The Kids Are Not Alright. Abschied von der Jugendkultur

Ende der Fünfziger wurde sie erfunden, in den Neunzigern wird es Zeit, sich von ihr zu verabschieden: Die Jugendkultur. Nicht nur für Spex bildeten Pop, Revolte und Abgrenzung die Basis der täglichen Existenz. Doch plötzlich funktioniert das Spiel mit den Selbstverständlichkeiten nicht mehr. Warum? Betrachten wir folgende Szene: Baseballkappen hüpfen auf und ab, bedruckte T-Shirts tanzen Slamdance, Flanellhemden rudern zackig mit den Armen, Doc Martens aller Formate finden sich in munter umherkreiselnden Pits. Energie, Power, Bürgerschreck – kurz: Jugendkultur at its best! Doch stop! Wir sind nicht bei Faith No More oder Biohazard, sondern im ZDF. Bonn direkt zeigt uns Underground unterm Hakenkreuz. Störkraft und Klotzkopf gröhlen von der Bühne, und ein jahrzehntelang gültiger Entwurf scheint passé.

„Ich liebe es, wie das Zeug bei euch Verwirrung stiftet.“ (Greg Tate über die Hip-Hop-Rezeption in Deutschland)

„Differenz verbindet.“ (Fredric Jameson, Postmodernism, The Cultural Logic Of Late Capitalism)

Malcolm in Rostock

Rostock erlebte ich in Österreich. Das hatte den Vorteil, daß man am Kiosk nicht nur den Spiegel kaufen konnte, der die dortigen Ereignisse zu „Wut auf den Staat“ verklärte, der alten polizeilichen Strategie folgend, den Unterschied zwischen Anarchisten und Nazis zu verwischen (dem die juristische Strategie entspricht, die Angreifer nach den gleichen Paragraphen abzuurteilen wie die Verteidiger: Angriff auf Polizeibeamte und nicht Mordversuch an Asylbewerbern), sondern auch das österreichische Spiegel-Pendant, das Nachrichtenmagazin profil, das auf das Titelbild geschrieben hatte: „Die deutsche Schande“. Den Österreichern war noch etwas anderes aufgefallen, das man in keiner deutschen Zeitschrift lesen konnte: einige der Angreifer hätten Malcolm-X-Kappen getragen. Mit dem so geschärften Blick konnte man unter den durch die Dunkelheit huschenden Typen, die einem Abend für Abend als Übertragung aus Quedlinburg, Wismar, Schwerin und anderen O-Orten schemenhaft ins Wohnzimmer übertragen wurden, bald einen repräsentativen Querschnitt der bekannten jugendkulturellen Typen erkennen: langhaarige Dinosaur-Jr.-Typen, Homies mit allen Arten von Kappen, bunte Techno-Typen – kurz all die, für die wir normalerweise glauben, dieses Heft zu machen und von deren kultureller Praxis in diesem Heft die Rede ist. Mit noch anderen Worten: Es scheint dringend angezeigt, von dem Konzept Jugendkultur mit allen angegliederten Unter-Ideen wie Pop, Underground, Dissidenz durch symbolische Dissidenz, Tribalismus, Revolte, Abgrenzung etc. zunächstmal Abschied zu nehmen. Sie scheinen nicht mehr in der Lage, die fundamentale Differenz, die allen Projekten zugrundeliegt, die wir je in jugendkultureller Praxis gesehen haben, festzustellen: den Unterschied zwischen Nazis und ihren Gegnern.

Vom Rave zum Pogrom

Das bedeutet nicht, vor den Rechten zu kapitulieren, sondern nur, die Konsequenzen daraus zu ziehen, daß Strategien und Taktiken der Jugendkultur – und das nicht nur in diesem Land – aufgrund weltweiter Veränderungen in der Politik wie in der Ökonomie so auf den Hund gekommen sind, daß sie eine rechtsradikale Benutzung nicht verhindern konnten. Bzw., das Problem sind gar nicht so sehr die Rechten: Was sich bei der gewalttätigen Verfolgung von Ausländern abspielt, ist ein klassischer Vorgang, ein altbekanntes Symptom des Zusammenbruchs von Kulturen und Gesellschaften. Aus solchen Zuständen kann alles mögliche werden, man kann leicht – und vor allem in Deutschland – darauf einen Nationalsozialismus aufbauen, und ich werde auch Leute, die in entsprechender Weise vorgehen, weiterhin „Nazis“ nennen, aber dies ist noch nicht Nationalsozialismus. Es ist der schlechte Zusammenbruch von Verhältnissen, deren guten Zusammenbruch alle Ideen von Rebellion und Dissidenz, so wie sie in Jugendkulturen aufgehoben waren, als Utopie formulierten. Als deren Vorausschein empfand man unausgesprochen das Ereignis (Konzert, Trip, Rave, Festival). Das Ereignis ist zwar nicht an die Rechten gefallen, aber in Zeiten des falschen Zusammenbruchs von Ordnung ein protofaschistischer Zusammenhang geworden. Auch der Fanatiker, eine gerade wieder von Žižek in Heaven Sent als dem Spätkapitalismus widerstehende Figur, dessen Überidentifikation mit einer Rolle oder einem Glauben der postmodern-liberal plural eingestellten Subjektivität das Feindbild liefert, beschrieben und in diesem Sinne auch schon oft in Spex gerechtfertigt, ist nicht mehr möglich: Zwar stimmt die Beschreibung noch immer; Fundamentalisten jedweder Couleur reagieren auf den Zusammenbruch einer noch nicht (spät)kapitalistischen Kultur, stemmen sich gegen das Zur-Ware-Kommen; aber der Fanatiker und Fundamentalist bekämpft ja nicht die Liberalen, Postmodernen und andere spätkapitalistische Formationen, sondern hier und heute immer die, die es noch schlimmer erwischt hat.

Pop: CNN innerhalb der Festung

Die sogenannte Revolution von ’89 hat – wie das ’89er-Ereignisse immer schon an sich hatten – ’92 ihr sozusagen wahres Gesicht gezeigt; auch wenn schon damals jeder genau das vorausgesagt hat: Neo-Faschismus oder Neo-Religiosität, so sind die daraus hervorgegangenen Ereignisse erst heute ein Fakt mit allen Konsequenzen für Denken und Handeln. Aber mit dieser Kenntlichkeit der neuen Verhältnisse verlieren nacheinander die oben genannten Leitideen Berechtigung und Relevanz. Pop z. B. galt uns im günstigsten Fall als ein Kommunikationssystem zwischen westlichen Metropolen, das Nachrichten vom Leben dort unter nicht entfremdet lebenden Jugendlichen (weil noch nicht integriert: im Vorschein der Utopie) so schnell und abgeschirmt verbreiten konnte, daß die Macht nicht mithören konnte, selbst und im günstigsten Falle, wenn es vor ihren Augen in den Charts geschah. Dieses Kommunikationssystem wird in dem Maße obsolet, indem es a) Nachrichten transportiert, deren Transport nicht wünschenswert ist, wenn aus den beliebten und auch von mir so geschätzten produktiven transatlantischen Mißverständnissen destruktive werden, und b) indem die Geschehnisse in den westlichen Metropolen nicht mehr jeweils die Stimmen des jeweils avanciertesten Widerstands hervorbringen, sondern ein Gemurmel, das so relevant/irrelevant ist wie alle anderen Orte, die nur noch danach bestimmbar sind, ob sie innerhalb oder außerhalb der Festung Europa liegen.

White Negros

Hier kommt den amerikanischen Städten allerdings eine Sonderrolle zu, und deswegen ist das, was von ihnen und zwischen ihnen zirkuliert, eine besondere Betrachtung wert. In Amerika entstand in den 50er Jahren das Konzept Jugend. Es war ein kapitalistisches Konzept, ein neuer Markt. Dieser Aspekt ist dem Konzept Jugend nie verloren gegangen: Es blieb ein kapitalistisches Konzept, aber es war trotzdem in der Lage, in einem progressiven und begrenzt antikapitalistischen Sinne geschichtsmächtig zu werden – insofern war es auch als Gegenbeispiel zu allen Thesen von der totalisierenden Wirkung des Kapitalismus zu gebrauchen. Zur gleichen Zeit und auf verschlungene Weise verbunden entstand die Bürgerrechtsbewegung der amerikanischen Schwarzen. Rosa Parks’ Weigerung, ihren Platz in einer für Weiße reservierten Sektion in einem Bus aufzugeben und der Ruhm von Elvis Presley gehören zusammen: In beiden melden sich neue historische Subjekte, die in keinem Plan vorgesehen waren. So wie sich in Jugend das kapitalistische System reformierte, so reformierte sich in der Bürgerrechtsbewegung und dem mit ihr verbundenen liberalen Schub die parlamentarische Demokratie der USA mit ihren hehren Gleichheitsgrundsätzen. All jene heute umkämpften und bedrohten bürgerlichen Freiheiten stammen aus dieser Epoche. An ihrem Ende steht, wie bei jedem Reformismus, der erste Katzenjammer, der zur Radikalisierung führte: bei den Trägern des Konzepts Jugend ebenso und zur gleichen Zeit wie bei den enttäuschten Vertretern der Bürgerrechtsbewegung. Norman Mailer hatte schon 1957 die beiden Konzepte in seinem Essay „The White Negro“ zusammengedacht, der noch heute umstritten Diskussionsgrundlage für den Zusammenhang zwischen schwarzer amerikanischer Kultur und amerikanischer Jugendkultur darstellt.

Postmoderner Widerstand

Am Ende der Radikalisierung und wiederum ihres Scheiterns entstehen neue politische Subjektivitäten: Feminismus und Schwulenbewegung; in ihrem Gefolge im Laufe der 70er: Regionalismus, Mikropolitik, Bürgerinitiativen und Autonome. In Europa setzte sich nur schleppend gegen den orthodoxen Marxismus durch, daß es keine Haupt- und Nebenwidersprüche mehr gäbe, sondern gleichberechtigte. Die vielen neuen Subjekte der Geschichte erübrigen diesen ohnehin fragwürdig gewordenen Begriff. Daß der Kapitalismus all dies aushalten und stärker werden konnte, ermutigt die Linke zu dem Zirkelschluß, daß all diese Bewegungen eben gar keine Geschichte gemacht hätten, weil sie sonst den Kapitalismus hätten abschaffen müssen. In Amerika aber mußte sich nichts gegen einen Marxismus durchsetzen, weil es keinen gab. Das sollte Folgen haben. Während sich in Amerika Race, Class, Gender, Youth, Sexual Identity zu allen möglichen und unmöglichen Koalitionen zusammenfanden und wieder abstießen, konnte hier nur die Perspektive Anti-Imperialismus heißen; die anderen politischen Subjekt-Positionen verkümmerten.

Der Marxismus darf zurückkommen, wenn er versteht, warum er weg war

Auch Günther Jacob nimmt Abschied von Pop und Jugendkultur. In seinem Text im letzten Heft steht viel Richtiges, vieles, was auch mir so erspart wird, noch einmal zu sagen, und manches Falsches. Letzteres läßt sich einerseits auf die alte linke Weigerung zurückführen, Vermittlung überhaupt zu bedenken, zum anderen auf die Leugnung afroamerikanischer Theorie (bzw. ihre Denunziation als „liberal“, „Mittelklasse“) und die Weigerung, die von Hip-Hoppern benutzten Begriffe und Vorstellungen in diesem Kontext zu sehen. Wenn er vom „geschichts- und subjektfeindlichen Strukturalismus/Poststrukturalismus“ spricht, dem die Amerikaner eine solche Redeweise entnommen haben, dann tut er so, als gäbe es da draußen unbestritten etwas, das objektiv der alteuropäischen Idee Geschichte oder Subjekt entspricht, als wären diese Begriffe vom Himmel gefallen und nicht in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort mit bestimmten Interessen und Perspektiven konstruiert worden. Wenn er „freiwillig für den Schleier demonstrierenden Frauen“ vorhält, nicht frei zu sein, sondern „Rückentäußerung (…) von verinnerlichter Totalität“ attestiert, konstruiert er sich eine Position, von der aus er entscheiden kann, wann Frauen nur Gefäße sind, in die man eine falsche Totalität reintut, die anderswo wieder falsch rauskommt, und wann Menschen „frei“ handeln (analog dazu sind bei ihm amerikanische Schwarze immer nur rassifizierte Subjekte, in die man Rassifizierung reingetan hat, die sich dann als schwarzer Rassismus rückentäußere).

… denn sie rappen wie sie denken?

In einem Text für die Szene Hamburg spitzt sich das zu. Über die „Geto Boys“ schreibt Günther: „Nur zu gerne beschränkt sich die deutsche Hip-Hop-Rezeption auf eine verständnistriefende Interpretation des Gangsta-Raps als authentische, dokumentarische und womöglich in aufrüttelnder Absicht abgefaßte ‚Literatur‘. Was aber, wenn die Geto Boys nicht simulieren, sondern genauso denken wie sie rappen?“ Wenn wir oder ich damit gemeint sind, ging es uns aber nie darum, in Ice-T und Ice Cube kleine „aufrüttelnde“ Bölls zu sehen. Literatur ist nicht nur, wenn einer nicht sagt, was er denkt, sondern beginnt, wenn in formalisierter Weise von Sprache Gebrauch gemacht wird. Daß es aber deswegen eben weder ein So-rappen-wie-einer-denkt noch eine 1:1-Interpretation geben kann, weil nämlich die Sprache niemals unschuldig, immer schon bedeutsam ist (und Signifyin[g] eine rhetorische Technik und Kunstform, nicht ein Dialekt, Slang oder Rotwelsch; eine Kunstform freilich, die ein schriftfixierter Eurozentriker nicht als solche akzeptieren und daher zur soziologisierbaren Banalität erklären kann), muß einem Blick entgehen, der sein gutes altes fixes Subjekt braucht, um es – denn dafür wurde das Subjekt erfunden — anschließend zur Verantwortung ziehen zu können. Er fällt aber nicht nur hinter Strukturalismus mit und ohne Post zurück, sondern auch hinter Adorno etwa und dessen Attacke gegen das Klischee vom Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Die Idee, daß einer heute noch derselbe ist wie vor drei Tagen, als er eine Fensterscheibe eingeschmissen hat, ist eine Erfindung der Polizeiwissenschaft. Günther fährt fort (mit einem Satz, der auch im Spex-Text auftaucht): „Wo die Lebensbedingungen deprimierend sind, werden Menschen, je nach Naturell, fromm, links oder kriminell.“ Dies ist der beste Beweis für so manche strukturalistische und poststrukturalistische Standards: denn daß Günther das, was er hier schreibt, gar nicht meinen kann, zeigt seine Erklärung des Begriffs „Dissidenz“ im letzten Spex-Heft, der ich so weit folgen kann, wie sie sich darauf bezieht, daß wenn einer etwas tut, das für ihn nicht vorgesehen war, Dissidenz vorliegt, nicht aber, daß der so handelnde dadurch zur „Person“ werde. Denn die Logik der Person, die Logik des Autors, der meint, was er sagt, ohne dazwischengeschaltete Sprache, führt eben irgendwann zum reaktionären Begriff des Naturells. Wo dann gute (linke) und böse (Gangster) Menschen geboren werden, ewig zu dem einen oder anderen Schicksal verdammt qua Natur. Günther zeigt also selbst, indem er sich gegen seinen „freien“ „Willen“ in einer Struktur verfängt, wohin diese spezifisch deutsche linke Ignoranz führen kann: zur Rekonstruktion von Natürlichkeit, Naturgegebenem, Gottgegebenem. Derweil ist der Poststrukturalismus und die Dekonstruktion in Deutschland in rechte Hände gefallen (vgl. Spex 1/91, „Todesblei“), während er in Amerika, wo er sich gegen keine Altlinke zu wehren hatte, das trägt, was man früher emanzipatorisches Projekt genannt hätte. Eines, das ohne eine altemanzipatorische Logik von Personen und revolutionären Subjekten auskommen muß; daß diese Logik menschliche Wesen nach einer im Prinzip erzkapitalistischen Warenproduktionslogik beurteilt, sollte doch langsam klar werden. Wer nach dieser Logik mehr Bewußtsein hat als er laut Determinanten haben dürfte, ist Person, also ist Person zu sein Erkenntnisprofit eines Kleinunternehmers in Sachen Bewußtsein. Das aber entspricht der von Günther sonst so richtig kritisierten Individuationslogik der Mittelklasse. Und so konnte sog. revolutionäres Bewußtsein problemlos Warenform annehmen.

It Takes Millions Of Nations …

Rechts und links haben sich erstaunlich schnell geeinigt, daß die gegenwärtigen Ereignisse unter dem Blickwinkel zu lesen sind, dem sie den Namen Nation und Nationalismus (siehe auch seine „Wiederkehr“, „Persistenz“, „Resistenz“ etc.) gegeben haben. Nicht nur Hip-Hop spricht ausgiebig von Nations, nein auch andere Communities im Widerstand wie die sogenannte Gay Community schließen sich zu Organisationen wie Queer Nation zusammen. Ist die Semantik dieses wiederholt gesendeten Begriffs vielleicht auch nur zu einem kleinen Teil mitverantwortlich oder wenigstens symptomatisch für das, was in Rostock geschehen ist? Ist sie wenigstens ein Analogon zu Gorazde und Sarajevo? Mir geht es gar nicht darum, die „Nation“ in Hip-Hop-Texten zu verharmlosen, „heterophil“ (G.J., ein tolles Wort: zehn Jahre Diskussionen über „the other“ sind nicht darauf gekommen) wegzurelativieren oder zu ignorieren. Auch halte ich, und kann da Jacob und dem von ihm zitierten Thomas Groß folgen, es für unzulässig, mit dem alten Pop-Begriff die Erwähnung einer „Black Nation“ ungefähr so zu behandeln wie fragwürdige, strategisch eingesetzte Begriffe bei Punk-Rockern, Kim Fowley oder Slayer. Nur sind Queer Nation, irischer Nationalismus, Black Nationalism in den USA, baskischer Nationalismus, kroatischer Nationalismus, palästinensischer Nationalismus, Zionismus und Rostock-Nazis lauter völlig verschiedene Dinge, deren gemeinsame Merkmale ein hilflos bis interessiert verwendeter Begriff konstatiert, der Reste von alten Weltbildern stützen soll, deren Zusammenbruch das von ihm Beschriebene vorantreibt. Das scheinbar supranationale Europa dagegen wird zur Voraussetzung einer Festung gegen den Trikont, die schlimmer ist als jeder Nationalismus wäre und Rechten als Argument dient, günstige „nationale Besonderheiten“ wie das deutsche Asylrecht abzuschaffen.

Der Zwang zur Unity

Auf der anderen Seite gibt es z. B. linke Vertreter des Black Nationalism, deren Ziele sich ungefähr mit dem decken, was der linke baskische Nationalismus will: Separation zum Zwecke der Entfaltung von Eigenheiten und damit dann auch der Möglichkeit des Abbaus ihrer Forderung in der mythisierten Form von Nationalismus. Am Ende einer solchen Utopie stünde dann wieder die Möglichkeit aller möglichen Assoziationen. Nur tappen dann auch die baskischen linken Nationalisten in die Falle, wenn sie Glückwunschtelegramme nach Zagreb schicken. Oder wenn sie Chuck D. in einem Interview unbedingt auf die Gemeinsamkeiten der Basken in Spanien und der Schwarzen in den USA vereidigen wollen. Gerade der Falle dieses Begriffs zu entgehen, ist die Voraussetzung, Differenzen wahrzunehmen, die auch erläutern können, warum ein X-Clan-Text okay, ein Ice-Cube-Text widerlich ist etc., obwohl sich die Betreffenden in „Unity“ einig wissen. Der Zwang zu solchen Unitys (auch zwischen Basken und Kroaten) ist viel schlimmer, als das Bemühen darum, etwas anderes als anderes zu verstehen. Schließlich ist auch das die Voraussetzung, den falschen, zumindest falsch gewordenen Universalismus des Pop zu überwinden: ein verbindlicher Relativismus, der erst nach Untersuchung der in welchem Sinne auch immer lokalen Bedingungen Aussagen macht und auch Verbote und Tabus aussprechen kann. Dagegen wissen sich in der Front „wider den Kulturrelativismus“ (U. Greiner, Die Zeit) alteuropäische Rechte (wie Lieblingsfeind von Uthmann von der FAZ, der im Namen der Freiheit der Lehre für das Recht streitet, doch mal untersuchen zu dürfen, ob Schwarze nicht doch dümmer sind) und Linke Schulter an Schulter.

Mainstream ist Hardware, Material, Kapital; Underground ist Software, Semantik, Illusion

Was war denn nochmal der Grund, in Pop einen offenen Kanal zu erblicken und als solchen nutzen zu können. Das Schallplattenbusiness (und andere Geschäfte mit dem neuen und stark veränderlichen Markt Jugend) war nicht so leicht unter Kontrolle zu kriegen wie andere Segmente der berühmten Kulturindustrie. Als Adorno/Horkheimer diesen Begriff lancierten – zunächst in den 40er Jahren und unter dem Eindruck von Hollywood-Großproduktionen à la Cecil B. DeMille einerseits und der Ideologie von New-Deal-Streifen andererseits – entstand eine ganz andere Variante dieses kapitalistischen Zusammenhangs, der ganz anderen Gesetzen folgen sollte als Hollywood, das sich bald an den Strukturen normaler Unternehmen orientieren konnte. Die Bereiche schwarze Musik, Jugendmusik, kurzlebige Musik, Trash etc. befanden sich in einer Produktionsanarchie, die alle möglichen Interventionspunkte für Vertreter irgendeiner Praxis offen ließ. Nicht nur arbeiteten kleine Firmen, egal ob sie nun idealistisch as in Indie oder frühkapitalistisch as in Sun Records motiviert waren, nach dem Prinzip, daß man nur mit Extremen, Steigerungen und Wahnsinn konkurrieren konnte, sondern auch die Großen konnten von real existierender Jugendkultur immer wieder erfolgreich ratlos gemacht werden. Man ist allgemein der Ansicht, daß nach Hip-Hop dies auch nochmal im Falle der Post-Nirvana-Euphorie gelungen sei. Dies könnte allerdings ein Trugschluß sein, wenn man sich ansieht, wie Medienkonzerne — nicht mehr Plattenfirmen, die Majors von einst wären heute größere Indies — aufgebaut sind. Die enge Verknüpfung mit der Hardware-Industrie und die zunehmende Visualisierung, mit der damit verbundenen weltweiten Einheitskultur, schaffen die Grundlagen für eine Hollywoodisierung, der in Zukunft auch ein ohnehin fast nur noch als Geste vorhandener Underground kaum entschlüpfen können wird.

Man kann mit Energie nicht diskutieren

Einen Unterschied macht dabei fast nur noch, was aus Amerika gesendet wird, besonders von schwarzen Amerikanern in allen möglichen Bereichen. Daß dabei hauptsächlich „Nation“ ankommt, ist in der Tat ebenso das Problem der Sendenden wie der Empfänger. Das ist aber ja auch der Grund, warum Hip-Hop so interessant ist: den explicit lyrics, die so ja auch nur von Polizisten genannt werden konnten – bezeichnenderweise – stehen Erschütterungen gegenüber, die eher viszeral wahrgenommen werden und ihre ganz eigene Explicitness besitzen. Diese sind genauso eindeutig/uneindeutig wie die Sprache und sie können auch in der Wirklichkeit eine linke Demo genauso mit Energien versorgen wie ein rechtes Pogrom. Wir wissen zwar, daß in sie sozusagen der Sound von Weltausbeutungsverhältnissen eingeschrieben ist: aber wie darauf zu reagieren ist, ist ihnen eben nicht eingeschrieben, sie sind dann nur Material und Dokumentation und Energie. Unterhalten und Diskutieren läßt sich mit Energie aber nicht, auch nicht mit einer noch so sozial geerdeten, sondern nur mit Leuten, die zu Diskussionen bereit sind. Daß es auch unter Hip-Hoppern viele gibt, ist keine Frage, aber nicht weil sie Hip-Hopper sind, sondern weil sie Menschen und Intellektuelle sind. Und die gibt es überall. Das Funken von „Nation“ zu Dopebeats ist sicherlich nicht unproblematisch: Wenn die irischen Rapper Marxman, die sich auch noch explizit (sic!) Marxisten nennen, weder Marx noch der Dopebeat daran hindert, eine triefende, blut-und-bodelnde Nationalhymne zu dichten („So sad“), in der „our daughters“ vergewaltigt werden und der berechtigte Zorn auf britische Besatzung zu einem Pathos zu berechtigen scheint, den sich kein Nation-Of-Islam-Rapper je getraut hat, wird etwas deutlich von dem Unterschied, den die Komplexität der Ausdrucksweise der laut Günther Jacob überschätzten oral black tradition kennzeichnet, die sich nicht auf europäische Sinnstiftungstraditionen übertragen läßt, weil sie auf dem Signifikanten tänzelt, statt im Signifikat rumzubohren. Ebensowenig, wie sich St.-Patrick’s-Day-Traditionen und anderes reaktionäres Brauchtum, das House Of Pain in ihr Video einbauen – offensichtlich in der Meinung, das sei so etwas Ähnliches wie die Afro-Klamotten in X-Clan-Videos – mit eben dem vergleichen lassen.

Nation als Gefühl

Wenn man heute mit irgendwelchen linken schwarzen Intellektuellen in den USA redet (und davon gibt es mehr, als Günther Jacob uns weismachen will), gibt es zum Thema des Black Nationalism kaum je ganz klare Positionen der Zustimmung oder Ablehnung. Jeder lehnt die Nation of Islam ab, aber immer unter dem Vorbehalt, daß sie doch gute Arbeit gegen Drogen in der Community tue, keiner lehnt die Idee des Nationalism ganz ab, obwohl die meisten in irgendwelchen Dekonstruktions-Projekten stecken, bzw. gerade deswegen. Wer in einer Kultur lebt, wo die Künstlichkeit und Konstruierbarkeit von Identitäten Alltag ist und keine Linke, sondern nur Rechte noch an Person, Autor, Familie, Verantwortung, Authentizität etc. glauben, ist es auch kein Problem, sich einen relativen, strategischen Rahmen für eine Nation zu konstruieren. Nur daß man darüber nicht mehr mit Pop kommunizieren kann und schon gar nicht über die Domäne des Pops: Gefühle. Als Gefühl kann das Wort „Nation“ natürlich nur falsch ankommen (ganz abgesehen davon, daß es bei vielen Hip-Hoppern auch falsch gemeint ist, denn sie rappen ja wie sie denken …). Und das hat eine Konsequenz für Spex: Schreiben über Musik und begleitende wie hervorbringende Erscheinungen kann sich nicht mehr die Geste der Identifikation leisten. Muß den Materialcharakter ernstnehmen und Distanz wahren: Identifikation, Begeisterung, Gefühle und deren Organisation in Sozialem, das sich dann je nachdem Underground oder Club-Culture oder Briefmarkensammeln nennt, reicht nicht mehr, wenn es nur noch Mythen wahrnehmen kann. Pop-Kommunikation war immer ein Gemisch aus Mythen, Mythen-Konstruktion und -Dekonstruktion und dem, was ich objektive Spuren des Arbeitsprozesses im Material zu nennen pflegte. Dies aufzudröseln war nicht so wichtig, solange der Mythos Sexual Ambiguity oder Youth in Rebellion oder Black Emancipation hieß. Seit er Nation heißt, geht das nicht mehr an. Das Erlebnis, der Ereignischarakter sind auch nach Rostock und ausgewandert.

Nicolette und die Melvins

Wohin aber mit den Gefühlen? Gefühle sind Reduktionen, die handlungsfähig machen. Als solche sind sie nötig und es ist ja oft genug betont worden, daß Popmusik genau die Funktion hat, handlungsfähig zu machen, zu bündeln, was zu komplex im Teenagerhirn hin-und-herwabert. Darauf kann man sich eben nicht mehr verlassen, Gefühle sind heute wieder tendentiell faschistisch, auch wenn man bei kaum einer täglichen Entscheidung auf sie verzichten kann. Sie müssen wieder zum Problem werden: Wenn die Dressur und die Konditionen je abgestreift würden, würde man sich nicht unbedingt besser fühlen. Platten von den Melvins oder Nicolette als Abstraktionen von der Gefühlsproduktion in der Popmusik sind weder Idyllen noch deren restlose Zertrümmerung. Man kann an ihnen hören, was übrig bleiben könnte, wenn man an all das nicht mehr glaubt, ohne blindwütig vergessen zu wollen, daß, wie und warum man daran geglaubt hat. Leer, frei und friedlich schweben über den erloschenen Vulkanen der Beatmusik.

Denn sie wissen nicht, was sie missverstehen …

Aber das ist nur die eine Seite: Warum diskutiere ich – anders als vor fünf Jahren – so ausgiebig klassisch linke Standpunkte? Weil sie wieder etwas zu bieten zu haben scheinen: denn natürlich hat G.J. auch recht, wenn er die Dringlichkeit einer unmittelbaren Kritik einklagt. Er legt dafür nur den falschen Rahmen an: Personen und das, an was sie glauben. Wenn ich einer Kultur der Differenz das Wort rede, weiß ich auch, daß ich damit im Zweifelsfall eine Kultur der Segregation bestätige: Dagegen habe ich an anderer Stelle (Symptome, diskus) die „Pakte des Mißverständnisses“ als Einwand gegen die segregationistische Tendenz der Weltwirtschaft angerufen. Diese Pakte werden von westlichen Jugendlichen leider in dem Maße zunehmend aufgekündigt, in dem sie vergessen, daß das, was sie wissen, Mißverständnisse sind. Es käme darauf an, warum das Empfangen eines X-Clan-Songs in seinem Kontext bei mir als strategisch richtig über eine gewisse „Schönheit“ ankommt, zu erklären, was die „Schönheit“ richtiger Taten in einer postmoralistischen Moral bzw. die Wahrnehmbarkeit ihrer Spuren und Signale bedeuten kann. Wenn ich die Gesamtheit der Signale (eines X-Clan-Songs z. B.) in einem gegebenen und von mir zu rekonstruierenden Kontext incl. ihres sogenannten Inhalts aufnehmen würde, und dann behandeln wie ein im selben Raum gesprochenes Wort, würde ich sicher angemessen reagieren, im Sinne unmittelbarer Kritik; ich täte dies aber als Ergebnis der einsamen Paranoia, auf die universelle Medienpräsenz mich konditioniert hat und deren andere Seite totale Ignoranz ist. Ich muß also reduzieren: Wenn ich dafür aus guten und hier dargelegten Gründen nicht den Autor und nicht den Sinn bemühen will, bleibt mir nur, einen kontextuellen Rahmen zu konstruieren, der absolut flexibel sein muß. Die Notwendigkeit, solch einen Rahmen zu konstruieren, beweist überhaupt die Lebendigkeit einer „Kunst“: in den meisten Bereichen ist er fast überflüssig – die meiste Bildende Kunst, Literatur etc. wird nur in den eh gegebenen Rahmen Kunst, Literatur etc. rezipiert. Nur ein solcher konstruierter Rahmen erlaubt mir, verbindliche Urteile zu fällen. Entscheidend ist dann nicht die Qualität eines X-Clan-Tracks, sondern seine Qualität in diesem Rahmen. Je mehr Rahmen ich habe, desto besser. Und desto genauer kann ich verstehen, daß es einen ursprünglichen oder authentischen Rahmen nicht mehr gibt. So wie Moral nicht das sein soll, woran man glaubt oder wonach man handelt, sondern was man tut. Kritik wird dann wieder möglich, nicht über das Vergessen von Pop und Club und Underground, sondern von dem Ort aus, wo ihre Vulkane erloschen sind (da wo die Berliner früher so gern tanzten). Erst der Relativismus, die Selbstreflexivität und die Enttäuschung ermöglichen die Klarheit.