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Bezugnehmend auf die Fragen zu meinem Text „Das Ende der Jugendkultur“ (Spex, 11/92) stellte ich fest: Eine Kritik von Jugendkultur und ihren Erscheinungsformen kann sich nicht mehr auf das per se „Progressive“ oder „Emanzipatorische“, die Fragwürdigkeit dieser Begriffe mal beiseite geschoben, verlassen. Sie kann sich nicht auf die per se emanzipatorische Kraft von Zusammenbrüchen von Verhältnissen stützen, wie sie den jugendkulturellen Genres „Grenzüberschreitung“, „Tabubruch“, „Rave“, „Woodstock“, „Chaos“ etc. nachgesagt wird bzw. deren Selbstverständnis trägt.
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Bezugnehmend auf die in letzter Zeit erschienenen begeisterten Artikel in der bürgerlichen Presse, die entweder ihrer Erleichterung über das Verschwinden dieses unliebsamen Phänomens Ausdruck verleihen oder etwas immer schon gewußt haben wollen (etwa M. Biller, Tempo oder K. Bruckmaier, Focus), was sie nachweislich bis heute nicht wissen, füge ich hinzu: Trotz aller Fragwürdigkeit einer Kategorie, die biologische Determinanten mit gesellschaftlichen vermischt (wie „Jugend“, darin „Rasse“ ähnlich)‚ kann man natürlich auf keine politische Subjektivität verzichten, die, in welchem Maße auch immer, „freiwillig“ oder „unfreiwillig“, außerhalb von Verhältnissen, die man für falsch hält, steht und daher deren Veränderung und Abschaffung eher denken und formulieren kann. Jugendliche sind aber nicht nur unabhängiger (und unbedarfter) in ihren Reaktionen und Urteilen, sie sind gesellschaftlichen und kulturellen Regeln, Maßnahmen und Tendenzen massiver ausgesetzt. Die Kriege, die in den Innenstädten der USA gegen Leute geführt werden, denen man eine Rasse zuschreibt, werden verschärft auch gegen Jugendliche geführt. (Bestimmte Überwachungsanlagen reagieren z. B. auf Sneakers.)
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Eine Kritik muß die leeren Formalismen wie „Partikularismus“ oder „Universalismus“, mit denen man sich über Orientierungslosigkeit hinwegzuhelfen versucht, aufgeben und in pragmatischen kleinen Rahmen Urteile fällen, die sie in anderen Rahmen anders fällen würde (eine N.W.A.-Platte ist hier gut und dort schlecht, eigentlich sind nur Michael-Jackson-Platten überall gleich), und so auch ihre eigene Geprägtheit von Kaufempfehlungen, also der Warenförmigkeit ihrer Gegenstände, ablegen. Im CD-Zeitalter sind die Produkte/Resultate der Pop- und Jugendkultur zunehmend vernachlässigbar. Ihre Prozesse um so weniger.
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Klassische Gemeinsamkeiten von Jugendkultur mit anderen gesellschaftlichen Bewegungen sind bedroht: Kollektivität, Internationalität, Prozessualität. Technologische Entwicklungen begünstigen und behindern Entwicklungen (Samplen rekontextualisiert und schafft eine Verbindung zum Archiv des Kollektivbesitzes Groove, begünstigt andererseits effektorientiertes, einsames Arbeiten). De- und Rekontextualisierungen sind das tägliche Geschäft einer Import/Export-Kultur, die rahmenbezogene Kritik kann in solche Kontextualisierungsprozesse eingreifen. Die universalistische oder partikularistische dagegen wird zu deren Opfer.
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Am Grund der Popmusik liegt die Ambiguität des Begriffs „Jugend“, der eine anthropologische und eine historische Dimension von Revolte/Rebellion einklammert. Bei der notwendigen Anamnese der Genese der letzten (mindestens) zehn Jahre Popkultur (die schließlich auch die Formen zur Verfügung gestellt haben, derer sich heutige Nazi-Bands bedienen), ist es notwendig zu unterscheiden, wann bei wem welche Dimension dominierte. Dazu schlug ich Begriffe des unlängst verstorbenen Anti-Psychiaters und Anti-Kapitalisten Félix Guattari vor. So wie er den Jahren nach 1900 eine molekulare Revolution zuschreibt – molekular heißt: auf der Ebene von Verhaltenspartikeln und -molekülen Bedeutungen schaffen und bestimmen –‚ kann man für die Jahre nach ’77 (Stammheim/Punk) von einer molekularen Reaktion sprechen, die möglicherweise begann, um die molekulare Revolution zu retten. Die mindestens in zwei Richtungen wuchernden Stränge der molekularen Semantik der Pop-Kultur wären zu rekonstruieren.
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Dieser Wohlfahrtsausschuß (und die anderen, die seinem Beispiel folgten, wie der in Köln) setzt sich zu einem großen Teil aus Leuten zusammen, die oft ein ganzes Jahrzehnt nicht mehr politisch aktiv waren. Es ist nötig, sich über die Re-Politisierung nicht nur atemlos zu freuen, sondern auch zu untersuchen, warum man sich, nicht nur aus schlechten Gründen, depolitisiert hat bzw. auch Strategien verfolgt und symbolische (und weniger symbolische) Territorien in den depolitisierten Jahren eingenommen hat, die man möglicherweise wieder verloren hat oder die heute umkämpft sind. Der Zusammenhang zwischen zerstörten, kaputtzivilisierten oder unbezahlbaren Innenstädten, billiger Technologie der elektronischen Einsamkeit, architektonischem und Verkehrs-Terror und der Defensivhaltung einer linken Boheme, die sich zögernd politisiert, muß deutlich werden und eingehender untersucht werden. Die „Boheme“, von der ich spreche, ist ein Segment des „neuen Kleinbürgertums“, das in sogenannten kreativen Berufen mehr oder weniger Geld verdient. Es lebt von seinem kulturellen Kapital (Geschmack, Ahnung, Wissen, Querköpfigkeit, gute Laune) und stemmt sich mit aller Kraft gegen eine Ent- und Umwertung dessen, was es angehäuft hat. Auch das spielt bei der Entstehung solcher Wohlfahrtsausschüsse eine Rolle. Schließlich ist bei aller Begeisterung für die Selbstreflexivität solcher Ansätze darauf zu achten, daß die Handlungsfähigkeit erhalten bleibt bzw. zustande kommt, die entsolidarisierten Kulturarbeitern nicht in den Schoß fällt. Die Betonung der Fähigkeit zu tanzen bei dieser und anderen Veranstaltungen, die Hans Nieswandt „Jam-cum-Symposium“ nannte, scheint mir fast überflüssig: Wenn sich aus diesen Wohlfahrtsausschüssen etwas entwickelt, dem man den komischen Namen „Bewegung“ besser nicht gibt, dann wird man diesen Leuten das Tanzen wahrscheinlich als einziges nicht mehr beibringen müssen. Ich halte es aber für entscheidend, daß sich niemand seines Hedonismus schämt und sich der hysterischen Repolitisierung und Remoralisierung unterwirft, die auch allenthalben zu beobachten ist (nicht nur bei Lichterketten) und natürlich als Politik nicht zu gebrauchen ist.
Vorgetragen im Mekka in Hamburg Dezember 1992