The Bats

„Klar gibt es das bei uns alles auch: Majors, multinationale Firmen, Kapitalismus, Mainstream, aber wen interessiert das schon? Das einzige Establishment, das eine neue, junge Band in Neuseeland bekämpfen wollen könnte, sind Leute wie wir, das Flying-Nun-Label, alle, die eben schon etwas länger dabei sind.“

Die Bats sind fast eine Supergroup des neuseeländischen Underground, der in diesem Land niemals ein richtiger Underground werden konnte, weil sich nichts Zähes, Fettes und Undurchdringliches drüberlegen wollte. Daher gibt es in Neuseeland selbst auch nicht den Kult für Flying-Nun-Gründerväter-Bands wie Toy Love, aus der Bassist Paul Kean hervorging oder für The Clean, von denen Gitarrist und Lyricist Robert Scott absprang, die es in Europa für beide Bands geben mag (und der neuerdings durch die US-Fanzines geistert, die bisher nur Lärm-Avantgarde oder Politgruppen auf SST ertragen konnten). Zusammen mit Schlagzeuger Malcolm Grant und Gitarristin Kaye Woodward gründete sich das Quartett schon ’82, lieferte einen Haufen Maxis ab, Singles, die es, gesammelt und um Extras ergänzt, als Flying-Nun-Tape gibt und veröffentlichten zur diesjährigen ausgedehnten US/Europa/Rest-der-Welt-Tour die erste LP Daddy’s Highway und eine „4-Songs“-EP mit ihrem größten Fast-Hit „North By North“ im Ganz-knapp-Hit-Remix. Zartes Material, unschuldig unbewußte Entwürfe von neuen, widerspruchsfreien Menschen, diese neuseeländische Neuartigkeit stimmungsmäßig verbreitend, die einem Europäer so seltsam anmutet, daß hier nämlich großartige Mackenmusik, bisher exklusiv zum Transport des alleridiosynkratischsten Geniematerials geeignet, völlig mackenfrei gespielt wird, was Bandnamen wie The Clean oder The Tall Dwarfs so gut ausdrücken.

Live, als Nachgruppe zu Beat Happening, vollends unverständlich. Calvin von Beat Happening wunderte sich schon während diverser Stage-Moderationen über diese seltsamsten Menschen, die er je getroffen hat: „Sie sagen in irgendeinem komischen Akzent etwas zu einem, und man soll gar nicht antworten, sie sagen’s nur einfach und man nickt dazu.“ Robert Scott sieht aus wie der Chefredakteur eines aufstrebenden, aber im Herzen avantgardistischen Kunstmagazins aus London, Paul Kean, der einzige irgendwie von Lyrik umflorte Mensch in dieser Band, könnte aus einer australischen Band herausgefallen sein, Kaye Woodward schrammelt selbstvergessen und Malcolm Grant ist Ringo Starr, also Gerd Müller, aber wie immer in Neuseeland ohne den Haken, den ein jedes Klischee im Rest der Welt mit sich herumführt: er ist nicht blöd.

SPEX: Eure Musik ist für mich alles von der dritten Velvet Underground bis Morrissey, aber ohne den Urbanismus von Lou Reed und den Dandyismus von Morrissey, wenn Ihr versteht, was ich meine, also ein bekannter Sound ohne die konventionell dazugehörenden Gefühle, Stimmung, Gesinnung, also total unique, aber ich versteh’ es nicht ganz … äh.

Paul: „Schön, schöne Beschreibung, ein echtes Kompliment.“

Robert: „Tja, ich weiß nicht, ob unpersönlich das richtige Wort …“

Malcolm: „Er will sagen, daß wir durchaus Egos haben.“

SPEX: Wovon man aber echt nichts merkt.

Paul: „Wir haben dieses Video gedreht, in London, wo sich alle Busse und Menschen im Zeitraffer bewegen, aber wir still stehen. Das sollte in etwa unsere Situation erklären, als Neuseeländer im europäisch-amerikanischen Musikleben, aus einer anderen Zeit kommend.“

Robert: „Wie? Das sollte das heißen? Das hat mir nie einer gesagt.“

Kaye: „Also ehrlich, ich hatte auch keine Ahnung, also so eine Interpretation …“

Malcolm: „Ist doch nicht ganz falsch, stimmt doch!“

Robert: „Ja, schon, aber er hat nie etwas davon gesagt.“

Paul: „Du erklärst mir deine Songs auch nicht. Ihm hast Du vorhin gesagt, wovon sie handeln, mir hast du das nie gesagt.“

Robert: „Ja, stimmt schon, ich schreibe so Texte, die mir was bedeuten, und gebe sie dann der Band ohne nähere Erklärung, aber ich glaube auch, daß das der Umsetzung besser bekommt, wenn jeder sich was anderes dazu vorstellt.“

Und so weiter. Kaum in die von uralten Konflikten, uralten Traditionen der Ich-Konfiguration, uralter Politik und uralter Psychologie bewölkte Atmosphäre Europas geraten, schälen sich plötzlich unharmonische, vertraute Band-Strukturen heraus.

SPEX: Ist es denn wahr, wie ich mir das vorstelle, daß ihr in Neuseeland in so einer Art verwirklichten Utopie lebt?

Bats: „Verglichen mit Europa schon, aber … Alles ist sehr klein. Wenn man öfter als alle 6 Monate spielt, gähnen die Leute.“

SPEX: Auf dem Backcover einer Able-Tasmans-Platte sieht man circa dreißig gleichartig verschiedene, friedlich individualistische Menschen, die statt einer Special-Thanks-Liste da abgebildet sind, weil sie Able Tasmans irgendwie geholfen haben. Sieht ungefähr so das Leben in Neuseeland aus?

Bats: „Die Able Tasmans sind Hippies, aber eine sehr gute Band. Doch, teilweise ist es so.“

Es ist wie auf den Galapagos-Inseln, würde ich sagen, Indie-Guitar-Pop hat keine natürlichen Feinde und so konnte eine Öko-Nische entstehen, die musikalische Formen überleben ließ, die in anderen Klimata längst umgekommen wären.

Ja, Leser, Du hast richtig geraten, die Bats klingen in erster Linie wie eine C-86-Band, und, ja, sie sind nicht die originellste und eigensinnigste in Neuseeland, ziehe zum Zeitpunkt der Niederschrift Bird Nest Roys oder Able Tasmans durchaus vor, aber es ist doch etwas um sie, was sie von Engländern unterscheidet, eine naturvolkmäßige Unerschrockenheit ohne Angst und Hetze und die Fallen des Stilgefühls, des guten Geschmacks und der Angst vor Peinlichkeiten, Nebensächliches und Belangloses auszufeilen, auszuarbeiten, ja zu feiern. Sie haben Zeit. In Neuseeland läßt das Arbeitslosengeld genügend Spielraum, sich in aller Ruhe zu entwickeln. So entstehen natürlich keine Henry Rollinse (mit dem der Zufall sie in den USA auf dasselbe Label gespült hat: „Puh, muß ein komischer Typ sein, haben eigenartige Stories über den gehört.“), sondern eine nicht zu verachtende jungsmäßige Variante von höheren Töchtern, britische Internats-Idiosynkrasien, die aber im Gegensatz zum Mutterland nicht dazu gemacht werden, um später im Berufsleben als Übel und Galle ausgeteilt zu werden, sondern lebenslänglich das reizend gelegene Landschulheim Neuseeland nicht verlassen müssen. Und trotzdem haben sie mit Alex Chilton getourt: „So ein netter Mann, wir sind große Fans, und es war toll, ihn zu beobachten.“

Und, ja, doch, sie haben auch so etwas wie Obsessionen. Natürlich nicht die von Henry Rollins oder Rob Younger („ja, ja, die Australier, die müssen immer so kaputt sein“) oder Rainer Werner Fassbinder, sondern eher die mir verwandten: „Immer, wenn ich in Europa bin, pilgere ich zu den großen Bahnhöfen des Kontinents. Es gibt keine schöneren Bahnhöfe als die europäischen, so große! so viele! und so verschiedene!“ sagt Paul, den ich mit den Geheimtips Inverness/Schottland, Sevilla/Plaza de Armas und Águilas/Prov. Murcia, nicht zu vergessen Drama und Livadia/Griechenland (what about Skopje und Barcelona-Sants?) in Frieden zum Waschsalon ziehen lasse. (Die Bats hassen es, in dreckigen Sachen rumzulaufen.)