Text in Martin Kippenberger: Peter

Borges hat bei einem gewissen Franz Kuhn etwas über eine chinesische Enzyklopädie gefunden, die „Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse“ heißt. Darin soll es folgende Systematik der Tierwelt geben, die wiederum Foucault anregte, „Die Ordnung der Dinge“ zu schreiben: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, j) unzählbare, k) die mit einem feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen. Mit einem Sprung, so sinngemäß Foucault, erreicht man bei dem Staunen über diese Aufzählung die Grenze unseres Denkens – die Unmöglichkeit das zu denken.

Was anderes aber als Denken sind die kognitiven Prozesse, die zum Errichten solcher Ordnungen führen, die zum Beispiel auch die Skulpturen Martin Kippenbergers organisieren, ohne daß diese Organisation ihrer Struktur nach zu beschreiben wäre.

Andrerseits ist klar, daß das Erstellen einer solchen Taxonomie weder den Gesetzen der freien Assoziation folgen darf, noch anderen Techniken, die als dadaistische oder surrealistische bekannt sind.

Stattdessen plädiere ich dafür, das Denken – und es ist ein Denken, das das Undenkbare organisiert, auf undenkbare Weise dazu und logischerweise – das NICHTDENKEN zu nennen. Wobei NICHTDENKEN weder die Abwesenheit von kognitiven Prozessen, noch östliche Autopsychose-Techniken (als „Meditation“ bekannt), noch Intuition oder Irrationalität meint, sondern ein Gegenteil des Denkens, das freilich auf vielfältige Weise mit dem Denken verbunden ist, auf das Denken bezogen ist, wie das Nichtrauchen auf das Rauchen und seit alten Zeiten wesentlicher Bestandteil künstlerischer Praxis.

Bei Kippenberger aber ausgezogen, bis es als Königsweg zur Plastik stehenbleibt: Das Nichtdenken bestimmt nicht nur Reihenfolge und Beziehung untereinander der Plastiken, die Martin Kippenberger in dieser Ausstellung zeigt, sondern auch ihren Aufbau im einzelnen und besonderen: wie die Teile zusammengesetzt sind, wo sie warum mit was lackiert/nicht-lackiert wurden, wo was warum genäht, genagelt, genoppt wurde und welche beabsichtigten oder nichtbeabsichtigten und dennoch respektierten Fehler mit welchen Farben so weit übermalt wurden, daß einerseits die Fehler noch sichtbar sind, aber ebenso die Entscheidung, sie als Fehler anzuerkennen und sie daher korrigieren zu müssen, diese Korrektur aber auf halbem Wege abbrechen zu müssen, aus Respekt der mit diesem Fehler gewonnenen Schönheit gegenüber, den Beginn der Korrektur jedoch stehen lassend aus Respekt vor der Tatsache, daß die Schönheit mit einem Fehler gewonnen wurde und vor der Freiheit des Willens und sicher auch nicht ganz uneingedenk der Tatsache, daß soviel Respekt möglicherweise seinerseits Schönheit abwirft.

Ich glaube, das Gesetz des Nichtdenkens hat weniger etwas mit einer negativen Beziehung zur Logik etwa oder zu anderen Gesetzen konventionellen Denkens zu tun, sondern mehr mit einer Überbewertung der Temperaturen des Denkens, also den Beziehungen zwischen den vier Ecken Scharfsinn, Stumpfsinn, Grobheit und Feinheit. Das Nichtdenken spürt sich in diesem Spannungsfeld, sein Ziel ist es, die Unterschiede zwischen größter Feinheit und größter Grobheit gegen null gehen zu lassen, andrerseits Scharfsinnigkeit und Stumpfsinnigkeit unversöhnt und in schnellstmöglicher Reihenfolge einander jagen zu lassen, keineswegs unparteiisch. Es ist die Heizung des Denkens, aber auch sein Kippfenster. Als der Gitarrist Alex Chilton einmal das Studioband nicht auf die richtige Geschwindigkeit eingestellt hatte, als er „Rock Hard“ spielen wollte, hat er einfach gewartet, bis ein dramaturgisch entscheidender Moment dieser Rockabilly-inspirierten Nummer kam, und dann das Band, das anschließend langsamer lief (weswegen die Musik schneller, also normalschnell wurde), umgestellt. So hört man das auch auf Platte. Aber eigentlich wollte ich von dem Satanisten Roky Erickson erzählen, der auf der Suche nach geeignetem Heavy Metal auf das Lied „Don’t Look Around“ von der stumpfsinnigsten Gruppe Mountain stieß. Der Text ging so: „Don’t look around, cause I’m never comin’ back / High time you saw the last of me“. Erickson fand diese Melodie attraktiv für diesen Text: „Two-headed dog / Two-headed dog / I was working in the Kremlin with a two-headed dog / Two-headed, two-headed, two-headed!“

Ein großer Teil der ausgestellten Arbeiten sind Berichtigungen durch doppelte Verneinungen, eine vorgefundene Fehlerhaftigkeit wird nachgebaut und ein Fehler beim Nachbau hebt die Fehlerhaftigkeit des ersten vorgefundenen, aber selbstverständlich erhaltenen Fehlers wieder auf. So wurde zum Beispiel verfahren mit der Kistenkonstruktion, die ein spanischer Parkwächter für sich und seinen Hund gebaut hatte, so auch mit einer Tiefkühltruhe, einem Gerhard-Richter-Original oder einem idealen Regal, das sich der Assistent in seiner Jugend bauen ließ und das er jetzt eigenhändig mit allen Elementen, die an einem Regal pubertär sein können, nachbaute, bevor Kippenberger es von Meisterhand vollendete. Usw.

Alle Dinge auf der Welt enthalten Zartheiten und Grobheiten. Das Nichtdenken hat dafür die Reaktion der unterschiedlichen Empfindlichkeiten vorgesehen. Die das als zart Vorgesehene und das als grob Vorgesehene planvollen Überempfindlichkeiten oder Überunempfindlichkeiten aussetzen, um in stoischem Gleichmut heiter mit dem Material arbeiten zu können, ohne das, was keine der beiden Qualitäten enthält, überhaupt anschauen zu müssen. Den Unterschieden zwischen Stumpfsinn und Scharfsinn bleibt das Nichtdenken gegenüber gleich empfindlich. Beiden wird großer und deutlich geschiedener Raum in den Plastiken Kippenbergers wie in ihrem Bauplan und in ihrem ontologischen Status eingeräumt.