikropolitik“, „Autonomie“, „ Operaismo“, neuerdings „Bewegungslehre“1 heißen, ihre Ähnlichkeit mit den Subversions-Konzepten etwa von Dadaisten, Surrealisten, Beatniks, Situationisten oder gewissen Pop-Musikern etwa von Negativland, Culturcide oder KLF oder Künstlern wie dem Survival Research Laboratory oder Minus Delta t oder mit der Affirmationsstrategie seit Warhol bis Madonna ist kein Indiz für einen Gehorsam gegenüber dem marktwirtschaftlichen Zwang zu Relaunch und Neubenennung gut eingeführter Markennamen, sondern offenbart eine Gesetzmäßigkeit, die man auch bei anderen Strategemen in der Geschichte der Dissidenz beobachten kann: Dissidente Elemente in geschichtlichen Prozessen entfalten sich nicht in der diachronen Linearität dieser geschichtlichen Prozesse, sondern durch ihr unverändertes Immer-wieder-Auftauchen in den unterschiedlichsten Kontexten. Zwar halte ich die Vergleichbarkeit und Parallelisierbarkeit von Dadaismus und Punk-Rock für weit geringer als normalerweise angenommen; und es gilt gerade bei dieser gerne gesehenen Analogie, noch ein paar weitere Unterschiede herauszuarbeiten: Ich denke aber, daß die in immer anderen Kontexten unbeschadet von scheinbarer historischer Widerlegung wiederauftauchenden Figuren – eine davon ist die hier mit Subversion notdürftig beschriebene – auch mal einen von den Kontexten relativ unabhängigen Blick verdienen. Dies auch im Sinne eines Projektes, das sich vornimmt, solche Kontinuitäten und Diskontinuitäten künstlerischer Praxis herauszuarbeiten, die sich nicht aus deren klassischen Materialien, Situationen und Determinanten herleiten lassen.
Noch ein Wort zu dem hier auch schon gebrauchten Begriff der Dissidenz: Subversion – wie hier noch zu definieren – wäre ein Unterbegriff, ein Fall oder ein Element von Dissidenz, nicht identisch mit dem Ganzen. Dissidenz nenne ich alle symbolischen und praktischen nichteinverstandenen Handlungsformen, deren Opposition nicht allein als defensive Reaktion auf primäre rassistische, soziale, sexuelle oder politische Benachteiligungen erklärt werden kann, also den Komplex der Überzeugungen streift. Da ich vom Begriff der Subversion besonders den taktisch-strategischen Komplex der Dissidenz angesprochen sehe, wären also prozessuale, experimentelle, vor allem aber die sich selbst unklaren Aspekte von Dissidenz hier auszuschließen. Auch wenn nicht auszuschließen ist, daß das Sich-selbst-Unklare oder Unbestimmt-Experimentelle seinerseits einem Strategem untergeordnet sein kann, nur ginge es dann jetzt eben um den bewußt strategischen, nicht den unklaren Anteil.
Folgende Motive sind in Subversion reklamierender (künstlerischer) Praxis durchgängig: 1.) der Begriff der Auflösung oder Zersetzung; 2.) die Abweisung der stets dialogischen Struktur der Kritik oder des Protestes zugunsten von Scheinaffirmation oder Affirmation als Versuch von Überlagerung; oder zugunsten von 3.) Kommunikationsverweigerung; 4.) das Zerreißen von vorgegebenen Formen, wobei diese erkennbar bleiben/bleiben sollen (Collage, De-Collage, Eklektizismus, Sample, Zitat); 5.) eine Geheimdienstmetaphorik und 6.) eine Metaphorik der B-Ebene, also das freiwillige Beziehen eines Unten in einer hierarchischen Macht-Topik (auch wenn dafür meist keine hinreichenden soziologischen Gründe beizubringen sind); 7.) schließlich die Komplizierung als nicht nur im strengen Sinne strategisches Element wie Kommunikationsverweigerung oder affirmative Übercodierung, sondern auch als Versöhnung der Subversion mit sich selbst, als Aufhebung der ihr innewohnenden Differenz von Absicht und Weg. Die bewußt gesteigerte Komplizierung (also Verweigerung von Rolle, Identität und schließlich auch Strategie) rekonstruiert schließlich ein nun nicht mehr subversiv-strategisch gebrochenes Subjekt. Dessen Komplizierter-Sein wird (übercodiert, überbestimmt) – auf allen möglichen Ebenen: einst ein Grund seiner Ausgeschlossenheit – schließlich entweder im ungünstigen Falle zum beherrschten kulturellen Kapital im Kultur-Konkurrenzkampf oder führt im günstigen zur politischen Subjektivität in einem neuen Klassenkampf, wie ihn sich etwa Toni Negri in seinem Buch The Politics Of Subversion für das 21. Jahrhundert vorstellt: die informierten, gebildeten, jungen intellektuellen Arbeiter, die „by the means of the multitude of determinations“ da zu neuen politischen „Protagonisten“ werden.2
ad 1.) Das erste Element – Auflösung, Zersetzung – verdankt sich der Tradition des Begriffs Subversion in der Sprache der Machthaber und Staatsvertreter, vor allem aber der Militärs. Die ursprüngliche lateinische Bedeutung, umdrehen und umstürzen, bei Tacitus werden Berge, bei Sallust Bilder subvertiert, wird hier und als deutsche Bedeutung des subvertere auf den Fall der inneren Zersetzung eingeengt. Neben schönen Vokabeln wie „Insubordination“ bildet die Vorstellung einer Unterwanderung der kämpfenden Truppe durch getarnte Feinde oder zum Feind übergelaufene eigene Soldaten einen unverzichtbaren Baustein militärischer Paranoia und Propaganda. Daß sich Künstler und Revolutionäre diese Paranoia umwertend zu eigen machten, ist insofern interessant, weil es den Leitideen der Moderne – Aufklärung, Erziehung, Veröffentlichung, Diskussion – widerspricht, vor allem aber dem Begriff der Avantgarde, die in einem gemeinsamen Kampf aller die vordersten Reihen hält und ausbaut. In der Adaption des Begriffskreises Subversion: Unterwanderung, Zerrüttung, Untergrabung drückt sich also zunächst ein Mißtrauen gegen die moderne Teleologie einer gemeinsamen geschichtlichen Sache aus, wie auch gegen deren strategische Idee einer Durchsetzung dieser Sache, der Aufklärung via Kommunikation. Dabei sind Unterwanderungsängste so alt wie die Kriegsführung selbst. Entscheidend ist, wann und unter welchen Umständen es möglich wurde, sie als Metaphorik für ein künstlerisch-politisches Handeln zu gebrauchen. Die Antwortist: an dem Punkt, als sich zum ersten Mal herabgesunkene Adlige, die in der bürgerlichen Aufklärung nur den Ruin schon erlebter oder besessener Feinheiten ausmachen konnten, und von unten nicht zur bürgerlichen Kommunikationswelt zugelassene Schonnichtmehrproletarier in den gleichen Lokalen trafen, also in Paris um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. In diesen Lokalen fiel nämlich der ästhetische und der politische Abstand zur sich instituierenden Kommunikationsidee zusammen. Die ästhetische Differenz zum bürgerlichen Geschmack, seiner Warenförmigkeit, empfand sich als politisch und, umgekehrt, die politische als ästhetisch. Von dieser Lage aus, wo die Negation der bürgerlichen Theorie und Ästhetik (Kommunikation, Tausch, Transparenz, Aufklärung, Äquivalenzen) und bürgerlicher Praxis und Politik (Modernisierung, Industrialisierung, Anonymisierung) sich aus unterschiedlichen Motiven trafen und als eins empfunden wurde, war die Umwertung der Idee der Subversion – die lustigerweise natürlich auch die Kriegsführung im gleichen Maße zunehmend beschäftigte, in dem das sogenannte Projekt der Moderne voranschritt – möglich geworden. Gegenmaßnahmen heißen ja auch im militärischen Slang „Aufklärung“.
ad 2.) Dennoch nahm die frühe Boheme die Position der Subversion schon allein deswegen noch nicht bewußt ein, weil ihrer Distanz zu den beschriebenen Aspekten der sich etablierenden bürgerlichen Kultur noch unfreiwillige, aus ihrer sozialen Herkunft zwingend sich ergebende, als natürlich empfundene Differenzen zugrundelagen: Machtverlust des Adels, Anpassungsschwierigkeiten diverser Stände an die neue Entwicklung, das Entstehen städtischer Nischen. Ihre anarchistischen, frühsozialistischen oder ästhetizistischen Reaktionen, die im Gegensatz zu späteren Subversionsideen noch nicht verschlüsselt waren und sich noch an die ganze Gesellschaft richteten, kannten noch keine separate Taktik oder Strategie, kein Als-Ob, schufen aber schon die Voraussetzung zur Dialogverweigerung. Das immer schon parallel laufende Genre des Protests unterscheidet sich von der Subversion entscheidend dadurch, daß es noch soviel Vertrauen in den Staat und die Öffentlichkeit hat, daß es mit ihm oder ihr spricht. Ein „J’accuse“ ist für die Subversion aber nicht möglich, weil sie sich nicht auf dieselben moralischen und kommunikativen Grundlagen festlegen kann, die der Macht zugrunde liegen. Daher ist ihr „Je“ immer schon gespalten, in das, was ideal zu tun wäre, und das, was in Anbetracht der Lage möglich und radikal ist, gipfelnd in Ideen wie denen des Sozialistischen Patienten Kollektivs im Heidelberg der Siebziger, im Kapitalismus sei Krankheit die einzige mögliche Lebensform. Eher als sich als kritisierendes „Ich/Je“ in die Meinungsbildungsprozesse bürgerlicher Öffentlichkeit zu integrieren, wäre es also der subversiven Position angelegen, grenzenloses Einverständnis mit der Machtausübung zu verkünden, denn daß die Scheiße mit sich selbst identisch bleibt, ist ihr mehr Grund zur Freude als wenn sie durch den Dialog mit Oppositionellen die Gelegenheit bekommt, sich selbst als reformfreudig zu inszenieren. Der Fehler der Kritik und des Protestes in den Augen der Subversion ist, daß sie der Herrschaft immerzu vorwerfen, Fehler zu machen, dabei sei doch eine gelungene Herrschaft noch schlimmer als die armselige, mißlingende, vertrottelte. Subversive machen keine Kohl-Witze, der Subversion ist ein Kohl oder Louis Philippe immer lieber als ein Schmidt oder Napoleon. Solch Affirmation hat aber nicht nur eine inhaltliche Seite: Ich affirmiere die erbärmliche Herrschaft lieber als sie zu kritisieren, weil sie mir erbärmlich lieber ist und meine Kritik sie nur aufwertet; sie forciert auch die grundsätzliche subversive Tendenz zur Komplizierung. Da die subversive Differenz zu ihrer Umgebung aus dem hysterischen Überlegenheitsgefühl von deklassierten Intellektuellen und ästhetizistischen Adeligen herrührt, legitimiert sie sich traditionell vor sich selbst immer auch durch die Fähigkeit, kompliziertere Lagen als der entweder „dumme Bürger“ oder das „blinde, gesetzmäßige Kapital“ oder die „schwerfällige Verwaltung“ zu durchschauen: „When the Parisian students gathered in the squares, their only common element – their only medium of selfidentification – was their intellectual style, their ability to express themselves with eloquence and irony in challenging authority – above all in the form of paradox.“3
ad 3.) Der nächste Schritt ist logischerweise die Kommunikationsverweigerung. Dieser gewinnt an Bedeutung mit der Technologisierung von Kommunikation und Transparenz, durch die fortschreitend besser gelingende Zusammenarbeit von Soziologie und Polizeiwissenschaften und der Verbreitung der Erkenntnisse beider Disziplinen durch die Medienmacht. Von Brechts Ratschlägen an Städtebewohner4 bis zu Art & Languages „Don’t Talk To Sociologists“5 und den vielfältigen Versuchen „subversiver Bewegungen“, sich zu verschanzen und unkenntlich zu machen, gibt es vor allem in diesem Jahrhundert eine Tradition der künstlerischen Kommunikationsverweigerung – das Schweigen des Marcel Duchamp gehört übrigens nicht unbedingt dazu, fällt eher unter die individuellen künstlerischen Strategien, denen es eher um den Schutz eines individuellen Beitrags als um den eines prinzipiellen Einwands und dessen Milieu geht. Das Problem der Kommunikationsverweigerung ist, daß diese in der Regel veröffentlicht wird; daß sie in der Regel dem Schutz eines besonders privilegierten Kommunizierens innerhalb einer Subkultur, Bewegung etc. gilt und daher dieses Gelingen in der Geste der sauberen Kommunikationsverweigerung als Sauberkeit, Makellosigkeit mit abstrahlt, ja oft auch verkauft. In ihrer Einfachheit hat sie nicht nur eine spezifische Attraktivität auf das sie umgebende System, sie widerstrebt auch der ursprünglich essentiell subversiven Taktik der Komplizierung von Verhältnissen und ist entsprechend leicht zu knacken. Eine Variante, die sich dieses Dilemmas bewußt ist, findet man etwa in den Vorbemerkungen Guy Debords zu seiner vorletzten Publikation: „These comments are sure to be welcomed by fifty or sixty people; a large number given the times in which we live and the gravity of the matters under discussion. But then, of course, in some circles I am considered to be an authority. It must also be borne in mind that a good half of this interested elite will consist of people who devote themselves to maintaining the spectacular system of domination, and the other half of people who persist in doing quite the opposite. Having then to take account of readers who are both attentive and diversely influential, I obviously cannot speak with complete freedom. Above all I must take care not to give too much information to just anybody.“6 Er fährt dann fort, daß er seine Informationen nur geben könne in der Form chemischer Substanzen, die für sich genommen unnütz seien, sondern erst in Verbindungen mit anderen zur Wirkung kämen. Die Eliten, die so aus subversiven Zirkeln und Aktionen entstanden sind, kann man natürlich auch als Opfer ihrer kommunikationsverweigernden Strategie betrachten: Wer sich immer die Notwendigkeit der Verschlüsselung klar macht und im Zuge der Kommunikationsverweigerungspolitik den Kontakt zum auf diese Weise zu schützenden jeweiligen sozialen Raum verliert, bleibt am Schluß mit diesen strukturellen Aspekten der Verschlüsselung allein, einer Struktur, die dann nur noch taugt, Geheimgesellschaften, Logen und Eliten alter bürgerlicher Tradition zu betreiben.7
ad 4.) Das Motiv des Zerreißens und Zusammenfügens von Zerrissenem. Dies ist eine Variante der Kommunikationsverweigerung und des Anti-Dialogischen der Subversion. Statt mit der Welt der Kommunikation zu sprechen, wird diese durch ihre eigenen Hervorbringungen zum Sprechen gebracht, zu einer „wahren“ Aussage gezwungen. Diese Form, die das Spektakel oder die Kulturindustrie – um nur zwei Namen, die die Subversion ihren Gegnern zu geben pflegt, zu nennen – zwingen soll, die Wahrheit seiner Verblendungs- und Unsinnszusammenhänge auszusprechen, ist vielleicht auch diejenige, die am deutlichsten zeigt, wie subversive Strategien längst nur noch etwas einfordern, was der Macht schon lange kein Problem mehr ist: Was ist eine Collage im Zeitalter des Zapping noch wert? In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Menschen, die glauben, was sie im Fernsehen sehen, von 54 % auf 27 % halbiert: Auch hier hat Subversion also schon erfolgreich gearbeitet. Andererseits dient das Collagenhafte des Sampling auf Hip-Hop- und House-Platten „konstruktiven“ Zielen: neue Zusammenhänge, Archive, Stimmungen – keine Kritik des Zusammenhangs, sondern das interessierte Sichten seiner Trümmer, durchaus auch, um neue Zusammenhänge zu stiften.
ad 5.) Dazu paßt die Geheimdienstmetaphorik, in der sich die Subversion gefällt, die Klandestinität, die sie herbeiredet: Zum einen reagieren Subversive aller Epochen damit ganz naheliegend darauf, daß nicht nur ihre Kommunikation untereinander durch die Kontrolle der Kommunikationsgesellschaft permanent gefährdet ist, sondern auch darauf, daß die entscheidenden Informationen nicht verfügbar sind und nach der Art von Geheimdiensten beschafft werden müssen. Beim Golfkrieg ist das ja selbst noch den der Subversion unverdächtigsten Journalisten aufgefallen, heute kann dieses Problem auch gerne wiederum öffentlich gemacht werden, weil es gar nicht mehr so sehr um die Verfügbarkeit von Informationen für eine Gegenmacht geht, sondern um die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung – und da ist der technologische Vorsprung des Pentagons ungefährdet. Interessierten empfehle ich die zweite Nummer der mit subversiven und situationistischen Traditionen eng verbundenen Zeitschrift Warten, die in Berlin erscheint und dort im Anhang eine umfangreiche Liste von aktiven unabhängigen Geheimdiensten anbietet. Vor solchen Aktivitäten liegt die Metaphorik des Geheimdienstlichen als subversive Tradition. Meine Vermutung ist, daß deren Funktion sich nicht allein in der Ähnlichkeit subversiver Strategien mit geheimdienstlichen erschöpft, seit die Subversion, wie wir gesehen haben, von ihren Anfängen sich der Sprachregelungen bewaffneter Konflikte im selben Maße bedient wie die Militärs der Sprache der Philosophie. Nein, darüber hinaus bietet die geheimdienstliche Redeweise eine Möglichkeit, die heutzutage vielleicht allerschwersten Probleme der Subversion zu lösen: das Benennen eines Feindes und das Sichtbar-/Wahrnehmbarmachen seiner Verbrechen, die er durch permanente Kommunikation über sie erfolgreich verdunkelt. Denn da Informationen ja schon die „Poesie der Macht“ bilden, versuchen sich die Poeten der Subversion hilflos, über den Mangel an Informationen zu definieren. Es käme aber darauf an, die Sprache zu finden, die die Verbrechen, die sich nur noch in globalem Maßstab und gegen alle Trennung und Segregationen, die die informierenden Bilder und deren Ausstrahlung errichten, benennen kann. Das ist die drängendste ästhetische Aufgabe der Gegenwart.
ad 6.) Ein Problem der Subversion besteht immer darin, ihre Heerscharen zu benennen und zu kennzeichnen, ohne sie zu denunzieren oder soziologischer Analysierbarkeit zuzuführen. Punk-Rocker mußten sich seinerzeit Hakenkreuzbinden um die Arme streifen, um den von den Medien bereits ausgemachten einfachen soziologischen Erklärungen von Punk zu widersprechen (typisch subversives Pech, daß dabei andere Leute zugeguckt haben, die die Hakenkreuze auf der ersten Ebene ernst genommen haben). Selbstdefinition auf der operationalen Ebene kann die oben erwähnte Geheimdienstmetaphorik leisten: Wir sind die, die die Parole kennen. Häufiger haben wir es mit topographischen Redeweisen zu tun, in denen alte hierarchische Gesellschaftsmodelle nachklingen: Die Subversion siedelt sich unten an, im Untergrund, der Kanalisation, sie versteht sich als die Bewegung von Wühlmäusen und Maulwürfen. Die traditionsreiche spanische Anarchistenzeitschrift, El Viejo Topo, bringt das durch ihren Namen auf den Punkt: der alte Maulwurf und der alte Ort. Der Untergrund, die B-Ebene, hat nicht nur mit einer lumpenproletarischen Legitimation der Subversion zu tun, sondern auch mit dem Mythos der anderen, aber ebenso vernetzten Kommunikationsgänge, die man in der Kanalisation, in den Katakomben vermutet: Diese versprechen uneinsehbare, aber reibungslose Verständigung. Das lichtscheue Gesindel – wie die komplementäre Bezeichnung von oben lautet –, das sich da unten herumtreibt, ist also geschützt, es überlebt, wie man der in diversen Filmen wie der Klapperschlange von Carpenter zu Wort gekommenen kollektiven Phantasie entnehmen kann, diverse Katastrophen, die sich oben zutragen. Wird es auch die Katastrophe der staatlichen Underground-Förderung überleben? Jedenfalls hat die Untergrund-Metaphorik für sich, daß sie der Subversion durch die Vorstellung, in Höhlen Katastrophen zu überleben, sowas wie Geschichte ermöglicht, die ausharrende Dimension der Radikalität, die sich in allen kriegsbezogenen, situativen Selbstbildern nicht einzustellen vermag.
ad 7.) Hier haben wir es nun mit dem schwierigsten Problem der Subversion zu tun, dem der Komplizierung: Es beruht auf einer richtigen Einschätzung, daß letztlich nichts der Kommunikationsgesellschaft so schwer im Magen liegt, ja meist nicht einmal den Weg durch den Rachen findet, wie solche Komplexitäten, die nicht funktionell in die Naturwissenschaften und andere nützliche Tätigkeiten eingebunden sind. Subversive tendieren daher dazu, durch Wechseln der Bezugsrahmen, Abstraktionsebenen etc. transparent gehaltene Diskurse zu komplizieren, ohne in die Ebene der Sinnlosigkeit einzutreten, der Kommunikationsverweigerung: Andere Ebenen, Bezugsgrößen haben ja eine Berechtigung, auch nach der Logik der Kommunikationsgesellschaft und der Informationsdealer; nur ist deren oberste Maxime, eine Datenmenge so klein wie möglich, eine Struktur so einfach wie möglich zu halten, um die schnelle Verarbeitung und Zirkulation zu gewährleisten, die die Nachfrage stabil hält. Soweit scheint subversive Komplikation daher strategisch vernünftig. Das führt uns aber zu drei Unterproblemen, von denen das dritte das schwerwiegendste ist: Wie hältst du’s mit der Vernunft? Davor steht die Frage der eigenen Handlungsfähigkeit, und davor das bereits angeschnittene Problem, daß im Zuge von Komplizierungsmaßnahmen die subversive mit der avantgardistischen Strategie zusammenhängt. Letztere ist aber keine Strategie. Die Avantgarde-Kompliziertheit glaubt an die wahre Kompliziertheit des Menschen, die nur noch gegen die Dummheit und Ungebildetheit durchzusetzen sei, verfolgt also ein aufklärerisch-modernes Projekt und dezimiert schließlich auch in der subversiven Praxis deren vorausgesetzte Distanz zwischen Praxis und persönlichem Genuß, eliminiert jedes „Als ob“. Natürlich gibt es Zwischenformen – ein limitiertes Arbeiten mit Komplizierungen –, aber grundsätzlich führt es zu einem weiteren Problem: Ist tatsächlich Komplexität sozusagen ein wahrerer oder richtigerer Zustand? Komplexität führt heraus aus überkommenen Ordnungen, den Desideraten sogenannter zivilisatorischer Prozesse, an die sich die subversive Geschichtsschreibung nicht unfalsch als gewaltsame Prozesse erinnert. Aber die Reduktion von Komplexität, die Dressur der vielfältigen Glaubens- und Aberglaubensgemeinschaften Europas unter Kreuz und später Vernunft, ist natürlich nicht nur ein einseitiger Prozeß gewesen, infolgedessen die Macht etwas gegen ihre Untertanen durchgesetzt hat, wie die Vernunftkritiker seit zwanzig Jahren predigen, sondern ebenso oft eine Technik der Emanzipation und der Rebellion. Erste Stufe der Handlungsfähigkeit ist die Identität. Ich oder meine Nation, Rasse, Volk können nur handeln, wenn wir eine Identität haben. Wir können andererseits auch dann nur belangt werden, wenn wir eine Identität haben. Aus letzterer Überlegung, die die Grundlage jedes europäischen Rechtssystems ist – der, der gestern diese Fensterscheibe eingeschlagen hat, ist auch in drei Wochen noch dieselbe Person und kann daher zur Verantwortung gezogen werden –, rührt die subversive Ablehnung von Identität, die – man könnte sagen – pragmatisch-revolutionäre Feigheit. Wenn nun aber – und darauf werden wir gleich kommen – ein Hauptproblem von Subversion ist, daß alle ihre Strategien (als wären sie Ziele) längst durchgesetzt sind – wenn auch in anderer Form –, dann wird man finden, daß die zunehmende Bereitschaft unserer westlichen Systeme, weite Teile der Bevölkerung unbeaufsichtigt und von einem ausbeutungsunfähig gewordenen Kapitalismus nicht einmal mehr ausgebeutet, bezeichnungs-, namen- und verantwortungslos verrotten zu lassen, auch eine Bereitschaft ist, diese Bevölkerungsteile der Kompliziertheit auszusetzen, der namenlosen, kontingenten Komplexität des täglichen Überlebenskampfes. Der noch komplizierter dadurch wird, daß die Logik des Rassismus das Leben dieser Nichteinmalmehrausgebeuteten bestimmt, der den Anteil des Willkürlichen und Unerwarteten noch steigert. Rassismus ist ja ein System, das nach willkürlichen Gesichtspunkten, nicht aus der Logik einer Sache Ausschluß- und Einschluß-Entscheidungen trifft. Deleuze hat mit seiner Vision vom „elektronischen Halsband“8 gezeigt, daß die Methode des Rassismus noch gesteigert werden und noch mehr Unsicherheit und Komplexität für die Opfer hervorbringen kann, gleichzeitig effizienter wird für das Ausschließungssystem: Nicht mehr noch beschreibbare und traditionelle Rassismen (Hautfarbe, Religion, Kultur etc.) bestimmen, wer rein darf und wer nicht, sondern ein Zufallssystem antwortet auf den hoffnungsvoll seine Codekarte in die Eintrittspforte Einführenden mit Ja oder Nein, das nach Kriterien oder Algorithmen vorgeht, die der Untertan nicht verstehen kann.
Als Individuen nur noch als Repräsentant einer Rasse oder Lage zugelassen, als Gruppe/Nation nur durch die Abwesenheit von materiellem wie immateriellem Reichtum gekennzeichnet, ohne einheitliche, reduktionistische Idee von sich selbst, sind die heutigen Rassismus-Opfer in einer Lage, die wie die Karikatur des subversiven Paradieses aussieht. Nicht nur die Aporien ihrer eigenen, in 150 Jahren in Europa entstandenen Begriffe, sondern auch die historische Entwicklung des kapitalistischen Systems in globale Krisenhaftigkeit und Integrationsunfähigkeit stellen den Subversiven heute die Gretchenfrage – wie sie es mit ihrer eigenen Handlungsfähigkeit halten, mit der Reduktion oder Unterwerfung ihres strategisch-taktischen Denkens unter das Kuratel einer operationalen Vernunft-Pragmatik, die nun selber setzen muß und sich nicht mehr darauf verlassen kann, Ausflüchte und Risse in einem totalisierenden System zu finden oder zu produzieren.
Dazu zunächst die Frage, ob wirklich der Kapitalismus oder das kapitalistische System der Feind der Subversion ist. Wir haben zwar als Geburtssituation der Subversion die Allianz aus deklassierten, ästhetizistischen Adeligen und kleinbürgerlichen oder geradenichtmehrproletarischen Anpassungsbehinderten erwähnt und damit als Produkte des Hochkapitalismus, aber das klassisch antikapitalistische Subjekt, die Arbeiterklasse und ihre Organisation, sind in subversiven Ideen allenfalls als ideale nichtpräsente Bündnispartner vorgekommen oder wegen ihrer Institutionalisiertheit verworfen worden. Der Feind der Subversion ergibt sich zunächst aus ihrer eigenen Geheimdienstmetaphorik: Ein Geheimdienst wird nötig, wo nicht alle Fakten zugänglich sind. Wenn die Macht Fakten verbirgt, spricht man von Verschwörung. Wenn eine auf Kommunikation und Transparenz und Informationshandel gegründete Macht sich verschwört, braucht sie eine höhere hermetische Sprache, ihr Gegner muß also nicht verschwiegene Fakten hervorbringen, wie die konventionelle Journaille in ihrem Recherche-Begriff immer noch andeutet, sondern er muß vorhandene Fakten lesen. Harry Allen, der Presse-Sprecher von Public Enemy, erklärte neulich, anläßlich des vielverwendeten Begriffs der „Conspiracy against the black male“, daß man sich unter einer Verschwörung nicht irre lachende verrückte Wissenschaftler in einer Katakombe vorzustellen habe, sondern nichts weiter als die Synergie verschiedener Entwicklungen im Hinblick auf ein Ziel. Damit hat er etwa beschrieben, wie sich Subversive in einer alternativen Lektüre gegebener Fakten und Tendenzen ihre Verschwörungstheorien basteln; und ich wäre der Letzte, der deren Evidenzen automatisch einen geringeren Rang als den offiziellen oder wissenschaftlichen Erklärungen zubilligt. Nun ist die aktuelle Lage aber die, daß nicht nur alle Zersetzungs- und Auflösungsideen der großen subversiven Bewegungen sich durchgesetzt haben, tatsächlich glaubt aber eben auch kein Mensch mehr an irgendeinen im Fernsehen gesprochenen Satz, kein Mensch, daß irgendwas echter wäre als irgendwas anderes, und entsprechend nimmt die Anzahl kleiner subversiver Praktiken zu, die nichts anderes zu sein scheinen als individuelle Paranoia, in Wahrheit genau nach der von der Subversion vorgeführten Lesart bereitstehender Fakten vorgehen und dann einen Kanzlerkandidaten nicht wegen Verwicklungen in Ausbeutungs-Verbrechen an der Dritten Welt mit Messern erstechen – nicht zuletzt aufgrund der Erkenntnis, daß das Problem der Dritten Welt nicht mehr ist, ausgebeutet zu werden, sondern immer mehr vom Welthandel ausgeschlossen zu werden –, sondern wegen zusammengereimter, fixer Ideen von unterirdischen Menschenfabriken. Was für eine ideale Metapher für die Grundstruktur aller hippiebewegter Verschwörungstheorien. Identität, nicht zuletzt aufgrund polizeiwissenschaftlicher Evidenzen, die keine philosophischen Konstrukte mehr brauchen, um Straftäter als Individuen zu konstruieren, Identität als das Unversehrte gegenüber einer in Verschwörungen zerfallenen Welt, kommt so zurück als die Bitte der überflüssig Gewordenen, wenigstens über Bestrafung noch teilzunehmen an einem privat ausgedachten Rechtsuniversum, oder umgekehrt sich über Bestrafung wenigstens noch konstruieren zu können. Der zu Ende geführte, popularisierte Prozeß der Subversion befand sich in Übereinstimmung mit der realen Entwicklung des Überflüssigwerdens menschlicher Arbeitskraft: Seine Parole „Nie wieder Arbeiten!“ ist real falsch erfüllt worden. Die Opfer dieses Prozesses, die erzwungen subversiven Figuren Marke Lafontaine- oder Schäuble-Attentäter, die im Gegensatz zu Guy Debord keine Wahl gehabt zu haben scheinen, verwirklichen, wie die vielen neuen Nationalismen ebenso falsch: Identität.
Diese Lage zu Ende gedacht kann nur zu dem Schluß führen, die alte Tätigkeit, Lesen und Schreiben von Verschwörungen, mit einem neuen Konzept von Identität und Handlungsfähigkeit zu verbinden. Diese kann sich nur konstituieren durch eine andere globale Kommunikation. Diese gibt es bereits als produktive Mißverständnisse in der Welt der falschen Internationalität von Kunst, Kultur und Unterhaltungsindustrie. Bei dem total unprofessionellen Lesen von Signalen des einen Ghettos in dem anderen Ghetto entstehen kommunikative Monster. Dennoch weht der heiße Atem der Intervention oder ihrer Möglichkeit durch Straßen, Warehouse-Parties, Campusse und Jams. Schon kommen wieder Leute wie ich und suchen und finden „Strategien“. Dabei ist das vielleicht das Problem: Der kalte Begriff der Strategie, von jeher die Letztbegründung rechten, militärischen und Obrigkeitsdenkens9, der immer eine Distanz, einen Bruch, eine Verschiebung zwischen einen politischen oder symbolischen Akt und seine Verursacher treibt, muß aufgegeben werden. Neben altem kapitalistischen Identitätsterror (dem man Komplexität entgegensetzt) und neuem postindustriellen Komplexitätsterror (dem man Stammes- und erfundene Nationsidentitäten entgegensetzt), die weiter existieren, wird man lernen müssen, Geheimnisse (auch des Herzens) zu bewahren, ohne gleich Geheimgesellschaften zu gründen. Oder Wissen zu verbreiten, ohne auszubilden. Entscheidend wird das Ziel, das man nur im Alltag setzen kann, wenn es sich nicht in der Strategie verflüchtigen soll. Auch darum war das Entstehen von p. c., gegen alle Gesetze der politischen Eleganz, unumgänglich.
- Agentur Bilwet, Bewegungslehre, Amsterdam und Berlin 1991. ↩︎
- Toni Negri, The Politics of Subversion – A Manifesto For The Twentyfirst Century, Cambridge 1989, S. 51. ↩︎
- Negri, Politics, a. a. O., S. 50. Die Pariser Studenten, von denen die Rede ist, sind notabene nicht die 68er, sondern die 87er. ↩︎
- Nämlich „Verwisch die Spuren“, aus: Aus einem Lesebuch für Städtebewohner:
Trenne dich von deinen Kameraden auf dem Bahnhof
Gehe am Morgen in die Stadt mit zugeknöpfter Jacke
Suche dir Quartier, und wenn dein Kamerad anklopft:
Öffne, oh, öffne die Tür nicht
Sondern
Verwisch die Spuren!
Wenn du deinen Eltern begegnest in der Stadt Hamburg oder sonstwo
Gehe an ihnen fremd vorbei, biege um die Ecke, erkenne sie nicht
Zieh den Hut ins Gesicht, den sie dir schenkten
Zeige, oh, zeige dein Gesicht nicht
Sondern
Verwisch die Spuren!
Iß das Fleisch, das da ist! Spare nicht!
Gehe in jedes Haus, wenn es regnet, und setze dich auf jeden Stuhl, der da ist
Aber bleibe nicht sitzen! Und vergiß deinen Hut nicht!
Ich sage dir: Verwisch die Spuren!
Was immer du sagst, sag es nicht zweimal
Findest du deinen Gedanken bei einem andern: verleugne ihn.
Wer seine Unterschrift nicht gegeben hat, wer kein Bild hinterließ
Wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat
Wie soll der zu fassen sein!
Verwisch die Spuren!
Sorge, wenn du zu sterben gedenkst
Daß kein Grabmal steht und verrät, wo du liegst
Mit einer deutlichen Schrift, die dich anzeigt
Und dem Jahr deines Todes, das dich überführt!
Noch einmal:
Verwisch die Spuren!
(Das wurde mir gelehrt)
Das liest sich heute genau wie ein Fehlfarben-Text und erinnert daran, daß man zu Recht die aufgezwungenen Lebens- und Kampfformen immer nur romantisieren kann. Romantiker im Maße seines Scheiterns zu sein, wie Guy Debord sagt, ist nicht unbedingt Versagen, sondern möglicherweise in Bezug auf die Durchführbarkeit aufreibender, verschwenderischer Lebensstile vernünftig. ↩︎ - Auf der LP Corrected Slogans von 1976, Privatpressung. ↩︎
- Guy Debord, Commentaires sur la société du spectacle, Paris 1988, von mir englisch gelesen als: Comments On The Society Of The Spectacle, London und New York 1990. ↩︎
- Ein ähnliches Mißverständnis konnte man in der frühen enthusiastischen deutschen Anti-Ödipus-Rezeption beobachten, wo der Terminus „minoritär“, „Minoritäten“ auf die wenigen Auserlesenen übertragen wurde, für die sich die akademischen Outlaws, die damals Deleuze/Guattari lasen, seinerzeit hielten. ↩︎
- Gilles Deleuze, „Postscripts On The Societies Of Control“, in: October, 59/92. ↩︎
- Diesen Hinweis verdanke ich Mark Terkessidis. ↩︎