UCOBI: Universal Congress of Big Irrsinn

„Nicht jeder kann ein großes Licht sein, aber er will trotzdem nicht der Kerzenhalter der anderen sein.“

„Wenn der oberste Knopf nicht richtig geknöpft ist, sitzt der ganze Mantel schief.“

Hans Joachim Rauschenbach

Die Popmusik hat heute, 1988, eine absolute Blüte erreicht, was Breite, Niveau, Vielfalt, Vorwegnahme und Bündelung der Aufgaben anderer Künste und vieles mehr betrifft. Das hängt auf komische Weise mit dem wirklichen Leben zusammen, wenn man an so einem verkaufsoffenen Sonnabend durch die Straßen geht. Es gibt in Deutschland einen popligen Reichtum, einen stillosen Überfluß, der von nichts anderem berichtet, als daß es hier eben keine funktionierenden Souveränitätssymbole gibt und damit auch kein normal symbolisch geregeltes ästhetisches Verhältnis zur Macht, das ist neu und schön und erspart vieles alte Leid, aber es ist eben auch gefährlich, denn die Macht hat so alle Chancen, sich zu verstecken, alte Macht und alte Gegenwehr hingen immer mit Stil zusammen, jetzt sind richtig und falsch, ehrlich und verlogen an so einem Samstag vollkommen miteinander verschlungen, in Eigenschaften wie Bequemlichkeit, Feigheit, Privatismus und Opportunismus, die alle so einen schlechten Ruf haben, weil sie alle auch absolut unkriegerisch sind. Denn die Hoffnung Vlado Kristls, die Theweleit als Motto dem Buch der Könige voranstellt, hat sich in Deutschland eigentlich längst erfüllt: niemand hat hier mehr Lust an Macht, höchstens noch in einem überlebensnotwendigen Sinne, die kleine Macht, die immer entsteht, wenn man etwas gut macht, so wie ich mich freue, daß Spex recht hat (z. B.), aber die Tendenz ist deutlich zu erkennen, die Lust (wie sie immer von der Eiskrem-Zeitgeist-Werbung angerufen wird) an der Macht ist am Verschwinden. In einem höheren Sinne hat sich das Gute am Hippietum als allgemeiner Wert durchgesetzt, hier mehr als in England oder Frankreich, die Deutschen sind ein durch und durch friedliches, tolerantes, weltoffenes, unfanatisches Volk geworden. Neu für mich ist, daß ich daran etwas Gutes sehen kann, denn so wie die Verhältnisse und ihre Ungerechtigkeit das Gegenteil all dieser Eigenschaften fordern, so sind umgekehrt all diese Eigenschaften Voraussetzungen für ein ungestörtes, unbedrohtes Alltagsleben, in dem man nicht mehr von alten Scheißproblemen behelligt wird. Die Deutschen sind in ihrer belgisch-dänisch-holländischen Vernünftigkeit und desinteressierten Lahmarschigkeit das modernste alte Volk der Welt. Man braucht nicht darauf zu hoffen, daß sie je die Verbrechen – an denen sich ihre Wirtschaft heute beteiligt und auf die sich ihr Reichtum und ihre Lebensweise gründen – erkennen oder bekämpfen werden, einem deutschen Arbeitnehmer ist es nicht mehr beizubringen, daß er ein Klassenbruder einer Näherin in Kuala Lumpur sein soll, stattdessen ist das ganze deutsche Volk mittlerweile so etwas wie eine herrschende Klasse – jedenfalls sieht es so aus – und entwickelt als ganzes Volk die Dekadenzen, die man früher immer nur an einzelnen Subjekten der herrschenden Klasse beobachten konnte, die bessere, zukünftige Lebensformen zu antizipieren vermögen, in denen nicht Barbarei und materielle Not, nicht Todesdrohung, noch tägliche Arbeitsauszehrung das Leben bestimmen, sondern interesselose Zerstreutheit und die besondere Schönheit rigider Moral um ihrer selbst willen (nicht um zu herrschen), wie heute bei Rollins oder Madonna.

Die einzelnen Subdisziplinen der Popmusik sind mittlerweile in einem Maße entwickelt und kunstvoll, daß man ihre Verschiedenheit nur noch wie verschiedene Kunstrichtungen beschreiben kann. Es ist mittlerweile nur noch unsinnig, eine Platte von Bevis Frond mit einer von Public Enemy zu vergleichen; Algebra Suicide an einer House-12″ zu messen ist so unsinnig, wie zu sagen, Rilke sei besser als Mies van der Rohe oder Schönberg besser als Klee (solche Aussagen kann man übrigens machen, und sie sind sehr hilfreich, um sich Hierarchien zu basteln, die für das Innenleben eines funktionierenden Kopfes dennoch wichtig sind; gerade wenn Autorität und Autor und Auto abgeschafft werden, muß ja etwas an ihre Stelle treten, das Widerstandskraft sichert gegen weltweite Klitorisbeschneidung, Massenverdummung und Näherinnenschicksale in Kuala Lumpur: in einer nur noch kulturell definierten Welt wie der ersten, insbesondere unseren, sind das die inneren Charts: wer ist besser, Marlon Brando oder Franz Jung? Franz Jung, der übrigens dieses Jahr Hundert wurde. Man muß nur wissen, daß es sich um so eine Art Vergleich handelt und nicht um einen Vergleich gleichartiger Dinge.), dies alles findet darüberhinaus in einer Sphäre statt, den Independents, wo der Grad des Zugangs möglichst vieler zu möglichst hochleistungsfähigen Produktionsmitteln für eine künstlerische Selbstverwirklichung auf möglichst hohem Niveau mittlerweile eine vor zehn Jahren kaum vorstellbare Größe erreicht hat (zur Indie-Welt rechne ich jetzt alles, von Disco bis Metal über Folk, Psychedelic, neue Instrumentalmusik, Wimp-Sound – was du willst). Nie konnten so viele so gute Musik so unkontrolliert von Institutionen machen wie 1988, nie war die Vielfalt der möglichen, musikalischen Lebensäußerungen größer, nie war Popmusik so sehr die führende Kraft kultureller Entwicklung. Denn eines ist doch wohl klar: ein dermaßen hochentwickelter Kapitalismus produziert in Zeiten seines Erfolges auch alle erwünschten immateriellen Güter, solange er damit handeln kann, also auch billige Selbstverwirklichungstechnologie. Nur weil man gegen die Ungerechtigkeiten kämpft, die für das Zustandekommen dieses Age Of Chance verantwortlich sind, kann man nicht gegen das Age Of Chance sein, ein Hungriger ist nicht Gegner der Nahrungsmittel, sondern ihrer Verteilung.

Nur hat das alles keiner gemerkt, da es der inneren Logik dieser Entwicklung entspricht, daß sie sinnvoll nur stattfinden kann, wenn nicht im größeren, von Massenmedien als Bewegung ausmachbaren Ausmaße über den eigenen Tellerrand gesehen wird. Die Blüte der Architektur kann nur stattfinden, weil die Architekten keine Gedichte lesen? Ja? Begrenzt richtig, denn alle kommen, wie wir gesehen haben, sowieso von den gleichen Grundwerten her, die sie dann in ihrem Artotop weiterentwickelt und unangreifbar gemacht haben, eigentlich ist, wie gesehen, alles, was heute im Underground passiert, und ich meine den gesamten Underground, ganz grundsätzlich der Hippie-Kultur verpflichtet, ihren Grundwerten; was man sich gegenseitig vorwarf, war ja selten etwas anderes als der Verrat an diesen Werten (nicht deren grundsätzliche Falschheit), die heißen: Gegenkultur, Autonomie, Selbstverwirklichung, Anarchismus, Anti-Kapitalismus, denen sich dann im Punk oder mit dieser Generation nur Werte hinzugesellten, die als Steuerbegriffe und Sekundärtugenden die Pervertierung der ersten aufhalten oder verhindern sollten: Aggressivität, Entschiedenheit, Intoleranz, Stalinismus. Den Zusammenhang zwischen beiden ästhetisch auf den Stand der Zeit gebracht zu haben, ist der Verdienst des SST-Labels und der Produktion und des Denkens von Leuten wie Greg Ginn, Chuck Dukowski, Mike Watt oder Joe Baiza und Sylvia Juncosa, die nicht Hippie-Revival betrieben haben, sondern auf dem gemeinsamen, moralischen und intellektuellen Nenner von 20 Jahren Underground-Kultur etwas Neues, daraus Hervorgegangenes begonnen und gefördert haben. In Deutschland entspricht dem (nennen wir es den wehrhaften Hippie, der den alten Hippie-Fehler der Verklärung der Niederlage neu so begründet, daß auch ich mich nur als mitten in einem Neubedenkprozeß bezeichnen kann) Klaus Theweleit, obwohl in dessen Buch gerade die letzten zehn Jahre fehlen, in denen man andere Erfahrungen mit Klein und Groß gemacht hat, als er sie schildert, für den diese Sekundärtugenden noch als verwerfliche Primärtugenden in Leben auftauchen, die eigentlich als künstlerische (also schöpferische und nicht tötende, ausschließende) und Hippie-Leben gedacht waren, andere auch mit dem Problem der Macht und der Gegenwehr. Er sieht noch jeden als Verlust, der in eine K-Gruppe eingetreten ist. Aus den K-Gruppen aber und ihren Entsprechungen kamen die entscheidenden Erfahrungen der Punk-Generation, die sich weder mit der Macht verbündete, mit dem Überleben, und dennoch nicht wie die Hippies der 70er und die Friedensbewegung sich in die Kleinheit und Ohnmacht der sauberen Hände zurückzog, sondern großspurig und unbescheiden und eben auch unartig Platz, Raum und Gehör beanspruchte, denn sie waren keine mißhandelten Kinder und hatten keinen Tag je Krieg gesehen, für sie galten schon andere Gesetze, und dennoch laß ich mir als etwas älterer Vertreter dieser Generation von Theweleits Buch eine Grundüberzeugung ausreden, die Tage der Entschiedenheit um der Entschiedenheit willen sind vorbei, zumindest für mich, der ich mir ein Auditorium, anders als Rösner, ja nicht mehr erkämpfen muß. Theweleit kämpft halt noch gegen den Faschismus und wird das sein ganzes Leben auch noch tun, so wie ich mein Leben lang noch gegen sozialdemokratische Herrschaft kämpfen werden muß, obwohl beides längst vorüber ist.

In Theweleits Buch geht es um die Bedingungen von künstlerischer Produktivität, um Frauenleichen, die die Wege der Meisterwerke pflastern und warum die Könige immer etwas addieren, ohne je die 2 zu erreichen, immer bei 1 + f (Frau) stehen bleiben, und um die anderen, die wie Kafka sich selbst opferten. In der Pop-Musik muß heute niemand mehr sterben, früher schon, weswegen auch Hendrix und Morrison Theweleits Lieblingszeugen sind. Aber in der Pop-Musik gibt es jetzt die Paare, die 2 geworden sind und nicht immer nur 1+ Funktion, wie in den Geschichten im Buch der Könige, es gibt Thurston und Kim, Lux und Ivy, Mark und Brix, und es gibt den Kafka der Pop-Musik, Neil Young, der nicht nur nicht gestorben ist, noch, als er Überlebender der Crazy-Horse-Heroin-Epidemie wurde, reagiert hat wie die Literaten bei Theweleit, mit Produktivität, sondern in Schweigsamkeit verfiel. Mit „Down By The River“ hat er den Theme-Song für das Buch der Könige geschrieben, und damit will ich es auch bewenden lassen, damit, daß in diesem Jahr in meinen All-Time-Greatest-Charts Neil Young John Cale … nein, nicht verdrängt, aber sich an seiner Seite als Gefühlschef niedergelassen hat.

Zurück zu den Architekten, die keine Gedichte lesen und umgekehrt. Revolutionär wäre es schon, sich zu verbünden, das wäre dann das Patchwork der Minderheiten, die noch in den 70ern von führenden Franzosendenkern aufgestellte Forderung der minoritären Subversion. Sie hat an vielen Punkten längst stattgefunden, dieses Blatt ist zumindest in seiner 88er Version ein Beispiel dafür, nur glaubt immer noch jeder nur, er lebe allein in seiner persönlichen Krise seines Egos oder seines Kleinstkults und dessen Ups and Downs, wenn sich dagegen zusammenfassende Institutionen des Underground bilden, dieses Paradox, wie z. B. Spex, ist immer die Gefahr der Unverbindlichkeit gegeben. Wir versuchen dem zu begegnen, indem wir uns sowohl dieser paradoxen Struktur und auch der Notwendigkeit zum Zusammenschluß bewußt sind, uns aus vielen Vertretern der verschiedenen, minoritären Sekten zusammensetzen. Aber man muß sich auch klarmachen, daß die beiden Grundforderungen der Generation, die in den 80er Jahren angefangen hat, die erste eigene Scheiße zu machen, sich widersprechen: Patchwork der Minderheiten und Verbindlichkeit vs. Pluralismus. Natürlich ist Wahrheit das Ziel, wie für jeden Kulturarbeiter, das ist der einzige Beitrag, den er zur Gerechtigkeit leisten kann, und daß Kunst ein Beitrag zur Gerechtigkeit sein muß und kann, ist auch eine der Forderungen, an die mich das Buch der Könige ebenso erinnert hat. Wir wollten verbindlich sein, damit das in den Minderheiten Erarbeitete gerecht wiedergegeben wird, nicht vereinnahmbar für Massenmedien und ihre semiotische Vergiftungsmaschine, wir wollten Minderheiten sein, um für und über etwas zu sprechen, dessen Wahrheit uns sicher war, nur damit einmal Wahrheit gesagt werden konnte. Heute werden die beiden Ziele, die trotz ihres begriffslogischen Widerspruchs also durchaus etwas miteinander zu tun hatten, gegeneinander ausgespielt: das Patchwork der Minderheiten sei ein Indiz für Unverbindlichkeit, die Verbindlichkeit und Apodiktik sei eine intolerante Attacke gegen das Patchwork, dessen Mittel ja gerade Diversifizierung, Unübersichtlichkeit und Spezialistentum seien. Nach der Logik der Bewegung ist Spex immer der größte denkbare Ort, wo das alles noch ausgesprochen und zusammenfassend als kulturelles Projekt definiert werden kann, aber Spex ist weder das Organ irgendwelcher Sektierer, noch ein Trendmagazin des Underground, Spex ist immer in einer dialektischen Bewegung und die einzelnen Glieder der Zeitschrift befinden sich fast schon rhythmisch immer an verschiedenen Orten, die sie auch wechseln, innerhalb dieser Bewegung; was man lernen muß, ist das Verwerfen und das Rehabilitieren. Mittlerweile werden ja täglich neue kleine Zeitschriften gegründet, auch diese Technologie ist mittlerweile ziemlich risikolos verfügbar und bietet wie in England z. B. vom Hochglanz-Sixties-Fanzine Strange Things Are Happening bzw. von den bekannten, immer wieder von Schiegl vorgestellten Ami- und Aussi-Fanzines wahrgenommen, die Gelegenheit zu weiterer Spezifizierung und tiefer, faktenreicher, geiler Unübersichtlichkeit, bei uns leisten dies Trust (für Hardcore und Verwandtes und dazugehörige Politik), TNT und Howl, fast alle anderen kann man vergessen, weil sie fast alle für ein noch kleineres Publikum und mit geringeren Mitteln versuchen, eine noch größere Bandbreite abzudecken als das Musikfeuilleton einer deutschen Tageszeitung und dabei mit ihrem Journalismus-Spielen faktenarme Unverbindlichkeiten ohne Geistesblitze produzieren und dabei auf eine mittlerweile nicht mehr mit Entschiedenheit und Pop und große Worte zu rechtfertigenden Unverschämtheit große Töne spucken (andrerseits: was entsteht nicht alles aus einer Imitation?).

Ein Charakteristikum der Lage ist ja, daß alles, was neu hinzu kommt, nicht erst etwas Altes killen muß, um leben zu können, Punk war das Letzte, das etwas killen mußte, um seine Mission zu erfüllen, und das auch nur, weil das zu Killende, der Hippie, nur sein eigener Schatten war (und umgekehrt): Und selbst die größten Hippie-Hasser, die versuchten, einen vor allem Anti-Hippie-Standpunkt auch dann noch aus den Knochen von Punk und Teenkultur zu bauen, wenn er objektiv auch im Sinne von Punk reaktionär wurde, wie Julie Burchill, die jetzt endlich über einen Schatten gesprungen ist und Maggie Thatcher für okay erklärt, in sogar längst überwundene Hippie-Klischees verfällt, wenn sie echte, leidenschaftliche Liebe, bei der auch mal die Fetzen fliegen, gegen Designer-Beziehungen verteidigt (wo ironischerweise genau das das zentrale Klischee aller Designer-Sex-Filme von 9½ Wochen bis Fatal Attraction ist). Und da alles nebeneinander existieren kann und Gegensätze nicht mehr ausgetragen werden müssen, weil nicht mehr der Gegensatz wahrgenommen wird, sondern in endloser Beiordnung immer nur ein „und das gibt es auch noch“, wimmelt auch dieser Text von widersprüchlichen, gleichwohl richtigen Diagnosen (auch wenn seine Forderungen eine Hierarchie kennen, in der Schönheit gleich Gerechtigkeit alles andere regeln). Unterschiede entstehen immer nur dann, wenn ein reales Individuum seine Beziehungen zu den Institutionen, die auf dieser Welt das Sagen haben, regelt, insbesondere zu Vater Staat. Da tun sich plötzlich die verschiedensten Möglichkeiten zu reagieren auf, und derselbe Grundkanon an anarchistischen, humanistischen Grundwerten ermöglicht so ziemlich alles vom Nachwuchschristdemokraten bis zum Stadtguerillero. Seltsam?

Ich meine ja, daß man sich von der Kultur nur zu wünschen braucht, was man will, man kriegt es, bzw., ich glaube, daß man mittels eines merkwürdigen Mechanismus immer erst dann in der Lage ist, eine Forderung an die Kultur zu formulieren, wenn das Geforderte sich tendenziell längst durchgesetzt hat. Jedenfalls sind alle unsere Forderungen von 1979 heute erfüllt, wie beschrieben. Je mehr sich diese These bestätigt, desto unwahrscheinlicher wird die Vorstellung, auf der Ebene der Kultur wären Kämpfe zu kämpfen, die irgendetwas mit den Kämpfen der wirklichen Welt zu tun haben. Wir werden sehen, daß alles, worüber wir reden müssen, darauf hinausläuft, daß immer größerem Glück, immer mehr Möglichkeiten immer größere Brutalitäten und Schlächtereien und Hungersnöte und immer kriminellere Ausbeutungsverhältnisse gegenüberstehen (und es hilft nichts, dagegen aufs Glück zu verzichten, im Gegenteil, das wäre dann vollends reaktionär).

Nichts muß mehr verschwinden, denn es ist noch Platz genug im Europa der Herrschenden, in den glücklichen Beziehungen unseres immer abgerüsteteren Binnenmarktes, wo wir eben alle nur noch herrschende Klasse des Weltklassenverhältnisses sind. Und wie alle herrschenden Klassen bringen wir das hervor, was die Epoche ausmacht, ihre enormsten Fortschritte und ihre enormsten Verbrechen, tippt Diedrich Diederichsen in seinen Computer Marke „Immanuel Kant“ mit den beiden Laufwerken „a priori“, wo die Programmdiskette drinsteckt und dem Laufwerk „a posteriori“, wo dieser Text gespeichert wird, nach den Regeln des Programms auf der Programmdiskette. Alle Innovationen haben mit technischen Innovationen zu tun, aber manchmal auf eine Art und Weise, wie wir uns das nie vorgestellt haben. Nicht die Fotografie ist der Erfolg der Fotografie, sondern die abstrakte Kunst, nicht das Gesampelte ist die eigentliche Innovation des Samplings, sondern eine neue Benutzung der Gitarre, eine neue Blüte eines Instruments, das eben zwei Dimensionen kennt (den Griff und den Einzelton, die Waagerechte und die Senkrechte), während die Sampling-Technik, solange sie das eindimensionale Keyboard verwendet, immer in der linearen Kette der zwölf Töne hängen bleibt, bei den musikalisch ungeschulten Bastlern, die unsere aktuelle Charts-Musik zusammensampeln, ist das dann immer die Hölle der Pentatonik (immer die schwarzen Tasten rauf und runter, klingt irgendwie gut und man braucht auf absolut keine Gesetze zu achten, alles paßt zu allem in der Armut dieses beschränkten Beziehungsgeflechts. Zwar ist Komplexität kein Pop-Kriterium, aber drei Akkorde sind immer noch mehr als fünf Töne, fünf Töne sind Folter wie Volksmusik mit ihrem Dur-Terror oder Gothic mit seinem Moll-Stumpfsinn, lieber als fünf Töne sind mir keine Töne, weswegen mir von allen Disco-Sounds Acid der liebste war, melodiöser House-Sound, Charts-House, Cold Cut und EBM [da ist es dann immer a-moll oder e-phrygisch] der unliebste).

Das Neue am heute Neuen ist aber nicht nur, daß es nichts Altes mehr verdrängen will und muß, sondern auch, daß es theoretisch uralt sein kann, alles, was wir heutzutage an neuen Musiken haben, ist alles theoretisch längst gedacht oder gefordert worden. Kein Ton von Baiza oder Ginn, den nicht die intellektuelle, progressive Kritik in den Jahren 70-74 schon gefordert hätte, kein Element von Punk, das nicht in der ersten eigentlichen Punk-Blüte zwischen Stooges, MC5, Peoples Bands in England (im letzten Jahr erinnerten sich gleich zwei HC-Vertreter des Pink-Fairies-Klassikers „Do It“, Henry Rollins und Death Of Samantha, während sich uns unbekannte Herren als Reunion der Pink Fairies ausgaben) und Roxy Music und Dolls und Uhrwerk Orange schon angedeutet oder gedacht worden wäre, kein Element von heutigem Hip-Hop, das nicht während der ersten Hip-Hop-Welle um 81/82 nicht schon gedacht worden wäre, nur wurde es damals nicht durchgeführt, die Leute, die Kellers ersten Hip-Hop-Artikel in Sounds gelesen haben, fragten damals verzweifelt nach Platten, wo man das theoretisch von Keller Beschriebene hören konnte (fast ist es, als wäre wegen des anläßlich der ersten Hip-Hop-Andeutungen Gedachten die Sampling-Technologie erfunden worden): es gab zwar ein paar, aber eigentlich konnte man erst seit 86 hören, was er da beschrieben hat. Nur heute wissen wir, daß es ein Fehler ist, wenn wir die Augen abwenden, nachdem etwas musikalisch denkbar und einmal, mehr schlecht als recht, realisiert worden ist, das war ein typischer Fehler der theoretischen Periode der Pop-Musik: nachdem man begonnen hatte, die Musik theoretisch zu untersuchen, ersetzte bei manchem diese Erforschung und Analyse irgendwann die Praxis des Hörens, dieser Vorgang ist in den letzten zwei, drei Jahren von der Kraft der Musik umgedreht worden; eine Theorie, die Musik verhindert, kann auf lange Sicht nicht sinnvoll sein, auch wenn sie in bestimmten Momenten das Schönste und Wahrste sein kann, die Bildende Kunst kennt dieses Problem nur zu genau. Fast alle große Theorie aus Musik ist dazu da oder war dazu da, die Kraft und die Herrlichkeit der Musik als eine Macht, die, im Gegensatz zur Literatur, die, weil sie im günstigen Fall Klartext redet, immer echtes Leben auffrißt, nicht nach Menschenopfern verlangt, sondern nach Stimulantien und Drogen, in andere Lebensbereiche hineinzutragen. Was die Drogen an Gutem und Bösen anrichten ist nicht Problem der Musik, die Musik braucht Stimulantien, um Stimulanz zu sein und fordert so zum Gebrauch von Stimulantien auf, denn wer erleben und fühlen will, wovon die Musik handelt, braucht schon irgendeine Art von Drogen (völlig klar, daß der völlige Verzicht auf Drogen, Straight Edge oder Tanz-Ekstase auch dazuzurechnen sind). Alles andere ist das Problem der Welt, in der wir leben. In diesem Sinne kein Zufall, daß Stern und Spiegel die große Drogenbekämpfung begonnen haben und wieder die verbrecherischen Bewußtseinsindustriellen als Beweis für die Widerlichkeit der Droge ausgeben, wieder fast so, als wäre Hungersnot ein Argument gegen das Prinzip des Essens. Und die Boulevard-Presse wirft in absolut hilariousen Acid-House-Artikeln den vermeintlich unter LSD stehenden Drogentänzern vor, daß sie nicht mehr die Welt verändern wollen oder protestieren oder Forderungen aufstellen. Genau, wer nämlich Drogen nimmt oder sich anderweitig in Ekstase versetzt, fordert keine Weltveränderung, er verändert die Welt.

Daß die Kämpfe, und im Rückblick auf die letzten Jahre der Musikentwicklung: Siege, mehr mit den Kämpfen wirklicher Menschen zu tun haben, als diese davon abzulenken oder ihre Widersprüche mit Kultur auszupolstern – das Irre ist ja, diese Funktionen hat Kultur immer auch, sie sind nicht von Gelungenheit oder Mißlungenheit, richtiger oder falscher Haltung abhängig, aber es sind nicht die einzigen Funktionen –, sieht man daran, daß die Organisationsformen, die in der Musik entstanden sind (und damit meine ich nicht nur, wie organisiere ich einen independent Vertrieb, sondern auch, wie organisiere ich einen wirksamen, gebündelten kleinen Kult, oder wie organisiere ich ein dandyistisches Ego so, daß es mich nicht nur erbaut, sondern auch in meine kulturpolitischen Vorstellungen paßt) später von anderen kulturellen und politischen Bewegungen übernommen worden sind. Bei den organisierten Kommunisten interessiert man sich heute für Acid House, die Hafenstraße war in Hamburg legendär für ihren Hardcore-Sender, das traditionell Politische holte sich bei der Musik etwas, was ihm verlorengegangen war, die echten Gefühle in den Körpern der Leute, die den Diskursen nicht mehr zur Verfügung standen. Dabei tut die Musik nur auf den ersten Blick immer nur das, was der jeweils letzte Marketing-Trend im Kapitalismus sie an unbeaufsichtigtem, unangepaßtem Musizieren noch tun läßt, womit ich sagen will, daß wir zwar die heutige Diversifizierung durchaus auch der Tatsache zu verdanken haben, daß eben die Industrie schon vor Jahren den Kampf um die vielen Subszenen aufgegeben hat, sich auf den guten alten kaufmännischen Grundsatz verlassend, daß man so wenig verschiedene Produkte wie möglich in so hohen Stückzahlen wie möglich absetzen sollte, andrerseits aber in einer ganz anderen Zeit – als jeder Irre einen Major-Vertrag kriegte, in den frühen 70ern, und Platten wie die der Hampton Grease Band, die heute an einem günstigen Tag gerade noch als potentielle Vorgruppe von Always August einen Vertrag bei SST bekämen, auf CBS erschienen – diese Entwicklung schon mal begonnen wurde, dann aber daran scheiterte, daß für einen Verzicht auf gemeinsames, zusammengeschlossenes Handeln noch nicht die Zeit war und noch einmal BIG SINN gefragt war (Punk als letzter BIG [Anti] SINN) und die Diversifizierung am Ende war, noch bevor die Industrie sich gegen die Diversifizierung entschieden hatte. Diese Entscheidung der Plattenindustrie, fast weltweit, vor allem aber in den USA, hatte durchaus etwas zu tun mit einer Kapitulation vor den 77-82er-Ideen von Stilwechsel, Modewechsel so schnell es geht und ist tatsächlich teilweise das Ergebnis dieser Strategie. Heute macht die Industrie Anstalten, das verlorene Terrain zurückzugewinnen, aber heute ist die Indie-Szene zu eingespielt und zu streng mit ihren ständigen und rigiden Credibility-Kontrollen fast schon hysterischen Ausmaßes. Heute hat man nämlich schon so lange keine Chance mehr, mit seiner Musik im öffentlich-rechtlichen Radio gespielt zu werden, weswegen man in einem besetzten Haus Sender errichten muß, man hat keine Chance auf einen Plattenvertrag oder irgendein anderes Entgegenkommen der Institutionen und baut daher ein Netzwerk von Indies auf, das irgendwann leistungsfähig genug ist. (So erfreulich diese Entwicklung ist, eines ist dabei verloren gegangen: Pop-Musik, wie wir sie im engeren Sinne kennen und lieben. Kein Major würde heute keinen Kim Fowley keine Runaways produzieren lassen, keine Runaways hätte heute Erfolg mit ihrer Aufrichtigkeit und ihrem süßen Dreck, keine Intellektuellen würden mehr unter dem Charts-Kram die Runaways und Kim Fowleys von heute rauserkennen/raushören. Und Indie-Runaways ergeben keinen Sinn. Vielleicht übernimmt diese Rolle die Metal-Szene.)

Ein entsprechendes Handeln auf allen Lebensbereichen ist aber die Zukunft der Menschheit, Separatismus, das Gründen kleiner Nationen, ist paradoxerweise gerade wegen des Abbaus aller klassischer Grenzen das nächste, was zu tun ist, und gerade weil die sogenannten Probleme global sind. Es ist die Zukunft der Menschheit, wie sich immer mehr abzeichnet, die überall dort, wo sie kann, versucht, durch Regional- und Nationalerhebungen (die Nation ist dabei paradoxerweise nur die allgemein akzeptierte und daher nützliche Idee, derer man sich bedient) den jeweiligen Zentral-Staat zurückzudrängen. Der Pluralismus wurde von uns ja zu einer Zeit als die verabscheuungswürdige kulturelle Nivellierungs- und Relativierungs-Strategie des Establishments ausgemacht und zur Bekämpfung freigegeben, als dieser Staat von Sozialdemokraten regiert wurde und sozialdemokratische Doppelzüngigkeit einerseits demokratische Freiheiten einschränkte und andrerseits einen relativistischen Pluralismus als allgemeine Verkehrsform der Ideen eingeführt hatte, darauf ist Punk zurückzuführen, was, wie auch Simon Frith jetzt gerade wieder recht eindrucksvoll bewiesen hat, eben keine Reaktion auf Thatcher war, sondern noch eine Reaktion auf Labour, ebenso waren neue Wilde eine Reaktion auf die Epoche der Technokraten im Marner- und Wahner-Pelz der Sozialdemokratie und nicht auf die nackte Technokratie der Maggie Thatcher oder auf die große Staatsschauspielkunst von Weizsäcker und Süssmuth. Seitdem ist dieser falsche Pluralismus als Herrschaftstechnik (gegen einen echten wäre ja nichts einzuwenden) zwar nicht verschwunden – wie auch sozialdemokratische Machtausübung nicht verschwunden ist, wie wir ewig klassisch zum Beispiel an der Hansestadt Hamburg in der Ära Dohnanyi sehen konnten, mit klassisch-rechtem Polizeiminister und moderat-liberalem Regierungschef, Freund der Künste und Staatsnachdenklichkeitsdarsteller, denn auch in der wirklichen Welt verschwindet heutzutage nichts mehr, wir leben in Friedenszeiten –, aber überlagert worden von der in England schon massiv und hier noch etwas moderater auf alte autoritäre Formen zurückgreifenden, immer noch weltweit fest im Sattel sitzenden Rechten, die Evergreens wie Zensur rereleaset, denn überall auf der Welt regeln zur Zeit rechte Regierungen das Geschäft des Geldverdienens, ohne Skrupel, und brutaler als kapitalistische Staaten je in diesem Jahrhundert vorgegangen sind (von Faschisten abgesehen, aber die sind gegen ihre eigenen Völker und Nachbarn vorgegangen, die heutigen Opfer sind weit weg und haben keine Interessensvertretungen mehr, nicht die bescheidenste), aber auch ohne die angestammten Reservate anderer, sozialdemokratischer Herrschaft und der dazugehörigen Kultur verdrängt zu haben, beides existiert nebeneinander, und neue Formen wie Grüne Herrschaft kommen in ersten Ansätzen dazu, wiederum ohne irgendetwas anderes zu verdrängen. Das meint das Wort vom Zeitalter der Chancen: es gibt kein Zurück, und das ist wirklich eine erkämpfte Situation, ein Erfolg, hinter das, was schon mal möglich war, und das, obwohl es für die heute Herrschenden eigentlich besser wäre (für ihre Sorte Kapitalismus, dem Kapitalismus insgesamt schadet diese Chancenvielfalt zunächst mal nicht). Rechte trauen sich wieder jede Schweinerei, was zum Beispiel der hemmungslose Nationalismus während der olympischen Spiele in einem so noch nicht erlebten Ausmaß zeigte (das war ja mal was in diesem Land: es gab hier nicht mehr den überall in der Welt in seiner ganzen alten Dumpfheit immer noch unangefochten existierenden Impuls des Nationalismus), das zeigte sich darin, wie dieses Land sich an einem Fall Jenninger aufgeilt, um sich in der einen Wahrheit zu suhlen, die es auf der moralischen Habenseite anzubieten hat: es ist kein faschistisches Land, nein, das ist unsere BRD nicht, weiß Gott nicht. Unappetitlich, wie sich jeder Spinner, dessen eigene Wichtigkeit ihm unter dem Arsch wegschmilzt, nicht mehr anders zu helfen weiß, als sich in irgendeinem Scheinkonflikt zum Antifaschisten aufzuschwingen, wie unser Freund Barry Graves, der, weil er nun endgültig keine neue Musik mehr begreift, Public Enemy zu Rassisten erklärt und mit ihnen alle, wie wir, die sich nicht darauf einlassen, Schwarze unter allen Umständen nach der Formel Höflichkeiten überwinden häßliche Wirklichkeiten als Schwarze zu bezeichnen, sondern eine Formulierung wie „Negerabteilung bei WOM“ zulassen, die sich ja auf reale Kulturpolitik bezieht, die Schwarzer Musik im Kategoriesystem in der Regel weniger Unterabteilungen zubilligt als weißer, was ein Begriff wie Negermusik gut auf den Punkt bringt, und so eine irre Allianz von schwarzen und weißen Rassisten herbeiphantasiert, deren halluzinierte gemeinsame Interessen im Dunkeln bleiben, uns mit dem alten Idiotenschnack von dem Faschisten, der in uns allen steckt (was für eine Begriffsversuppung und Verharmlosung des Faschismus, unsere menschlich allzumenschlichen Defekte, die Trunksucht und den Jähzorn vielleicht – soll Göring ja auch beides gehabt haben – faschistisch zu nennen), belästigt, was ihn von dem Problem entbinden soll, sich weder mit Public Enemy noch mit deren Anhängern beschäftigen zu müssen. Was als private Problemnotlösung noch angehen mag. Daß sowas aber immer auf den Grabstätten von Millionen ermordeten Juden und Schwarzen und anderen Opfern ausgetragen werden muß, daß jeder Knallkopf für jeden Falschparkzettel immer wieder und unwidersprochen Sklaverei und Faschismus anrufen darf, ist ebenso obszön wie Weizsäckers antifaschistische Integritätsscheiße und die Allianz der Demokraten, die sich an dem schlechten Staatsschauspieler Jenninger abreagieren, sich gegenseitig hochleben lassend dafür, daß sie immer noch den Minimalkonsens dieses Staates einhalten: kein Faschismus vor 22 Uhr.

Dies ist die Perspektive eines neuen Kampfes: der Alibi-Hausbesetzer, der einer sozialdemokratischen Regierung nie sonderlich gefährlich werden konnte, kann heute real einer konservativen Regierung gefährlich werden und ist für sie ganz altmodisch ein Rebell, und es ist nichts gegen eine Kultur zu sagen, die ihn in diesem alten Zustand verherrlicht, denn er ist ja wieder real. Andrerseits muß er gegenüber einer sozialdemokratischen Regierung Taktiken kennen, die während der frühen 80er gegen eine sozialdemokratische Herrschaft entwickelt wurden, und auch die dazu gehörige Kultur hat ihre Berechtigung. Dies sind nur zwei klar ersichtliche Beispiele für die Verschiedenheit der Kämpfe und läßt sich beliebig in kleinere Konfrontationen verlängern. Was weltweit gilt, daß überall verschiedene Zeiten herrschen und daher völlig verschiedene Solidarisierungen und Auflösung der alten, auf der Einheit und Unteilbarkeit der Empörung basierende Haltungen und Gefühle verlangen (ich muß in der Lage sein, in einer Sekunde die avanciertesten feministischen Forderungen zu teilen und zu unterstützen, um mich, wenn ich global denke, im nächsten Moment mit einem Mullah gegen die USA zu solidarisieren, der möglicherweise eine so unfaßbar widerliche Praxis wie die Klitorisbeschneidung noch nicht abzuschaffen bereit gewesen war, geschweige denn deren Widerlichkeit überhaupt verstehen kann, in der einzigen mir bleibenden Hoffnung, daß, wenn ich ihm heute helfe, die Klitorisbeschneidung vielleicht zwei Jahrhunderte eher abgeschafft wird, als wenn seine Kultur und sein Land untergebuttert werden, hier auch gebe ich Claras Reformismus aus dem Living-Colour-Artikel recht: man kommt nicht weiter, wenn man nicht erst mal jedem die Gelegenheit gibt, denselben Scheiß zu machen, der einem privilegierten Individuum [Volk, Rasse, Geschlecht] geholfen hat, den Scheiß als Scheiß zu erkennen; in diesem Sinne kann man sogar erzsozialdemokratische Projekte wie die Quotenregelung unterstützen), gilt schließlich auch in dieser Republik. Ich brauche nur drei Stationen mit der Straßenbahn zu fahren in einen Vorort, wo ich in eine Disco gehen kann, wo völlig ungebrochen an den Ästhetiken und sie reflektierenden Problemen herumlaboriert wird, die schon drei Straßenbahnstationen weiter gerade in sechsfacher Brechung ihren dritten Durchlauf erleben. Und das ist okay. Wir erleben für jeden nachvollziehbar live vor unseren Augen und in unserem Leben die Abschaffung von linearer Geschichte, etwas was – anders als Begriffe wie Post-Histoire nahelegen – eben nicht ein Nach ist, dem Irrtum entsprechend, daß nach der Geschichte, ganz linear, etwas anderes käme, und nicht die Abschaffung der alten Widersprüche und Probleme bedeutet, sondern nur eine totale Veruneinheitlichung, eine Desynchronisation, die schon in einer normalen Großstadt Mitteleuropas drei Jahrzehnte (mit all ihren Unterepochen) ungestört nebeneinander existieren läßt, und das bezieht sich nicht nur auf Ästhetik, sondern auf alle Lebens- und Umgangsformen, Versuche, dazwischen noch Generationskonflikte zu finden, geben sich sehr schnell der Lächerlichkeit preis. Tendenziell addieren sich eher alle Probleme und Widersprüche zu einer ewigen historischen Sekunde auf, alles geschieht gleichzeitig, was ja auch damit zu tun hat, daß wir ständig schon unsere eigene Geschichte schreiben wollen, lange bevor das nach den alten Regeln überhaupt sinnvoll sein kann (aus panischer Angst vor ihrem endgültigen Verlust, natürlich). Die Optik des Steinschen Kulturfahrplans, daß die Daten der Jahrhunderte sich auf unsere Zeit hin tendenziell verdoppeln, ist unsere WeItwahrnehmung geworden, wir sammeln unausgesetzt Daten über die Gegenwart, um nur ja mindestens doppelt so viel über dieses Jahr zu wissen wie über 87. Jetzt blicken sie schon überall auf die 80er Jahre zurück. Alles, was diese Situation forciert, antreibt, verschärft, alles, was auf der Höhe dieser Entwicklung agiert, hilft uns und nicht denen, alles, was das Patchwork zu einem noch komplizierteren Patchwork werden läßt, hilft, durch Überschneidungen, komische Verbindungen und neue Unübersichtlichkeiten, hilft uns und nicht denen, denn das Patchwork ist von ihnen nicht mehr zu beherrschen, nur in der Ungestörtheit seiner Einheiten entstehen die Vorstellungen und Bilder, aus denen man Weltverbesserungen macht. Voraussetzung aber bleibt, daß wir ehrlich sind und nicht über Jahre reden, die wir noch nicht erlebt haben, nicht mehr geil sind auf eine Romantik des Geschichtlichen, die sich Zeiten verdankt, als es auch bei uns noch Tote und Kriege gab; denn da soll es ja hingehen, zu einer Art und Weise, alle Wahrheiten aller Menschen möglichst korrekt und gerecht auszusprechen. Ja, Gefühle dürfen und sollen komplizierter werden, aber da wo die Erfahrung und die Empfindung immer komplexer wird, ist der Selbstbetrug und die Lüge auch viel näher, und man muß besonders achtsam sein.

Daß unsere Chancen auch damit erkauft worden sind, daß überall sonst auf der Welt immer brutaler geschlachtet und gemordet wird, haben wir gesehen. Aber auf der anderen Seite ist eine erste Welt der Patchworke ein besseres Verbündetenreservoir denn eine monolithisch als Subjekt geschlossen am einen Ende des Ausbeutungsprozeß agierende; je mehr wir den Austausch Peripherie-Zentrum intensivieren, und sei es über blöde Bewunderungsausbeutungen, desto größer ist die Chance, die Klitorisbeschneidung und den US-Imperialismus abzuschaffen, denn da die Dritte Welt keine Armee mehr hat, die ihr gelegentlich hilft oder Imperialisten wenigstens Ärger verspricht, eine rote, versteht sich, braucht sie jetzt eine Lobby oder eine Gewerkschaft, die sie nur durch Überpräsenz in nicht karitativen Zusammenhängen erreichen kann. Richtiger und falscher Gebrauch dieser Strategie spiegelt sich besonders dramatisch in der Musikentwicklung wieder, in der Herausforderung, die einerseits weiße Kultur durch schwarze Kultur erlebt und sich in Form noch so hilfloser und noch so peinlicher weißer B-Boys in Belgien austrägt und des andrerseits rein touristischen, direkt aus dem Boom des Busenbetatsch-in-Kenia-Ferntourismus entstandenen, sogenannten Weltmusik-Booms (auch wenn das der einen oder anderen verdienten Kraft zum verdienten Erfolg verholfen haben mag), ganz allgemein in den vielen verschiedenen und stattfindenden Formen von Inspiration, Ausbeutung und Herausforderung zwischen dekadenter Erster Welt und Dritter Welt an der Peripherie.

Die Aussichten, die ein EG-Binnenmarkt mit sich bringt, verstärken diese Entwicklung naturgemäß, denn die Peripherie Europas ist noch aufregender als die Peripherie Deutschlands, grundsätzlich wird sich das Problem stellen, daß eine ideologische, religiöse, sinnstiftende Beherrschbarkeit tendenziell abnehmen wird, die Herrschenden werden früher oder später zu härteren Maßnahmen greifen müssen, aber die Chancen, daß sie dabei gemeinsam als ein Staat vorgehen werden, sind gering, eher werden wir es mit einem Patchwork der Mafias zu tun haben, das in den 90ern einem Patchwork der Subszenen begegnen wird. Üble Aussichten, meine Brüder, war wieder alles falsch? Gar nicht so falsch und bei aller Albernheit wie alles, was sich in der Popmusik ergibt also: das Gangsterimage.

Und der Gangster des Jahres war natürlich Rösner, nicht Detlef Meyer, ein skrupelloser Mörder alter Niedere-Beweggründe-Schule. Rösner dagegen kämpfte nur um seine von Warhol garantierten Minuten, auf die nun wirklich jeder ein Recht hat, der was zu sagen hat. Ein oberster Grundsatz aller im guten Sinne und im eigentlichen Sinne demokratischen Politik ist: der oft abgewandelte und falsch zitierte Warhol-Satz, den jeder schon fünfzehn Mal gehört hat, lautet in Zukunft: Jeder hat das Recht in der Zukunft mindestens für fünfzehn Minuten berühmt zu sein, bzw., daß ihm jemand da draußen zuhört, seine Äußerungen, interessiert korrigierend, begleitet, jeder hat lebenslänglich Recht auf Publikum, und das ist nicht nur der cause against loneliness, das ist Menschenwürde, wie sie im Moment hierzulande verstanden wird, dazu hat man ein Recht: in die Glotze kommen und sich beschweren. Sendezeit gibt es zur Not gegen Bankraub mit Geiselnahme und brandgefährlichem Kumpel. Rösner war ganz der Weizsäcker-Schüler, als er sich die Bremer Reporter schnappte und sich seine 15 Minuten holte, der Mann hatte Spaß und nahm gleich die staatsmännische Grundpose ein: „Was ich euch zu sagen habe, Leute, ist nicht ganz angenehm, übel, übel wahrlich, aber ich bin honest genug, auch unangenehme Wahrheiten klar auszusprechen, und bin ansonsten bemüht, die Dinge im Sinne aller zu entscheiden, im Rahmen freilich der Bedingungen, unter denen ich handle“, so den alten Politikersatz klar machend: ich werde in dem Maße mich nicht wie ein Schwein benehmen, wie es mir als Schwein möglich ist. Nur was bei Weizsäcker echt ist, war bei Rösner nur von ihm selbst genossene Schauspielkunst, bis hin in die milieutheoretischen Verästelungen seiner und Degowskis Biographie. Ein Reaktionär im WDR erkannte schon am nächsten Morgen, was die anderen Medienschweine noch monatelang mit beispielloser Zynismus und Rügen des deutschen Presserats verdrängten: der Mann hat ja gesprochen wie ein Politiker, man darf einen Gangster nicht öffentlich wie einen Staatsmann sprechen und auftreten lassen. Wie ein Staatsmann spricht heute aber jeder, der genug ferngesehen hat, das ist das Ende der Macht. Und das ahnte die Macht, und nur deswegen, nur deswegen mußte Silke Bischoff sterben.