Neulich wiedergehört: „No More Heroes“, das Titellied der zweiten Stranglers-LP von 1977. Ein kleines konzentriertes Baß-Inferno und dann Hugh Cornwells unnachgiebiger, schon von Anfang an alter Bariton: „Whatever happened to Leon Trotzky?“ Der Baß knackt, Gitarre und Schlagzeug unterstützen den schnellen (daher für Punk gehaltenen) Beat. Die Orgel von Dave Greenfield überschlägt sich im puren Luxus der Kadenzen. Was für eine unübliche Verschwendung, was für ein schierer Luxus in diesen kunstfeindlichen, bösen Zeiten des Jahres ’77. „Whatever happened to all the heroes, all those Skakespearos?“ Man glaubte damals und trug es als Postulat auf der Lederjacke, daß die Stranglers das Verschwinden von Helden fordern, so wie die Sex Pistols das Verschwinden der Zukunft konstatierten. Wie falsch.
Diese geschichtssinnigen Menschen machten einmal eine Frankreich-Tournee, die erste, nachdem sie wegen Anstiftung zum Aufruhr bei einem Nizza-Konzert zu empfindlichen Geldstrafen verurteilt wurden und sogar einige Tage Untersuchungshaft über sich ergehen lassen mußten, und spielten ausschließlich dort, wo Leo Trotzki schon einmal gesprochen hatte, vorzugsweise in denselben Hallen. Und wenn die noch nie ein Rock-Konzert gesehen hatten.
Neben Trotzki, Gen-Manipulation, Europa als Ganzes, vor allem aber Nordeuropa und die dazugehörigen Frauen („I saw her on the strasse / I saw her on the rue / I saw her on the High Street / … / The European Female is here“), Krieg („Germany failed to protect her borders / she has grown soft with the American dream“) und weltpolitischen Verschwörungstheorien (Australien, Iran, Schweden als bevorzugte Opfer) ist neuerdings eine selbstgestrickte Musikphilosophie das zentrale Anliegen der Stranglers. Die aurale Skulptur, diese ebenso lächerliche wie überzeugende Provokation, die man niemandem außer den Stranglers abnehmen würde, sei dem, was man heute in der Popmusik „Musik“ nennen würde, meilenweit überlegen, sei etwas kategoriell anderes. Was unter dem Aspekt stimmt, daß die Stranglers so verschwenderisch und üppig, so gestaltend mit ihren Ideen umgehen, wie es die moderne ökonomische Produzentenpopmusik nicht mehr gestattet.
Die Stranglers sind die letzte Gruppe, in dem Sinne, in dem die Beatles es waren. Man hat lange Zeit den Fehler begangen, den europhilen Bassisten Jean-Jacques Burnel und den Trotzkisten und Ex-Lehrer, Sänger und Gitarristen Hugh Cornwell zu sehr für das zu nehmen, was die Stranglers ausmacht. Nicht umsonst schicken sie jetzt nur noch den dicken Seebären und Schlagzeuger Jet Black (35 bis 65 Jahre alt) zu Interviews, und nicht umsonst verkaufen sie jetzt ein Konzept, das vor allem die Rolle dieses durchgeknallten Orglers und Schnauzbarts Dave Greenfield – ein Mann, der äußerlich mühelos auf jedes Cover paßt, das Brian Auger & The Trinity in den späten Sechzigern zeigt – aufwertet. Denn er ist der große Musiker, der Techniker, der noch spielen kann. Der seine Soli schon mal länger spielen darf als die obligatorische Postpunk-Sololänge von einem Chorus.
„Skin Deep“ und „Let Me Down Easy“ sind meine liebsten Songs des begonnenen Jahres. Man wird nicht müde, sie zu hören, und sie sind das, was Popmusik mal wieder für eine Weile sein muß, wenn sie überleben und den dafür nötigen Atem schöpfen will: zeitlos.