Die Kunst, der Markt und die Krise. Eine Betrachtung
Traditionellerweise gehört das urteilende Kunstgespräch zur ästhetischen Erfahrung. Diese besteht, etwa bei Kant, ganz entscheidend darin, ein ganz und gar subjektives Erlebnis in einer argumentativen Rede im Gespräch mit anderen zu objektivieren. Doch woher nimmt man die Maßstäbe, um die subjektiven Erfahrungen mit ganz verschiedenen Kunstwerken in Verbindung zu setzen? Eine Hilfskonstruktion waren Handwerk und technisches Können. Als Überbleibsel aus einer Zeit, als das Kunsterlebnis zu einem entscheidenden Anteil von der Bewunderung von Kunstfertigkeit geprägt war, überwinterten diese Kategorien, auch wenn sie dabei manche Verwandlung durchmachten. Indem einzelne Genres künstlerischer Produktion über bestimmte Regeln definiert wurden, Regeln, die sich eben vor allem auf die Herstellung bezogen, konnte (auch lange nachdem die Künste aus dem Stadium ihrer Handwerklichkeit hinausgetreten waren) Qualität von der Beherrschung bestimmter Regeln hergeleitet werden – oder vom genialen Bruch mit denselben. In keiner der Künste wurde indes der Bruch mit einer solchen Produktionsästhetik so früh so weit geführt wie in der bildenden Kunst.
Hier wurde früher als anderswo klargestellt, dass konzeptuelle Überlegungen zum institutionellen Rahmen, ja die Reflexion über die Bedingungen, warum ein Objekt ein Kunstwerk ist oder nicht, wichtiger seien als die Anwendung von Regeln oder deren heroisch-machohaftes Brechen. Die bildende Kunst entwickelte seit der Wiederentdeckung Marcel Duchamps und seiner Readymades in der Nachkriegszeit eine Distanz zur unmittelbaren Fertigung von Objekten, die weder Kino noch Musik, kein Theater und kein Tanzabend kannte. Aus dieser Distanz wurde es möglich, sich quasi für alle künstlerischen Praktiken zuständig zu fühlen. Spätestens seit den 1960er Jahren widmet sich die bildende Kunst allen Künsten. Es gibt Spielfilme und Experimentalfilme, Musikvideos, Theaterstücke, Tanztheater, Architektur, Städteplanung, Möbel und vieles mehr von Künstlern – und diese sind damit kategorial etwas anderes als Spielfilme, Möbel und Tanztheater, die nicht von bildenden Künstlern stammen. In der bildenden Kunst herrscht demzufolge eine Produktionslogik, die jede genrespezifische Debatte verfehlen würde. Jeder Film und jedes Möbelstück, die im Kontext bildender Kunst entstehen, kann nicht mit Möbeln und Filmen verglichen werden, die sich mit anderen Möbeln und anderen Kinoproduktionen vergleichen lassen müssen; stattdessen müssen sie mit allen anderen Objekten verglichen werden können, die Künstler hergestellt haben. Wie aber sollen diese im besonderen Meta-Modus der bildenden Kunst entstandenen Arbeiten und Interventionen dann in Beziehung zueinander gesetzt werden?
Anders als die Beteiligten dies wollen, hat nun genau diese Rolle der Meta-Vermittlung und des Meta-Vergleichs der Markt übernommen. Niemand kann ein exzentrisches Objekt aus totem Tier und eine Aktion in einer Einkaufspassage, so hat es den Anschein, so gut vergleichen und in Beziehung zueinander setzen wie der Markt. Der Markt bewertet Waren, und dazu gehören Kunstwerke auch dann, wenn sie keinen Werkcharakter mehr haben und ohne Objektform auskommen, ja sich prozesshaft in der Welt verlieren – solange es jemanden gibt, der sie bezahlt. Dabei macht er keine Einschränkungen in Bezug auf die Gültigkeit ihres Bewertungskriteriums: Tauschbarkeit. Und wenn gegenüber allen Dingen nur ein Vergleichsmaßstab gilt, kann das so Gemessene maximal divergieren: Nur der Markt kann Symphonien und Schweinehälften vergleichen. Die Gerechtigkeit (oder Gleichgültigkeit) des Marktes wird dennoch übertrieben: Er vergleicht ja nicht einfach mit einem abstrakten Maßstab, sondern benennt je eine konkrete Quantität (Geld), die einem Ding entspricht (und die sich ihrerseits nur in Dinge tauschen lässt, die maximal denselben Wert haben dürfen).
Er registriert nicht die Eigenschaften des Vergleichsobjekts, sondern nur seine Tauschbarkeit: In wie vielen Einheiten des Maßstabs kann man das Ding tauschen? Der Markt ist also tautologisch: Er sagt nur etwas aus über den Tauschwert, mithin über das potenzielle Schicksal des Objekts genau auf dem Markt und nur da. Die metakünstlerische Kunst will auch jede Art von künstlerischer Praxis mit jeder anderen Art von künstlerischer Praxis vergleichbar halten, aber aus einem genau entgegengesetzten Grund. Haben alle bisherigen, von den Traditionen der Beherrschung eines spezifischen Materials abgeleiteten Bewertungen immer dazu beigetragen, die künstlerische Aktivität als gesellschaftliche und mit allen gesellschaftlichen Bereichen in Verbindung stehende auszublenden und über diese Tradition zu legitimieren, geht es nun darum, möglichst viele und tendenziell alle Aspekte künstlerischen Handelns zu ihrer Genese, Wirkung, Umgebung etc. in Beziehung zu setzen. In dem Maße, in dem der Markt also die Vergleichbarkeit von potenziell allen Objekten um den Preis herstellt, dass er sich bei der Bewertung auf eine Eigenschaft beschränkt, die Tauschbarkeit (Verkäuflichkeit), im selben Maße sollen in einer konzeptuell grundierten, metakünstlerischen Kunst tendenziell alle Eigenschaften und Relationen künstlerischer Praxis mit allen anderen vergleichbar werden. Doch auch diese Idee einer grundsätzlichen Vergleichbarkeit und Übersetzbarkeit ist auf eine externe Instanz angewiesen: die Sprache. Auch diese ist natürlich nicht wirklich transparent und gleichgültig gerecht, sondern immer einerseits durch ihre spezifische Tradition gefärbt und andererseits in ihrem aktuellen Gebrauch interessegeleitet.
Die metakünstlerische Kunst behilft sich, indem sie diese Meta-Sprache nicht aktualisiert, sondern in der Latenz der je aktuellen Vergleichsprozesse hält, mitgedacht, aber unausgesprochen. Solange der Markt seine Vergleichbarkeit installiert, kann sich das andere Vergleichen einreden, alles anders zu machen als der Markt, außer eben auch zu vergleichen; dies aber anhand von Argumenten, Qualitäten und Besonderheiten. Der Markt steht dann implizit für die Möglichkeit zu vergleichen, das konkrete Vergleichen, das man selber anstellt, aber für dessen Gegenteil. Wenn der Markt aber kollabiert, wird das sprachbasierte Vergleichen sich selbst zum Problem. Dann entsteht wieder selbstreflexive Kunst, die diese Probleme in neue Meta-Diskurse einspeist, die sich dann wiederum von einer höheren Ebene vergleichen lassen müssen; nicht zuletzt, wenn nichtmarktförmige Geldgeber (Staat u. a.) entscheiden müssen, welcher Praxis sie gegenüber einer anderen den Vorzug geben.